TV, Lehrer und Video

Vor einiger Zeit hatte ich hier über die Website „Tango Voice: The Voice of Tango Argentino for North America“ geschrieben. Nach dem „Tango Manifesto“-Post im Juni gab es zirka drei Wochen lang heftige Aktivität bei den Kommentaren – dann Stille. Ich dachte schon, TV hat sie nun alle mit seinen enormen Textmengen erschlagen – dann, am 17. September, ging es plötzlich wieder los.

Das Thema war anfangs immer wieder oder noch die Frage, ob nun „exhibitionistische“ Moves traditionell sind oder nicht.  Ein New Mexico Dancer – ich kürze ihn ab jetzt mit NMD ab – zitiert eine Christine Denniston, nach der in der Goldenen Ära – nicht unbedingt an den feinen Adressen von Downtown Buenos Aires, aber in Barrios im Süden, auch Ganchos, Boleos und Bewegungen getanzt wurden, bei denen die Folgende aus der Achse geholt wird.

Tango Voice (TV) konterte erstmal mit der Forderung, die Namen entsprechender Milongueros zu nennen, und auch gleich Video-Beweismaterial vorzulegen (wieso hatte ich hier das Gefühl, daß diese Milongueros dann demnächst Besuch von unauffälligen Herren bekommen würden, die ihnen freundlich Dinge erklären?). Wie es TV’s Art ist, kam als nächstes dann ein längerer Text, der letztendlich sagte: na gut, auch wenn das vielleicht so gewesen sein mag, ändert es natürlich nichts an seiner Grundüberzeugung. Ich glaube, ich hatte schon mal erwähnt daß ich diesen Stil regelrecht gruselig finde, weil er mich an die Zeugen Jehovas (sorry, Freunde) erinnert, für mich prototypische Spezialisten in der Kunst, jeden Einwand einfach wegzulächeln.

NMD setzte dann noch einen drauf und vertrat die These, daß kompetente Tänzer sowas einfach hinbekommen. Meine gefühlte Kurzversion der Antwort  von TV: ja, kann sein, daß es irgendwelche Ausnahmetalente gibt, die das nach jahrelangem Üben, schaffen. Aber es müßte jeder beliebig bewegungsbehinderte Tanguero eben auch hinkriegen, wenn es einen Wert haben soll.

Okay…ich merke, ich habe keine Lust mehr, die Geschichten hier weiter so detailliert nachzuerzählen. Deshalb jetzt nur noch die Highlights. Erstmal, im Lauf der Diskussion kam eine neue These zutage: Echte Milongueros lernen Tango nicht von Lehrern, Lehrer sind großer Mist. Man muß Tango durch Osmose in sich aufnehmen (oder höchsten, weil der Onkel, Freund, Mitbewohner es einem im stillen Kämmerlein beibringt). Und dann war noch irgendwas mit Tango-Touristen-Bashing vs dem Anspruch, daß wahrer Tango eben nur in Argentinien stattfinden kann. Oder in 1:1 Kopien davon. Die aber nicht möglich sind. Weil es diese integrierte Tango-Umwelt eben anderswo nicht gibt. Oder so.

Lustiger Nebeneffekt dieser Linie: Ein Kommentator namens El Polaco (soweit ich es verstanden habe irgendwo in Asien, Ecke Hongkong, aktiv), eigentlich durchaus auf der Linie der Traditionalisten, war dann später ziemlich angenervt von dieser „Lehrer sind Mist“-Schiene (er meinte, hey, ich bin doch auf eurer Seite, warum greift ihr mich an?), beziehungsweise die Sache artete dann kurzzeitig in ein „jeder gegen jeden“ in der Gruppe der Tradi-Hardcore-Fans aus.

