Staubsaugen

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ist für mich so etwas wie „Meditation in Bewegung“ – ab und zu entstehen dabei Gedanken wie dieser:

Vielleicht erinnert sich noch jemand an „Second Life“? Das war diese 3D-Welt, die man mit seinem Avatar betreten hat. Man konnte fliegen, Sachen bauen, und auch mit anderen Avataren kommunizieren. Und seinen Avatar mit Kleidungsstücken und anderen Körperattributen aufrüsten.

Eine Zeitlang war das das ganz große Ding. Web 3D, Immersion, das sind ein paar Schlagworte, an die ich mich noch erinnere.

Keine Ahnung, wie es der Plattform gerade geht. Meist hinterlassen ja die Gletscher solcher Hypes Geröll in Form von Communities, die ihre Erfüllung gefunden haben. Server, auf denen diese Welten laufen, kosten nicht viel, und Programmierer, die nach (oder während) gutbezahlten produktiven Jobs im Open Source-Bereich an der Erweiterung solcher Plattformen arbeiten, gibt es auch genug.

Klargeworden ist mir heute, beim Staubsaugen, wie ähnlich sich Second Life und Tango Life sind. Ich muß mich, fällt mir gerade ein,  selbst für meine visionäre Weitsicht loben, mit der ich die Bezeichnung „Tangoland“ geprägt habe. Abkürzungstechnisch – denn dahin wechseln wir jetzt – war das vorsichtig ausgedrückt genial: TL, wenn Ihr wißt, was ich meine.

Womit wir bei der Kurzübersicht des SL-Jargons wären: Personen treffen sich zum Kommunizieren „inworld“; das komische andere Ding, in dem man ab und zu noch essen oder schlafen muß, heißt „RL“, was natürlich für „real world“ steht.

Nach dieser Einleitung ist es vermutlich fast schon banal, auf die Parallelitäten hinzuweisen. Männliche TL-Avatare können zweifarbige Schuhe und gestreifte Hosen tragen; weibliche tief ausgeschnittene Kleider. TL-Avatare können zwar nicht fliegen wie ihre SL-Kollegen, aber immerhin übers Parkett schweben.  Bei entsprechendem Talent und/oder Training ist auch gottähnliche Macht in Reichweite. Wie es eine Freundin mal formuliert hat – in TL können Männer engen Kontakt mit Frauen haben, an die sie im RL niemals herankommen würden.  Und wie ein Avatar nicht zwangsläufig das Geschlecht seines Lenkers haben muß, kann man auch in TL andere Geschlechterrollen annehmen.

Dann gibt es auch spezielle Rollen; mancherorts recht beliebt ist „Sheriff“  (ja, „Blogger“ gibt es auch; manchmal wird das auch kombiniert).

Auch die Vielfalt der Strukturen ist in TL ähnlich groß wie in SL. Es gibt Klöster, in denen die Lehre gelebt wird, daß Tango so etwas wie Zen mit Bandoneon ist.  Ja, auch Rotlichtviertel (nackter Tango ist eine vielleicht wieder abgeflaute Sache; ich habe mir sagen lassen, daß es auch andere Sub-Subkulturen geben soll). Abgesehen davon, daß musikalisch gesehen ein großer Teil von TL sowieso Museum ist,  gibt es spezielle Stadtviertel. Manche sind nach Stadtteilen von RL-Buenos Aires benannt, andere tragen von Tangolehrern erfundene Marketingbezeichnungen. Und wie im RL gibt es da auch Tendenzen, sich in seinem Kiez häuslich einzurichten und auch, teilweise, gegenüber Fremden lieber abzuschotten.

Was Immersion angeht, ist TL natürlich SL um Lichtjahre voraus. Echtes 3D statt maus- oder tatstaturgesteuerte Pixel auf dem Bildschirm, dazu noch die anderen Sinne.

