Die guten alten Zeiten – die Zweite

Im letzten Post hatte ich zum „hinteren“ Teil des ersten Kommentars von Noboru Wataya geschrieben – mit der Anmerkung, daß das Spannende an diesem Kommentar eigentlich sein Intro war – hier ist es nochmal:

Das waren noch Zeiten, als die Blogthemen einfach so auf der Tanzfläche herumlagen und man nicht über Tangoblogs meta-bloggen musste… träum

Ich weiß, daß ich dazu schon mal was geschrieben habe (vermutlich mehr als einmal), aber anstatt die Originaltexte rauszusuchen, hier die ganz frische aktuelle Version meiner Sicht auf diese Dinge.

Der Tango hat im „Sachbereich“ nicht allzu viele Basisthemen. Musik (mit ein paar Unterthemen wie Soundqualität, Auswahl), Tanzstile; Codigos (mit ebenfalls ein paar Unterthemen wie Gender Selection) – das wars im Großen und Ganzen. Man kann diese Subthemen vielleicht anders anordnen – trotzdem wurde das alles, grundsätzlich, schon vor X Jahren textlich abgedeckt.

Natürlich sind es keine echten Sachthemen; beispielsweise hat so gut wie jeder „Tango-Knigge“ eine Färbung aus der Abteilung Glaubensrichtung. Wenn wir uns das Ganze als eine Art Koordinatensystem vorstellen, mit einer Achse oder Dimension für jede dieser Themenbereiche, dann wird es zunehmend schwerer,  Originalität zu erzeugen – wie ging nochmal der Spruch „es wurde zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem“? Klar kann man versuchen, die Extremwerte der Skala noch ein bißchen nach außen zu verschieben – nehmen wir als Beispiel die „Tango Voice of America“, die so wie es aussieht auch abgebrühte Leser in puncto Radikalität überrascht hat.

Aber an sich ist diese Themenwelt im Großen und Ganzen vermessen. Solange der homo sapiens tangoniensis sich nicht entscheidend weiterentwickelt – mehr Arme oder Beine oder zumindest ein paar Extra-Gelenke – wird sich da auch nicht mehr so viel tun. Oder wenn sich das Paradigma der „gültigen“ Musik nochmal ändert, sagen wir hin zu einer neuen Blütezeit für zeitgenössische Orchester….träum. Die einzige „unbegrenzte“ Dimension ist die der Tango-Poesie. Dort gibt es natürlich auch Begrenzungen – die Geschichten müssen ja irgendwie im Tangoambiente und somit auch mit dessen Settings spielen. Nur macht es dort nicht so viel aus, weil sich diese Geschichten mit den Personen auf der Tangobühne und deren Innenleben befassen und nicht mit den Attributen dieser Bühne.

Aber ganz so statisch es ist am Ende doch nicht. Einstellungen können sich wandeln und Themen werden dadurch neu verhandelt. Und es kommen ja auch immer wieder neue Personen nach Tangoland. Nehmen wir an, daß unter diesen Neuankömmlingen einige sind, die das Format „Tangoblog“ mögen. Was finden sie vor? Eine ziemlich große Bibliothek, all die noch aktiven und auch die inzwischen eingeschlafenen Blogs – die meisten sind ja noch online, auch wenn sie lange nicht mehr bespielt wurden.

Ich habe mich schon öfter gefragt, wie viele Promille der Tangoland-Bevölkerung überhaupt Blogs lesen – mein Eindruck ist, allzu viele können es nicht sein. Und davon nimmt wieder nur ein kleiner Teil am Kommentarleben teil. Gefühlt kommen im deutschsprachigen Raum 90% aller Blogbeiträge von nicht mehr als 10 Personen. Und selbst wenn ich mal den Bereich „Blog“ auf solche, ahem, Mutationen wie Facebook-Präsenzen ausdehne, reden wir vielleicht über 200 oder 300 aktiv kommentierende Personen weltweit.

Ob nun diese Zahlen richtig geraten sind oder nicht – es mögen von mir aus auch zwei- oder zehnmal so viele sein. Die absolute Anzahl ist sowieso relativ, weil diese Personen tangomäßig intensiver unterwegs sein dürften als Otto Normaltanguero. Entweder aktiv als Multiplikatoren für Moden und Strömungen, sagen wir mal in Rollen wie Veranstalter oder DJs), oder als Sensoren für das Geschehen in Tangoland, was sich auswirkt, wenn sie Kommentare schreiben.

