Milongafutter

ich komme nochmal auf die „Tango Voice of America“ zurück. Wie angekündigt habe ich noch etwas in diesem Blog geschmökert.

Wenn diese endlose Textwüste (okay, es sind jede Menge Links drin – meist auf andere Werke von Mr. TV) mit einem Film zu vergleichen wäre, dann vielleicht mit einem Video, das Farbe beim Trocknen zeigt. Dennoch glaube ich, daß ich eine Art Schlüsselszene für die Denke des Autors gefunden habe.

Der Text findet sich im Post https://tangovoice.wordpress.com/2015/09/30/creating-a-tango-brand-the-role-of-language-in-the-marginalization-of-argentine-tango/ und lautet im Original

„The larger participation in an all-inclusive One-Tango program within a tango community usually inhibits the growth of any tradition-based tango subcommunity, because the larger number of tradition-ignorant dancers often results in the influx of One-Tango students into an advertised ‘traditional milonga’, thereby disrupting the coherence in the practice of milonga customs sought by tradition-based dancers. Thus, attempts at creating a tango environment supportive of Argentine tango cultural traditions may (and probably will) fail to materialize, unless corrective action is taken.“.

Gut, Gerhard – ausnahmsweise mal eine (sinngemäße) Übersetzung:

Die Inklusion des „One Tango“-Gedankens verhindert in der Regel das Gedeihen von traditionsbasierten Sub-Communities, weil die insgesamt größere Zahl von Tänzern, denen die Tradition egal ist, im Eindringen von One-Tango-Tänzern resultiert, die dadurch die Kohärenz der Milonga-Regeln stören, wie sie von traditionsorientierten Tänzern angestrebt wird. Demzufolge können (und aller Wahrscheinlichkeit werden) Versuche scheitern, ein Tangoumfeld zu schaffen, das die traditionelle argentinische Kultur unterstützt – es sei denn, es werden korrigierende Maßnahmen ergriffen.  

Um zu erklären, warum ich das für ein Schlüsselelement seiner Weltsicht halte, erst mal etwas über den Rest seines Textes. Da schreibt er über den „Tango Tower of Babel“ und meint damit die verschiedenen Tangoströmungen oder Stile; die er – sicher nicht falsch – als Marken beschreibt – das Thema hatten wir ja schon. Mit der „One Tango“-Philosophie sei das dann wieder eine „inklusive“ Sichtweise entstanden (von „Inklusion“). Das paßt ihm nicht, weil dadurch seiner Ansicht nach der Traditango „marginalisiert“ wird.

Das Bild, das sich dann, endlich, aus Mr. TV’s 100.000 Wort-Teile-Puzzle ergibt, ist das folgende: Mr. TV wünscht sich, auf den Tangopisten der Welt, eine möglichst identische Reproduktion dessen, was auf den innerstädtischen Milongas von Buenos Aires abläuft. Als da wäre: Wenig Platz, ein ruhiger Tanzfluß in der Ronda, auffordern per Cabeceo und vor allem die soziale Ächtung für alles „Exhibitionistische“.

An einer Stelle (die ich jetzt zu faul zum nochmal Raussuchen bin) schlägt er sogar vor, im Fall von Tanzflächen, bei denen aus Versehen (vielleicht durch grauenhafte Musik oder weil zu wenige Leute tanzen) so viel Platz ist, daß jemand, dessen Hirn noch funktionstüchtig ist, auf die Idee kommen könnte, jetzt sei der Zeitpunkt für etwas mehr Dynamik, durch das Verkleinern dieser Fläche mittels Tischerücken wieder für genug Enge zu sorgen.

Da kommts raus: Wir „normalen“ Tänzer sind für ihn offenbar sowas wie die Styroporchips in Paketen. Die uns zugedachte Rolle ist, für die kuschelige Enge zu sorgen, in der sich Tradi-Fetischisten seines Schlages wohlfühlen. Offenbar ist ihm klar, daß er kein echtes Zuckerbrot anzubieten hat – deshalb nimmt er gleich die Peitsche und greift in die Standard-Einschüchterungs-Werkzeugkiste der political correctness – wir sollten seine Befehle befolgen, weil wir sonst böse, Minderheiten marginalisierende arrogante Erstwelt-Kulturimperialisten sind.

Soweit ich mich erinnere, wird Winston Churchill der Spruch zugeschrieben, das beste Argument gegen Demokratie sei ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler. Ich finde es ganz beruhigend, daß es auch ein paar Pro-Argumente gibt – zum Beispiel, daß, wenn mal Entscheidungen der Mehrheit gefallen sind, Minderheiten auch mal die Klappe zu halten oder sich anzupassen haben. Und für den speziellen Fall von Typen des TV-Schlags würde ich noch ein anderes Bonmot anbieten: „Der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist“. Also, Mr. TV, kein Problem, wenn Du selbst Milongas veranstaltest, in denen alle Deine Träume wahr werden – aber wir sind nicht dein Milongafutter und Deine „Minderheitenschutz“-Masche funktioniert nicht.

 

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2 Gedanken zu “Milongafutter

  1. Die Gedankengänge haben schon etwas Faschistoides oder Religiöses, Für solche Typen empfiehlt sich statt eines Tangokurses 3 Monate Grundwehrdienst um gemeinsames Marschieren zum Takt üben oder Veranstaltungen wie diese besuchen https://www.youtube.com/watch?v=86fW7B7TzRg
    alles schön harmonisch, einfache vorhersehbare Bewegungen, klar strukturierte Musik und jeder fühlt sich wohl. Spannend fand ich ja den Satz, das man den heutigen Orchestern die musikalische Qualität abspricht, aber Musik der NachEdo Zeit zu schwierig zum Tanzen ansieht. Wer da wohl mehr Probleme mit der Musik hat? Gut, auch Bewegungslegastheniker sollen ihren Tango haben, aber das dann bitte nicht als einzig Wahre und authentisch verkaufen.

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  2. Ich bin gespannt, ob und wie lange sich diese Entwicklung des Tango ins Sektenhafte noch halten kann. Derzeit jedenfalls werden immer verrücktere Thesen geäußert.
    Vieles liest sich wie eine Anleitung zum Nicht-Tanzen.
    Ich glaube, ich muss auf meinem Blog einmal eine Prognose wagen – zum Tango in zehn Jahren…

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