Eins meiner El-Polaco-Lieblings-Statements (Chris vs. El Polaco, Kommentar vom 22.9.16, 2:10 PM): „ “What you are proposing has no practical application outside of Argentina and so is irrelevant.”“

Also unterhaltsame Dialoge ohne Ende (sofern man die teilweise doch recht länglichen Texte in den Griff bekommt). So ziemlich gegen Schluß (Bezug ist Stand heute, 30. September) kam dann noch etwas fast noch Lustigeres rein: jemand meinte, TV sei wohl ein First World (white?) (brainwashed?) Anglo Neo- Marxist; der Basis-Duktus (die armen von der First World unterdrückten Tradi-Anhänger) würde genau in das  Opfer-Narrativ dieser Gruppe reinpassen. Ich muß sagen, da hat es auch bei mir Klick gemacht: Na klar! Warum habe ich das nicht selbst auch früher gemerkt? Da sind noch mehr Indizien: Den rhetorischen Gegner mit Wortschwällen plattmachen zu wollen und vor allem die geschlossene Argumentwelt (TV zitiert in seinen Maxitexten gerne auch noch frühere TV-Posts). Paßt.

Okay. Genug Spaß gehabt. Wenn Ihr mehr wissen wollt – go read for yourself.

Eine Anregung hat sich für mich – vom Lesespaß mal abgesehen – dann doch aus dem Ganzen ergeben. Ein Diskutant namens Chris fragte an einigen Stellen nach „Videobeweisen“. Ich denke, so etwas ist Zeitverschwendung (obwohl NMD sogar versprochen hatte, mal ein Video von sich selbst zu posten, nur nicht gleich). Ein echter Fundi wird sowieso, egal wie viele Beispiele/Videos man ihm zeigt, immer Gründe finden, jedes einzelne wegzuerklären.

Dazu kommen erstmal zwei andere Dinge. Die meisten Tangovideos von Milongas oder „nicht-offzielle“ Videos von Lehrveranstaltungen sind einfach grottenschlecht. Und auch falls Licht, Kamerawinkel und Bildqualität mal okay sind – speziell bei Milongavideos sind die meisten Sachen die meiste Zeit über einfach gar nicht sichtbar, weil der Blick auf ein bestimmtes Paar nach maximal ein paar Sekunden wieder von anderen Tänzern versperrt ist.

Und eins  meiner Lieblingszitate (von Nassim Nicholas Taleb) kann ich hier auch gleich unterbringen: „Absence of proof isn’t proof of absence“.

Vor allem aber hebaupte ich: das, was in uns Paaren vorgeht, ist im Bild so gut wie gar nicht sichtbar. Eine der Thesen der Bewegungsminimalisten in diesem Kommentar-Battle war, daß eine intensive Konzentration auf den Partner und das „in der Musik sein“ nicht mehr funktioniert, wenn die Umarmung anders als eng ist oder wenn „expressionistische“ Moves ausgeführt werden. Und daß man sowas in Videos sehen können soll.

Also Leute, bei allem Respekt, das ist, nun ja, Bullshit. Es gibt ungefähr so viele „Neutralgesichter“, wie es Tänzer gibt. Ob jemand gerade  seine Steuererklärung durchdenkt oder absolut tief in sich und der Verbindung zur Partnerin versunken ist, – ich behaupte, das kann man nicht sicher feststellen. Ich persönlich empfinde große Nähe zu meiner Partnerin, wenn ich, vollkommen in der Musik, eine dazu passende Sequenz von Bewegungen – mit dazu passendem Abstand und selbstverständlich auch passend zum Platzangebot – hinbekommen habe, egal, wie komplex die einzelnen Moves sind. Und soweit ich die Feedbacks meiner Partnerinnen betrachte, geht es diesen genauso.

Ich habe mir erlaubt, Mr. „Videobeweis bitte“ Chris ein Video anzubieten, das natürlich absolut nicht das war, was er haben wollte:

https://www.youtube.com/watch?v=iYXtBG1u_HY

Tut mir leid, Chris:  Du bist durchgefallen. Du hast nur die Oberfläche gesehen. Ja, Chris, Du hast recht: das ist ein professionelles Paar, es wurde nicht bei einer Milonga aufgenommen, und es ist auch kein EdO-Tango. Aber für mich (jeder wird da seine Favourites haben) drückt dieses Video die Essenz von Tanzen in der Musik und Focus auf den Partner/die Partnerin aus. Genauso wie ich mir im Film lieber zwei richtig gute Schauspieler  bei einer perfekt ausgeleuchteten, gut gescripteten Liebesszene ansehe (ich meine hier keine Sexvideos, klar?) als das banale Gestammel von zwei uninteressanten Stinos, aufgenommen mit der Handykamera vor dem Lärmhintergrund einer Hauptverkehrsstraße.

