Ach ja…

Vor kurzem fand ich bei Iona May Italia  formerly known as Terpsichoral Tangoaddict mal wieder einen herrlich geschriebenen Text zum Thema „Warum lernen wir eigentlich all diese Figuren“.

IMI und ich sind hier ähnlicher Ansicht (ich glaube, ich hatte sogar mal was dazu geschrieben): Selbst wenn wir Sequenzen mangels Gelegenheit nicht 1:1 auf die Piste bringen können, lernen wir, während wir sie erforschen, viele andere nützliche Dinge, gerade im Bereich Basics. Von daher lohnt es sich in jedem Fall.

Bei einem Post, in dem IMI vorkommt, darf natürlich das Übliche nicht fehlen: Echt schade, daß sie offenbar nur noch in diesem furchtbaren Medium schreibt – aber wie der Argentinier (laut Google) sagt, La esperanza es lo último que muere.

 

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TV

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Vor einiger Zeit leuchtete die Seite „Tango Voice of North America“ mit einem „Freiheitsmanifest“ für Tradi-Tangueros ziemlich zeitgleich auf mehreren Radarschirmen auf. Gerhard Riedl schrieb einen Post darüber, bei dem er sich bei Thomas Kröter für das Entdecken dieses Beitrags bedankte.

Ich selbst kam über „My Tango Diaries“ darauf. Ich hatte ja vor einiger Zeit über eine äußerst praktische Funktion dieser Seite geschrieben, bei der eine ziemlich vollständige Liste von Tangoblogs immer nach dem Datum des aktuellsten Eintrags sortiert wird. Allerdings muß ich gestehen, daß ich nach den ersten paar Sätzen dieses Manifests erstmal keine Lust zum Weiterlesen hatte; das änderte sich erst durch Gerhards Beitrag.

Und dann beließ ich es nicht beim Lesen; tatsächlich erzeugte dieses Manifest – in einer Zeit, in der ich eigentlich mit mir und der Tangowelt so zufrieden war, daß ich wochenlang keine wirkliche Motivation zum Schreiben verspürte – eine seltsame Mischung aus Grusel und Faszination. Was dann dazu führte, daß ich anfing, per Kommentar mit dem Betreiber dieser Seite zu kommunizieren.

Es ist lange her, daß ich mit Zeugen Jehovas diskutiert habe. Könnten locker mal 30-40 Jahre gewesen sein. Woran ich mich noch erinnere, ist diese unerschütterliche, lächelnde Gewißheit – beziehungsweise das Gefühl, daß egal was man sagt, nichts die Sicherheit dieser Leute erschüttern kann, das Richtige zu tun und zu denken.

Tangovoice geht es darum, das originale Buenos Aires-Milonga-Feeling in Milongas in der „Ersten Welt“ stattfinden zu lassen.

Kleiner Exkurs: Die Einteilung in Erste, Zweite und Dritte Welt stammt aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Die Erste Welt sind wir, der Westen;  die Zweite Welt sind bzw. waren die kommunistischen Statten auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Dritte Welt stand anfangs für den Rest, also die blockfreien Staaten. Mittlerweile wird der Begriff synonym für „Entwicklungsländer“ verwendet (https://de.wikipedia.org/wiki/Dritte_Welt).

Interessant ist, daß die Zuordnung von Argentinien nicht so ganz klar scheint. Nicht daß ich es jetzt umfassend recherchiert hätte – Platz 1 der Google-Trefferliste sagt „EU und UNO sehen Argentinien als Industrieland an (was nicht unumstritten ist), aus der Sicht des Entwicklungshilfeministeriums ist Argentinien aber ein Entwicklungsland.“ (http://www.gutefrage.net/frage/argentinien-3-welt)