Worauf ich hinauswill, ist: Wie läuft die Kommunikation? Sagen wir, es gibt zu einem Thema die Mutter aller Blogposts. Geschrieben 2012. Aktivitäten im Medium Web haben sehr kurze Halbwertszeiten –  nach ein paar Wochen ist auch in den intensivsten Kommentar-Threads die Luft raus. Was macht also der Newcomer in Tangoland? In alten Threads kommentieren? Kommt vor, ist aber soweit ich es feststellen kann selten.

Nicht daß jemand denkt, ich hätte eine Theorie, die all diese Fragen und Beobachtungen zu einem stimmigen Gesamtbild vereinigt. Habe ich nicht. Nur ein paar Fragen: Hat sich das Verhalten von Tangoland-Neubürgern oder solchen, die in höhere Schichten der Tangoland-Community aufgestiegen sind, verändert – lesen sie weniger oder woanders, und wie steht es mit ihrer Kommunikationsfreude?

Ach ja, meine Motivation: Ich bin zwar kein Öko, mag aber trotzdem keine Energieverschwendung. Ich biete zwei selbstverständlich hinkende Vergleiche an. In meiner Jugend hat man seinen Angebeteten Mixtapes geschenkt – um per Text oder Stimmung in der Musik etwas auszudrücken, was man eventuell auch mit der eigenen Klampfe hätte tun können. Oder Theaterstücke. Eine Menge Theaterstücke wurden vor ein paar hundert Jahren geschrieben. Sie werden immer wieder neu inszeniert. Der Text selbst ist dabei eine weitgehende Konstante; die Parameter sind das optische Beiwerk und so etwas wie die Betonungsweise der Texte. Mein Ziel ist selbstverständlich, wie immer in solchen Fällen, world domination, die Meinungsführerschaft in Tangoland. Mein Mittel ist die Kombination einer geschickten Auswahl von Blogposts mit klugen verbindenden Texten.

Das ist, sozusagen, eine Art DJ-Methode (oder TJ. Wir Intellektuellen lieben ja tiefgründige Wortspiele – hier steht T sowohl für Tango als auch für Text).

(das sollte für heute reichen…muß noch Handwerks-Coaching für ein Kunstwerk im Stil des Dekonstruktivismus machen…)

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Die guten alten Zeiten

 

Liebes Tagebuch: Der Tag begann mit einem überaus leckeren Karotte-Apfel-Saft aus der Zentrifuge (2 Teile Karotte, 1 Teil Apfel. Das Obst hatte annähernd Balkon-Temperatur, momentan sind das ca 12 Grad). Anschließend meditatives Staubsaugen mit dem (für mich) neuen Album von Snowy White: Released auf dem Kopfhörer. Schöner, satter Blues, einige Stücke durchaus, von der Stimmung und auch Struktur her, gute Nontango-Kandidaten (hört selbst).

Eigentlich wollte ich auf den Kommentar von Noboru Wataya zum letzten Post nur was Kurzes zurückschreiben. Beim weiteren Nachdenken wurde mir klar, daß das so kurz nicht geht, weil Noboru im Prinzip tiefgreifende philosophische Fragen angesprochen hat. Zudem hat sich zwischen Noboru-san und Gerhard-san inzwischen ein sehr interessanter Kommentar-Dialog entwickelt, in den ich nicht reingrätschen will.

Es geht weniger darum, ob wir beim Thema „Was sind Cassiel und Christian für Persönlichkeiten“ Konsens haben – haben wir nicht, und das sehe ich nicht als Problem an (hier spiele ich natürlich auf den im Post beschriebenen „Temperatur-Spike“ beim Erscheinen von Terpsi an).

Wir Hobbypsychologen wissen, daß so ziemlich alles Bad-Guy-Tum auf diesem Planeten seine Wurzeln in Kränkungen durch verweigerte Wertschätzung hat. Es gibt natürlich keine echte Lösung für dieses Problem, wenn wir Normalos nicht unsere gesamte Wachzeit damit verbringen wollen, das Ego anderer Leute zu streicheln.

