Bildungs-TV

dscn0536Tango Voice of America hat mal wieder ein Werk veröffentlicht.

So langsam glaube ich ernsthaft an das morphogenetische Feld – das Thema ist…Trommelwirbel…Tango-DJing.

Es ist der erste Teil eines Mehrteilers, befaßt sich ausgiebig mit Orchestern und ist von daher eine Leseempfehlung.

Natürlich werden auch TV-typische Inhalte und plenty of Normatives transportiert – weshalb ich mich unvermeidlicherweise auch in die Diskussion per Kommentar gestürzt. Die in den letzten Tagen zum Stillstand gekommen ist;  dieses Blog hat Kommentar-Moderation eingeschaltet. Wahrscheinlich ist TV auch voll im Weihnachtsstreß und hat keine Zeit, Kommentare zu checken. Ehrlich gesagt ist mir auch kurz die Zahl 30.000 durch den Kopf gegangen – zirka so viele Menschen sterben jährlich in den USA durch Schußwaffen. Wobei ich hier ganz klar feststellen möchte, daß die Welt mit TV drin ein unterhaltsamerer Ort  ist. Aber ich schweife ab.

Im von letztendlich (TV und Yokoito mitgezählt) von fünf Personen verursachten Kommentardschungel- das liegt daran, daß einzelne Threads von Kommentar und Kommentar-Kommentar entstehen, d.h. die Kommentare sind nicht chronologisch – habe ich etwas äußerst Interessantes entdeckt. Und zwar eine 2014 veröffentlichte Studie, die ein wahrer Datenschatz ist.

Nachdem ich die Spannung solcherart aufgebaut habe, kommt erstmal ein Eimerchen kaltes Wasser (falls Du das hier liest, Thomas K – ich weiß natürlich, daß man als Journalist das Wichtige an den Anfang stellen soll, damit die Leser nach drei Sätzen zum nächsten Topic eilen können, aber dafür bin ich einfach zu eitel). Ich begründe das mit dem gefühlten Bildungsauftrag, den ich als Blogger habe, in Wirklichkeit will ich allerdings nur ein wenig mit meinem fundierten Fachwissen angeben.

Es geht um statistische Ungenauigkeit. Dazu erstmal ein Beispiel: Eine amerikanische Studie, die ich mir gerade ausgedacht habe, sagt, daß 31,57% aller Befragten gerne Bacon auf ihrem Hamburger haben.  Die Studie wurde übrigens in Kalifornien durchgeführt, anderswo wären es vermutlich 94,73% gewesen.

Nicht übel, oder? Zwei Nachkommastellen – das war sicher eine unglaublich präzise Arbeit und jetzt kann McDonalds die Bacon-Einkäufe aufs Gramm genau vorplanen, was auch gut für die Umwelt ist. Jetzt die schlechte Nachricht: An dieser Studie haben 19 Personen teilgenommen, 6 mögen Bacon. Nehmen wir mal an, es wären nicht 6, sondern 5 oder 7 Baconliebhaber gewesen: dann wären es 26,31% oder 36,84% gewesen. Capisce? Eine Person antwortet anders, und schon haben wir etwa 5 Prozentpunkte andere Zahlen.

Wer noch nicht genug hat – ich empfehle hier noch jetzt noch ein Werk, das eine gute Übersicht zu diesem Thema bietet, inklusive einiger hilfreicher Tabellen für Fehlermargen abhängig von der Samplezahl. Um weihnachtlich zu bleiben: Genau die richtige Lektüre für Leute, die literarisch schon alles andere haben, und optimale Entspannungsliteratur für die Verdauungspausen nach dem Genuß großer Mengen Weihnachtsgans.

Okay. Das wars. Jetzt zum Spaß-Teil dieses Posts. Es geht um einen wirklich äußerst umfangreichen und sehr lesenswerten Report, der die Ergebnisse einer Studie von 2014 beschreibt und hier heruntergeladen werden kann. Die Organisation, die diese Studie durchgeführt hat, sitzt in Argentinien und nennt sich Tangotechnia.

  • Der auf der Titelseite angegebene Link zeigt leider nach Facebook, das in meinen Augen so etwas wie ein failed state ist, weshalb ich keinen direkten Link dorthin poste. Könnt ihr gerne selber machen.

Ich greife nur ein paar Sachen heraus. Fangen wir mit der statistischen Basis an (Zahlen aus dem Report). Es wurden insgesamt 1224 Antworten ausgewertet, davon 555 aus Argentinien. Aus Deutschland kamen 24 Antworten (vgl. Spanien mit 123 Antworten, 53 aus Frankreich und 51 aus Italien).