Ach ja: In gewisser Weise ist FL (ihr ahnt, wofür das F steht?) auch eine Art Sparversion von SL. Fliegen geht dort zwar auch nicht, aber dafür kann man sein Schaufenster hübsch dekorieren und auch leicht „Freunde“ finden (sorry-couldn’t resist).

So…Zeit für mich, wieder ins RL zurückzukehren. Aber nur damit keine Mißverständnisse entstehen: Das war kein Granteln, sondern nur ein philosophischer Gedanke – schließlich bin ich gern in TL.

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Ein paar Fragen zum Thema Live-Musik

Wenn die Edo-Orquestras so gut waren, weil sie sich an den Tänzern orientiert haben:

Haben die Orchester nicht live vor Tanzpublikum gespielt?

Gab es damals überhaupt Plattenauflege-Milongas?

Lief dann nicht sozusagen den ganzen Abend lang Musik vom gleichen Orchester?

Wenn nun heutige Live-Orchester nicht auftreten können, wie sollen sie sich dann an Tänzern orientieren? Oder: wie soll sich aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage etwas entwickeln, wenn dieses Spiel gar nicht stattfindet?

Cassiel, wir müssen reden.

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In der Kommentarabteilung von Cassiels letztem Post hat sich zwischen uns etwas entwickelt, was man als Dialog bezeichnen könnte – wobei ich nicht sicher bin, ob das Wort auch paßt, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht.  Zumindest war dies zuletzt mein Eindruck.

Ich will hier nicht die ganze Vorgeschichte wiederholen; bei Interesse lest es bitte nach: https://www.blogger.com/comment.g?blogID=4488650362991319387&postID=5313411268420351033&isPopup=true

Jedenfalls habe ich beschlossen, dieses Thema – Cabeceo – hier weiterzuführen. Das ist beim Schreiben irgendwie netter als in der doch etwas beschränkten Umgebung einer Kommentarfunktion (bei WordPress kann man offenbar im Gegensatz zu Blogger sogar Kommentartexte noch editieren, was die Möglichkeit bietet, übersehene Typos zu korrigieren). Außerdem scheint es mir so global zu sein, daß es nicht in den Keller eines Kommentarthreads gehört. Ich habe zwar mal geschrieben, daß ich nicht vorhabe, mich auch noch auf diese Standardthemen einzulassen, aber was solls. Vielleicht sollte einfach jeder Blogger ein paar Texte zu diesen Standardthemen im Schrank haben.

Nun also zu den Inhalten.

Jede Kommunikation basiert letztendlich auf einem gemeinsamen Wortschatz.  Wenn die Dialogpartner mit dem gleichen Wort ganz unterschiedliche Begriffe verbinden, kann es nicht gelingen. Der Trick ist natürlich, dies überhaupt zu merken. Erst dann kann man etwas dagegen unternehmen.

Cassiel und ich haben wie gesagt ein paarmal hin- und hergeschrieben, und meine Verwunderung ist mit jedem Text etwas größer geworden – seine vielleicht auch.

Als Einstieg einen Ausschnitt aus Cassiels letztem Kommentar in dieser Sequenz, der für mich der Schlüssel zu dieser Einsicht war:

Du schreibst von der „Cabeceo-bereiten“ Tanguera. Da muss ich noch einmal nachfragen, weil ich das noch nicht präzise genug finde. Redest Du von der – im Bezug auf Deine Person – „Cabeceo-bereiten“ Tanguera? Oder schreibst Du von der generell „Cabeceo-bereiten“ Tanguera? Das ist m.E. ein wesentlicher Unterschied.

Daraus habe ich – hoffe ich zumindest – verstanden, wo meine Irritation herkommt. Für Cassiel gibt es beim Auffordern offenbar nur ein Entweder-Oder, während ich an ein „Sowohl als auch“ im Sinn eines Portfolios von Möglichkeiten denke, aus der man situationsabhängig die beste auswählt.

