DSGVO die zweite

Eigentlich sollte diese an sich durchaus sinnvolle Sache eine andere Abkürzung haben – so etwas wie KPfpLf oder KPL. Was heißen könnte: Konjunkturprogramm für parasitäre Lebensformen.  Ja, damit meine ich Abmahnanwälte. Vielleicht tut mir ja jemand aus dieser Branche den Gefallen und verklagt mich wegen Beleidigung, seelischer Grausamkeit oder was weiß ich. Ich bin sicher, ein Blog darüber wäre der Hit.

So wie es im Moment aussieht, ist die halbe Republik nervös, weil sie das Gefühl hat, die Hyänen umkreisen die Herde bereits und werden am 25. Mai mit ihrem Angriff beginnen. Ja, die Rechtsprechung wird sich in den nächsten Jahren entwickeln. Auf dem Buckel von Vereinen, Privaten, Bloggern, kleinen Unternehmen – hier fürchte ich wird der Flurschaden immens sein. Wie ein Verkehrssystem mit Ampeln, die erstmal graues Licht zeigen und bei dem nach den ersten 500 Verkehrstoten die Gerichte dann Maßstäbe dafür entwickelt haben, ab welcher Farbtendenz Autofahrer halten müssen oder fahren dürfen. Wir haben ja in den letzten Jahren viel über die lebensverkürzende Wirkung von Feinstaub und Stickoxiden gelernt. Ich hoffe, es gibt auch irgendwann mal Grenzwerte für vage, unpräzise Gesetzgebung. Auch diese vernichtet massenweise wertvolle Lebenszeit und zerstört, wie ich fürchte, auch noch Akzeptanz für demokratische Strukturen in einer Zeit, in der diese alle Freunde brauchen würden, die sie bekommen können.

Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, daß im neuen Koalitionsvertrag auch ein Einbremsen der Abmahnindustrie vorgesehen ist. Toll, herzlichen Glückwunsch, liebe CDU und SPD. Auch eine Form von Bürgernähe: offenbar kam die herannahende DSGVO für Euch genauso überraschend wie für den Rest der Bürger.

Nicht daß ich nur am Meckern wäre. Hier ist der Plan: Ein Portfolio von einigen zehn „Usecases“ aus der wirklichen Welt der Vereine, Tangoveranstalter, Selbständigen, kleinen und mittleren Unternehmen, mit rechtssicheren Kochrezepten und so einer Art staatlicher Rechtsschutzversicherung, wenn jemand, der Nutzern dieser Muster juristisch an den Karren fahren will.

Naja, auf der anderen Seite konnte ich mein Schreibtalent auf dem Gebiet der Datenschutzerklärungen testen – ich hoffe, das Ding liest auch irgendjemand, der nicht elektrisch betrieben wird (ich meine Robots, für den Fall, daß jemand diese nerdige Anspielung nicht verstanden hat). Die Kunst ist auf jeden Fall, es so detailliert und langatmig zu machen, daß auch der hartnäckigste Leser nach spätestens 30% so narkotisiert ist, daß er sich sagt, jaja, wird schon alles okay sein. Ich hatte ja gehofft,. Ich könnte es komplett irgendwo übernehmen, das Teil auf Gerhard Riedls Website ist in meinen Augen ein Meisterwerk. Am Ende war ich dann aber doch zu ungeduldig für eine solche Lösung.

Den besten Text zum Thema DSGVO habe ich aber hier gefunden: http://www.der-postillon.com/2018/05/ratgeber-dsgvo.html.

 

 

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DSGVO und so

Daß die Datenschutzgrundverordnung auch die Tangowelt aufmischen wird, war mir bis vor kurzem nicht bewußt bzw. egal. Was diesen Blog angeht, kann es mir tatsächlich auch wurscht sein, weil ich damit keinerlei kommerzielle Absichten verfolge. Ob Melinas Reaktion überzogen oder weise ist, kann ich derzeit noch nicht beurteilen. Dennoch habe ich natürlich (leider) auch schon wertvolle Lebenszeit in Recherchen investiert und bin auch schon dabei, entsprechende Texte zusammenzuklicken. Unter anderem habe ich diesem Blog eine (derzeit noch provisorische) Datenschutzerklärung hinzugefügt.