In Cassiels Texten spüre ich über die Jahre hinweg eine Radikalisierung, die deutlich über das  „penible akademische Abstecken von Terrain“ hinausgeht. Ich bin durchaus der Ansicht, daß man manchmal ein wenig überspitzen und auch provozieren muß, um aus einer Diskutantenrunde das Beste herauszukitzeln. Mir fällt als Beispiel gerade Michel Friedman ein (vor der Koks-Affäre), der seinen Talkshowgästen definitiv in mehr als nur physischer Weise auf die Pelle gerückt ist und sie genau dadurch aus der Reserve gelockt hat. Daß er dabei als Kotzbrocken rüberkam, dürfte einkalkuliert gewesen sein. Aber Cassiels Art wirkt (offenbar nicht nur auf mich) anders provozierend. Soweit ich es selbst analysieren kann – was mich provoziert ist diese absichernd-politisch korrekt-beflissene Formulierungsweise. Das läßt bei mir diese „Inquisitor-Warnlampen“ angehen, die ich offen gesagt zur wertvollen Basisausstattung von Wissenschaftlern zähle. Ich habe nur wenige tiefe Überzeugungen – daß jedes Paradigma die Möglichkeit der Falsifizierung oder des Obsolet-Werdens durch Weiterentwicklung einräumen sollte, ist eine davon.

Was nun die Klassifizierung von Christian als Nerd angeht –  ich bewege mich durchaus in Nerd-Gefilden. Daß Nerds Leute sind, deren Respekt man sich verdienen muß – mag sein. Wobei natürlich die Frage im Raum steht, warum man sich das überhaupt wünschen sollte. Ich hatte mal einen Mitarbeiter, der ein Voll-Nerd war (ein Softwaretüftler, by the way); auf seinem Gebiet absolute Spitze. Er mußte trotzdem gekündigt werden, weil er auch absolut un-führbar war und insofern im Team längerfristig mehr Schaden als Nutzen gestiftet hätte.

Aber das ist eine Ausnahme. Die Nerds, die ich kenne, sind von Haus aus gutmütige Leute. Sie haben in der Regel auch kein Defizit beim Selbstwertgefühl, weil sie wissen, daß sie auf ihren Gebieten gut sind. Daß sie vielleicht nicht so gut in sozialer Geschmeidigkeit sind, wissen sie (und persönlich finde ich das auch überhaupt nicht schlimm, unter anderem deswegen, weil ich auf diesem Gebiet auch keinen Autopiloten habe). Nach meiner Erfahrung korrelieren Selbstwertgefühl und Entspanntheit – Rechthaberei, die Angst davor, feste Positionen zu verlassen, sind meist ein Indiz für ein schwaches Selbstwertgefühl.

Ich stelle gerade fest, daß dieser Text schon wieder eine Word-Seite groß geworden ist. Ich mache daher hier einen Stopp und setze die Betrachtungen demnächst an der Stelle fort, die ich eingangs als spannend bezeichnet habe: Noborus Feststellung, Frage oder These, daß früher, zumindest was das Herumliegen von Tangothemen angeht, früher alles besser war.

Musikalität

DSCN0144Wenn das mal kein Zufall ist: An den Rechner gesetzt habe ich mich, um über einen älteren Post von Cassiel bzw. vor allem dessen Kommentar-Battle zu schreiben. Und gerade hat auf meinem überaus praktischen Neue-Posts-Radar*  ein neuer Post von Tango Immigrant mit dem Thema Musikalität aufgeblinkt.

  • Die Seite selbst ist, naja, im Tiefschlaf oder so. Aber in der Seitenleiste gibt es unter Tango/Argentina Blogs eine automatisch aktualisierte Liste von so ziemlich allen Tangoblogs. Neue kommen vermutlich nicht mehr dazu. Aber ich habe ja eh die Vermutung, daß die Neugeburtenrate von Tangoblogs so ziemlich null ist. Liegt vermutlich an Facebook…aber ich schweife ab.