Für mich ist Cabeceo eine Art Fernkommunikation; dazu braucht es ein Medium, einen Kanal. Eine Tänzerin, die mit Cabeceos „arbeitet“, hat diesen Kanal geöffnet. Ich finde, es ist ziemlich leicht zu erkennen; man sieht, wie jemand die Umgebung wahrnimnmt, mehr in „360 Grad“-Weise oder eben nicht. Wer schon mal ein bißchen in Martial Arts unterwegs war, kennt es vielleicht; ein „Alles sehen“, ohne daß man dazu die Umgebung direkt, etwa durch ständiges Kopfdrehen, abscannen muß.

Es ist eigentlich ganz einfach: es gibt zwei Sorten von Tangueras, solche, die mit Cabeceo rechnen und solche, die es nicht tun. Das muß nicht unbedingt etwas mit Erfahrung zu tun haben. Es gibt Newbies, die offenbar noch gar nicht wissen, das es sowas überhaupt gibt. Ich kenne aber auch erfahrene Tänzerinnen, die Cabeceo durchaus kennen, aber für etwas Albernes oder Unpraktisches halten. Was nebenbei bemerkt nicht bedeutet, daß sie nur auf direktes Auffordern reagieren.

Ob eine Tanguera sich von mir auffordern lassen möchte oder nicht, ist da schon die nächste Ebene. Klar, bei einer „Neuen“ weiß ich erstmal noch nicht, ob sie zur ersten oder zweiten Sorte gehört. So riesig ist aber die Tangoszene nicht, daß man es nicht relativ schnell wüßte; ich würde schätzen, daß ich mittlerweile mehr als 80% der Damen kenne, denen ich auf den Milongas so begegne, und bei den übrigen läßt es sich recht einfach herausfinden. Durch Probieren oder auch einfach durch Beobachten, wie die Paare so zustandekommen. Und wenn ich mal unterwegs bin – es gibt auf jeder Milonga so eine Art Hausstandard. Auch das bekommt man durch Hinschauen recht schnell raus.

Um nochmal auf die unterschiedlichen Begriffsrahmen zurückzukommen: Ich habe meinen Künstlernamen nicht durch reinen Zufall in der Japan-Abteilung gefunden. Ich mag die japanische Kultur und die Japaner sehr gern; daß ich manches skurril finde, gehört dazu und nebenbei bemerkt mögen Japaner sowas sogar, weil es ihnen bestätigt, daß sie etwas Besonderes sind.

Ich spare mir jetzt die ganzen vorsichtigen, politisch korrekten Einlassungen zum Thema Klischee und komme gleich auf den Punkt: Japaner mögen Regeln, sie fühlen sich unwohl, wenn es keine gibt oder wenn sie sie nicht kennen. Das Visitenkarten-Tauschen beim Kennenlernen hat beispielsweise den Zweck, so schnell wie möglich die sozialen Positionen der Beteiligten und damit die anzuwendenden Regeln festzustellen.

Die Abwesenheit von Regeln bedeutet, selbst Entscheidungen treffen zu müssen. Das Unangenehme daran ist, daß man für solche Entscheidungen dann auch Verantwortung übernehmen muß.

Was das angeht, sind wir alle ein bißchen Japaner. Ein dichtes Regelwerk kann etwas sehr Entspannendes sein. Ich habe das mal über das Klosterleben gelesen.  Ein genau durchstrukturierter Tag heißt, einfach mitzuschwimmen. Nicht „wann soll ich austehen und in welcher Reihenfolge erledige ich Dinge“ – das ist alles vorgeschrieben.

Wenn es gut läuft, sind solche Regeln also etwas Positives: weniger Streß. Der Kopf bleibt frei für die wichtigen Dinge – spirituelle Weiterentwicklung.