Ich empfehle einen kürzlich in SPON erschienenen Text von  Sascha Lobo – manchmal hat dieser Bursche, so naiv-nervig internetgläubig er zuweilen auch daherkommt, einfach gute Inhalte und sowieso eine gute Schreibe. Kurzversion: Dieses Ding wird vor allem kleinere Unternehmen und Private beschädigen, die großen Player haben das längst in ihre Strategie integriert und es wird sie nicht aufhalten.

Es gibt Prognosen, daß die DSGVO das nächste große Ding für die Abmahnindustrie ist. Bekanntlich glaube ich an das Gute im Menschen und bin daher sicher, daß sich solch parasitäre Lebensformen hier nicht ihren nächsten Porsche, sondern eine blutige Nase holen werden, weil Leute, statt kleinlaut zu zahlen, massiven Widerstand leisten werden und schnell Rechtsklarheit entsteht. Nicht vergessen, liebe Gemeinde – Gesetze werden von Menschen gemacht, und wenn unsere Gesetzgeber merken, daß sie gerade dabei sind, Millionen von Wähler richtig sauer zu machen, werden sie ihre Hintern schon bewegen. Also gegebenenfalls nicht leise rummeckern, sondern mit gegeigneten Vertretern politischer Parteien sprechen. Macht Arbeit, stimmt. Na und. Machen andere weniger sinnvolle Sachen auch.

Andererseits gibt es Kriege, Überbevölkerung und unregulierte soziale Netzwerke mit Milliarden von Usern – das sind gewisse Hinweise, daß, sagen wir mal, bei der kognitiven Leistungsfähigkeit der Spezies Homo sapiens sapiens  doch noch etwas Luft nach oben ist. Also lieber vorsichtig sein.

 

Einfach

Daß Staubsaugen für mich Meditation in Bewegung ist, hatte ich schon mal geschrieben. Eine Woche im Schweigekloster oder einen Spaziergang durch die Wüste brauche ich nicht – eine halbe Stunde mit meinem Staubsauger reicht.

Es gibt Fragen, deren Antwort sehr binär ist – ja oder nein – und dann wieder unendlich kompliziert. Gerade eben kam eine solche Antwort, und viel wichtiger, der Weg dorthin. Und der Grund, warum ich das hier schreibe, ist die Tango-Analogie dabei.

Egal ob die Endphase einer Aufforderung akustisch oder optisch abläuft – es gibt eine Vorgeschichte. Oder es sollte sie geben. Ich spreche vom Wollen auf beiden Seiten. Ein Tanz kann zustandekommen, weil die Alternative Sitzen wäre. Möglichkeiten, Kompromisse zu machen, gibt es viele – die Musik kann nicht wirklich inspirierend sein; man hat vielleicht die Partnerin schon mal „ausprobiert“ und weiß, daß es sich nicht optimal anfühlt. Am anderen Ende der Skala wird natürlich statistisch gesehen die Luft dünn – die perfekte Musik, die perfekte Partnerin und dann noch eine Ronda, die den notwendigen Raum bietet, sich auch körperlich so auszudrücken, daß das volle Genußpotential stattfinden kann. Wir sollten also eher von einer Zone sprechen, eine Meßlatte, die nicht am höchsten denkbaren Punkt liegt.

Mit den Analogien ist es so eine Sache. Sie tragen ein Stück weit. Wenn man ihnen aber zuviel  zumutet, brechen sie auf unelegante Weise zusammen und verlieren dann auch die Funktion, für die sie eigentlich gut gewesen wären. Also noch ein letzter Blick in die Tangowelt, bevor es dann wieder zurück geht: Eine Supertänzerin, die einfach nur ein bißchen Bewegung will und beim Tanzen nebenher noch ein paar vierdimensionale Differentialgleichungen im Kopf löst, kann sicher rein technisch mehr abliefern und vielleicht sogar ein tolleres Tanzerlebnis erzeugen als jemand, die vor Verlangen und Motivation glüht und einfach nicht fürs Tanzen geschaffen ist (übrigens: ich verwende diese simple Beschreibung nur der Klarheit halber. Ich bin durchaus in der Lage zu erkennen, daß im entsprechenden Kontext ich derjenige sein könnte, dem die Skills fehlen).

