Liebes Tagebuch…

gerade habe ich in Gerhards Blog einen herrlich geschriebenen Hinweis auf ein anderes Blog gelesen (http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/09/der-tango-der-neu-viktorianer.html). Macht einen wirklich sehr interessanten Eindruck und ich werde es mir heute noch, bei einem Glas gutem Roten, ansehen: http://tangoforge.com/rebelarch/

(ja, das war doch mal ein richtiger Web-Tagebucheintrag…)

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La Toallita

heißt laut leo.org „Handtuch“. Auf spanisch. Okay – da ist diese leicht irritierende Assoziation, Ihr wißt schon. Ansonsten gibt es im Tango ein paar direkte und indirekte Bezüge. Zunächst ist ein Toallita nützlich, um sich zwischendrin den beim Tanzen redlich erarbeiteten Sudor (richtig: „Schweiß“) abzuwischen. Man könnte „ein Toallita“ auch als Flächeneinheit für den auf einer Milonga pro Paar verfügbaren Platz verwenden. Vor allem aber wäre ein Toallita – wie in Malle – zum Markieren eines Sitzplatzes hilfreich.

Ich muß zur Erklärung ein wenig ausholen. Heute war ich auf einer Milonga (auf der ich im übrigen ein paar wunderbare Tänze hatte…nur so nebenbei). Schönes Ambiente – nur eben im Verhältnis zur Zahl der Gäste nicht gerade viele Sitzplätze. Aber wer will schon sitzen? Dachte ich. Nach dem Reinkommen, beim Abstellen meines Rucksacks auf einem Stuhl  zum Vorbereiten des Schuh- und Hemdenwechsels wurde ich gleich von einer netten Dame informiert, daß dieser Platz besetzt sei. Sie saß an einem Sechsertisch, alleine. Mitten in einer Tanda.

Einschub: Nicht daß jemand denkt, das Ganze hätte mich die ganze Zeit beschäftigt. Nach anfänglicher Verblüffung, Gesamtdauer ca. 10 Sekunden, wurde die – mir bisher unbekannte – Dame zum so-schnell-nicht-auffordern markiert und die Episode dann unter „Bescheuertes“ abgelegt. Ich habe sie nur hervorgeholt, weil ich dachte, vielleicht sollte ich mal wieder einen Blogpost schreiben.

Jedenfalls, diese Reserviererei ist mir heute nicht zum ersten Mal begegnet. Ich weiß nicht, ob es da so eine Art Mehrheitsmeinung gibt – ich persönlich finde es nett, wenn nach einer Tanda mein voriger Sitzplatz noch frei ist, erwarte es aber keineswegs und würde deshalb nicht eine Träne vergießen. Und ich bin trotz der harschen Worte, die gleich folgen werden, auch sehr rücksichtsvoll – ich setze mich nie auf Stühle, die mit Jacken, Taschen oder davor stehenden Trinkgefäßen dekoriert sind). Erlebt habe ich auf Milongas aber schon öfter, daß gefühlte „Platzbesitzer“ herumgezickt haben, wenn sie nach Rückkehr von der Ronda ihren bezaubernden Hintern nicht mehr da parken konnten, wo er vorher war (um Mißverständnissen vorzubeugen: ich spreche trotz meiner zärtlichen Worte und meiner stramm heterosexuellen Ausrichtung hier von Männern. Frauen machen da eigentlich nie Streß).

Vielleicht habe ich eine Regelungslücke entdeckt – in der Codigoliteratur, von der glaube ich ähnlich wie beim Steuerrecht der größte Teil der weltweiten Texte in deutscher Sprache ist – ist mir bisher das Thema Platzreservierung noch nicht begegnet. Aber vielleicht habe ich es auch nur einfach übersehen.

Präzedenzfälle? In Saunen steht oft sinngemäß: Gegenstände, die zum Reservieren auf Liegen gelegt werden, werden entfernt und können an der Rezeption abgeholt werden. Dann gab es glaube ich auch mal einen Sketch (Monty Python?), bei dem ein Urlauber mit so einer Art Bazooka sein Handtuch vom Hotelbalkon aus auf die Pool-Liege geschossen hat (nein, den Video-Link suche ich jetzt nicht raus; dieser Post bleibt mal link-los).