Leider hat das Ganze wie alle Wohlfühldrogen, die man unvorsichtig verwendet, auch ein paar unangenehme Nebenwirkungen. Zum Beispiel, daß man vergißt, wie schön es sein kann, eigene Entscheidungen zu treffen und damit auch richtig zu liegen. Riskant ist auch, daß die Belohnungsmechanismen im Hirn erstmal nach dem „Schweineprinzip“ arbeiten – wenn etwas gut ist, muß mehr davon noch besser sein. Dann kann es passieren, daß die Sache außer Kontrolle gerät – Neues wird als bedrohlich wahrgenommen, eine sich ausbreitende Risikophobie, die nach immer mehr Regeln verlangt.

Dazu gehört auch, daß man sich die Wahrnehmung der Umwelt passend macht.  Man möchte sich nicht eingestehen, daß man das Verlassen sicherer Regelräume als Gefahr für sich selbst wahrnimmt. Also projiziert man das Ganze auf etwas Altruistisches. Regeln als Schutz für die anderen. Dazu muß man sich diese anderen aber erstmal als schutzbedürftig, unsouverän, vorstellen.

Ich kenne nicht wirklich viele Mönche. Ich erinnere mich aber an ein paar japanische buddhistische Mönche. Sie strahlten so eine Art Grundentspanntheit aus. Eine Fröhlichkeit, die in Richtung von Toleranz  und Offenheit ging.Eine Grundentspannheit erlaubt es auch, offen für Neues zu sein.

Ihr wißt, worauf ich hinauswill. Immer Cabeceo, immer Edomusik. Das sind schon ein paar Entscheidungsdimensionen weniger.

Falls es tangotanzende japanische buddhistische Mönche gibt, bin ich relativ sicher, daß sie sowohl den Cabeceo als auch die verbale Aufforderung beherrschen.

 

Liebe Närrinnen und Narhallesen…

Der Sturm legt, so wie es aussieht, einige Rosenmontags-Umzüge lahm. Da dachte ich mir, vielleicht kann ich ja noch einen zusätzlichen kleinen Sturm im Wasserglas erzeugen – mit folgenden Musikempfehlungen für Freunde der etwas weiter gefaßten Musik-Umarmung:

Sohn: Tempest

London Grammar: Sights

Burak Demir: Kinaliada sonbahar

2Pac: Staring Through My Rear View

Snowy White: Midnight Blues

Lindsey Stirling: Crystallize

Um es mit den Worten eines meiner Lieblingsdichter, Jean Girard, zu sagen:  hakuna matata, bitches…

Alaaf!

 

Nicht für die Schule…

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sondern fürs Leben lernen wir. So sagt es schon der Lateiner. Um hier im Kon-Text zu bleiben: Et tu, Tanguero?

Dies ist actually im Kern ein Stück aus meinem Zettelkasten. Es gibt aber auch einige Querverbindungen zu aktuellem Geschehen. Und zwar:

Gerhard Riedl hat in einem kürzlichen Post gleich zwei bemerkenswerte Dinge geschafft: ein äußerst interessantes Thema anzusprechen, und den Kollegen Cassiel dazu gebracht, mal wieder die Tastatur in die Hand zu nehmen. Beziehungsweise, Text in seinem Blog und nicht elsewhere, you know what I mean, zu veröffentlichen. Was dann wieder Gerhard zu einem partiellen Replik-Post und einem ziemlich guten Kommentar in eigener Sache veranlaßt hat. Und Cassiels Text hat auch ein paar sehr lesenswerte Kommentare aktiviert (wie zum Teufel schafft er das?).

Ich habe Cassiel aus Respekt vor seinem Originaltext auch per Kommentar noch ein paar direkte Sätze geschrieben. Wegen besagter Verbindung zu einem „wollte sowieso demnächst mal drüber schreiben“-Thema und auch weil es gestaltungs- und komfortmäßig netter ist – ich stehe nicht so auf mehrteilige Kommentare – schreibe ich den Haupttext allerdings hier.