Ich glaube, die wichtigste Essenz ist dieses Gewollt-werden. Gerne ein Ja, aber: ja, aber nur diese Tanda. Ja, aber nur gemeinsame Theaterbesuche und keine Berührungen. Ja. Aber nur wilde, zügellose Nächte und kein Gequatsche davor oder danach.

Nur nicht ein Ja, wenn: Wenn Du den Bart abrasierst. Wenn Du nicht mehr jeden Juni mit Deinen Motorradkumpels die Baja California langfährst. Kein „die Hardware nehme ich schon mal, wir kriegen da schon eine andere Software drüberinstalliert“.

Something old, something new, something borrowed, something blue

Offends you my driving does?

A shit I don’t give

(Master Yoda Merchandise, vermutlich unautorisiert)

Nein, es soll hier nicht um die Tardis gehen. Sondern um ein paar Sachen aus meinem Zettelkasten – wer einen gemeinsamen Nenner findet, darf ihn behalten.

Fangen wir mit „old“ und gleichzeitig „borrowed“ an: Ein Blogpost von Vio, der schätzungsweise aus 2014 stammt (ein Datum an solchen Posts wäre schick): Fundamentalism.

Ich erlaube mir mal eine freie Übersetzung (unautorisiert, hoffe, das ist okay, Vio…)

Um 2014 sieht der globale hegemoniale Standpunkt zum Tango so aus: Er nennt sich selbst „Social Dancing“ und basiert auf den Elementen (angeblicher) Traditionalismus, Inklusivität (über Level hinweg, aber innerhalb von Freundeskreisen oder Cliquen) sowie Popularisierung in Form eines niedrigen Stellenwerts von Leistung und harter Arbeit.

Die definierenden Merkmale sind:

  • Musik: Traditionelle Tangomusik, komponiert und eingespielt vor 1950, wird als besser zum Tangotanzen angesehen, weil sie musikalisch reicher und komplexer sei. Schnelle und rhythmische Musik wird dabei vorgezogen, weil sie eher den Anschein von Musikalität erzeugen kann, wenn mit untrainierten Führenden getanzt wird, die es nicht hinbekommen, dramatische Musik mit langsamen Schritten zu verbinden.
  • Führen: Ein guter Führender konstruiert einen physischen Rahmen und verwendet ein simples Vokabular, um auch unerfahrenen Frauen eine nette Zeit auf der Tanzfläche zu bereiten.
  • Wahl der Tanzpartner: Männer sollten mit den Anfängerinnen tanzen, und können genauso gut die aussuchen, die am meisten sexy Beine zeigen. Umgekehrte Cabeceos sind okay, weil die Priorität der Führenden sozial und nicht künstlerisch ist.
  • Genuß: Der Genuß für die Führenden wird maximal, wenn es einen gleichmäßigen, reibungslosen Tanzfluß im gesamten Raum gibt, sie (von Folgenden) begehrt werden, eine schöne Umarmung genießen und die Musik würdigen können. Der Genuß für die Folgenden entsteht daraus, zärtlich, mit Musikalität, dominiert zu werden.
  • Sicherheit: Um die Sicherheit aller Tänzer zu gewährleisten, sollen große Schritte vermieden werden. Folgende sollen den Luftraum nicht für ihre Beine nutzen.
  • Stolz: Der Stolz der Führenden entsteht aus dem Besitz der Ronda, Meisterschaft (das Wörterbuch bietet hier auch „Überlegenheit“ an), Geschmeidigkeit und Eleganz. Er tut daher nur Dinge, bei denen er sich sicher ist, daß er sie in dieser Form beherrscht. Der Stolz der Folgenden entsteht aus dem Gehorsam.

