Anleitung zum Unglücklichsein

Vor einiger Zeit bin ich beim Herumschweifen in der Tangoblog-Landschaft auf eine Gruppe von Texten gestoßen, die sich mit dem Thema „Musikhardware“ befassen.

Ausgangspunkt war wohl ein Artikel, den jemand namens El Espejo geschrieben hat (https://elespejero.wordpress.com/). Dies hat dann eine massive Texteruption bei Christian Tobler (http://blog.argentango.ch/) ausgelöst, eine inzwischen elfteilige „Replik“. was wiederum andere Posts und Kommentare zur Folge hatte. Ich weiß gar nicht mehr, wie genau ich auf das Ganze aufmerksam geworden bin. Erst wollte ich das alte chinesische Sprichwort „bevor ich mich uffreesch, ist es mir lieber egal“ befolgen. Das mit „egal“ hat dann aber irgendwie doch nicht geklappt.

Hintergrundinformation: In jungen Jahren war ich eine Zeitlang in der „High End Audio“-Szene unterwegs.  Unter anderem gab es eine Gruppe von Leuten, die an Wochenenden Equipment der Kategorie Klipschorn-Boxen und Phase Linear-Endstufen in dörfliche Mehrzweckhallen geschleppt haben, um dort Discos für 200 bis 500 Leute zu machen; mein Job war, mich um die Technik zu kümmern. Nebenbei hatte ich dann auch manchmal Kontakt zu mehr oder weniger schrägen Vögeln aus der Audiophilen-Szene.

Und um noch was vorneweg zu sagen: Ich weiß guten Klang durchaus zu schätzen, und ich habe auch schon genug Milongas mit grauenvoll klingender Musik erlebt. Und ich empfinde großen Respekt vor dem Fleiß und der Energie, die Christian Tobler in sein Werk gesteckt hat.

Dennoch glaube ich, daß der Flammenschwert-Purismus, den Christian und seine Jünger da zelebrieren, nicht hilfreich oder tatsächlich zielführend  ist, wenn es um besseren Klang auf Milongas geht. Ich denke sogar, daß solche Ansichten, auf diese Art formuliert, netto mehr schaden als nutzen, weil am Ende alle frustriert und erschöpft sind.

Guter Sound ist eine Funktion von Geld und Zeit. Auch Know-how-Erwerb oder sagen wir die Bereitschaft, kubikmeterweise Equipment irgendwohin zu schleppen, läßt sich irgendwie in diese Kategorien abbilden. Eine radikale Einstellung vom Typ „das Beste oder nichts“ ist angesichts der Endlichkeit all dieser Ressourcen nicht hilfreich.

Wenn man von echten Dummheiten absieht, ist die Relation zwischen Aufwand (Geld/Zeit) und Ergebnis schon einigermaßen monoton. Und nichtlinear; die Qualitätsverbesserung pro eingesetzter Stunde oder Euro wird umso kleiner, je höher die Qualität schon ist. Also stellt sich als erstes die Frage, wo ist „gut genug“.

Und als zweites stellt sich die Frage, ob es überhaupt so etwas wie eine absolute Meßlatte für Qualität gibt. Ich meine nicht irgendwelche simplen Sachen wie Frequenzgang. Sondern die subjektiv wahrgenommene Qualität. Die hängt nämlich auch von den Erwartungen ab.

Das funktioniert natürlich in beide Richtungen. Einerseits ist es sozusagen das Äquivalent von Homöopathie im Audiobereich. Wenn ich beispielsweise intensiv genug daran glaube, daß man den Unterschied zwischen  einem superdicken und einem noch dickeren Lautsprecherkabel hören kann (bei Lautstärken, bei denen noch nicht die Polizei kommt),  dann höre ich das auch. Umgekehrt enthält das typische „High End Audio“-Mindset die ständige Suche nach Haaren in der Suppe und die Dauerbereitschaft zur Unzufriedenheit.

Früher sind die Lokführer vor der Fahrt um ihre Lok gelaufen und haben mit einem großen Hammer auf die Räder geschlagen, um am Klang zu überprüfen, ob alles in Ordnung war oder vielleicht irgendwo ein Riß im Material war, der bei der Fahrt zu Problemen geführt hätte.