Vieles in den Ergebnissen ist common sense und von daher nicht überraschend. Natürlich habe ich ein wenig nach Überraschungen gescannt, und auf zwei möchte ich eingehen:

Preferred Orchestras for dancing. Seite 44 ff. Die angegebenen Werte sind „Scores“, d.h. der Prozentsatz der Leute, die bei der Möglichkeit von Mehrfachnennung dieses Orchester zum Tanzen mögen. Die Top 3 sind d’Arienzo (773 Zähler), Di Sarli (742) und Pugliese (693).

  • Die Basis der auch angegebenen Prozentwerte sind hier nicht die oben genannten 1224 Samples, so wie es aussieht wurde da noch etwas bereinigt.

Moment. Pugliese??? Auf Platz 3, deutlich vor Troilo (647) und Canaro (579)? Ich dachte immer, daß Pugliese schon relativ harter Stoff ist, und heißt es nicht, daß die Tänzer eher das Einfache schätzen?

Hier läßt sich natürlich endlos diskutieren. Angefangen bei der Verzerrung durch die Auswahl der Leute, die bei dieser Studie mitgemacht haben. Dennoch: So ganz unsignifikant dürfte dies nicht sein, vor allem, wenn man bedenkt, daß Scores in dieser Größenordnung, siehe oben, nur zustandekommen können, wenn auch ein Haufen Argentinier in diese Richtung gehen. Was noch lustiger ist: Irgendwo im TV-Post wird auch ein Präferenzwert von DJs genannt, der Pugliese deutlich weiter unten ansiedeln. Mit anderen Worten, man könnte folgern, daß DJs ihr Publikum für, nun ja, tangomäßig doofer halten als es tatsächlich ist.

Dieses kleine Highlight ist aber nachgerade harmlos. Ein richtiger Knaller ist die Sektion „Milonga’s Codes“ ab Seite 60 des Reports. Auf die Frage „What is your opinion about women inviting to dance“ antworten 50% der Argentinier, daß sie das okay finden; nur 11% sind total un-einverstanden (totally disagree) damit. Die Zahlenwerte finde ich, der Fairness halber, etwas verdächtig; riecht irgendwie nach einer kleinen Samplezahl. Signifikant scheint mir dennoch zu sein, daß in Nordamerika 33% mit „totally disagree“ geantwortet haben. In Venezuela finden es übrigens 80% der Befragten absolut okay, wenn Frauen auffordern. Venezuela ist insofern etwas Spezielles, als hier das Durchschnittsalter der Tangueros mit ca. 31 Jahren besonders niedrig liegt. Das dürften also die Leute sein, die das Tangogeschehen in den nächsten 30-40 Jahren bestimmen werden, wenn, nun ja, meine Generation schon längst den Löffel abgegeben hat.

Und zum Schluß noch etwas Futter für die Freunde des Blickkontakts: 24% der Argentinier bestehen beim Auffordern darauf, etwa genauso viele antworten „getting close to the table“; etwas mehr als die Hälfte sagen aber pragmatischerweise „Both, depending on the situation“.  Die große Cabeceo-Fangemeinde sitzt in Nordamerika; hier sprechen sich 57% für Cabeceo aus, der Rest will es situationsabhängig machen. In Italien, in dieser Disziplin auf Platz 2, sind noch ca. 42% auf dem Cabeceo-Trip, Europa (ohne Italien, Spanien und Frankreich, die einzeln gelistet sind) liegt bei ca 42%. In Venezuela und Uruguay gibt es noch 13 bzw. 15% Nur-Cabeceo-Fans.

Hm…irgendwie schon schlechte Nachrichten für Leute, die meinen, daß man für das Original-Tango-Feeling die Sitten und Gebräuche der  Argentinier kopieren sollte, oder? Wobei ich persönlich ja meine, daß es eh sowas wie eine kulturelle Übersetzung braucht, damit ein gutes Feeling entsteht (ich kann mich beispielsweise nicht erinnern, in einem deutschen Chinalokal schon mal frittierte Hühnerfüße auf der Karte gesehen zu haben).  Aber hey, Traditionalisten – irgendwie solltet ihr euch schon entscheiden. Wobei ich sicher bin, daß man in dieser Studie bestimmt auch genug Material finden kann, um liebgewonnene Überzeugungen nicht in Frage stellen zu müssen.

 

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Neulich in Berlinos Aires

dscn0504Vor einiger Zeit ergab es sich, daß ich beruflich bedingt aus meiner Provinzmetropole hinaus in die große weite Welt ziehen durfte – in die coole Tangoszene-Hauptstadt von Europa (oder gleich der lokalen Galaxiengruppe?).