Wenn Ihr mich fragt, klingt dieser Post im Englischen schon etwas mehr als nur ein klein wenig pissed. Ich habe daher bei der Wortwahl versucht, dieses Gefühl zu transportieren. Mit anderen Worten, es ist eine subjektive Interpretation. Aus der Position einer Tänzerin wie Vio (die ich wirklich beeindruckend finde) ist dieses Gefühl für mich vollkommen nachvollziehbar. Aber, Vio, kleiner Trost von mir: Modeströmungen sind wie Straßenbahnen…kommen immer neue. Und es können ja auch mehrere koexistieren, wenn das Soziotop groß genug ist.

A propos langsame Schritte und dramatische Musik: Ich erinnere mich an ein Youtube-Video mit Vio, bei dem sie irgendwo im Freien zu einer dubstep-artigen Musik tanzt. Trotz intensiver Suche (fast 10 Minuten!!) finde ich es nicht mehr. Stattdessen etwas Musik, bei dem ich mir Derartiges gut vorstellen kann:

Damit hätten wir dann auch „Blue“ abgedeckt.

Noch ein kleiner Querbezug zum Thema pissed – hatte ich hier schon mal geschrieben, daß der „Baaliner Kulturchauvinismus“ auf meiner Nüsse-Liste steht (Dinge, die mir auf die Nüsse gehen)? Was ich immer so über Berlinos Aires lese, ist natürlich ein Paradebeispiel für den (derzeit recht erfolgreichen) Versuch, eine positive Rückkopplung zu erzeugen – famous for being famous. Ein nettes Geschäftsmodell. Ich denke dabei an Autoren wie Ralf Sartori bzw an alle, die die Citizenship der behaupteten Tangometropole zum Aufpolieren des eigenen Halos nutzen, woraus sich wieder eine Mengenzunahme der Referenzen auf besagten Metropolenstatus ergibt und so weiter. Aber immerhin: In Berlinos Aires scheint es ja eine ziemlich bunte Mischung von Strömungen zu geben, ein variantenreiches Soziotop, in der Vios Spezies genauso gedeihen kann wie die Hardcore-Tradiszene.

Aber hey, Berliner, eure subventionsgefütterte Stadt ist auch nicht bunter als Metropolregionen wie, sagen wir mal, die flächenmäßig vergleichbar große Stadt Rhein-Main. Und dafür, daß eure PR-Abteilung mehr Feuerkraft hat, gibt es im Rhein-Main-Gebiet einen richtigen Flughafen. Abgesehen davon, schaut mal auf die Landkarte – eine der Städte ist europamäßig gesehen wirklich zentral – und Berlin ist es irgendwie nicht. Nicht mehr ganz Küstenrandregion und noch nicht Sibirien.

„New“: die Zeit wird knapp. Vor der Milonga heute nachmittag muß ich noch ein bißchen spielen gehen. Ich mogele mich mal grade billig aus der Affäre und behaupte, daß damit die Tatsache eines neuen Blogposts gemeint ist. Ach nein, Moment – es gibt, wie ich bei Gerhard gelernt habe, einen neuen Tangoblog: Abrazos.de. Oh.My.God.

Noch ein Goodie zur Kombination „Blue“ und „Old“, auch ein ganz netter Nontango:

 

 

Parship übernimmt Facebook

1.4.2018, Menlo Park/Hamburg

Bei zeitgleich anberaumten Pressekonferenzen in Menlo Park und Hamburg wurde heute von den Firmenchefs Mark Zuckerberg (Vorstandsvorsitzender, Facebook) und Tim Schiffers (Geschäftsführer, Parship) bekanntgegeben, daß Parship zum 1.8.2018 Facebook übernehmen wird. Zu diesem Termin wird dann auch der Werbeauftritt von Parship auf „Ich facebooke jetzt“ umgestellt.

Erste Reaktionen aus Analystenkreisen zeugen von völliger Überraschung, jedoch auch großer Begeisterung, die sich in einem Kursfeuerwerk ausdrückte. Vorbörslich notierten die Aktien von Parship 3127.3 % höher, während die Aktien von Facebook um 14.2% stiegen. „Im Nachhinein erscheint dieser Schritt vollkommen logisch“, sagte Abruilo Primero, die Sprecherin des Analystenhauses Cantor Fitzgerald, das auf Tech-Firmen spezialisiert ist. „Es gibt so viele Synergien, daß wir uns fragen, weshalb dies zuvor niemand erkannt hat“.

