Anleitung zum Unglücklichsein

Vor einiger Zeit bin ich beim Herumschweifen in der Tangoblog-Landschaft auf eine Gruppe von Texten gestoßen, die sich mit dem Thema „Musikhardware“ befassen.

Ausgangspunkt war wohl ein Artikel, den jemand namens El Espejo geschrieben hat (https://elespejero.wordpress.com/). Dies hat dann eine massive Texteruption bei Christian Tobler (http://blog.argentango.ch/) ausgelöst, eine inzwischen elfteilige „Replik“. was wiederum andere Posts und Kommentare zur Folge hatte. Ich weiß gar nicht mehr, wie genau ich auf das Ganze aufmerksam geworden bin. Erst wollte ich das alte chinesische Sprichwort „bevor ich mich uffreesch, ist es mir lieber egal“ befolgen. Das mit „egal“ hat dann aber irgendwie doch nicht geklappt.

Hintergrundinformation: In jungen Jahren war ich eine Zeitlang in der „High End Audio“-Szene unterwegs.  Unter anderem gab es eine Gruppe von Leuten, die an Wochenenden Equipment der Kategorie Klipschorn-Boxen und Phase Linear-Endstufen in dörfliche Mehrzweckhallen geschleppt haben, um dort Discos für 200 bis 500 Leute zu machen; mein Job war, mich um die Technik zu kümmern. Nebenbei hatte ich dann auch manchmal Kontakt zu mehr oder weniger schrägen Vögeln aus der Audiophilen-Szene.

Und um noch was vorneweg zu sagen: Ich weiß guten Klang durchaus zu schätzen, und ich habe auch schon genug Milongas mit grauenvoll klingender Musik erlebt. Und ich empfinde großen Respekt vor dem Fleiß und der Energie, die Christian Tobler in sein Werk gesteckt hat.

Dennoch glaube ich, daß der Flammenschwert-Purismus, den Christian und seine Jünger da zelebrieren, nicht hilfreich oder tatsächlich zielführend  ist, wenn es um besseren Klang auf Milongas geht. Ich denke sogar, daß solche Ansichten, auf diese Art formuliert, netto mehr schaden als nutzen, weil am Ende alle frustriert und erschöpft sind.

Guter Sound ist eine Funktion von Geld und Zeit. Auch Know-how-Erwerb oder sagen wir die Bereitschaft, kubikmeterweise Equipment irgendwohin zu schleppen, läßt sich irgendwie in diese Kategorien abbilden. Eine radikale Einstellung vom Typ „das Beste oder nichts“ ist angesichts der Endlichkeit all dieser Ressourcen nicht hilfreich.

Wenn man von echten Dummheiten absieht, ist die Relation zwischen Aufwand (Geld/Zeit) und Ergebnis schon einigermaßen monoton. Und nichtlinear; die Qualitätsverbesserung pro eingesetzter Stunde oder Euro wird umso kleiner, je höher die Qualität schon ist. Also stellt sich als erstes die Frage, wo ist „gut genug“.

Und als zweites stellt sich die Frage, ob es überhaupt so etwas wie eine absolute Meßlatte für Qualität gibt. Ich meine nicht irgendwelche simplen Sachen wie Frequenzgang. Sondern die subjektiv wahrgenommene Qualität. Die hängt nämlich auch von den Erwartungen ab.

Das funktioniert natürlich in beide Richtungen. Einerseits ist es sozusagen das Äquivalent von Homöopathie im Audiobereich. Wenn ich beispielsweise intensiv genug daran glaube, daß man den Unterschied zwischen  einem superdicken und einem noch dickeren Lautsprecherkabel hören kann (bei Lautstärken, bei denen noch nicht die Polizei kommt),  dann höre ich das auch. Umgekehrt enthält das typische „High End Audio“-Mindset die ständige Suche nach Haaren in der Suppe und die Dauerbereitschaft zur Unzufriedenheit.

Früher sind die Lokführer vor der Fahrt um ihre Lok gelaufen und haben mit einem großen Hammer auf die Räder geschlagen, um am Klang zu überprüfen, ob alles in Ordnung war oder vielleicht irgendwo ein Riß im Material war, der bei der Fahrt zu Problemen geführt hätte.