Okay, erstmal Tango Immigrant. Naja, es ist ein recht blumiger Text, der uns auffordert, uns immer mal wieder mit Musikalität zu befassen. Oder so. Ich gebe zu, ich habe ihn nicht so genau gelesen. Was auch daran liegt, daß ich vor kurzem einen Workshop besucht habe, der mich – glaube ich – auf meiner Tango-Lernkurve ein schönes Stück weiterbefördert hat. Muß nur noch rauskriegen, wohin genau.

Übrigens –wer auf fernöstliche Philosophie der etwas härteren Sorte steht und mal etwas Zeit hat, möge bei „In Search Of Tango“ reinschauen. Ich bin jetzt nicht in der Stimmung für Zusammenfassungen – lest selbst.

Also zum Hauptthema. Drauf gekommen bin ich durch Gerhards aktuell letzten Post. Darin findet sich ein Verweis auf einen 2012er Post von Cassiel, und zwar eine Rezension eines Buchs von Michael Lavocah zum Thema Tangomusik.

Ich finde es ja immer wieder beeindruckend, welche Schätze sich in den Tiefen der Tangoblog-Archive verbergen. Die Dynamik solcher Blogs beziehungsweise unserer Art, Webinhalte zu konsumieren, hat irgendwie etwas Treibsand-artiges an sich. Dinge sind eine kurze Zeit lang sichtbar, dann werden sie von Neuem zugedeckt. Bei Blogs geht das noch, da sie Strukturen mitbringen, die ein systematisches Hinabtauchen möglich machen. Bei Medien wie Facebook ist es ganz schlimm. Ich weiß noch nicht mal, ob ein solches Hinabtauchen rein speichertechnisch überhaupt machbar wäre. Man müßte sich auf jeden Fall durch dicke Schlammschichten von Kommentaren und kommentierten Kommentaren kämpfen. Ich glaube, daß ältere Inhalte bei Facebook einfach aus der Wahrnehmung verschwinden.

Was schon irgendwie schade ist. Liegt vielleicht am Älterwerden – ist es nicht wunderschön und tragisch zugleich, wieviel Liebe und Energie wir alle daran setzen, irgendwelche Fähigkeiten zu entwickeln. Zum Beispiel Tangotanzen. Oder Aikido, malen, Singen, Musizieren…Wenn wir dann eines Tages den Löffel abgeben, ist alles weg. Einfach so. Was im Fall des Tangotanzens vielleicht eine Begründung dafür wäre, die Skills eben ab einem gewissen Punkt nicht mehr weiterzuentwickeln, weil eh für die Katz. Okay. War boshaft. Sorry. Konnte nicht widerstehen.

Jedenfalls, für Leute, die sich ein wenig durch Tangomusik durchhören wollen, bietet der Post einiges an Informationen – sowohl die Hinweise auf Michael Lavocahs Buch und Website als auch Cassiels Kommentare dazu, die eine andere Sichtweise anbieten.

Andere Sichtweisen sind, finde ich, nämlich etwas Schönes. Und Dispute auch – jedenfalls wenn oder solange sie sich nicht in Richtung Catfight oder „pissing contest“ (auf deutsch „Schwanzvergleich“) oder wie immer man das Aufeinandertreffen von Egos nennen möchte, entwickeln. Wenn es gut läuft, motivieren solche Dispute die Beteiligten, ihr Bestes zu geben – und damit kann auch das Publikum profitieren.

Vorweg: Um mir ständige Nebensätze zu ersparen: was immer ich hier gleich wiedergebe, entspricht selbstverständlich meiner subjektiven Wahrnehmung (was denn auch sonst) und kann von daher auch falsch wahrgenommen sein. Und nein, ich werde den Text nicht mit irgendwelchen Pointern auf irgendwelche konkreten Kommentar-Nummern garnieren.

Jedenfalls, Cassiels Post hat einen Kommentar-Podiumsdialog mit insgesamt 112 Kommentaren erzeugt, was ich beeindruckend finde. Auf der Bühne im wesentlichen Christian Tobler und Theresa (Faus), dazu noch einige Nebendarsteller (ist nicht abwertend gemeint).