Beide Unternehmen betonten, daß es sich um eine freundliche Übernahme handele. Zuckerberg wörtlich: „I like Parship!“. Wie aus unternehmensnahen Kreisen zu erfahren war, war der Deal bereits vor mehreren Monaten unter völliger Geheimhaltung vorbereitet worden. Zu seinen Motiven befragt, sagte Zuckerberg: „Wir glauben, daß wir damit der gesamten Menschheit einen großen Gefallen tun und sie echt voranbringen. Außerdem hat es mich genervt, daß ich ständig mit Jeff Bezos um den Titel des reichsten Menschen der Welt konkurrieren mußte. Das war‘s dann wohl, Jeff!“.

Über die Details des Deals wurde Stillschweigen vereinbart. Analysten nehmen jedoch an, daß der Kaufpreis bei mehr als 600 Milliarden Dollar lag. Trotz der Verbilligung von Facebook durch die aktuelle Kursschwäche war die Finanzierung des Deals nur mit Fördermitteln der EU (Horizon 2020, „Make Europe digitally great again“) und des Bundeslands Bayern möglich; dafür soll der Firmensitz nach München verlegt werden. Zusammen ergab dies nach Abzug der Bürokratie-Aufwendungen allerdings nur einen Beitrag von 123 Euro und 22 Cent. Der Rest des Kaufpreises wurde dem Vernehmen nach über einen massiven Kredit einer ungenannten chinesischen Staatsbank finanziert. Auch hier sehen Eingeweihte deutliche Synergieeffekte für die zukünftige Expansion. China wird dabei als Testmarkt angesehen. Dort war ja bereits vor einiger Zeit ein Sozialpunktesystem angekündigt worden, das bestimmte Verhaltensweisen mit Bonus- oder Maluspunkten bewertet. Die Kombination von moderner Silicon-Valley-Technologie im Bereich Persönlichkeitsanalyse und mentale Beeinflussung mit langfristigen sozialpolitischen Zielen eröffnet gerade bei der Bevölkerungspolitik neue Möglichkeiten. Nicht nur kann das Fortpflanzungsverhalten durch strategische Steuerung der Partnersuche in eine gewünschte Richtung gelenkt werden. Auch die gezielte Optimierung eines Genpools, in dem hohe Intelligenz und politisch gewünschtes Sozialverhalten kombiniert werden, ist damit in greifbare Nähe gerückt.

Die Sprecher beider Unternehmen versicherten, daß diese Fusion für die Kunden nur Vorteile brächten. Das bisherige Ausfüllen seitenlanger Fragebögen, dem sich Parship-Kunden bisher unterziehen mußten, kann komplett entfallen – Profile werden zukünftig automatisch, mit Hilfe neuester verhaltensbasierter Algorithmen, erstellt.

Das Geschäftsmodell soll nach Angaben der Unternehmen in seiner Struktur weitgehend unverändert bleiben; Facebook soll weiterhin den Großteil seiner Umsätze mit dem Verkauf von Dienstleistungen und Daten für Sozialprofiling, Gedankenmanipulation, Wahlbeeinflussung und Werbung erwirtschaften. Es ist jedoch geplant, die Plattform auf Basis bewährter Parship-Produkte leicht zu überarbeiten. So soll etwa die kostenlose Mitgliedschaft bei Facebook erhalten bleiben; hier werden allerdings kleine Anpassungen vorgenommen. Die Datenrate für Mitglieder im kostenlosen Basistarif wird auf 16 kbit/s abgesenkt, was nach den Worten von Zuckerberg für Textkommunikation vollkommen ausreiche; lediglich das Ansehen von Fotos und Videos könne etwas schwierig werden. Auch war die Rede von einer monatlichen kostenlosen Verweildauer im Portal von 30 oder 45 Minuten; danach wird minutengenau abgerechnet. Zuckerberg zeigte sich überzeugt, daß dennoch nur wenige Nutzer abspringen würden und meinte wörtlich „those suckers are hooked, man…don’t worry, they’ll beg for being allowed to pay…oh shit, why didn’t you tell me the microphone was still on?“.