Jedenfalls verwendet Tangovoice den Begriff Erste Welt, so wie ich es wahrnehme, in einer gewissermaßen vorwurfsvollen Weise. Ich zähle so etwas zu Manipulationstechniken, die den Diskussiongegner durch Aktivieren eines schlechten Gewissens von vorneherein einbremsen sollen. So wie „wir“ den nordamerikanischen Indianern die Büffel unter dem Hintern weggeschossen haben und nach Ansicht einiger sowieso für alles Böse in der Welt verantwortlich sind, nehmen wir den armen Argentiniern auch noch den Tango weg, indem wir ihn in der ersten Welt zu etwas pervertieren, was dem handelsüblichen Porteno nur Tränen oder Magenkrämpfe verursachen kann. Jemand wie TV, der unerschrocken die Sache dieser armen Opfer vertritt, hat also schon von daher eine diskussionstechnische Pole Position. Oder hofft dies zumindest.

Das Klavier, auf dem dieses Lied gespielt wird, hat natürlich die üblichen Tasten – Codigos, speziell der Cabeceo; die Musikauswahl, selbstredend wird auf einer authentischen Milonga nur EdO in Tandas und Cortinas gespielt.

Die vielbeschworenen tödlichen Gefahren, also „navigational hazards“ beziehungsweise auch alles, was andere Tänzer nervös machen könnte, sind of course auch auf der Liste des Bösen.

Aber es gibt auch einen Ton, die zumindest meine Wenigkeit in diesem altbekannten Lied so noch nicht gehört hat – der Begriff ist „Exhibitionismus“. Und da wird es nochmal ein bißchen gruseliger.

Exhibitionismus ist in der TV-Definition alles, was die Tänzer tun, das nicht nach innen, sondern nach außen geht. Richtig – Ganchos, hohe Boleos und der ganze andere andere Verzierungsschnickschnack gehören selbstverständlich auf diese Liste.

Im Verlauf meiner Konversation habe ich auch mal nachgefragt, ob denn dann nicht auch überdurchschnittlich gutes Aussehen (mit oder ohne Nachhilfe durch Kleidung) auf diese Liste gehört, oder besonders schönes Tanzen, Stehen oder Gehen. So etwas ist ja durchaus auch geeignet, andere abzulenken, und wäre konsequenterweise durch die Pistenpolizei zu unterbinden. Schließlich fühlen sich, sagen wir mal, zweifarbige Schuhe oder rote Heels auch nicht anders an als ihre einfarbig/grauen Geschwister. Ich machte dann auch ein paar konstruktive Vorschläge in diese Richtung, inklusive dem Hinweis, daß es ja, wenn man sich in der ersten Welt in Sachen Milonga schon an Argentinien orientiert, es ja auch einige Kulturen gibt, die eine Menge brauchbare Tools entwickelt haben, um mit solchen optisch irritierenden Elementen umzugehen.

Da kam dann die Bitte, ich möge doch nicht albern sein; Kleidung oder Aussehen würden (außer im Fall von Nacktheit)  selbstverständlich nicht unter Exhibitionismus fallen, im Übrigen sei es aber eine gute Gelegenheit darauf hinzuweisen, daß sich die Erstweltler auf Milongas gerne auch mehr herausputzen dürften.

Ach ja, ich hatte auch angeregt, daß auch demonstrative Ultra-Slow-Motion Exhibitionismus sein könnte; das erschien mir auch deshalb naheliegend, weil der stetige Tanzfluß in der Ronda ebenfalls auf der TV-Liste der unverzichtbaren authentischen Milonga-Attribute steht.

Ich glaube, ich sollte die Beschreibung an dieser Stelle mal stoppen; obwohl ich sagen muß, angesichts der Wortmengen dieser „Tangovoice“ kommen mir selbst die weitschweifigsten eigenen Ergüsse plötzlich wie Telegrammstil vor. Word sagt mir, daß ich im Moment bei ca.800 Wörtern bin; der „Manifesto“-Post hat laut Gerhard etwa das Zehnfache.