Ja. Also. Warum streue ich hier englische Worte ein? Als kleines dramaturgisches Element, um Euch darauf vorzubereiten, daß es dann gleich um einen amerikanischen Tanguero und Blogger, Ney Melo, gehen wird. Mit Sachen aus Amerika ist das ja so, daß sie erstmal viel cooler sind als Zeug von anderswoher.   Die Japaner nennen das, in Bezug auf Waren, „vom Schiff“. Eine Studie hat ergeben, daß Wasser naß ist – na ja. Eine kürzlich veröffentlichte amerikanische Studie…schon viel besser.

Ney Melo schreibt also, daß Damen minderbemittelten Tänzern Körbe geben sollten, um sie damit zu motivieren, besser tanzen zu lernen. Damit sie nicht mehr von Brutalos an den Haaren durch die Ronda geschleift werden wie Hektor von Achilles (im Film Troja). Na ja, die Amis – man kann sagen was man will, von krass dramatischem Zeug verstehen sie was. Und von Marketing. Herr Melo ist ja auch Tangolehrer. Gerhard schrieb darüber – vielschichtig, wozu auch die Frage gehörte, ob man vergleichstechnisch nicht die Kirche im Dorf lassen sollte.

Cassiel griff das Ganze dann auf. Nachdem er sich von Ney Melo die Lizenz zum Zitieren/Übersetzen besorgt hatte, gab es dann gleich noch, mit Ney sozusagen noch im Zeugenstand sitzend, ein Bonusthema dazu – Direktes Auffordern (böse). Ist quasi schon das gleiche wie jemand an den Haaren auf die Tanzfläche zerren. Da ist schlechtes Tanzen nur noch das Sahnehäubchen (Sahne: auch schlecht. Macht dick) drauf.

Kleiner Einschub, damit Cassiel sich in Zukunft etwas Arbeit sparen kann: Für das Zitieren von Text braucht es, saubere Quellenangabe vorausgesetzt,  nach wissenschaftlicher Gepflogenheit nicht das Einverständnis des Originalautors. Bei „Großzitaten“ vielleicht.  Das wären aber dann mehrere Seiten und nicht nur ein paar Sätze. Und wenn man sich kritisch mit einem Text auseinandersetzt, ist eine Zustimmung gar nicht erforderlich. Wäre ja sonst auch komisch – dann könnte jeder Autor Kritik einfach dadurch unterdrücken, daß er diese Genehmigung verweigert. Wofür man die Zustimmung braucht, sind grafische Objekte (Diagramme, Bilder etc.), die man in eigene Texte einfügt.

Abgesehen davon würde ich mir als Autor, wenn überhaupt eher Sorgen machen, wenn jemand meinen Text übersetzt – woher weiß ich, daß derjenige das kann und nicht einfach irgendwelches Zeug schreibt und behauptet, das wäre von mir? Also wenn schon Etikette, dann bitte den englischen Text von einem vereidigten Übersetzer ins Deutsche übertragen lassen, Ney Melo zur Genehmigung vorlegen und dann veröffentlichen. Wenn Ney das Deutsche von einem vereidigten Übersetzer erstmal wieder ins Englische übersetzen lassen möchte, kann man ihm ja anbieten, die Kosten zu übernehmen. Und am besten die ganze Korrespondenz auch über Anwaltskanzleien führen lassen…man kann ja nie wissen. Nicht daß Cassiel bei seinem nächsten Amilandbesuch noch am Flughafen verhaftet wird. Dann gleich ab nach Guantanamo, Waterboarding, Non-Edo-Musik, das volle Programm.

Aber ich schweife ab, oder, wie Ney Melo sagen würde: I digress.

Ich habe Neys Post im Original gelesen; als ich Cassiels Text las, dachte ich: Komisch…Direktaufforderung? Dazu hat Ney doch gar nichts Direktes geschrieben. Also bin ich mal auf die Suche gegangen. Zum Glück verweist Ney gleich unten in seinem Post auf eine andere Seite: http://neymelo.com/2011/10/23/the-dos-and-donts-of-inviting-and-accepting/. Wie man am Datum sieht, etwas älter. Aber: Den Link nehme ich als Indiz, daß Ney seine Meinung seitdem nicht geändert hat.