Zudem wird die Attraktivität der Plattform durch neue Angebote weiter gesteigert.  Grundlage wird dabei das bisherige Tarifmodell von Parship sein, ergänzt durch zwei neue Premiumtarife. Der Platinum-Tarif erlaubt es, bei der Partnersuche verschiedene Kategorien zu wählen; beispielhaft genannt wurden „Long walks along the beach“, „buddy“ und natürlich auch der Klassiker „casual recreational sex“. Es war auch die Rede von Spezialangeboten für bestimmte Subkulturen. Exemplarisch wurde das „Tango Argentino“-Optionspaket genannt, in dem es Profile von „completely asexual close embrace“ bis hin zu „zero night stand during milongas“ geben könnte.

Im „Diamond“-Tarif haben Mitglieder zusätzlich zu den Features des „Platinum“-Tarifs die Möglichkeit, nicht nur eine unbegrenzte Zahl von Kontaktvorschlägen kompatibler Partner zu erhalten. Sie können darüber hinaus über bewährte Facebook-Mechanismen auch gezielt auf die Persönlichkeitsstruktur geeigneter Kandidaten einwirken, so daß diese noch besser zu ihren Vorstellungen passen. Auch ein paar Werbeslogans für diesen Tarif wurden schon präsentiert: „Faceback Dir Deinen Traumpartner einfach selbst“ und „Suchst Du noch oder facebackst Du schon?“.

Und ich sach noch

Ich vermute mal, inzwischen hat jeder mitbekommen, was da in den letzten Tagen und Wochen  in Sachen Facebook passiert ist. Ihr wißt, was ich von Facebook halte. Und es wäre jetzt sehr verlockend, einfach selbstzufrieden zu sagen „ich habs euch ja gesagt“. Aber das ist es nicht. Ich sitze leider mit euch Facebook-Junkies im selben Boot. Wenn ihr es über die Klippen steuert, bin ich auch dran.

Facebook ist wie ein netter Onkel, der Wohltaten verteilt – nur leider ist er der Pate eurer Favela und verdient das Geld, von dem er ein paar Almosen an euch verteilt, mit Drogenhandel, Prostitution und Auftragsmord. Oder zumindest versuchtem Mord, eventuell an der Gesellschaft, in der wir alle einigermaßen okay leben. Aber diese Almosen sind keine Geschenke. Ihr habt eine Funktion: ihr seid menschliche Schutzschilde.

Und ihr seid gleichzeitig Opfer. Die Bonbons, die er an euch verteilt, sind selbst Drogen. Dafür optimiert, euch möglichst lange auf der Plattform zu halten, um noch bessere Psychogramme erstellen zu können, euch noch paßgenauer manipulieren zu können. Oder anderen die Mittel dafür zu verkaufen. Ein Hack direkt in eure Gehirne. Und eine globale Monokultur – optimale Ausbreitungsbedingungen für Schädlinge.

Lenin wird der Ausspruch zugeschrieben „Eines Tages werden uns die Kapitalisten die Stricke verkaufen, an denen wir sie dann aufhängen werden“. Ups.

Ja, ich weiß. Nicht alles an Facebook war schlecht. Die Autobahnen.. Oh, sorry, falscher Kontext. Jedenfalls – wunderbar bequem, um sich tangomäßig zu organisieren und auszutauschen. Yada yada yada.

Als Facebook würde ich mir im Moment noch nicht allzu viele Sorgen machen. Ja, der eine oder andere Shitstorm, vielleicht eine Anhörung im US-Kongreß, der Aktienkurs ein paar Prozent runter. Was solls. Geht alles vorbei. Weil die Plattform ja so schön bequem ist; die Schafe werden schon wieder auf die Weide kommen. Und Trump…kleiner Unfall. Außerdem ist er gerade dabei, den Chinesen eins auf die Mütze zu geben, eigentlich gar nicht schlecht.