Diese Bilder drücken das aus, was sein kann; was ich selbst mit meiner Lieblingstänzerin ziemlich sicher nie so vor die Kamera bringen kann. Das heißt aber nicht, daß wir beide es, in den guten Momenten, nicht genau so für uns erleben können, innendrin, wo keine Videokamera hinkommt. Darum geht es.

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Neues Leben

Sorry, habe grade nicht viel Zeit…daher nur ganz kurz. Bei der selbsternannten Tangostimme für Nordamerika hat sich wieder ein recht unterhaltsames Kommentarleben entwickelt:

https://tangovoice.wordpress.com/2016/06/23/tango-manifesto-a-declaration-of-the-rights-of-first-world-tango-dancers-to-have-a-tango-environment-supporting-argentine-tango-cultural-traditions

 

 

 

Duale Ausbildung

dscn0298Vor kurzem erzählte ich einer Tangoschwester, daß ich demnächst mit einer Freundin so etwas wie einen Erlebnisbesuch in Tangoland, bestehend einfach aus  Musik und Bewegung veranstalten würde – natürlich mit der Absicht, sie wenn möglich mit dem Tango-Virus zu infizieren. Die Antwort war, ich solle ihr zum Virus doch dann bitte auch gleich einen Herrn servieren, denn es sei doppelt hart, etwas Schönes direkt vor der Nase zu haben und dann mangels Tanzsportgerät nicht dranzukommen.

Dieser Ratschlag schien mir so klug, daß ich überlegt habe, ob ich nicht das Thema gegenüber meiner Freundin wieder etwas herunterfahren sollte, bis hin zur Hoffnung, sie würde es vielleicht von alleine wieder vergessen. Auf der anderen Seite bin ich ja nicht so der Fan von Bevormundung; schließlich gibt es diverse Tangueras, die es irgendwie hinbekommen haben.

Daher war ich freudig überrascht zu hören, daß der lokale Maestro (der Wohnort besagter Freundin ist deutlich nähe am Nordpol als meiner, die Szene dort ist mir so gut wie unbekannt) den Damen empfiehlt, von Anfang an beide Rollen zu lernen.

Ich glaube, ich hatte schon mal geschrieben, daß ich gerne mit führenden Frauen tanze, weil ich das Gefühl habe, daß sie nochmal einen Extrazugang zur Musik haben, was sich bewegungsmäßig sehr angenehm anfühlen kann. Ich weiß nicht, wie verbreitet solche Maestro-seitigen Angebote und Ermunterungen sind, aber ich fände es wünschenswert – und es würde auch das leidige Thema „Gender-Selektion“ erledigen.

PS: Wahrscheinlich wäre völlige Symmetrie das Optimum.  Mich selbst hält eigentlich nur Zeitmangel davon ab, das ganze weiter zu verfolgen.

P.P.S: Hat gar nichts mit diesem Thema zu tun. Nur damit niemand denkt, ich würde nicht mehr über andere Blogs schreiben. Tango Therapist hat gerade (in Englisch, scusi) einen relativ netten Text zum Thema Codigos gepostet. Ja, war schon komisch, ich dachte erst, was zur Hölle – darüber ist doch wahrlich schon genug Tinte vergossen worden. Aber vielleicht ist es ja ein Service für Leute, die nicht so  gerne ältere Texte raussuchen. Abgesehen davon ist er zur Abwechslung mal halbwegs humorig verfaßt. Außerdem soll es ja bei Western auch nur 7 verschiedene Basis-Plots geben. Das hat auch noch keinen Filmemacher davon abgehalten, einen neuen zu drehen.