Perfect Stranger

Eine Neolonga in einer Stadt, die nicht meine ist – ich keine wenige Leute dort, und heute abend niemanden. Das Auffordern per Blickkontakt betreibe ich nicht als religiöse, aber als sportliche Disziplin – die Lichtverhältnisse legen die Latte heute recht hoch. Damit es noch etwas schwieriger wird, höre ich immer erst ein paar Sekunden in die Musik, bevor ich mich entscheide, aktiv zu werden; gefühlt die Hälfte der Leute finden sich schon während der Cortina zusammen. Es werden meist Dreiertandas gespielt, weil die Stücke länger als die Tradi-typischen zweieinhalb Minuten sind. Das erste Stück inspiriert mich nicht; das zweite geht für das Auffordern drauf, dann noch ein paar Sekunden für das Aufstehen, halb-Hingehen, Stoppen, fast schon wieder umdrehen – aber die Dame hatte sich schon für mich entschieden, als der andere Herr an ihren Tisch kam.

Das sich-aufeinander-einstellen, das sonst bei einer bislang unbekannten Dame schon mal ein halbes bis ein ganzes Stück dauern kann, dauert hier gefühlt drei Sekunden. Es gibt genug Platz, um das, was wir beide in der Musik hören, auch in Bewegung umzusetzen. Ob sie die Musik schon mal gehört hat, weiß ich nicht – für mich war sie neu. Gehen, drehen, eng, weit – das ist ganz sicher nicht nur die Führung, wir hören die Musik ähnlich und doch verschieden genug, um eine Kombination aus Harmonie und Spannung zu bekommen. Sie bewegt sich leicht wie eine Feder und ist doch vollkommen präsent. Es gibt keine Fragezeichen, nur Gewißheit. Ein Slow-Motion-Sandwich mit perfekter Stabilität, dann nach dem Absetzen eine schnelle Drehung mit ein paar Ochos, genau in der Musik. Gemeinsames Atmen, Stille in der Bewegung, dann wieder Dynamik, Drehen, Gehen, zweispurig, dreispurig, vierspurig. Völlige Gelassenheit auch in den schnellen Sequenzen. Auch der Raum ist unser Freund – der Platz ist da, wenn wir ihn brauchen. Obwohl in einer einzigen Tanda mehr Bewegung auf der Fläche ist als in manchen Tradi-Milongas während der gesamten Veranstaltung, gibt es keine Notbremsungen und Verlegenheits-Moves.

Viel später überlege ich, ob ich außer einem strahlend hellen Danke noch etwas hätte sagen sollen. Und ja, auch der innere Übermuts-Monitor meldet sich kurz zu Wort – hat sie das gleiche erlebt, oder hat sie einfach einen guten Job abgeliefert?  War ich wirklich so präsent und auf sie ausgerichtet, wie es sich angefühlt hat? Und dann die Audiospur – Namen? Wo gehst Du sonst so Tanzen? Wie lange…unmöglich. Und natürlich auch die übliche Scheu vor dem nächsten Mal – kann es nicht eigentlich nur weniger schön werden? Vermutlich denkt sie, was für ein komischer Vogel, warum versucht er nicht, eine volle Tanda mit mir zu kriegen? Stimmt – Idiot. Oder doch nicht. Vier Minuten pure Magie. Danke, Universum.

P.S: Nein, die Musik war eine andere, aber wenn ich schon einen Musiktitel verwende…und gleich noch ein paar andere Sachen zum Hören dazu.

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