Dieser Laden gehört reguliert wie ein Pressemedium, oder noch härter, weil er einfach viel zu mächtig ist. Vielleicht bringt die neue europäische Datenschutzrichtlinie auch was. Aber ich würde mich nicht drauf verlassen wollen. Es gibt ein Leben ohne Facebook. Probiert es aus. Ist wie mit jeder Droge: ein paar Tage oder Wochen hat man Entzugserscheinungen. Und dann fühlt man sich besser.

GBSD

Anläßlich eines aktuellen Posts von Tango Therapist habe ich mich gefragt, ob es eigentlich auch Standpunkte gibt, von denen aus man die Teilnehmerselektion bei Veranstaltungen vom Typ Encuentro gut finden kann.

Vorneweg – ich lehne Veranstaltungen mit Gesichtskontrolle jedweder Geschmacksrichtung rundweg ab – ich sehe einfach keinen Grund, warum  ich jemandem so viel Macht über mich einräumen soll. Ja, es gibt Leute, die denken, daß sie im Gegenzug etwas dafür bekommen – das Gefühl, zu einer ausgewählten Elite zu gehören oder whatever. Gerhard hat dazu kürzlich etwas geschrieben. Ich bin eh schon Mitglied diverser Eliten. Da brauche ich das nicht auch noch im Tango.

Und was „gender balanced“- Veranstaltungen in Tangoland angeht (ich will keine Diskussion über den richtigen „wahren Namen“ aufmachen, aber die Begriffe „Diskriminierung“ oder „Selektion“ sollten schon drin vorkommen):

Wenn ich als Angehöriger des „begehrten Geschlechts“ (Mann) zu solchen Veranstaltungen gehe, würde ich damit die Macht der Veranstalter stärken und die Verbreitung dieser Event-Spezies fördern. Deren Attraktivität beruht ja darauf, daß dort die Dichte verfügbarer Männer größer ist als auf Durchschnittsmilongas. Also: nein danke.

  • Ich verwende ab hier das Kürzel GBSD für Veranstaltungen, die mit Gender Balance/Selektion/Diskriminierung arbeiten. Ich finde, das klingt so nett in Richtung LGBT und sollte mir von daher ein paar Zeitgeist-Punkte einbringen. Außerdem docke ich damit ein bißchen beim Psychologen-Speak an; es gibt ja diverse Diagnosen, die auch ihre Mehrbuchstaben-Kürzel haben, das abschließende „D“ steht dabei für „Disorder“, was ich boshaftigkeitstechnisch auch wieder sehr nett finde.

Und ja, das Voranmelden zu Veranstaltungen ist natürlich auch gut für Veranstalter und gibt ihnen Planungssicherheit; wenn das nicht allzu sehr ausufert, kann es sogar ein Plusfaktor für das Kulturangebot in Tangoland sein. Das hat aber nichts mit GBSD zu tun.

Aber wie gesagt – als wissenschaftlich denkender Mensch interessiert mich natürlich die Frage, ob es Standpunkte gibt, von denen aus  GBSD-Veranstaltungen rational begründbar wären.

Ich versuche das mit Hilfe eines kleinen Modells. Wissenschaft unterscheidet sich ja von Religion unter anderem dadurch, daß sie zur Falsifizierung einlädt und dies sogar als ein Element der Stärke ansieht.  Von daher lade ich zum Mitdenken ein, vielleicht habe ich ja was übersehen.

Gehen wir – zum leichteren Kopfrechnen – von einer Ausgangsmenge von 50 Männern und 100 Frauen aus (noch eine Anmerkung: Ich benutze diese Worte, weil ich keine Lust auf das ganze PC/Gendergedöns habe. Ihr wißt, wie es gemeint ist).

Bei einer offenen Veranstaltung hätte eine Frau im Fall kompletter Durchmischung und 100% Aktivität der Männer eine Tanzrate von 50%.

Bei einer GBSD-Veranstaltung haben 50% der Frauen eine Tanzrate von 100%. Für die  anderen 50% ist die Tanzrate Null, weil sie gar nicht erst reinkommen.