In  der vorhin erwähnten High-End-Phase meines Lebens sind mir Leute begegnet, die überhaupt  nicht mehr zu echtem Musikgenuß in der Lage waren. Für sie war ein Musikstück nur noch der Hammer, mit dem sie ihre Anlage auf Qualität überprüft haben, das heißt, sie haben ihre Musik danach ausgesucht, ob sie damit ihre Anlage „ausfahren“ konnten.

Von mir aus können Extrem-Audiophile gerne lebenslang in ihrer Welt glücklich werden. Problematisch wird es, wenn sie auf Missionstour gehen (und vielleicht ist das als Element der Selbstvergewisserung unvermeidlich, weil Zufriedenheit eben nicht Teil des Extrem-High-Ender-Pakets ist). Dieser Export von Unzufriedenheit bedeutet aber einen Fokus auf äußere, letztendlich technische Aspekte der Musik, statt auf ihren inneren, emotionalen Wert. Das ist nichts Gutes.

Dabei kommen dann Sachen heraus wie die Aggressivität, mit der Christian T. über den armen Espejo herfällt. Dieser hat ein paar aus meiner Sicht recht pragmatische Vorschläge gemacht: Einen Equalizer benutzen, um den Klang von Edo-Konservenmusik zu verbessern, und einen Kopfhörer, um sich die Musik anzuhören.

Dies triggert bei CT Hunderte von Bildschirmseiten an Replik. Nicht falsch verstehen: darin finden sich eine Menge durchaus sehr nützliche Informationen. Wenn sie auch ziemlich unstrukturiert sind, mit vielen Wiederholungen, und immer wieder unterbrochen von „rants“, Wutreden (gerne gegen MP3, oder „Neomanie“; den Rest habe ich vergessen und auch nicht den Wunsch, das irgendwie zu recherchieren oder aufzulisten).

Zu MP3 – exemplarisch: irgendwer hatte mal Neil Young in den Zeugenstand gerufen, ich habe vergessen, ob CT das war oder jemand anderes. Was der gute Mann – dessen Musik ich nebenbei sehr schätze – in seinem Leben so alles an Drogen konsumiert hat, dürfte seinem Gehirn mehr geschadet haben als ein paar Audioclips mit „lossy compression“. Ich bin kein Experte in Psychoakustik (aber ich kenne ein paar). Wenn wir über einigermaßen hohe Bitraten reden, dürfte angesichts typischer Geräuschpegel auf Milongas der Wegfall von Randgeräuschen am Rande der Hörschwelle (und das ist das Prinzip von jeder lossy compression) die Welt nicht untergehen. Im übrigen gilt das sinngemäß für Störabstände generell.

A propos Neomanie: ja, Billigequipment oder schlecht eingestellte Ketten können schon ganz schön furchtbar klingen. Und ja, manches von diesem Zeug hält vielleicht auch keine 20 Jahre. Dennoch bekommt man heute eine Menge Klang fürs Geld, ich würde sagen mehr als früher. Das Argument, ausgerechnet Edo-TA könnte nicht davon profitieren, kommt mir ziemlich an den Haaren herbeigezogen vor.

  • SCNR: Christian, das Ding, was Audio-Formate ineinander umwandelt, heißt CODEC (COder/DECoder). Nicht Kodex (das hast Du immerhin inzwischen korrigiert). Aber der Plural ist dennoch „Codecs“ und nicht Kodices.

Streß durch schlechten Klang: ja, bestimmt. Was einem da auf manchen Milongas an harten, mittenbetonten Sachen ins Ohr knallt, kann schon übel sein. Aber bevor ich mir Sorgen über irgendwelche Subtilitäten mache – es gibt andere akustische Stressoren, die zumindest bei mir um Größenordnungen nerviger sind. Angefangen von in Relation zum Geschlurfe und Gesprächen zu leiser Musik, bis hin zu beim Tanzen benachbarten dauerquatschenden Paaren oder Sitznachbarn mit überlauten, unangenehmen Stimmen.