Ich habe mal gelesen, daß man in BsAs vom Organisator der Milonga persönlich zum Tisch geleitet wird (vergessen, ob das nur für VITs (very important Tanguero/as) galt, generell auf dieser Milonga, oder überall in BsAs). In so einem System ist das ganze natürlich kein Thema – logischerweise haben dann 100% der Tänzer einen Sitzplatz (der natürlich, wenn der DJ nicht absoluten Murks macht, im Zeitmittel zu etwa 90% leer ist). Na ja, Argentinien ist ja auch ein Riesenland – im kleinen Deutschland würde ich sagen,  lieber ein paar Toallitas mehr Tanzfläche als lauter leere Stühle. Klar, offensichtlich ginge ein Reservierungssystem wie im Flieger – mit Vorabend-Check-in über eine App, am besten. Aber warum nicht gleich wirklich kreative Lösungen: Plätze versteigern (zugunsten von argentinischen Sozialprojekten, damit es stilecht bleibt), und zwar dynamisch:  Wird der vorherige Platzbesitzer überboten, muß er weg.  Oder wie bei Carsharing Reservierung eines Sitzplatzes von der Ronda aus, auch per App – wird er nicht nach 5 Minuten in Anspruch genommen oder bleibt er länger als 5 Minuten leer, ist er wieder im Pool.

Oder etwas unerhört Simples und gleichzeitig ungeheuer Gewagtes: Common sense und Entspanntheit – schließlich sind wir alle nicht zum Sitzen, sondern zum Tanzen auf Milongas gekommen.

The long tail

Ja, hier ist sie nun endlich – die Grafik für die Zahl der Blogposts pro Jahr für meine kleinen Lieblinge und für ein paar andere Blogs.

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Terpsi und Patrick sind hier nicht dabei – ich war zu faul, die Beiträge selbst auszuzählen und leider hatten die beiden bisher keine Zeit, mir die Zahlen zu liefern (na ja, sehr wahrscheinlich kennen sie mich noch nicht mal).

Die Werte für 2015 sind aus der bisherigen Zahl der Posts aufs ganze Jahr hochgerechnet, also nur Schätzungen.

Das Muster scheint überall ähnlich zu sein: nach einer fulminanten Anlaufphase eine hohe Post-Dichte, die dann im Verlauf einiger Jahre zurückgeht. Bei Cassiel sind die einzelnen Posts dafür immer länger geworden, bei den anderen Blogs ist das nicht der Fall. Außerdem scheint das Tango-Bloggen generell etwas aus der Mode gekommen zu sein – Gerhard ist da sowas wie ein Spätstarter. Oder ich kenne die neuen Blogs noch nicht.

Nun..schaun mer mal…

 

Schräg

Wie macht Gerhard das immer nur? Vermutlich eine Mischung aus Genialität und genug freier Zeit. Jedenfalls – in folgendem Post schreibt er über einen echten Schrägheimer des Tango:

http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/09/kevin-seidel-el-che-nie.html

(nur für den Fall, daß ein paar meiner noch nicht allzuvielen Besucher das Ding nicht schon längst bei ihm gelesen haben)

Ach ja: Kevin beschreibt in einem seiner Texte eine mögliche Lösung, wenn ein Youtube-Film wegen des bekannten, albernen GEMA-Themas nicht abrufbar ist:

https://de.groups.yahoo.com/neo/groups/tango-de/conversations/messages/31811

Kürzlich habe ich über einen herrlichen Blogpost bei Ms. Hedgehog geschrieben (hier nochmal der Link: http://mshedgehog.blogspot.de/2015/08/not-boring-stage-tango.html). Das erste Video aus diesem Post ist wegen besagter GEMA-Thematik in Deutschland nicht abrufbar (warum kann man solche Videos dann eigentlich nicht einfach ohne Tonspur veröffentlichen?).

Ich war – als gesetzestreuer Bürger – jedenfalls entsetzt, als ich festgestellt habe, wie einfach man dann doch an solchen Content rankommt. Liebe GEMA, bitte macht was – es kann doch nicht sein, daß ihr euch so eine Mühe gebt, uns mit Sperren zu nerven, und dann kann man sie mit ein paar Mausklicks umgehen. Ich beschreibe meinen Workflow jetzt einfach mal – natürlich nur, damit ihr wißt, was ihr tun müßt, um das zu blockieren.