In  der vorhin erwähnten High-End-Phase meines Lebens sind mir Leute begegnet, die überhaupt  nicht mehr zu echtem Musikgenuß in der Lage waren. Für sie war ein Musikstück nur noch der Hammer, mit dem sie ihre Anlage auf Qualität überprüft haben, das heißt, sie haben ihre Musik danach ausgesucht, ob sie damit ihre Anlage „ausfahren“ konnten.

Von mir aus können Extrem-Audiophile gerne lebenslang in ihrer Welt glücklich werden. Problematisch wird es, wenn sie auf Missionstour gehen (und vielleicht ist das als Element der Selbstvergewisserung unvermeidlich, weil Zufriedenheit eben nicht Teil des Extrem-High-Ender-Pakets ist). Dieser Export von Unzufriedenheit bedeutet aber einen Fokus auf äußere, letztendlich technische Aspekte der Musik, statt auf ihren inneren, emotionalen Wert. Das ist nichts Gutes.

Dabei kommen dann Sachen heraus wie die Aggressivität, mit der Christian T. über den armen Espejo herfällt. Dieser hat ein paar aus meiner Sicht recht pragmatische Vorschläge gemacht: Einen Equalizer benutzen, um den Klang von Edo-Konservenmusik zu verbessern, und einen Kopfhörer, um sich die Musik anzuhören.

Dies triggert bei CT Hunderte von Bildschirmseiten an Replik. Nicht falsch verstehen: darin finden sich eine Menge durchaus sehr nützliche Informationen. Wenn sie auch ziemlich unstrukturiert sind, mit vielen Wiederholungen, und immer wieder unterbrochen von „rants“, Wutreden (gerne gegen MP3, oder „Neomanie“; den Rest habe ich vergessen und auch nicht den Wunsch, das irgendwie zu recherchieren oder aufzulisten).

Zu MP3 – exemplarisch: irgendwer hatte mal Neil Young in den Zeugenstand gerufen, ich habe vergessen, ob CT das war oder jemand anderes. Was der gute Mann – dessen Musik ich nebenbei sehr schätze – in seinem Leben so alles an Drogen konsumiert hat, dürfte seinem Gehirn mehr geschadet haben als ein paar Audioclips mit „lossy compression“. Ich bin kein Experte in Psychoakustik (aber ich kenne ein paar). Wenn wir über einigermaßen hohe Bitraten reden, dürfte angesichts typischer Geräuschpegel auf Milongas der Wegfall von Randgeräuschen am Rande der Hörschwelle (und das ist das Prinzip von jeder lossy compression) die Welt nicht untergehen. Im übrigen gilt das sinngemäß für Störabstände generell.

A propos Neomanie: ja, Billigequipment oder schlecht eingestellte Ketten können schon ganz schön furchtbar klingen. Und ja, manches von diesem Zeug hält vielleicht auch keine 20 Jahre. Dennoch bekommt man heute eine Menge Klang fürs Geld, ich würde sagen mehr als früher. Das Argument, ausgerechnet Edo-TA könnte nicht davon profitieren, kommt mir ziemlich an den Haaren herbeigezogen vor.

  • SCNR: Christian, das Ding, was Audio-Formate ineinander umwandelt, heißt CODEC (COder/DECoder). Nicht Kodex (das hast Du immerhin inzwischen korrigiert). Aber der Plural ist dennoch „Codecs“ und nicht Kodices.

Streß durch schlechten Klang: ja, bestimmt. Was einem da auf manchen Milongas an harten, mittenbetonten Sachen ins Ohr knallt, kann schon übel sein. Aber bevor ich mir Sorgen über irgendwelche Subtilitäten mache – es gibt andere akustische Stressoren, die zumindest bei mir um Größenordnungen nerviger sind. Angefangen von in Relation zum Geschlurfe und Gesprächen zu leiser Musik, bis hin zu beim Tanzen benachbarten dauerquatschenden Paaren oder Sitznachbarn mit überlauten, unangenehmen Stimmen.

