Buckets and spoons

Bekanntlich bin ich fürs Übersetzen nicht so zu haben. Beim folgenden Post, der vor kurzem auf der Webseite von Irene und Man Yung erschienen ist, hatte ich aber sofort den Impuls, daß dieser Text nicht im Gefängnis der englischen Sprache eingesperrt bleiben sollte, sondern Auslauf in die Weite des deutschsprachigen Raums bekommen sollte. Und so habe ich, mit der Höflichkeit, die man von einem old school-Typen wie mir zu Recht erwarten kann, um Erlaubnis gefragt. Und hier wäre dann das Ergebnis:

(ach ja – ich habe nicht versucht, es wörtlich zu übersetzen, es ging mir eher um ein ähnliches Gefühl beim Lesen).

Gefährliche Erfahrungen

Gerade haben wir Karten für das Konzert des bekannten französischen Kontratenors Phillippe Jaroussky gekauft, der mit dem Orchester Les Violons du Roy im April in der Koerner Hall (in Toronto) auftritt. Wir freuen uns sehr auf dieses Konzert. Wir lieben beide Opern, und Phillippe Jaroussky ist derzeit einer der besten Kontratenöre – wenn nicht sogar der beste – weltweit. Andere Kontratenöre mögen höhere Töne hinbekommen oder lauter singen können als Philippe, aber wir haben niemals einen gehört, der mit der gleichen Schönheit, dem gleichen Können und der gleichen Emotionalität singt. Hört euch diese grandiose Vivaldi-Arie an:

 

„Ich möchte einen Kommentar zu ‘höher oder lauter’ abgeben“, sagte Man Yung. „Was würdest Du Dir lieber ansehen – eine dieser schnellen, furiosen Tangodarbietungen, die voller komplizierter Herumschleudereien und Beinakrobatik sind, aber kein Gefühl haben – oder die einfache Tanzweise von alten Milongueros, die dafür reich an Musikalität und Leidenschaft ist?“

Nun ja – ich kenne eine Menge Leute, die solchen akrobatischen Show-Tango lieben. Es gibt nichts Aufregenderes als das Tango-Äquivalent von jemandem, der – mit ein paar Kilo TNT an den Körper geschnallt – aus einer Kanone herausgeschossen wird, durch einen Feuerring und über einen gerade ausbrechenden Vulkan hinweg. Aber ich schweife ab.

Ich habe tatsächlich ein wenig gezögert, bevor ich die Tickets gekauft habe. Nicht, weil sie teuer waren, oder weil wir keine Zeit hatten. Sondern weil ich Angst hatte, daß ein Live-Auftritt von Phillippe Jaroussky Man Yung töten könnte.
Ich kann etwas Schönes genießen, aber es bringt mich nicht dazu, tatsächlich an Ort und Stelle umzukippen. Als ich das erste Mal Philippe Jaroussky in einem Youtube-Video singen gehört habe, bekam ich einen leichten Schweißausbruch, aber das war es dann schon. Man Yung, andererseits – ich dachte, er bekommt einen Herzinfarkt. Es stellte sich dann heraus, daß es eine Magenverstimmung war – aber eine, die durch die atemberaubende Schönheit von Phillippe Jarousskys Gesang verursacht wurde.

Es gibt tatsächlich einige Dinge, von denen Man Yung sagt, daß er sie in seinem Alter nicht mehr aushalten würde. Eine Modigliani-Ausstellung. Beethovens Dritte Symphonie. Und noch mehr Hauskatzen. Ich kann daher nur hoffen, daß das Konzert kein Gesundheitsrisiko für Man Yung darstellt. Vor allem deshalb, weil er bisher keine Lebensversicherung (mit mir als Begünstigter) hat, die einen solchen Fall abdecken würde.

Das erinnert mich an etwas, das mir jemand mal über einen alten Milonguero erzählt hat. Er war wirklich schon recht betagt, und daher standen die Chancen durchaus nicht schlecht, daß er schaffen würde, worauf jeder echte Milonguero hofft – beim Tango zu sterben, mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht. Er hatte wirklich für diesen Fall eine Kasse aufgemacht. Die unglückliche (oder glückliche) Dame, in deren Armen er den Löffel abgeben würde, erhielte den Inhalt dieser Kasse. Gut – es wären vielleicht nicht mehr als 100 Dollar, aber es ist der Gedanke, der zählt.

„Denk mal drüber nach, Man Yung! Hundert Dollar! Dafür könnte ich ein nettes Hummer-Essen bekommen. Und der glückliche Milonguero würde seine letzten Momente in meiner himmlischen Tango-Umarmung verbringen, bevor er in die ewigen Jagdgründe eingeht“, sagte ich zu Man Yung.

„Bei Deinen Tanzkünsten?“ spottete Man Yung.  „Unmöglich! Ich denke, er würde alles tun, um zu überleben, um in den Armen der nächsten Dame zu sterben“.

Sehr witzig, Man Yung. Egal. Ob irgendjemand tatsächlich gerne beim Tango sterben würde – Tango ist wirklich voller gefährlicher Momente. Lies nur mal diese aktuellen Kommentare von Tangueros aus Toronto:

„Oh mein Gott. Seine Umarmung fühlt sich an, als würde man von einer Anakonda zerquetscht. Ich brauche einen Chiropraktiker. Er hat wirklich fast mein Genick in meine Wirbelsäule gequetscht”.