Und ein kurzer etwas befremdlicher Temperatur-Spike, als Terpsi sich zu Wort gemeldet hatte. Irgendwie fand ich das seltsam. Da muß zwischen ihr und Cassiel mal was mächtig schief gelaufen sein. Wenn es nicht so absurd wäre, würde ich auf einen völlig aus dem Ruder gelaufenen One-night-stand tippen, bei dem Cassiel irgendwie emotional stark verwundet wurde und sich dafür dann gerächt hat. Ich fand es jedenfalls schon strange, wie auf der einen Seite immer dazu aufgerufen wird, auch kontrovers zu diskutieren, damit Leben in die Bude kommt – aber dann jemand mit der Begründung, eine zum Meister inkompatible Meinung zu vertreten, Hausverbot erteilt bekommt. Beziehungsweise, vorgeworfen bekommt, Selbstmarketing zu betreiben.

Meine Tochter (die zeitweise zirka 180.000 Follower auf einer Plattform hatte, deren Name hier keine Rolle spielt) hat mir mal einen Begriff beigebracht: „Attention Whore“. Tja, sind wir das nicht irgendwie alle? Aber warum auch nicht. Wir könnten natürlich auch Aficionados sein. Oder Heilige, die um der hehren Kunst willen das härene Gewand des Missionars anlegen und sich bereitwillig unter die Heiden begeben, bereit, im Kochtopf zu landen, wenn auch nur eine kleine Chance besteht, das Licht zu ihnen zu bringen.

Okay, was will ich damit sagen? Christians und Theresas Standpunkte in Sachen Musik scheinen mir gar nicht so weit auseinander zu sein. Mein Eindruck war aber, daß Christian – eher als Theresa – polarisieren wollte, warum auch immer – nicht der gefühlte zweite Sieger sein zu wollen, die eigene Causa promoten, oder was weiß ich. Ein Beispiel war die Frage: darf man auch mal ein Gesangsstück in einer ansonsten instrumentalen Tanda auflegen. Theresa: manchmal, eher selten, wenns mal paßt. Christian: No, never, niemals, ganz großes NoNo. Die arme Theresa versuchte mehrmals, ihm klarzumachen, daß sie es auch nur tun würde, wenn es wirklich paßt – aber er wollte sie irgendwie nicht aus der Ecke der Häretikerin rauslassen.

Recht inkonsistent kam mir Christians Position in einem anderen – aus meiner Sicht schon ziemlich alltagsrelevanten – Punkt vor. Ist ein TJ ein Künstler oder ein Dienstleister? Wer Christian nicht kennt – er vertritt eine recht kompromißlose Linie der Audiophilie (womit ich durchaus sympathisiere; im einer Jugend war ich mal eine Zeitlang in dieser Szene unterwegs…aber das ist eine andere Geschichte). Sicher ist es richtig, daß eine gute und gut eingestellte Anlage hilft, die Feinheiten der Musik hervorzubringen (wobei man durchaus darüber streiten kann, wo hier die Schwelle ist…ich denke nicht, daß man dafür unbedingt Röhrenverstärker und/oder High End-Komponenten braucht, aber auch das ist eine andere Geschichte). Jedenfalls, es mag schon sein, daß eine schlechte Anlage die Feinheiten guter Musik nicht richtig herausbringt und die Mängel schlechter Musik ein wenig vertuscht. Nur folgt daraus noch lange nicht, daß man nur die Top 120 oder 300 oder was auch immer spielen sollte. Das donnernde „Häresie“ bekam Theresa insofern auch zu hören, als sie andeutete, in ihren Milongas auch mal weniger bekannte Musik zu spielen. Nur – wie paßt das mit Christians ebenfalls geäußertem Credo zusammen, daß man eben auch mal den Weg weisen sollte?

Um nochmal auf mein Intro zurückzukommen – Musikalität. Eine gute Tanda ist eine, bei der es um Emotionen geht. Klar erkenne ich Musik wieder, die ich schon ein paarmal gehört habe, und es gibt auch eine gewisse Sicherheit, wenn man in etwa weiß, was kommt. Das Spannende beim Tanzen sind aber auch die Überraschungen – das Spektrum reicht von „ganz neue Partnerin und Musik, die ich vorher noch nie gehört habe“ bei einer Nontango-Veranstaltung, bis zu „Millonenfach gehört und absolut vertraute Partnerin“ – ich habe höchsten Genuß an allen Punkten dieses Koordinatensystems erlebt, nicht nur in einer Sektion. No risk, no fun, wie der Lateiner sagt. Jedenfalls – mir wurde von so vielen verschiedenen Leuten gesagt, ich würde musikalisch tanzen, daß ich annehme, daß was dran ist und ich hier mitreden kann. Reine Instrumental-Tandas finde ich zum Beispiel eher langweilig; da fehlt etwas. Warum nicht mischen? Eine Stimme ist ein ziemlich vielseitiges Instrument, und wenn der TJ seinen Job gut macht, kann dabei etwas sehr Schönes entstehen.