Was finden wir da? Erstmal – eine Menge Text.

Das Wort Cabeceo kommt auf der Seite auch vor, und zwar genau einmal:

„ If they are sitting with all their attention focused on their companion, deep in conversation, eating, enjoying a drink and looking otherwise very comfortable where they are, approach with caution. See if you can catch their eye. If they look away, then save your invitation for later. Yes, this is a version of the cabeceo. …“

Heißt: Wenn man auf seinem Weg ist, die Dame aufzufordern, und schon mal Blickkontakt sucht, und sie wegschaut, dann sollte man die Aktion abbrechen.

Das wars aber auch schon. Der restliche Text geht mehr in Richtung „verbales Auffordern“, und schon gar nicht steht irgendwo, daß Cabeceo gut und alles andere böse ist…was auf einer Seite mit dem Titel „Do’s and Don’ts“ eigentlich zu erwarten wäre. wenn der Autor es denn tatsächlich so meinen würde.

Nun könnte es sein, daß sich jemand etwas für einen Knalleffekt aufgehoben hat, etwa

„Only use Cabeceo, everything else is really really baad (*)“
(* Ney Melo, personal communication, 2016).

Glaube ich aber eher nicht. ich denke, daß Ney tatsächlich meint, was er schreibt: Gute Tangueras sollten sich nicht von schlechten Tangueros auffordern lassen, und zwar egal wie sie aufgefordert werden. So eine amerikanische Tanguera war vielleicht ja eh vorher bei den Marines und weiß, wie man Kerle plattmacht. Und Ami-Tangueros sind bestimmt auch keine zimperlichen Heulsusen, die bei einem Korb gleich einen Nervenzusammenbruch kriegen.

Okay, soweit zu diesem Thema. Ney Melo hat übrigens ein paar andere interessante Seiten veröffentlicht. Mit einer davon werde ich mich demnächst noch etwas beschäftigen.

Was ist denn jetzt eigentlich meine persönliche Meinung zum Thema Tango-Lysistrata?

Ihr wißt schon, daß Pragmatismus mein zweiter Vorname ist. Solche Ansichten finden sich auch reihenweise in den Kommentaren zu Cassiels Post. Erstmal, ich hätte kein Problem damit, von einer Tangogöttin rüde zurückgestoßen zu werden. Das würde sie in meinen Augen nur noch begehrenswerter machen, das Spiel wäre also nur noch reizvoller als sowieso schon. Nur ist auch wahr: ein Korb für einen nicht so guten Tänzer ist noch keine Garantie, beim nächsten Versuch einen besseren Tänzer abzukriegen. Und ja, es gibt offenbar mehr Tangueras als Tangueros – mögliche Gründe, inklusive einem evolutionstheoretischen Ansatz, habe ich in einem älteren Post ja auch schon mal angeboten (https://tangoblogblog.wordpress.com/2015/08/16/warum-tanzen-maenner-nicht/). Und da war noch ein Link zu einem sehr schönen Artikel zum gleichen Thema (http://www.ruhrbarone.de/tango-iv-tango-ist-fuer-maenner-mangel-an-sich-selbst/32074). Und es gibt auch „unverbesserlich schlechte“ Frauen. Was ich aber alles nicht so schlimm finde. Erstmal gibt es zu den meisten Töpfchen eben doch passende Deckelchen. Und die allermeisten Tänzer werden eben doch mit der Zeit besser, was aber voraussetzt, daß es auch genug Übungsmöglichkeiten gibt.

Und was war das Thema, über das ich sowieso schreiben wollte?

