Alles fit im Tangoschritt

IMG_5267Ich habe eine Weile überlegt: Schreib ich mal wieder was, damit niemand denkt,  ich hätte mich aus der Tangowelt verabschiedet? Oder genieße ich – nach diversen ziemlich intensiven Arbeits-Wochen – einfach mal den jetzt anstehenden wohlverdienten Sommerurlaub?

Nicht, daß ich mich über Ereignislosigkeit in meinem Tangoleben beschweren müßte. Es gibt nach wie vor genug Tradi- und Nontradi-Veranstaltungen in meiner Gegend. Na gut – ein paar Nontango-Events mehr wäre nett, aber auch nicht wirklich essentiell.  So wie es aussieht, zeigt meine Tango-Lernkurve auch noch ausreichend weit nach oben. Magische Momente hat es auch genügend, und das ganz ohne Encuentro- oder Marathonbesuche – alles in allem also, alles gut in meinem persönlichen Sektor von Tangoland.

Es stört mich auch nicht wirklich, daß ein Großteil meiner Erlebnisse aus dem einen oder anderen Grund nicht „blogfähig“ sind – entweder es ist nicht spektakulär genug oder es geht schlicht keinen was an. Zudem habe ich mir da mit dem selbstgewählten Pseudonym-Modus ein paar Grenzen eingehandelt – es gibt schon das eine oder andere, das vielleicht Nachrichtenwert hätte. Leider hätte es auch eine ziemlich deutliche Signatur in meine Richtung. Ich hatte zwar schon ein paarmal überlegt, das Aufgeben des Pseudonyms medienwirksam zu inszenieren.  Ist aber auch keine Lösung; ich habe keine Lust, Leuten in meinem Umfeld irgendwie das Gefühl von Potentiell-beobachtet-werden zu verpassen.

Wobei, kleiner Exkurs hier, ich diverse Gründe für die Annahme habe, daß Tangoblogs nicht wirklich eine hohe Sichtbarkeit in der Tangoszene haben. Ich lasse in Gesprächen ab und zu kleine Testballons steigen, um dezent zu sondieren, wieweit mein Gegenüber die üblichen Verdächtigen der Bloggerszene kennt – ich würde mal sagen, Trefferquote unter 5%.   Aber das ist eine andere Geschichte, die vielleicht wirklich mal ein Post werden könnte.

Thematisch ist das Gebiet ja ohnehin seit Jahren bestens kartiert – wenn sich an der technischen Ausstattung von homo sapiens tangoinensis nichts Grundlegendes ändert (sagen wir zusätzliche Augen,  Ohren, Beine oder Hände) sind Themen wie Floorcraft, Cabeceo und Musik wirklich ausgemolken. Daß man schon wirklich krasse Thesen äußern muß, um noch wahrgenommen zu werden, hat uns neulich „Tango Voice of America“ gezeigt, aber selbst sowas wird ziemlich schnell langweilig.

Das soll keineswegs heißen, daß es nichts zu schreiben oder zu meckern gibt – wie es in einem der „Stirb langsam“-Filme mal treffend gesagt wurde, gilt aber sinngemäß „Eine Krise, ein Platoon“ – Gerhard Riedel hat diesen  Job bestens im Griff, und Overkill wäre ja auch unsportlich. Netterweise (oder leider?) produzieren die verehrten anderen Bloggerkollegen derzeit auch nichts, was „Counterspeak“ notwendig machen würde.

Also alles in allem – alles ruhig in dieser meiner Provinz von Tangoland. Mal sehen wie es weitergeht. Jetzt erstmal allen einen „schönen Urlaub“.

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Das Tango-Marketing-Dilemma, oder: Tja…

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Bei meiner Lesereise durch die inhaltlichen Endlosschleifen von Tango Voice habe ich eine Sache mitgenommen, wo Kollege TV meiner Ansicht nach einfach Recht hat.