Nur soviel noch: ich habe dann tatsächlich noch ein paar andere Posts gelesen. Das Bild, daß ich im Moment von diesem Tango Voice-Autor habe – ich habe wie Gerhard Riedl das ziemlich sichere Gefühl, daß es sich um einen männlichen Nicht-Argentinier handelt – , ist sowas wie eine Mischung aus einem Soziologie- oder Politologiestudenten im 42. Semester, einem Befreiungstheologen, Hans Landa, vielleicht noch mit einer Prise Torquemada, wenn es dafür mal wieder ein gesellschaftliches Mandat gibt.

Auf jeden Fall sagt man ja, daß Dinge, die heute im Amiland stattfinden, in ein paar Jahren auch nach Europa kommen. Wollen wir mal nicht hoffen. Was mich etwas beruhigt, ist die Tatsache, daß angesichts des Anspruchs – immerhin will der Gute ja die Stimme für einen ganzen Kontinent sein – doch, zumindest nach den Inhalten vieler Kommentare und vor allem nach deren doch überschaubaren Gesamtmenge, der Einfluß eher gering zu sein scheint. Aber man kann nie wissen.

Nachtrag: Die Frage nach dem Motiv unseres TV-Bloggers hat mich schon noch etwas beschäftigt. Wenn jemand irgendwo eine lupenreine BA-Milonga anbieten will, kann er das ja jederzeit tun – das Thema hatten wir schon; Gesichtskontrolle und zur Not etwas Tangopolizei ist alles, was man braucht. Ein aus tiefer Verehrung geborener Service für die Portenos? Bevor der sprichwörtliche freundliche Helfer einer alten Dame über  die Straße hilft, sollte er nachfragen, ob sie überhaupt hinüber möchte. Aus marketingtechnischer Sicht würde ich mich fragen, ob es für BA nicht sogar besser ist, wenn es den echten Tango nur dort gibt. Was fällt einem an möglichen Motiven noch ein, wenn man mal den Kick durch geborgte Macht beiseiteläßt?

 

 

 

Brennende Mülltonnen

Stellt Euch vor, Ihr kennt ein Restaurant, in dem es die leckersten Sachen gibt. Dummerweise befindet sich dieses Restaurant in einem echt üblen Teil Eurer Stadt – häßliche Gebäude, die Wände mit Graffitis beschmiert; überall offene Fenster, aus denen der Lärm unzähliger wild durcheinander redender Menschen dringt. Das Ganze beherrscht von einem Paten, der alles, was in seinem Reich passiert, aufzeichnet und das Wissen über die Aktivitäten der Bewohner an jeden verhökert, der den geforderten Preis bezahlt.

Euren Freunden erzählt Ihr, daß Ihr dieses Viertel weiträumig vermeidet – und tatsächlich, das tut ihr auch – bis auf diese eine Sache. Dieses leckere Essen – es geht Euch nicht aus dem Sinn…und so schleicht Ihr Euch heimlich, ab und zu, in dieses Restaurant; vorbei an den brennenden Mülltonnen, ihr schließt Augen und Ohren, um nicht den Lockrufen der grell geschminkten Personen zu erliegen, die Euch in ihre Etablissements lotsen wollen – Vergnügen versprechend, von denen Eure Vernunft Euch sagt, daß sie doch nur das geistige Äquivalent von Big Macs und Kartoffelchips sind – und dennoch spürt Ihr genau, daß Euer Schritt kurz langsamer wird. Nach jedem Besuch sagt Ihr Euch, jetzt ist es genug – und doch wißt Ihr, ein paar Nächte später werdet Ihr Euch wieder dorthin schleichen.

Ja, Ihr habt es längst erraten – ich spreche natürlich von mir, und von Iona May Italias Restaurant „Zum Zuckerberg“. Und ja, ich war mal wieder dort – und das habe ich Euch mitgebracht, damit Ihr nicht selbst in Versuchung kommt (diese Links stammen aus diversen Posts der letzten zwei Wochen; Terpsi, bitte verzeih, daß ich nicht die kompletten Posts verlinke…):

P.S: Ja, mir ist natürlich bewußt, daß es rationale Gründe gibt, in FB präsent zu sein. Tangolehrer und Anbieter verwandter Produkte erreichen dort relativ einfach ein großes Publikum. Insofern sei ihnen mit einem freundlichen „Gute Reise“  verziehen.

