Motivation

Ich widme den folgenden Text Thomas Kröter. Ich wollte dazu erst nur schreiben, er würde schon wissen, warum. Dieses Rätsel dürfte aber zu schwierig sein, also erkläre ich’s doch lieber. Thomas meinte mal (so weit ich mich erinnere), ich würde unglaublich weitschweifig und, nun ja, selbstverliebt schreiben. Stimmt. This song is for you, Thomas.

„Was geht mich der Vietnamkrieg an, solange ich Orgasmusschwierigkeiten habe?“

(lt. Wikiquote von Rainer Langhans, aber oft Dieter Kunzelmann zugeschrieben)

Gerechtigkeit ist ja eines der dominanten Themen unserer Zeit. Im Sinne des obigen Zitats frage ich mich, ob es denn gerecht sein kann, daß die Tangowelt sich weiter mit den immer gleichen unbedeutenden Dingen beschäftigt, während ich hier mit ernsthaften, ja existentiellen Problemen kämpfe.

Ich spreche natürlich von meinem Wackeldackel. Beziehungsweise vom Ensemble aus Wackeldackel und  gehäkeltem Toilettenpapier-Hut, das bisher auf der Heckablage meines Fast-Oldtimer-PKW stand.

Nun hat sich dieses Fahrzeug leider, skandalöserweise schon nach 22 Jahren und zirka 220.000 km, von mir getrennt. Mein Neuer ist schon da. Bei der Beschaffung habe ich auf alles geachtet – technische Ausstattung, Farbe, eine Antriebstechnik, die sogar gewissermaßen politisch korrekt ist (aber nicht deshalb ausgewählt), Sound, eben alles. Nur eines habe ich übersehen: er ist nicht Wackeldackel-kompatibel. Jedenfalls nicht ganz.

Das liegt an den getönten Scheiben hinten, was zur Folge hat, daß das Ensemble nicht gut sichtbar ist. Das verändert alles, denn diese Sichtbarkeit war Teil meiner Kommunikationsstrategie auf der Autobahn.

Die Botschaft war an die BMW-Fahrer aller Marken gerichtet und lautete in etwa folgendermaßen: „Lieber Verkehrspartner, Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit hat für mich natürlich oberste Priorität. Natürlich würde ich, der Sie mir mit Auffahren auf 1 m und Lichthupe signalisieren, daß Sie es wirklich eilig haben, nichts lieber tun als sofort nach rechts zu fahren. Es gibt allerdings einige Gründe, dies nicht zu tun. Wenn ich Ihnen diese kurz erläutern darf, werden Sie mir danach sicher zustimmen, daß ich durchaus auch in Ihrem Interesse handle, wenn ich bleibe, wo ich bin, und wir fühlen uns beide besser. Zum einen sind wir gerade mit 130 km/h unterwegs; mit wir meine ich, die 8 anderen Fahrzeuge vor mir und wir beide. Wahrscheinlich können Sie diese anderen Fahrzeuge nicht sehen. Das ist nachvollziehbar; bei einem Adrenalinspiegel wie dem, den Sie vermutlich gerade haben, würde das jedem schwerfallen. Wollte ich in die kleine Lücke auf der rechten Spur, die sich gerade mit 100 km h bewegt, einscheren – was ich wie gesagt gerne für Sie täte –  müßte ich allerdings zunächst bremsen. So dicht, wie Sie gerade sind, würden Sie dies von den Bremslichtern her vermutlich gar nicht mitbekommen. Außerdem wäre ich gezwungen, in den Sicherheitsabstand der Verkehrspartner rechts einzudringen, was diese womöglich überfordert – so oder so, das Risiko wären Blut, häßliche Geräusche und Tränen. Das wollen wir doch nicht.“.

Ohne den Wackeldackel würde ich diese Botschaft vielleicht nicht so deutlich rüberbringen und zudem riskieren, daß besagter Verkehrspartner das Ganze am Ende  noch persönlich nimmt – als „pissing contest“ (das Internet bietet mir hier die deutsche Übersetzung „Schwanzvergleich“ an). Sieht er aber Wackeldackel und gehäkelten Toilettenpapier-Hut, ist ihm klar, hier fährt jemand, der es einfach nicht checkt, ein Opa halt. Und, sowieso, allemal besser, als hätte ich ihm die Botschaft in der nonverbalen Sprache gesendet, deren Gebrauch ihm vielleicht vertrauter ist – ich denke dabei an das, was wir Google-Lateiner „medio digito extensis“ nennen.

Nun ja – als Tanguero habe ich gelernt, nicht so schnell aufzugeben. Auch als Techniker sehe ich noch Möglichkeiten. Etwa, eine geschmackvolle LED-Beleuchtung für das Ensemble auf der Heckablage, so daß es auch durch die Scheibentönung gut sichtbar ist.

Was das Ganze mit Tango zu tun hat: Nicht viel, gebe ich zu. Außer, daß besagter Toilettenpapier-Hut von einer geschätzten Tanguera gehäkelt wurde. Als Teil des Sets, das mir damals von einer Gruppe Freunde zu einem halbrunden Geburtstag – zum Wackeldackel gab es sogar noch einen (richtigen) Hut – geschenkt wurde. Den Hut habe ich übrigens leider nicht mehr. Er war mir zu klein, und so habe ich ihn weiterverschenkt.