Ein paar Sachen sind direkt in sich widersprüchlich. Beispiel: Erst eine Riesen-Suada gegen Kopfhörer; ein paar Dutzend Seiten später dann eine längere Textsequenz zum Thema „alle Räume klingen verschieden“ – als ob Kopfhörer nicht ein Mittel zum Zweck wären, um Raumakustik und ggf auch Nebengeräusche auszublenden. Und als ob nicht – das ist zumindest meine Erfahrung – es bei Kopfhörern pro Euro mehr Klang gibt als bei Lautsprechern.

Auch die Auslassungen zu Equalizern und Kompressoren bzw. automatischer Pegelanpassung finde ich nicht wirklich überzeugend. Bei all dem, was schon bei der Entstehung einer Aufzeichnung am Klang herumgeschraubt wurde: was soll schon passieren? Ein paar von den Dingen, die per Automatik gemacht werden können, würde ein „TJ“ dann halt von Hand machen. Und im übrigen – wenn ich guten von schlechtem Klang unterscheiden kann, merke ich schon selbst, ob irgendeine Einstellung nun den Klang verbessert hat oder nicht.

Ich gestehe, daß es mir relativ wumpe ist, ob ein Musikstück bei der Wiedergabe so klingt wie ich es leipzig/einundleipzig vielleicht von der Bühne herab hätte hören können oder nicht. Manchmal klingen Remixe von Oldies besser als das Original, was weiß ich warum – vielleicht sind die Hörgewohnheiten heute andere, oder irgendwas an der Technik hat sich verbessert. Vielleicht haben auch einfach bessere Leute an den Reglern gesessen als beim Original. Mir egal; es gefällt oder eben nicht.

Was würde ich mir also als wirklich hilfreiche Unterstützung für Tango-DJs wünschen? Eine pragmatische Handreichung, wie man den Sound auf Milongas optimieren kann, aber ohne das ganze High End- und früher war alles besser-Geschnösel und Gedisse, einfach nur Hilfreiches für jede Preisklasse.

Vielleicht ein paar konkrete Beispiele für Anlagen, die das Preisspektrum von Economy bis First abdecken. Tips, wie man mit der vor Ort vorhandenen Hardware das bestmögliche Ergebnis erzielt. Wenn es nur einen 5-Kanal-Grafikequalizer gibt, dann will ich nicht hören, wie shitty das Ding ist, sondern wie ich es bestmöglich nutzen kann.

Bottom line: Das ständige Schüren von Unzufriedenheit durch extreme Forderungen ist in meinen Augen kontraproduktiv. Es ist nicht nur sachlich nicht gerechtfertigt und eine Verschwendung von Ressourcen. Es sorgt auch dafür, daß am Ende niemand glücklich ist – vermutlich noch nicht mal CT selber. Vielleicht gefällt ihm die Rolle des einsamen Rufers in der Wüste, und vielleicht beziehen auch seine Jünger ihren emotionalen Gewinn darin, daß sie diesen Purismus predigen. Aber am Ende denke ich, daß auch sie Verlierer sind – wenn man immer nur ein mißmutiges Gesicht macht, hinterläßt das sehr reale Falten im Gesicht.

 

Binnen-i verbinnen..äh, verbannen

Es gibt tatsächlich ein Add-on für Firefox, das Gender-Artefakte aus Texten verbannt: binnen-i be gone. Habs mit berlintangovibes, wo die Texte ja ziemlich gendersprechlastig sind, getestet: es funktioniert.

Einwände: man weiß dann bei Webseiten nicht mehr, wie genderverseucht sie sind. Und: da liest das Plugin jetzt allen Content mit…das braucht schon ein gewisses Vertrauen.

Ich hatte es ja schon mal als Kommentar irgendwo geschrieben: Solange mir niemand überzeugend demonstrieren kann, wie man Binnen-is oder Sonderzeichen im Text (aka Gendersternchen) ausspricht, werde ich sowas beim Schreiben nicht verwenden. Oder entsprechende englische Begriffe nutzen. Eine wirklich nachhaltige Lösung wäre sowieso das Umstellen der deutschen Sprache auf Englisch, dort gibt es das Problem schlicht nicht. Das hätte übrigens auch andere positive Effekte: Neue Game of Thrones-Staffeln, zum Beispiel, wären früher verfügbar. Und auch im Kampf gegen den Klimawandel wäre es beneficial: Englische Texte sind deutlich kürzer als deutsche, also geringerer Energieaufwand bei Herstellung und Transport von Printmaterial, bzw. beim Speichern von elektronischen Medien.