Der Titel wäre sowas gewesen wie „Warum macht man eigentlich Kurse?“

Das meiste, was ich in meinen Kursen lerne, kann ich auf der Piste nicht anwenden. Es fehlt manchmal schlicht der Platz, um es auch nur zu versuchen – Kombis mit Ganchos, Volcadas, rückwärts eingesprungene Doppelsacadas… das ganze coole Zeug halt, ihr wißt schon. Außerdem – schätze, ich bin nicht der einzige, dem es so geht – bevor ich etwas kleinräumig hinkriege, muß ich es erstmal größerräumig schaffen. Und das nötige Selbstvertrauen, das notwendig ist, um tatsächlich sicher zu führen – so wie ich es wahrnehme, muß man die Bewegung denken, um sie führen zu können – entsteht eben erst dadurch, daß man es schon ein paarmal hinbekommen hat.

Ich wette, daß ich nicht der einzige bin, der das so wahrnimmt. Also warum den ganzen Aufwand überhaupt treiben? Gerade beim sogenannten „umarmungsfokussierten“ Tango – wenn man eh nur rumsteht und sich minimal bewegt, kann man sich doch eigentlich die Zeit und das Geld für Kurse sparen, da lernt man ja doch nur irgendwelche Kunststückchen, die kein Mensch braucht.

Nicht anwenden heißt aber nur: Nicht direkt anwenden. Mit jeder Kombination verstehe ich Dinge besser. Die kleinen, subtilen Sachen – ein paar Grad andere Fußstellung, und der nächste Schritt funktioniert fünfmal besser. Das Ziel eines Schrittes woanders hin denken – die Drehung funktioniert auf einmal ohne Achsengefährdung. Die Basics sowieso – wo ist das Gewicht der Frau, wann ist sie angekommen und kann komfortabel weiter, et cetera. Manchmal dauert es Monate, bis es dann irgendwo „klick“ macht. Oder man merkt es gar nicht.

Und das ist nicht nur die eigene Wahrnehmung. Partnerinnen fühlen sich wohler, sind entspannter. Und das Beste: Ein Kurs ist auch der Ort, an dem man sich über solche Dinge austauschen kann. Vor einiger Zeit gab es mal irgendwo in der Blogosphäre (wo, habe ich leider vergessen) eine Diskussion, ob nicht Männer die Hauptprofiteure von Kursen sind. Schon möglich, daß dies vordergründig stimmt. Das wird aber schon mal dadurch relativiert, daß bei Milongas die Frauen in einer besseren Position sind, weil sie eine Menge „Input-Angebot“ bekommen. Abgesehen davon kann in Kursen die Partnerin auch Sachen „bestellen“, etwa, eine bestimmte Bewegung zu liefern oder Position einzunehmen, damit sie etwas ausprobieren kann.

Daß man mit mehr Tangofähigkeiten auch mehr Chancen bei besseren Tänzerinnen hat – klaro. Wäre aber noch nicht mal das Hauptmotiv – mehr Möglichkeiten bedeuten schlicht mehr Spaß generell.

Bottom Line: Daß auch erfahrenere Tangueros noch ab und zu Kurse besuchen sollten, ist für mich sowas von klar gewesen, daß mich vielleicht deshalb Herrn Melos flammende Rede nicht allzu sehr entflammt hat.

 

 

 

 

 

Cassiel-Profiling die 2.

IMG_5255Alte Sache, Projekt aus 2015. Genaugenommen ist der Kern dieses Textes schon ein paar Monate alt. Heute war ich einfach in der Stimmung, ihn mal auszuarbeiten.

Ich glaube, ich habe einen Schlüsselmoment für Cassiels Radikalisierung gefunden.

Guckst du: http://tangoplauderei.blogspot.com.es/2010/03/nur-mal-so-gefragt.html

Der Artikel (es geht ums DJing) selbst ist es gar nicht, sondern das, was in den Kommentaren passiert.

Kurzversion: Ich glaube, Christian Tobler war’s.

Ich fasse Christians Kommentar-Trilogie mal so zusammen:

  • Live-Tangomusik ist Mist, weil eigentlich immer untanzbar
  • Es gibt EdO-Liebhaber und EdO-Verächter.