Genauso wie ein Stück oder eine ganze Tanda mit nicht so bekanntem Zeug. Klar doch; es gibt diese Musikwissenschaftler am Mischpult, denen alles egal ist (vor allem die Tänzer) wenn sie etwas Neues ausgebuddelt haben. Aber jemand mit einem guten Gefühl für die Musik kann das. Habe ich schon oft genug erlebt.

Okay, genug für heute. Zeit fürs Abendessen. Nur noch im Nachsatz: Nein, ich habe nichts gegen Christian. Ich habe ihn schon als TJ erlebt, es war okay. Ich finde ihn nur etwas zu un-locker. Vielleicht hält er sich an all diesem Strikten und Fundamentalistischem fest, weil er Angst hat, bei freierer Bewegung schlecht dazustehen. Oder er ist mit der Zeit verhärtet, aus Frust, wie wenige Streicheleinheiten er für all die Mühe um die Perfektionierung des Technischen bekommt. Wobei ich wirklich denke, daß dafür Respekt angebracht ist.  Ich persönlich würde ihn als Experten aber noch wesentlich beeindruckender finden, wenn er etwa relaxter und breitbandiger wäre.

Basics, back to the

DSCN0257Heute mal wieder ein paar Hinweise auf Tangoblog-Posts und verwandte Texte, so ganz ohne eigene Meinung (naja…fast).

Zu meiner großen Freude hat Vio mal wieder was geschrieben. Ich gebe allerdings auch zu – da das Blog-Neuigkeiten-Radar auf My Tango Diaries so schön bequem ist, habe ich in letzter Zeit eher selten persönlich nachgesehen. Was aber wiederum daran liegt, daß Vio eher selten schreibt.

Jedenfalls – es ist ein Loblied auf Eugenia Parrilla. Wie Ihr wißt, summe ich da immer mit, weil ich ihren Tanzstil ebenfalls klasse finde. Und wie Ihr inzwischen auch wißt, werde ich den Text nicht übersetzen. Ich vertraue auf Eure Englischkenntnisse. Beziehungsweise hat mich Gerhard in dieser Hinsicht schon verwöhnt, indem er dann auch mal größere Texte, wie ich finde ziemlich gut und sprachlich auch pfiffig, übersetzt.

Nur ein Highlight aus Vios Text erlaube ich mir mal übersetzend zu zitieren:

Es gibt drei Quellen, aus denen Frauen üblicherweise ihren Tangogenuß beziehen:

  • Ein gutes Mädchen sein.
  • Der Stolz, diesen Mann bekommen zu haben (zeitweilig oder permanent).
  • Intensive emotionale Entspannung durch das Empfangen einiger Momente zärtlicher Aufmerksamkeit seitens eines Mannes.

Ich habe all diese Freuden erlebt und auch gesucht. Aber ich glaube nicht, daß sie mein Bestes hervorgebracht haben – oder das meines Tangos.

Eugenia scheint in unserem Tanz andere Freuden zu finden:

  • Sie nutzt Tango, um sich selbst auszudrücken, statt hungrig altertümlichem Gender-Müll hinterherzulaufen.
  • Sie nutzt ihren ganzen Körper bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, statt sich auf einen bestimmten von Regeln vorgeschriebenen Bereich zu beschränken.

Okay, Vio – wir sind nicht in allen Punkten einer Meinung – zum Beispiel (ich glaube, Du hast es selbst mal so ähnlich formuliert) ist das Erleben von Geschlechterrollen in einer spielerischen Form für mich eine Form des Genusses. Aber alles in allem sehe ich bei Eugenia auch eine Power und einen Genuß an der Bewegung, die ich absolut faszinierend finde.