A propos Gender: An sich lese ich ja regelmäßig diverse Blogs; bei Melina mit ihrer niedrigen Frequenz hat mich nun Gerhard kalt, also beim Schlafen, erwischt. Ihr letzter Post ist, meine Wahrnehmung natürlich, der Beleg eines signifikanten Wahrnehmungswechsels. Die Gender-Selektion auf Encuentros hat versagt, und double role ist das zukünftige Mittel der Wahl. Aber lest selbst: https://melinas-two-cent.blogspot.com/2019/03/long-due-post-on-gender-and-roles-in.html.

No Champagne for Champaign (English)

I was told that my English writing is terrible. Probably true; in my professional life, I am using English quite often but in a tech and sometimes, even worse, in a standardization context.

Anyway, I am not writing much anymore on this blog. The usual suspects of themes (codigos, music, you name it) became kind of old. The interesting stuff would be about tango encounters and more experiences. But first of all I am not a talent in describing these things (as Terpsi), and stories where usually a second person is involved do not belong to me alone.

Having said this, sometimes I come upon things which are stranger than usual, and when I say strange I mean somehow, well, creepy. And as I saw there were some page accesses from the US (perhaps due to the English title of the post) I decided to provide an English version (it is not a translation, this would have been boring).

We Europeans have our share of Milonguero-style, slow motion close embrace evangelists. But as we in Old Europe say, things in the US are usually bigger. Take Tango Voice of America, one of my favorites with his marxist-style, self-citation-riddled seemingly endless texts.

Or, to come to the point, the latest oeuvre on In Search of Tango, titled „Champaign Milongueros“.

Some time ago, the German magazine DER SPIEGEL published an article about the way religion works.  One of the things which made their way into my memory was the part about coherence of such groups. In short – the higher the obstacles the group sets for members, the stronger the binding forces. It is like my grandma said – no cost, no value. This strategy also works like a filter, keeping the flaneurs away. Or rather, increasing the density of intensive practitioners.

An old Chinese proverb says: „if it looks like a duck, walks like a duck and quacks like a duck, it is most probably a duck” – clear, so far?

We do have those “secret” milongas for invited people only. But a publicly announced group, including 20-hour introductory courses with examination at the end – wow.

Maybe there is a lack of offerings for people who like separated seating, invitation by cabeceo, and all the traffic rules – I am sure, Tango Voice’s banning “exhibitionism” is among them even if not mentioned, well.

I for myself have nothing against some tantra tango now and then, as part of a healthy mix. And trying to create biotopes is legitimate. The problem starts if inhabitants start to molest their surroundings. Perhaps I am unfair in assuming that creating a protected space for Milonguero style lovers will not be the end – but.

Let me guess how the story could continue: As soon as such a group has a handful of members, they will probably start to influence other organizers, pointing at the people they represent. A little bit of adaptation here and there, nothing big in the beginning. These things will, however, add up as, well, extremists are usually more persistent, louder, and more activist than the average person. In the best case, it will lead to a fragmented and polarized tango community. In the worst case, the Milonguero sect will have taken over the whole local community.

Yes, it is possible that I am just paranoid and full of negative thinking. If so, I blame it on Tango Voice and the likes of him, the really traumatized me. Perhaps it is in my scientific genes that I am extra sensitive to the smell of religious zeal and mind control (think of Captain Saru from Star Trek Discovery with his threat senses). I for myself live in a larger area with a healthy mix of different tango styles and offerings.  I read, however, of areas which have become a undead, boring monoculture with only slow-motion tango to the ever-same EdO tune, where any forward motion in the ronda dies before the first piece of a tanda is even finished, leaving people rotating in-place not matter what the music says. But fun aside: Even if I enjoy some Milonguero style tango now and then, I would not become member of such a sect just to be on the safe side, not allowing some Milonguero style high priest to body-count me for more leverage – don’t feed the dark forces.