Er beschreibt die rapide Zunahme von „estilos“ ab den Neunzigern (Salon, Milonguero, Villa Urquiza,…) als Marketing-getrieben – ein neuer Anbieter, der behauptet, ein neues, noch nicht dagewesenes Produkt anzubieten, hat es leichter als einer, der nur „me too“ ruft. Das kleine Problem – zwar ist die Tangogemeinde gewachsen, aber offenbar haben sich – um das Bild von Gerhard zu verwenden –   die Häuptlinge schneller vermehrt als die Indianer. Wenn dann noch jeder Häuptling meint, die einzig wahre Lehre zu verkünden, ist das Ergebnis vorhersehbar: Kleinere Dörfer beziehungsweise halbleere Tipis (im im Bild zu bleiben). Unter anderem auch, weil den allermeisten Tangolandbewohnern diese Estilo-und Codigo-Glaubenskriege ziemlich am Allerwertesten vorbei beziehungsweise auf die Nüsse gehen dürften.

Laut TV wurde dann der „One Tango“ erfunden, um das wieder einzufangen. Klar soweit?

So wie es aussieht, paßt das aber der TV-Fraktion auch wieder nicht. Sie könnten natürlich jederzeit ihre Milongas so abschotten, daß nur die wahren Gläubigen reinkommen. Zumindest für Nordamerika scheint es aber so zu sein, daß es schlicht nicht genug Hardcore-Tradi-Indianer gibt, um das durchzuziehen (haha). Womit der Bedarf entsteht, Statisten zu rekrutieren, damit die gewünschte Enge auf der Tanzfläche entsteht. Und damit die schön spuren, kriegen sie halt ab und zu eins mit Authentizitäts-Peitsche übergezogen. Oder wahlweise die Böse erste Welt-schlechte Gewissens-Nummer.

Ach ja: Zu meiner großen Freude hat Vio mal wieder was gebloggt. Guckst du: http://tangoforge.com/no-crash-trance/.

Wie es der Zufall will, findet sich da auch ein Stück Text zum Thema Kollisionsrisiken auf der Tanzfläche:

The first is that the people attending have a genuine interest in tango being creative. They are more interested in the creative experience unfolding in their own dance to this amazing music that they’ve never heard before, than in giving their attention to judging other people. When couples touched one another, the attitude was generally “please don’t interrupt me with an apology”.

At this event, if you do something extreme, people 
smile at you. Rather than having a self-centered attitude about dancefloor real estate, the attitude was “Oh, that looks cool. Do you need a little more space? We’ll go over here.”

Ich darf mal frei übersetzen:

Zuerst einmal haben die Teilnehmer ein echtes Interesse, im Tango kreativ zu sein. Sie erleben lieber diese Kreativität, zu Musik, die sie nie vorher gehört haben,  als ihre Zeit damit zu verschwenden, andere Leute zu beurteilen. Wenn Paare sich mal berührt haben, war die Einstellung typischerweise „Bitte unterbrich mich nicht mit einer Entschuldigung“

Wenn Du bei diesem Event etwas Extremes getan hast, haben die Leute Dir zugelächelt. Statt einem egozentrischen „Das ist mein Grundstück!“, war die Reaktion „Oh…das sieht cool aus. Brauchst Du etwas mehr Platz? Kein Problem, wir gehen ein bißchen zur Seite“.

Tja…so geht’s auch.

 

Milongafutter

ich komme nochmal auf die „Tango Voice of America“ zurück. Wie angekündigt habe ich noch etwas in diesem Blog geschmökert.

Wenn diese endlose Textwüste (okay, es sind jede Menge Links drin – meist auf andere Werke von Mr. TV) mit einem Film zu vergleichen wäre, dann vielleicht mit einem Video, das Farbe beim Trocknen zeigt. Dennoch glaube ich, daß ich eine Art Schlüsselszene für die Denke des Autors gefunden habe.

Der Text findet sich im Post https://tangovoice.wordpress.com/2015/09/30/creating-a-tango-brand-the-role-of-language-in-the-marginalization-of-argentine-tango/ und lautet im Original

„The larger participation in an all-inclusive One-Tango program within a tango community usually inhibits the growth of any tradition-based tango subcommunity, because the larger number of tradition-ignorant dancers often results in the influx of One-Tango students into an advertised ‘traditional milonga’, thereby disrupting the coherence in the practice of milonga customs sought by tradition-based dancers. Thus, attempts at creating a tango environment supportive of Argentine tango cultural traditions may (and probably will) fail to materialize, unless corrective action is taken.“.