Ah…noch eine Referenz zum Tango: Wenn das mit der Beleuchtung nicht funktioniert, könnte ich das Set vielleicht auch in der Ronda einsetzen. Ist aber vielleicht doch nicht so lustig. Außer ich besorge mir wieder einen Hut, diesmal in meiner Größe, und eventuell noch ein Paar zweifarbige Schuhe. Dann hätte das ganze wieder einen gewissen Pfiff.

So. das hätten wir hinter uns. Das Vorstehende habe ich eigentlich nur geschrieben, damit es für mich etwas unterhaltsamer wird. Weil ich mir ja eigentlich vorgenommen hatte, mich aus den üblichen Tangothemen rauszuhalten. Nun habe ich aber kurz nacheinander einen Text zum Thema Auffordern bei berlintangovibes (via Gerhard Riedls Post) und dann noch einen mit ähnlichem Bezug bei Thomas Kröter gelesen. An sich wollte ich zu ersterem Post einen Kommentar schreiben; das hat aber irgendwie nicht geklappt. Vielleicht zu viel Hin und Her-Eingelogge mit verschiedenen WordPress-Identitäten, oder sonstwie verlorengegangen. Also schreibe ich es hier:

„Ich mache mir aus dem Auffordern per Cabeceo eine Art Sport. Ich freue mich immer, wenn ich einen neuen persönlichen Entfernungs- oder Schwierigkeitsrekord aufgestellt habe. Das ist manchmal gar nicht so einfach, weil ich meist nach dem Start der Musik noch 1-2 Sekunden brauche, um mich zu entscheiden, ob und mit wem ich gerne tanzen würde. In der informellen Gruppe meiner Lieblingstänzerinnen gibt es ein paar, die mich deshalb (ich hoffe liebevoll) ein wenig verspotten; warum ich mir das Leben denn so schwer machen würde, ich könne ja auch einfach hingehen und fragen.

Ehrlich gesagt ist mein Gedächtnis nicht so gut, daß ich mir für jede Dame, mit der ich schon mal Tanzkontakt hatte, merken würde, wie sie es aufforderungstechnisch am liebsten hat. Da ich zudem versuche, bei jeder Milonga mit mindestens einer bislang unbekannten Dame zu tanzen, ist es zudem manchmal gar nicht so einfach herauszufinden, ob ein Nicht-Gucken jetzt Desinteresse bedeutet, oder ob die Dame gar nicht mit Cabeceo rechnet. Vielleicht ist die Tangoszene in Berlinos Aires da ein wenig mehr standardisiert – zu wenig Datenpunkte, um das beurteilen zu können.

Was das aufgefordert-werden angeht: Beim Selber-Auffordern erhöht die Möglichkeit, einen Korb zu bekommen, für mich den Reiz sogar. Das sehe ich im Übrigen auch als ein Plus für die Blickkontakt-Variante – eine Mirada ist ja auch ein Ausgesucht-werden. Wenn ich dagegen von einer Frau aufgefordert werde, gebe ich prinzipiell keine Körbe, um die Damenwahl ein bißchen zu unterstützen.  Wenn sie sich allerdings auf breiterer Front durchgesetzt hat, würde ich dann schon auch mit dem Körbe-Geben anfangen.“

Und wo wir gerade beim Abfrühstücken von Themen sind: Gerhard ist ja schon auf das Thema „Konsens beim Tanzen“ eingegangen.

Zunächst der ernste Teil: Ich glaube, die Schweden hatten durchaus valide Gründe, hier aktiv zu werden. Gut möglich, daß dies mit dem forcierten Zusammentreffen verschiedener Kulturen zu tun hat, das seit 2015 in vielen Teilen Europas stattfindet. Vermutlich hat bisher ein passender Rechtsrahmen gefehlt, um ernsthafte Grenzüberschreitungen wirksam verfolgen zu können.

Um dieses ernste Thema wieder mit einem Scherz aufzulockern, den einige sicher als unpassend empfinden werden: Tango ist ja nähetechnisch auch nicht ohne. Von daher zwei konstruktive Vorschläge. Wir kennen ja den Job des TJ bei Milongas. Vielleicht sollten wir uns schon mal auf eine neue Funktion vorbereiten, den TN. Das N steht selbstverständlich für „Notar“; dieser könnte die Vereinbarungen zwischen den Tänzern, die sicher bald notwendig werden, rechtssicher beurkunden. Falls dies organisatorisch nicht möglich ist, könnte man alternativ Formulare auslegen, die schon für die gängigsten Estilos (Abstand) und Figuren (Grad der Intrusion) vorbereitet sind. Milonga-Verkehrsregeln ließen sich übrigens in so einen Genehmigungsbogen integrieren. Damit verbleibt nicht nur mehr Auslageplatz für Veranstaltungs-Flyer. Das ohnehin notwendige Unterschriftenfeld verleiht dem Codigo-Kanon dann auch gleich mehr Gewicht, ein sicher nützlicher Nebeneffekt.

So. geschafft. Ich schließe diesen Post mit einem gelungenen Bogen zwischen den Themen Auto und Tanz ab. Der nachfolgenden Titel spielt auf das Image der Automarke an, zu der ich jetzt sozusagen zurückgekehrt bin, und ist gleichzeitig, wie ich finde, ein schönes fröhliches Nontango-Stück.

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