No Champagne for Champaign

Meine Schreib-Schwelle ist inzwischen recht hoch geworden – die Orbits um die üblich-verdächtigen Themen finde ich zwar lesend einigermaßen spannend, glaube aber nicht, dazu Entscheidendes beitragen zu können. Spannend sind persönliche Erlebnisse. Das alte chinesische Sprichwort „it takes two to tango“ bedeutet aber auch, daß einem solche Erlebnisse nicht allein gehören. Und womöglich leidet auch ihre Magie, und das wollen wir ja nicht.

Was also hat mich dazu bewogen, an die Tastatur zurückzukehren? Ein Artikel, zu dem ich durch  http://www.mytangodiaries.com gekommen bin, das alte, treue Schlachtroß der Meta-Sites. Wahrscheinlich werden dort noch in Hunderten von Jahren fleißige Skripte die vor langer Zeit hinterlegten Webseiten scannen und unter Tango Argentina Blogs neue Posts melden (sollte es nicht „Tango Argentino“ heißen?).

In diesem Fall war es der Artikel „Champaign Milongueros“ auf In Search of Tango.

Der Autor beschreibt dort eine Initiative, den Tango Milonguero voranzubringen. Beim Lesen wurde die Gänsehaut immer stärker; sicher erinnert sich der geneigte Leser noch an meine Posts zum Thema „Tango Voice of North America“. Da war sie wieder, die Grusel-Gänsehaut.

Was dort offenbar gerade passiert, ist die Gründung einer Tangosekte, äh, Gruppe namens Champaign Milongueros, die versucht, dem dortigen Mainstream-Tango etwas Milongueromäßiges entgegenzusetzen. Biotope für den eigenen Lifestyle zu etablieren ist ja nichts Verwerfliches und passiert ständig; ich sag immer, möge jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Hier aber haben meine „spidey senses“ laut und deutlich geklingelt, es sind diverse rote Lampen angegangen.

Was will „Champaign Milongueros“? In meinen Worten zusammengefaßt, einen Raum schaffen, in dem Tango auf Basis der Konventionen/Protokolle, wie sie in Buenos Aires praktiziert werden, stattfindet. Das volle Programm: getrenntes Sitzen, Cabeceo, und natürlich die Navigationsregeln. Tango Voice nennt ja alles, was über tantramäßige Slow Motion hinausgeht,  Exhibitionismus; so halt.

Der besondere Clou ist: Die Gruppe hat nicht nur strenge Aufnahmeregeln, die Teilnehmer müssen auch einen 20-stündigen Kurs absolvieren, mit einer Prüfung am Ende.

Vor einiger Zeit erschien mal im SPIEGEL ein Artikel zum Thema Religionen. Interessant fand ich dabei die Beschreibung, wie der Zusammenhalt der Mitglieder funktioniert. Kurz gesagt – je höher die Hürden, in Form von zu absolvierenden Pflichten – desto stärker ist die Bindung (wenn man zu den Leuten gehört, die auf so etwas ansprechen). Insofern glaube ich, daß diese Strategie durchaus funktionieren kann, wobei sie sicher  auch wie eine Art Filter funktioniert – Flaneure und Gelegenheitsteilnehmer werden eher abgehalten, die Dichte an Hardcore-Praktizierenden dürfte also relativ groß sein.

Ich habe ja durchaus nichts gegen das eine oder andere Slow Motion-Tänzchen in enger Umarmung. ich finde, es ist eine interessante Komponente in meinem Tango-Gesamtmix. Vielleicht gibt es in Champaign auf diesem Gebiet ja bisher keine Angebote. Ich würde dennoch nicht Mitglied von „Champaign Milongueros“ werden. Aus einem simplen strategischen Grund. Und ja, ich bin ein bißchen böse und unterstelle den Betreibern da etwas, was vielleicht gar nicht stimmt. Aber ein anderes altes chinesisches Sprichwort sagt „if it looks like a duck, walks like a duck and quacks like a duck, it is most probably a duck” – klar bis hierhin?