Gut, Gerhard – ausnahmsweise mal eine (sinngemäße) Übersetzung:

Die Inklusion des „One Tango“-Gedankens verhindert in der Regel das Gedeihen von traditionsbasierten Sub-Communities, weil die insgesamt größere Zahl von Tänzern, denen die Tradition egal ist, im Eindringen von One-Tango-Tänzern resultiert, die dadurch die Kohärenz der Milonga-Regeln stören, wie sie von traditionsorientierten Tänzern angestrebt wird. Demzufolge können (und aller Wahrscheinlichkeit werden) Versuche scheitern, ein Tangoumfeld zu schaffen, das die traditionelle argentinische Kultur unterstützt – es sei denn, es werden korrigierende Maßnahmen ergriffen.  

Um zu erklären, warum ich das für ein Schlüsselelement seiner Weltsicht halte, erst mal etwas über den Rest seines Textes. Da schreibt er über den „Tango Tower of Babel“ und meint damit die verschiedenen Tangoströmungen oder Stile; die er – sicher nicht falsch – als Marken beschreibt – das Thema hatten wir ja schon. Mit der „One Tango“-Philosophie sei das dann wieder eine „inklusive“ Sichtweise entstanden (von „Inklusion“). Das paßt ihm nicht, weil dadurch seiner Ansicht nach der Traditango „marginalisiert“ wird.

Das Bild, das sich dann, endlich, aus Mr. TV’s 100.000 Wort-Teile-Puzzle ergibt, ist das folgende: Mr. TV wünscht sich, auf den Tangopisten der Welt, eine möglichst identische Reproduktion dessen, was auf den innerstädtischen Milongas von Buenos Aires abläuft. Als da wäre: Wenig Platz, ein ruhiger Tanzfluß in der Ronda, auffordern per Cabeceo und vor allem die soziale Ächtung für alles „Exhibitionistische“.

An einer Stelle (die ich jetzt zu faul zum nochmal Raussuchen bin) schlägt er sogar vor, im Fall von Tanzflächen, bei denen aus Versehen (vielleicht durch grauenhafte Musik oder weil zu wenige Leute tanzen) so viel Platz ist, daß jemand, dessen Hirn noch funktionstüchtig ist, auf die Idee kommen könnte, jetzt sei der Zeitpunkt für etwas mehr Dynamik, durch das Verkleinern dieser Fläche mittels Tischerücken wieder für genug Enge zu sorgen.

Da kommts raus: Wir „normalen“ Tänzer sind für ihn offenbar sowas wie die Styroporchips in Paketen. Die uns zugedachte Rolle ist, für die kuschelige Enge zu sorgen, in der sich Tradi-Fetischisten seines Schlages wohlfühlen. Offenbar ist ihm klar, daß er kein echtes Zuckerbrot anzubieten hat – deshalb nimmt er gleich die Peitsche und greift in die Standard-Einschüchterungs-Werkzeugkiste der political correctness – wir sollten seine Befehle befolgen, weil wir sonst böse, Minderheiten marginalisierende arrogante Erstwelt-Kulturimperialisten sind.

Soweit ich mich erinnere, wird Winston Churchill der Spruch zugeschrieben, das beste Argument gegen Demokratie sei ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler. Ich finde es ganz beruhigend, daß es auch ein paar Pro-Argumente gibt – zum Beispiel, daß, wenn mal Entscheidungen der Mehrheit gefallen sind, Minderheiten auch mal die Klappe zu halten oder sich anzupassen haben. Und für den speziellen Fall von Typen des TV-Schlags würde ich noch ein anderes Bonmot anbieten: „Der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist“. Also, Mr. TV, kein Problem, wenn Du selbst Milongas veranstaltest, in denen alle Deine Träume wahr werden – aber wir sind nicht dein Milongafutter und Deine „Minderheitenschutz“-Masche funktioniert nicht.