Ein paar Sachen sind direkt in sich widersprüchlich. Beispiel: Erst eine Riesen-Suada gegen Kopfhörer; ein paar Dutzend Seiten später dann eine längere Textsequenz zum Thema „alle Räume klingen verschieden“ – als ob Kopfhörer nicht ein Mittel zum Zweck wären, um Raumakustik und ggf auch Nebengeräusche auszublenden. Und als ob nicht – das ist zumindest meine Erfahrung – es bei Kopfhörern pro Euro mehr Klang gibt als bei Lautsprechern.

Auch die Auslassungen zu Equalizern und Kompressoren bzw. automatischer Pegelanpassung finde ich nicht wirklich überzeugend. Bei all dem, was schon bei der Entstehung einer Aufzeichnung am Klang herumgeschraubt wurde: was soll schon passieren? Ein paar von den Dingen, die per Automatik gemacht werden können, würde ein „TJ“ dann halt von Hand machen. Und im übrigen – wenn ich guten von schlechtem Klang unterscheiden kann, merke ich schon selbst, ob irgendeine Einstellung nun den Klang verbessert hat oder nicht.

Ich gestehe, daß es mir relativ wumpe ist, ob ein Musikstück bei der Wiedergabe so klingt wie ich es leipzig/einundleipzig vielleicht von der Bühne herab hätte hören können oder nicht. Manchmal klingen Remixe von Oldies besser als das Original, was weiß ich warum – vielleicht sind die Hörgewohnheiten heute andere, oder irgendwas an der Technik hat sich verbessert. Vielleicht haben auch einfach bessere Leute an den Reglern gesessen als beim Original. Mir egal; es gefällt oder eben nicht.

Was würde ich mir also als wirklich hilfreiche Unterstützung für Tango-DJs wünschen? Eine pragmatische Handreichung, wie man den Sound auf Milongas optimieren kann, aber ohne das ganze High End- und früher war alles besser-Geschnösel und Gedisse, einfach nur Hilfreiches für jede Preisklasse.

Vielleicht ein paar konkrete Beispiele für Anlagen, die das Preisspektrum von Economy bis First abdecken. Tips, wie man mit der vor Ort vorhandenen Hardware das bestmögliche Ergebnis erzielt. Wenn es nur einen 5-Kanal-Grafikequalizer gibt, dann will ich nicht hören, wie shitty das Ding ist, sondern wie ich es bestmöglich nutzen kann.

Bottom line: Das ständige Schüren von Unzufriedenheit durch extreme Forderungen ist in meinen Augen kontraproduktiv. Es ist nicht nur sachlich nicht gerechtfertigt und eine Verschwendung von Ressourcen. Es sorgt auch dafür, daß am Ende niemand glücklich ist – vermutlich noch nicht mal CT selber. Vielleicht gefällt ihm die Rolle des einsamen Rufers in der Wüste, und vielleicht beziehen auch seine Jünger ihren emotionalen Gewinn darin, daß sie diesen Purismus predigen. Aber am Ende denke ich, daß auch sie Verlierer sind – wenn man immer nur ein mißmutiges Gesicht macht, hinterläßt das sehr reale Falten im Gesicht.

 

3 Gedanken zu “Anleitung zum Unglücklichsein

  1. Niemand aus der Spezial-Spezialisten-Ecke der Ober-Übertechniker-Fraktion gibt Kontra oder kommentiert?
    Das ist ja schön!
    Lieber Yokoito – dann will wenigstens Ich diesen Beitrag LOBEN. Ich sehe das genauso wie Du.

    Liebe Grüße!

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  2. Die Ironie der Sache ist die, dass der größte Aufwand zur Soundqualität üblicherweise auf jenen Wochenendveranstaltungen (aka Encuentros) angewandt wird, auf denen der Großteil der Besucher in einer Altersgruppe ist, die biologisch bedingt die Unterschiede gar nicht (mehr) heraushören kann, weil ab einem gewissen Alter bei 16 KHz ohnehin Schluss ist, wenn nicht andere Faktoren noch weit einschränkender wirken. Die Hörgerätedichte ist auf Encuentros definitiv höher als im normalen Leben.

    Ich stimme dir zu, die sonstigen Stressoren sind viel gravierender. Soundqualität ist ein Thema, aber überstrapazieren muss man das nicht. Wenn eine Milonga toll war, hab ich mich noch nie gefragt, ob der Sound top-notch war. Es war vermutlich einfach nur gut genug, um ausreichend zu sein.

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