  1. Rechtsklick auf das Wiedergabe-Symbol des eingebetteten Videos. „Video-URL abrufen“ oder „Video-URL für aktuelle Wiedergabeposition abrufen“ anklicken.  Die Video-URL in die Zwischenablage kopieren.
  2. http://de.savefrom.net/ aufrufen.
  3. Die Video-URL in das Eingabefeld einfügen.
  4. Die passende Download-Option wählen und den Download starten.

Ich gebe zu, ich war etwas enttäuscht – ich hatte, nach Frau Igels Text, etwas erwartet, das noch besser ist als das zweite Video. Dies könnte ich nun nicht bestätigen – mich hat dieses zweite Video, das ohne jede GEMAinheit in Deutschland abrufbar ist, wesentlich mehr beeindruckt.

Und, GEMA, wenn wir schon so nett miteinander reden, darf ich sicher eine Frage stellen, die mich schon länger beschäftigt: wie viel Geld ist denn bisher aus Euren Einnahmen an die Tangomusiker bzw. deren Nachfahren geflossen, für deren Musik ihr Abkassier-Verträge mit den entsprechenden Portalen geschlossen habt? Die Antwort könnt ihr ja einfach per Kommentarfunktion reingeben.

Ich hoffe jedenfalls, daß zukünftige Musikergenerationen ihre Werke smarter vermarkten. Es wäre schön, es eine Methode wäre, bei der nicht Leute, die es nicht nötig haben, ernten können, wo sie nicht gesät haben.

Kleiner Hinweis…

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich Repliken zu solchen Kommentaren, die ich als „breitbandig“ bezeichnen würde, als eigene Blogbeiträge veröffentlichen soll.Ich habe mich letztlich dagegen entschieden, weil die Abfolge der Texte auch ein wichtiges Element des Lese-Spaßes ist. Weil ich aber denke, daß sich in solchen Kommentarabläufen Brilliantes, Tiefgründiges und Originelles findet, möchte ich nochmal ausdrücklich zum Lesen derselben ermuntern

(ich meine natürlich – etwas anderes würde mir meine Bescheidenheit gar nicht erlauben – die Texte der anderen Seite. Sollte doch mal ein Leser derartige Wahrnehmungen auch bei meinen Texten haben, ist dies sicherlich reiner Zufall und auf gar keinen Fall Ergebnis meiner virtuosen Schreibkunst, meines scharfen Intellekts oder der tiefen Einfühlsamkeit meiner Wahrnehmung).

Kall, mei Troppe

Vor kurzem nahm ich an einer Konferenz teil, bei der auch Telepräsenz möglich war, also Einwahl per Telefon. Sowas funktioniert so gut wie nie; die Audioqualität ist meist so miserabel – Ursache: Geiz ist geil bei der Wahl des Providers – daß es eine Quälerei für alle Präsenzteilnehmer ist. Diesmal sagte die Chair nach einer Weile zu einem der Einwähler: „We had some problems with the audio quality. Can you please repeat the last 20 minutes?“

Lustig? Finde ich schon. Was hat das mit Tango zu tun? Diese Frage habe ich mir gestellt, nachdem ich folgendes getan habe:

  1. Lesen des Posts http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/09/schluss-montfort.html
  2. Anhören von A Fool Such As I von Elvis Presley, der in besagtem Post als Krönung der Originalität beim Nontango-Auflegen gepriesen wurde.

Ey, hörmal, Gerhard: Ich kann Deine Herzkasper-Phantasien in Richtung Tradi ja verstehen, nach all dem Leid, das Du ertragen mußtest. Aber echt jetzt…Elvis? Dieses Stück? Ich denke wirklich, daß ich ein großes musikalisches Herz habe…ich möchte es mal so sagen: Ich spüre gerade den Impuls in mir aufsteigen, hier endlich mal ein Katzenbild zu posten.

Oder sind nicht nur Frau Frühwirth, sondern auch Gerhard Hessen und das Ganze ist hessischer Humor? Habe dazu den perfekten Clip gefunden: https://youtu.be/NPJfnE5bO1Y . Bestimmt hat das Gerät auch eine Tango-Einstellung.