„Puh. Das war knapp. Die hohe Beintechnik der Dame hat mir fast den Schädel gespalten“

„Der DJ hat die ganze verdammte Nacht lang blecherne, rhythmische Canyengues gespielt. Das war so langweilig und monoton, daß Du mich jetzt genauso gut erschießen könntest.“

„Keuch! Ich bin beinahe gestorben, als ich versucht habe, meine Luft 13 Minuten lang anzuhalten. Um Himmels Willen, hat er eigentlich noch nie von so etwas wie Deo gehört?“

Das war – hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen – so oft werde ich das bestimmt nicht machen. Nur ein paar kleine Nachsätze noch (Irene and Man Yung, I just want to drop a few comments – I will also add them in English).

DE: – Was den Bereich Löffel-abgeben beim Tango angeht – in meinem fortgeschrittenen Alter sind Gedanken dieser Art ja nicht völlig fremd. Schlecht ist die Idee nicht. Ein kleiner Widerspruch wäre nur – allzu nett der Dame gegenüber ist das ja eigentlich nicht. Man müßte sich also jemanden suchen, mit dem sich das Tanzen göttlich anfühlt, den/die man aber eigentlich nicht allzu sehr leiden kann.

Und in Bezug auf den Genuß von Tango-Artistik, beziehungsweise die Annahme, daß Artistik und Gefühl einander ausschließen. Ich gehöre auch zu den Leuten, die sich gerne so etwas ansehen. Die guten Sachen können einem in puncto Musikalität auch immer etwas geben, Eigentlich ist das ja eine Matrix – es gibt auch un-artistisch und gefühlsleer, und wild, zügellos und dennoch voller Sinnlichkeit und Emotion, wenn zwei Körper das volle Potential ausschöpfen, sich wie einer bewegen. Letzteres gehört zu den leider eher seltenen Highlights meines Tangolebens; das macht sie nicht weniger real oder erstrebenswert.

EN: —

With respect to bucket-kicking during a tango dance – now and then thoughts from the bucket department come to my mind too, must have to do with age. The idea as such is not bad. There is a little problem in the concept, though. I think it would not be entirely nice towards the dance partner. So one would need to find a person who can create the highest dancing delight, but who one dislikes personally – not an easy task.

About tango artistry: I am also one of the people who like to watch tango skills which are way beyond my own. I think the good videos always have something to give, musicality-wise. I would just not subscribe to the assumption that acrobatics and emotionality are mutually exclusive. Strictly speaking, it is a matrix; there is hollow, emotionless un-acrobatics. And there is wild, rampant but nevertheless sensual and emotional dancing, experience of two bodies which fully explore the potential of moving as one. Unfortunately, such experiences are of the more rare variety in my tango life – which does not make them less real or desirable.

In diesem Sinne – und zum Abschied nicht eines, sondern vier unterschiedlich leise „Servi“, ein kleiner Ausschnitt der Musik, die ich beim Schreiben „on ICE“ gehört habe:

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Kurz mal eben

Leider kommt Tango in meiner Tango-Work-Life-Balance derzeit etwas zu kurz. Viele Geschäftsreisen und auch sonst kein Mangel an Action. Das hat auch Auswirkungen auf die Schreib-Motivation. Fürs Tango-Blog-Lesen reicht die Zeit immerhin noch. In aller Kürze: Beim frustrierten Milonguero glühen die Tasten derzeit; er haut die Posts im Zwei-Tages-Rhythmus raus, durchaus nette Lektüre.  In Angelina‘s Tango Blog findet sich ein ansehenswertes Video mit sensationeller Fußarbeit und schönen Pause-Action-Wechseln, hier.

Ja.. und dann hat auch Tango Therapist mal wieder was geschrieben. An sich sind seine Texte ja von der Aussage her klar, mit gelegentlichen Ausflügen ins Chris de Burgh-mäßig schnulzig Banale. Aber hier bin ich schon ins Grübeln gekommen, was er uns sagen will:

  1. Autonomy(being independent and able to resist social pressures).  Here is my plug for close-embrace tango and not dancing for admiring eyes: The most sustainable dimension for your tango, I believe, is to dance for yourself and the person in front of you.  Often I notice social pressure to dance in a way that is visually appealing.  However, this facade will eventually destroy your autonomy. Psychological research on people influenced by what others see, notice and applaud, shows that people begin to second guess their own vision and abandon it.  Be autonomous; be well.

Erstmal dachte ich, okay, das ist wieder so eine Nummer im Sinn der selbstproklamierten Tangostimme von Nordamerika, schön schwarzweißes Kurzschlußdenken: Es gibt nur Tango in enger Umarmung und Exhibitionismus. Meine Einstellung dazu dürfte bekannt sein. Aber dann dachte ich, hoppla, also was nun? Social pressure to do the visually appealing kann ja auch bedeuten, bewegungsreduzierter Engtanz, weil irgendwer einem das einreden will, zur Not mit einem „Ihr böse erste Welt“-Opfernarrativ, wie es TVofA probiert. Also würde Autonomie bedeuten, genau das nicht zu tun, sondern wirklich die Musik zu tanzen – und die sagt nun mal manchmal, große Bewegungen, Dynamik. Ich habe übrigens per Kommentar versucht, das für mich zu klären; entweder habe ich mich da über alle Maßen blöd angestellt oder TT hat den Kommentar aus irgendeinem Grund wegzensiert. Also, falls ich es nicht selbst verbockt habe – lieber TT; trau Dich was und schalte mal die Kommentarmoderation aus; es passiert bestimmt nichts Schlimmes und wenn doch, kannst Du sie dann ja mit gutem Gewissen wieder einschalten.

Ach ja, eine Frage noch. Gibts dieses Jahr keine Herz-Schmerz-Milonga? Falls sie wieder Anfang Mai wäre, hätte ich so langsam mit einer Ankündigung auf der Webseite gerechnet. Also ich fände es schade, wenn es keine gäbe.