Und noch ein kleiner Tip – seht euch das Video ruhig zwei- oder dreimal an. Zumindest mir ist es so gegangen, daß mir beim ersten Sehen viele köstliche kleine Details vor allem in der Fuß-Kommunikation der beiden gar nicht aufgefallen sind.

Und, sorry, could not resist: die meiste Zeit machen die beiden Sachen, die vom Platzbedarf her auf jeder vollgepackten Hardcore-Slowmotion-Engtanz-Milonga reinpassen würden. Und aufs köstlichste zeigen, wie ein dynamischer Wechsel zwischen Eng und Weit geht.

Als zweiter Lesetip etwas aus der Abteilung About Argentine Tango von My Tango Diaries: Ein Artikel mit dem Titel Walking Seduction, uralter Text, 2007. Das ist ja immer ein bißchen schade – Format wie auch dieser Blog tendieren immer etwas dazu, die älteren Sachen aus der Sichtbarkeit zu bringen.

Jedenfalls geht es in diesem Text ums Laufen. Ich finde ja generell, daß das Laufen in der ganzen Tango-Lehrerei zu kurz kommt. Nicht so toll finde ich die Teile, in denen mit Worten etwas versucht wird zu beschreiben, was vielleicht wirklich mit Bildern besser ginge. In Summe aber etwas, das man mit Gewinn lesen kann.

Zu guter Letzt noch der Hinweis auf den neuesten Post von Ms. Hedghog, der eine Milonga beschreibt, auf der die jungen Herren „in einer Wolke von Maskulinität“ sich gockelhaft selbst inszenieren (dies ist wie immer eine stark verkürzte Version, die zum Lesen des Originaltextes verleiten soll). Für den Titel „Night of the Swooshpout“ habe ich nur gefunden Swoosh: rauschen, brausen; pout: Schmollmund. Das einzige Bild, das mir dazu eingefallen ist: Mick Jagger, in einem Rüschenhemd, wie er sich schmollmündig in die Brust wirft. Seufz…demnächst werden wir ja erleben, wie „the Brexit hits the fan“.

 

Facebook mal wieder

Ist vielleicht ein kleines bißchen off topic – vielleicht aber auch nicht. Kürzlich meinte eine Tangofreundin, in meiner Region käme man ja gar nicht um Facebook herum, wenn man sich tangomäßig organisieren wolle. Also was das angeht – bei mir klappt das fantastisch.

Aber eigentlich habe ich das Thema wieder aufgegriffen, weil ich heute einen Artikel im Print-SPIEGEL gelesen habe, der ein echtes und ziemlich übles Problem beschreibt:

„Die Hass-Maschine: Hetze und Drohungen – die scheußlichen Seiten von Facebook“; SPIEGEL 40/2016, Seite 44 ff., auch als Video unter spiegel.de/sp402016facebook.

Liebe Tango-Organisatoren – eine eigene Webseite ist auch nicht entscheidend mehr Arbeit, und wenn ihr für Veranstaltungen sowieso noch eigene Mailadressen betreibt, ist Facebook sowieso entbehrlich.

Dazu, in diesem Kontext fast unter „ach ja, das auch noch“ die kürzliche Geschichte mit der Weitergabe von Whatsapp-Daten an Facebook.

Leute – bitte, setzt ein Zeichen. Am besten auch gleich auch WhatsApp durch Threema oder eine andere weniger datenkrakenmäßige Messaging-App ersetzen. Auch wenn es anfangs ein bißchen weh tut. Aber es gibt halt nun mal nicht alles umsonst. Aber glaubt mir – ein Leben ohne Facebook ist problemlos möglich – ist ein wenig wie Rauchen aufgeben, nach einer Weile geht es einem sogar besser. Und ähnlich wie beim Rauchen schädigt man, indem man eine Plattform wie Facebook unterstützt, auch andere.

Abgesehen davon – als Hobbypsychologie sage ich Euch: Dinge können auch wieder wertvoller sein, wenn man etwas dafür tun muß.

Mir ist schon klar, daß die Reichweite dieses kleinen Blogs alleine nicht gerade dazu führen wird, daß Facebook hier etwas spürt.  Ihr könnt aber mit anderen darüber sprechen…oder, wie wärs, bei Facebook etwas darüber posten….