Soñar y nada mas

Ich dachte immer, „Soñar“ bedeutet Klang (von „Sound“) – aber nein: http://www.planet-tango.com/lyrics/soniar.htm sagt, es bedeutet Traum. Fand das aber auch passend für ein kürzliches Milonga-Erlebnis, bei dem es sozusagen „nicht mehr als die Musik“ für mich gab.

Unbekannte Stadt, kleine gut versteckte Milonga; trotz Google Maps erst nach Telefonat und nochmal Google Maps zu finden.

Reinkommen, erstmal in die Musik reinhören, zuschauen – 8 oder 10 Paare. Darunter: Ein Intensiv-Poser, der aber zumindest ganz gut in der Musik war, ein paar richtig gute Tänzerinnen und Tänzer, einer davon wohl der lokale Maestro. Wobei einige seiner Tänze mehr nach Zweikampf als nach Partnerschaft aussahen. Ansonsten der übliche Mix von Tanzlevels.

Mein Vorsatz wie immer: Cabeceo; gleich über Bord geworfen durch eine Dame, die sich in die Nähe setzte und ein Gespräch begann – gegen den ersten Impuls aufgefordert. Was immer da schiefgelaufen ist – es war gründlich. Nicht nur kein Funke übergesprungen, sondern sowas wie der Versuch, bei Starkregen ein Lagerfeuer zu starten. Normalerweise sind die ersten ein, zwei Stücke zum Motorik-Anpassen. Hier – ich denke, sie hat festgestellt, daß ich nicht ihr Tanz-Typ war und ist auf Minimal-Autopilot gegangen. Angefühlt hat es sich, als wäre niemand zuhause. Ich glaube, so ein Erlebnis hatte ich noch nie (oder es verdrängt), es war ziemlich unangenehm. Dann: Nach dem dritten Stück bedankte sie sich und ging.

Was immer das war – bestimmt meine Verantwortung, leider keine Hinweise – clueless. Dummerweise gehört es ja in solchen Fällen nicht zum Kommunikationsstandard, „warum“-Informationen zu geben. An denen man sowohl als Gentleman – zwecks zukünftiger Vermeidung von Stress-Situationen für Ladies – als auch aus höchst eigennützigen Gründen durchaus Interesse hätte.

Sicher bin ich nur, daß es keine Distanzsünde war – zu keinem Zeitpunkt war weniger als eine Handbreit Luft zwischen uns. Nach allem bisherigen Feedback führe ich auch eher sanft und bin auch kein Schraubstock- oder Klammergriftyp. Aus ähnlichen Gründen – Statistik bisheriger Feedbacks und weil ich zuvor weder Marathon gelaufen, Bäume gefällt noch sonstige Hochenergie-Aktivitäten hatte – würde ich auch einen olfaktorischen Hintergrund für unwahrscheinlich halten.

Ein etwas frecher Gedanke: Wenn der eingangs erwähnte Maestro den Stil in dieser Milonga setzt – in den ersten Tänzen mit bislang unbekannten Partnerinnen versuche ich ich eher „von unten“ herauszufinden, was geht und  starte größere Move-Aktionen erst, wenn ich ein bißchen was über die Komfortzone der Partnerin weiß. Vielleicht war ich schlicht zu wenig „Dom“?

Wie auch immer: Ein Abserviertwerden mitten in der Tanda (na gut, am Ende des dritten Stücks) ist nicht gut fürs Selbstvertrauen und vermutlich auch schlechte Werbung; was sagt Rick McGarry in T&C: gute Milongueras sehen alles. Jedenfalls – Cabeceos haben danach für mich nicht funktioniert. Ein paarmal sah es zwar nach Mirada aus. Falls das überhaupt real war, habe ich es nicht geschafft, es zu verwandeln. Dabei war, soweit ich es beobachten konnte, der Cabeceo-Anteil beim Aufforderung zwar nicht gerade 100%, aber durchaus verschieden von Null.

Endergebnis: Zur geplanten Uhrzeit – insgesamt waren es zirka 1 1/2 Stunden, nur eben ungeplanterweise ohne Tänze – Schuhe wechseln und ab ins Hotel. Lesson learned: Erster Tanz in ganz neuer Umgebung nur mit 100% Wollen, keine Aufforderung aus Höflichkeit. Aber das ist natürlich nur eine Hilfskonstruktion und bietet keine wirkliche Sicherheit gegen schlechte Tangotage.