Angenommen, so eine Gruppe hat erstmal eine Handvoll oder mehr Mitglieder. Was wird wohl der spirituelle Führer tun, wenn er erstmal eine gewisse Masse an Tangueros hinter sich hat? Vermutlich zu anderen Veranstaltern gehen und versuchen, auf ihre Angebote Einfluß zu nehmen.  In der Regel ist der Mobilisierungsgrad und die Lautstärke des Auftritts von, sagen wir mal, Extremisten weit höher als im Durchschnitt; daher dürfte ein solcher Ansatz schon mit einer relativ kleinen Zahl von Leuten funktionieren. Bestenfalls führt das Ganze dann zu einer Polarisierung und Fragmentierung der örtlichen Tangoszene. Im Worst Case hat diese Sekte nach einer Weile den ganzen Laden übernommen. Wie gesagt – ich bin mir bewußt, daß ich da vielleicht etwas zu paranoid bin. Die Einblicke, die mir „Tango Voice“ da bietet, plus das, was ich andernorts lese, machen mich da einfach vorsichtig – better safe than sorry, um auch das dritte alte chinesische Sprichwort für heute zu zitieren. Mein eigenes Tango-Ökotop ist noch immer bunt und vielfältig, und so soll es auch bleiben.

Perfect Stranger

Eine Neolonga in einer Stadt, die nicht meine ist – ich keine wenige Leute dort, und heute abend niemanden. Das Auffordern per Blickkontakt betreibe ich nicht als religiöse, aber als sportliche Disziplin – die Lichtverhältnisse legen die Latte heute recht hoch. Damit es noch etwas schwieriger wird, höre ich immer erst ein paar Sekunden in die Musik, bevor ich mich entscheide, aktiv zu werden; gefühlt die Hälfte der Leute finden sich schon während der Cortina zusammen. Es werden meist Dreiertandas gespielt, weil die Stücke länger als die Tradi-typischen zweieinhalb Minuten sind. Das erste Stück inspiriert mich nicht; das zweite geht für das Auffordern drauf, dann noch ein paar Sekunden für das Aufstehen, halb-Hingehen, Stoppen, fast schon wieder umdrehen – aber die Dame hatte sich schon für mich entschieden, als der andere Herr an ihren Tisch kam.

Das sich-aufeinander-einstellen, das sonst bei einer bislang unbekannten Dame schon mal ein halbes bis ein ganzes Stück dauern kann, dauert hier gefühlt drei Sekunden. Es gibt genug Platz, um das, was wir beide in der Musik hören, auch in Bewegung umzusetzen. Ob sie die Musik schon mal gehört hat, weiß ich nicht – für mich war sie neu. Gehen, drehen, eng, weit – das ist ganz sicher nicht nur die Führung, wir hören die Musik ähnlich und doch verschieden genug, um eine Kombination aus Harmonie und Spannung zu bekommen. Sie bewegt sich leicht wie eine Feder und ist doch vollkommen präsent. Es gibt keine Fragezeichen, nur Gewißheit. Ein Slow-Motion-Sandwich mit perfekter Stabilität, dann nach dem Absetzen eine schnelle Drehung mit ein paar Ochos, genau in der Musik. Gemeinsames Atmen, Stille in der Bewegung, dann wieder Dynamik, Drehen, Gehen, zweispurig, dreispurig, vierspurig. Völlige Gelassenheit auch in den schnellen Sequenzen. Auch der Raum ist unser Freund – der Platz ist da, wenn wir ihn brauchen. Obwohl in einer einzigen Tanda mehr Bewegung auf der Fläche ist als in manchen Tradi-Milongas während der gesamten Veranstaltung, gibt es keine Notbremsungen und Verlegenheits-Moves.