In Wirklichkeit liegen die Zahlen natürlich niedriger. Nicht alle Männer wollen nonstop tanzen, und wenn dann noch Cliquen ins Spiel kommen, sitzen wahrscheinlich auch auf GBSD-Events einige Frauen länger als andere.

Aus Männersicht hat GBSD den Nachteil, daß ihre Auswahl an Frauen nur halb so groß ist. Man hört von GBSD-Freunden öfter das Argument, die Atmosphäre wäre weniger stressig. Hier kann ich nur für mich sprechen – mir macht es nichts aus, und vielleicht sollten betroffene Männer eher an ihrer Persönlichkeit arbeiten statt  es andere ausbaden zu lassen, wenn sie damit nicht klarkommen. Aber es geht ja immer auch um „quality of experience“, also um Subjektivität. Dieser Faktor darf also bei der Frage, was die Benefits von GBSD sein könnten, nicht unterschlagen werden.

Was nun die Frauenseite angeht, kann ich tatsächlich potentielle Vorteile erkennen. Hier hängt es aber auch vom Umfeld ab, wie und ob sie diese materialisieren.

Gibt es keine Alternativ-Veranstaltungen, haben 50% der Frauen einfach die, hm, Popokarte gezogen, weil sie gar nicht zum Zug kommen. Aber: sie wissen das eine Weile vorher und können sich planerisch darauf einstellen. Zwar kein Tango, aber dafür auch kein Rumsitzen.

Wenn es zum GBSD-Termin andere Veranstaltungen gibt, haben die „Desinivitados“ die Chance, dorthin zu gehen und doch noch ein paar Tänze zu bekommen.  Vermutlich ein paar weniger, weil das Männerpotential ja auch nicht unerschöpflich ist.

Soweit verwendet das Modell die Annahme, daß GBSD-Veranstalter nach dem Zufallsprinzip auswählen. Eine „first come first serve“-Politik funktioniert ähnlich. Kommen aber noch Cliquenaspekte dazu, wird es komplexer. Auf der ToDo-Liste für Frauen, die reinkommen wollen, stehen dann Übungen im Nettsein (oder dem Konformsein mit irgendwelchen Stammesregeln). Das ist auch eine Art von Preis, den einige als zahlenswert ansehen können, andere nicht. Im Endeffekt sollte diese Veranstaltungen also eine Art Filtereffekt haben; es ist zu erwarten, daß dort bestimmte Tanguero/Tangueratypen dort über- und andere unterrepräsentiert sind.

Was wäre also das Fazit? Ziel war ja die Suche nach einem Standpunkt, von dem aus man den Nutzen von GBSD verstehen kann. Ich würde sagen, es gibt Charaktere, die von GBSD profitieren. Meine persönliche Schlußfolgerung – um hier den Bogen zum Anfang zu schlagen: Ich will nicht, daß diese Sichtweise an Boden gewinnt. Mir ist „Mikrofairness“ (jede Frau hat eine Chance, Tänze zu kriegen) sympathischer als „safe spaces“, die einige komplett ausschließen.

Die Plus-Seite von GBSD ist also: wer auf solchen Veranstaltungen ist, fehlt auf zeitgleich stattfindenden „normalen“ Veranstaltungen. Das ist dann ein Win-win: weniger Männer (gut für mich, weniger Konkurrenz) und mehr Frauen (gut für mich: mehr Auswahl). Außer natürlich, wenn Frauen entnervt den Tango aufgeben – was wohl leider auch passiert. Richtig, Chicas – Tango ist kein Ponyhof. Aber was mich angeht – ich bin halt nicht so der „Alles oder nichts“-Typ und denke, ich habe auch eine gute Seite: auf Milongas wechsle ich gerne und viel und achte auch drauf, ob jemand lange sitzt.

Zum Abschluß – bevor ich mich zu einer 100% Tradi-Milonga aufmache -noch ein kleiner musikalischer Gruß an die Freunde der Exklusivität (der ganze Text ist gut, meine Lieblings-Stelle ist etwa bei 2:14):

Schönen Sonntag noch…