No politics here – aber ehrlich gesagt habe ich das mit der Hauptstadt (ich meine jetzt nicht Tango) nie so richtig verstanden.  Okay, die Stadt war eine Zeitlang ganz nützlich, als Stachel im Fleisch des Sowjetimperiums – aber hätte man sie danach nicht einfach irgendwie stilllegen können? Und – ich schätze, man kann aus jeder Gegend ein Zentrum von irgendwas machen, wenn man eine Zilliarde Euro darüber abschmeißt und sicherheitshalber noch ein paar richtig dicke Köder für Lobbyisten dort hinlegt (Regierungsgebäude bespielsweise), auf daß möglichst viele  Großunternehmen  ihre Zentralen dort hinverlegen. Und sollte eine Hauptstadt nicht auch irgendwie mehr im Zentrum eines Landes liegen? Oder wenigstens bessere Straßen haben? Aber gut – ich schweife ab.

Jedenfalls dachte ich, gebe ich mir doch mal eine dieser angesagten Tango-Locations. Und war auch mächtig beeindruckt – bevor man überhaupt zum Schuhewechseln kommt, muß man schon diverse Tests bestehen (ich füge noch einen hinzu und gestalte das hier als ein kleines Ratespiel…wer die richtige Lösung findet, bekommt von mir ein dickes „Respeeeeekt“).

Erstmal ein Sehtest – die Hausnummer gibt es zweimal…aber okay, ein fast beleuchtetes Riesenschild, gefühlt schwarz auf dunkelbraun (oder so) hilft dabei. Dann Teil 1 eines kleinen Fitnesstests – der erste Treppenaufgang in den 4. Stock (dieses Ziel war die Belohnung für den Lesetest zwischendurch) endet vor einer klinkenlosen Tür, aber dahinter läuft schon verheißungsvolle Tangomusik. Also wieder runter und die richtige Tür gesucht. Dann der Intelligenztest – wie verdammt noch mal geht diese Tür auf? Okay – zurücklaufen, Knopf drücken (der anders als im Handbuch beschrieben beschriftet ist), 60 Sekunden Zeit…yeah. Schließlich Fitnesstest Nr.2, wieder in den 4. Stock, quasi nur noch eine körperliche Formalie. Ja, okay, da gibt es auch einen Lift, aber: nur die Harten kommen in den Garten.

Zu guter Letzt noch der Geduldstest. Das meine ich erstmal musikalisch; und es ist bestimmt nur eine Momentaufnahme, ich vermute mal, daß da nicht immer so ein hoher Anteil von harten, instrumentalen Titeln läuft (manche nennen es auch „energiereiche“ Musik).

Aber die Fläche pro Paar ist schön groß, und navigationstechnisch scheint der Berliner Tanguero nicht unfähiger oder unwilliger zu sein als seine Provinz-Kollegen – ich habe diverse Leute streßfrei (für andere) groß tanzen gesehen, und es war auch genug Platz, die „Stehlampen“ streßfrei zu überholen.

Nicht daß ich nur am Tests-Durchlaufen war; primär habe ich natürlich tango-ethnologische Feldforschung betrieben. Man scheint dort hauptsächlich den Cabeceo zu pflegen; das Licht ist jedenfalls gut, nur der „Curtain of people“ 1 Sekunde nach dem Start der Tanda ist wie immer etwas hinderlich, wenn die Sitzgelegenheiten rund um die Fläche verteilt sind.

Durchschnittsalter – eher niedrig, nach den mir sonst geläufigen Standards; kann natürlich an den oben erwähnten Fitness-Tests liegen. Was die eher geringe Dichte von „Schmuseschlurfern“ (danke, Terpsi, für diesen Begriff) erklärt. Männermangel –eher nicht. Kann teilweise an dem erfreulich hohen Anteil führender Frauen liegen. Erfreulich meine ich ernst, obwohl es mir als Mann erstmal auswahltechnisch Nachteile bringt. Ich hatte glaube ich schon mal erwähnt, daß ich es mag, mit Frauen zu tanzen, die auch führen können.

Zu guter Letzt – um nochmal auf den Intelligenztest zurückzukommen: Ein bißchen schmunzeln mußte ich (für mich war es eher ein Humortest, weil ich mich nach all der Marschmusik schon auf die Vals-Tanda gefreut hatte und es leider auch die Zahl von Kandidatinnen stark reduziert hat) über den strategischen Umgang mit der Vals-Tanda:  Klugerweise haben die Herren ihre Damen alle schon in der vorangegangenen Tanda klargemacht, d.h. die Cortina vor dem Vals-Block hätte sich der DJ auch sparen können…