Viel später überlege ich, ob ich außer einem strahlend hellen Danke noch etwas hätte sagen sollen. Und ja, auch der innere Übermuts-Monitor meldet sich kurz zu Wort – hat sie das gleiche erlebt, oder hat sie einfach einen guten Job abgeliefert?  War ich wirklich so präsent und auf sie ausgerichtet, wie es sich angefühlt hat? Und dann die Audiospur – Namen? Wo gehst Du sonst so Tanzen? Wie lange…unmöglich. Und natürlich auch die übliche Scheu vor dem nächsten Mal – kann es nicht eigentlich nur weniger schön werden? Vermutlich denkt sie, was für ein komischer Vogel, warum versucht er nicht, eine volle Tanda mit mir zu kriegen? Stimmt – Idiot. Oder doch nicht. Vier Minuten pure Magie. Danke, Universum.

P.S: Nein, die Musik war eine andere, aber wenn ich schon einen Musiktitel verwende…und gleich noch ein paar andere Sachen zum Hören dazu.

DSGVO die zweite

Eigentlich sollte diese an sich durchaus sinnvolle Sache eine andere Abkürzung haben – so etwas wie KPfpLf oder KPL. Was heißen könnte: Konjunkturprogramm für parasitäre Lebensformen.  Ja, damit meine ich Abmahnanwälte. Vielleicht tut mir ja jemand aus dieser Branche den Gefallen und verklagt mich wegen Beleidigung, seelischer Grausamkeit oder was weiß ich. Ich bin sicher, ein Blog darüber wäre der Hit.

So wie es im Moment aussieht, ist die halbe Republik nervös, weil sie das Gefühl hat, die Hyänen umkreisen die Herde bereits und werden am 25. Mai mit ihrem Angriff beginnen. Ja, die Rechtsprechung wird sich in den nächsten Jahren entwickeln. Auf dem Buckel von Vereinen, Privaten, Bloggern, kleinen Unternehmen – hier fürchte ich wird der Flurschaden immens sein. Wie ein Verkehrssystem mit Ampeln, die erstmal graues Licht zeigen und bei dem nach den ersten 500 Verkehrstoten die Gerichte dann Maßstäbe dafür entwickelt haben, ab welcher Farbtendenz Autofahrer halten müssen oder fahren dürfen. Wir haben ja in den letzten Jahren viel über die lebensverkürzende Wirkung von Feinstaub und Stickoxiden gelernt. Ich hoffe, es gibt auch irgendwann mal Grenzwerte für vage, unpräzise Gesetzgebung. Auch diese vernichtet massenweise wertvolle Lebenszeit und zerstört, wie ich fürchte, auch noch Akzeptanz für demokratische Strukturen in einer Zeit, in der diese alle Freunde brauchen würden, die sie bekommen können.

Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, daß im neuen Koalitionsvertrag auch ein Einbremsen der Abmahnindustrie vorgesehen ist. Toll, herzlichen Glückwunsch, liebe CDU und SPD. Auch eine Form von Bürgernähe: offenbar kam die herannahende DSGVO für Euch genauso überraschend wie für den Rest der Bürger.

Nicht daß ich nur am Meckern wäre. Hier ist der Plan: Ein Portfolio von einigen zehn „Usecases“ aus der wirklichen Welt der Vereine, Tangoveranstalter, Selbständigen, kleinen und mittleren Unternehmen, mit rechtssicheren Kochrezepten und so einer Art staatlicher Rechtsschutzversicherung, wenn jemand, der Nutzern dieser Muster juristisch an den Karren fahren will.

Naja, auf der anderen Seite konnte ich mein Schreibtalent auf dem Gebiet der Datenschutzerklärungen testen – ich hoffe, das Ding liest auch irgendjemand, der nicht elektrisch betrieben wird (ich meine Robots, für den Fall, daß jemand diese nerdige Anspielung nicht verstanden hat). Die Kunst ist auf jeden Fall, es so detailliert und langatmig zu machen, daß auch der hartnäckigste Leser nach spätestens 30% so narkotisiert ist, daß er sich sagt, jaja, wird schon alles okay sein. Ich hatte ja gehofft,. Ich könnte es komplett irgendwo übernehmen, das Teil auf Gerhard Riedls Website ist in meinen Augen ein Meisterwerk. Am Ende war ich dann aber doch zu ungeduldig für eine solche Lösung.

Den besten Text zum Thema DSGVO habe ich aber hier gefunden: http://www.der-postillon.com/2018/05/ratgeber-dsgvo.html.