Pickup Artist: Tango-Erweiterungspaket

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Bei einem meiner Streifzüge durch die wilde Landschaft des World Wide Web bin ich auf eine Community gestoßen, die sich „Pickup Artists“ nennt.

Dahinter steckt die Idee, mit Hilfe der Wissenschaft die Chancen zu erhöhen, Damen ins Bett zu bekommen (um schnell auf den Punkt zu kommen, verkürze ich hier etwas. Von der Idee her kann es natürlich vollkommen symmetrisch sein. Wer mehr erfahren möchte: https://de.wikipedia.org/wiki/Seduction_Community). Kurz und knapp handelt es sich um Psycho-Manipulationstechniken, die (soweit es mir das WWW erzählt hat) auf NLP (https://de.wikipedia.org/wiki/Neuro-Linguistisches_Programmieren)  basieren. Trotz des M-Worts möchte ich das keineswegs als Negativbewertung verstanden wissen; Sex (ich rede hier von der einvernehmlichen und ausbeutungsfreien Sorte) ist etwas Schönes.

Das für mich als Techie Faszinierende ist das Universum aus Begriffen beziehungsweise ihren Kürzeln (eine Übersicht findet sich hier). Hier meine Favoriten:

LMR: Last Minute Resistance. Der Herr ist schon fast am Ziel seiner horizontalen Wünsche, die Dame bekommt aber im letzten Moment noch Zweifel. Ein Pickup Artist (PUA) kennt Techniken, diese Widerstände zu überwinden.

ZNS: Zero Night Stand: Spontansex.

SDL: Same Day Lay. Ein ZNS, der noch am Tag des Kennenlernens stattfindet.

SHB: Super Hot Babe. Ich glaube, das muß nicht weiter erklärt werden.

Als Liebhaber der Tango-Codigos ist mir sofort aufgefallen, daß es zwischen dieser für mich faszinierend-bizarren Welt der Pickup Artist-Community und der Tango-Welt diverse Überschneidungen gibt. Und so möchte ich ein paar Tango-spezifische Erweiterungen vorschlagen.  Das Tango-„game“ beginnt natürlich mit der Aufforderung. So ist es kein Wunder, daß die Abkürzungen alle den Buchstaben „C“ für Cabeceo enthalten. Und selbstverständlich ist die kleine nachfolgende Liste nur als Inspiration gedacht; ich bin sicher, Euch fallen noch viele weitere Begriffe ein.

Ach ja: Damit es nicht zu spontanen Selbstentflammungen oder anderen unangenehmen Dingen kommt, hier noch schnell der übliche Disclaimer: Ich mag den Cabeceo sehr, er ist eines meiner Lieblingsspiele, und insofern ist das Ganze als Liebeserklärung an diese wunderbare Kulturtechnik gemeint.

LRC: Long Range Cabeceo. Ein Cabeceo, der über eine große Distanz (sagen wir, mehr als 8 bis 10 Meter) stattfindet.

CPC: Ein Cabeceo, der durch einen „Curtain of People“ hindurch stattfindet. Ich glaube, dieser Ausdruck wurde von Terpsi geprägt und beschreibt, daß einige Sekunden nach dem Start der Tanda quasi kein optisches Durchkommen auf die andere Seite der Tanzfläche mehr möglich ist.

ALC: Adverse Lighting (conditions) Cabeceo: Ein Cabeceo, der trotz schlechter Lichtverhältnisse (wenig Licht, Gegenlicht) zustandegekommen ist.

MIC: Mission Impossible Cabeceo. Ein Cabeceo, der unter Bedingungen zustande gekommen ist, die eigentlich ein Auffordern  per Blickkontakt unmöglich machen. Beispiele: Die Dame sitzt in einer Blickachse mit zwei oder drei anderen Damen; die Dame ist intensiv mit ihrem Smartphone beschäftigt; die Dame hat die Augen gesenkt oder gleich ganz geschlossen.