Details? Na gut. Und ja, ich habe selektiv zitiert. Ich möchte definitiv, daß Ihr den Originaltext lest.

Der Start ist sanft, einfühlsam.

„klare Antworten kann ich Dir kaum geben, weil zu viele Aspekte Deiner Situation noch unbekannt sind und sich erst an Abend selbst entpuppen werden.“

Dann drückt einen die Beschleunigung auch schon ordentlich in den Sitz:

„Wenn am selben Abend verschiedene DJ unterschiedliche Bedürfnisse abdecken, ergibt das zwangsläufig ein Wechselbad, das keine Kontinuität aufkommen lässt und noch weniger Harmonie.“

Rechtzeitig die Opferrolle für sich zu reservieren, ist wichtig. Das gibt Handlungsspielraum.

„Gut möglich, dass der traditionellste DJ im Gebrüll seiner Mitbewerber völlig untergeht.“

Wichtig ist auch, für mögliche Mißerfolge schon mal eine Erklärung parat zu haben:

„Im Rahmen einer Stunde ist es unmöglich, die EdO repräsentativ aufzulegen… Dazu braucht es (aber) rund sechs Stunden“.

Aber zum Glück gibt es einen Plan – besondere Umstände erfordern natürlich auch robuste Maßnahmen.

„Im jedem Rahmen unter vier Stunden ist man als traditioneller TJ gezwungen mit der Kettensäge aufzulegen, weil die Zeit fehlt um die Dinge sich organisch entwickeln zu lassen.“.

Kettensäge, na klar … rein defensiv, versteht sich, und auch nur, weil man dazu gezwungen ist.

Ein anständiger Spannungsbogen braucht natürlich auch mal ein paar leise Zwischentöne oder gar einen scheinbaren Widerspruch:

„Daher kann sogar ein heftiges Augenzwinkern am Platz sein: eine Tanda mit dem Sexteto Milonguero zu Auftakt etwa. Der Sound ist zeitgenössisch und die Stücke fetzen. Wenn das die Tänzer dazu motiviert, das Parkett sofort wieder füllen, hat der Start geklappt und die Hälfte der Aufbrechenden bleibt vorerst. Keine EdO? Schon klar, aber auch ein traditioneller DJ sollte die eine oder andere musikalische Fremdsprache wenigstens radebrechen können.“

Ein Highlight ist noch der Fanfarenstoß am Schluß der Trilogie:

„Es ist anspruchsvoll genug als einziger DJ auf sein Publikum einzugehen und dem Abend ein Gesicht zu geben. Ich habe null Bock darauf, die Böcke anderer auszubügeln und dann zuschauen zu müssen, wie meine Nachfolger die Stimmung mit einer einzigen Tanda wieder dem Erdboden gleich macht.“

Ich kann mir vorstellen, welche Anziehungskraft diese kraftvollen, selbstbewußten Worte auf eine sensible Seele haben können, die sich nach Sicherheit und Geborgenheit sehnt. Da ist jemand, der eine klare Meinung hat. Kein Rumeiern. Keine falsche Bescheidenheit. Endlich Schluß mit Ambivalenz, diesem ganzen pussy-mäßigem „sowohl als auch“, unnötiger Toleranz.

Edo-Liebhaber und –Verächter. Freunde und Feinde, wir oder sie. Zusammenhalt erzeugen, indem das „Außen“ als gefährlich beschrieben wird. Nur die Wagenburg bietet Schutz. Der Gegner ist schlau, skrupellos und verfügt über unglaublich starke Waffen. Eine falsche Tanda, und es ist vorbei. Mehr noch: Ein falsches Musikstück, und der Abend ist ruiniert – und jeder, der es hören mußte, bleibt beschmutzt. Ständige Wachsamkeit und bedingungslose Loyalität zu unseren spirituellen Anführern ist die einzige Überlebenschance.

Der Rest ist Geschichte.