Call for a Caller

Kürzlich habe ich an einem sehr schönen Tangofestival teilgenommen, bei dem mir zwei Dinge im Sinne der „üblichen Themen“ bemerkenswert schienen.

Zum einen gab es bei den beiden Milongas jeweils einige Tanzdemos. Der gemeinsame Nenner war absolutes Eye Candy aus den Bereichen Musikalität und Körperbeherrschung – unter anderem (bitte nicht als Herabstufung der anderen Paare verstehen) das Paar Mariana Montes und Sebastian Arce. Und ebenfalls gemeinsam war den meisten Demos eine explosive Energie, speziell untenrum. Will sagen, mit unglaublicher Fußarbeit. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen, sondern auf Video gesehen, hätte ich auf computergenerierte Special Effects getippt.

Worauf ich hinaus will, ist aber etwas anderes: der gigantische Applaus des Publikums. Absolut verdient und dennoch eine Spur seltsam. Weil nämlich das gleiche Publikum davor und danach auf der Tanzfläche ein dynamiktechnisch doch eher verhaltenes Bild geboten hat.

Okay, das ist natürlich mega-unfair. Auf einer vollen Tanzfläche kann man nun mal nicht so losfetzen wie wenn ein einzelnes Paar 200 Quadratmeter für sich hat. Und es reicht ja wirklich ein einzelnes Paar, das verträumt seine slow motion-Drehungen am Platz vollzieht, um eine ganze Fläche voller Tänzer auszubremsen, die sich vermutlich nicht direkt Arce/Montes-mäßig bewegen wollen, aber vielleicht doch gelegentlich den Wunsch haben, der Musik auch ein wenig zu folgen.

Also, nur damit es da keine Mißverständnisse gibt: ich finde es durchaus okay, den Versuch zu unternehmen, die Paarungsbereitschaft der aktuellen Herzensdame durch langsame, gefühlvolle Bewegungen zu steigern. Ich gebe dabei nur aus karmischer Sicht zu bedenken, daß es eventuell nachteilig sein könnte, wenn einen dafür zehn oder zwanzig andere Paare hassen. Wenn das Universum mal mies drauf ist, könnte es beschließen, zur Strafe die Bestellung für Erfolg in der Liebe zu verschlampen oder etwas anderes zu liefern.

Ausgesprochen interessant war für mich: Derselbe Sebastian Arce erzählte in einem der Workshops des Festivals, daß es in Buenos Aires üblich sei, daß der ganze Saal zumindest basics-mäßig Grundmustern der Musik folgt. Eher lyrische Teile eines Stücks würden zu vorwiegend kreisförmigen Mustern der einzelnen Paare führen – und mehr geradlinige Teile eben auch zu geradliniger Bewegungen. Des ganzen Saals – das muß man sich mal reinziehen. Ich bin ja eigentlich sonst eher skeptisch, wenn es heißt, in Buenos Aires tut man dies und in Buenos Aires tut man jenes. Aber da kam doch mal kurz ein kurzer wehmütiger Glanz in meine Augen.

Unten ist ein Video von Magdalena Valdez und Cristhian Sosa, das beintechnisch eher im unteren Bereich dessen liegt, was die beiden beim Festival abgeliefert haben.  Ich habe es ausgesucht, weil ich finde, daß die Action mit ein paar kleinen Anpassungen durchaus auf handelsübliche Milongas passen würde. Ein paar Änderungen in der Richtung, und die wenigen wirklich akrobatischen Moves weggelassen, und gut ist. Eingebaut in eine Ronda mit so einer Basisbewegung braucht das vom Effekt her – Staus und Überholversuche – auch nicht mehr Platz als ein durchschnittliches Tantra-Tango-Paar oder ein Newbie-Paar mit gelegentlichen Rückwärtslauf-Einlagen.

Es gibt natürlich Alternativen. Ich bin wie immer zu faul, um zu checken, ob ich schon mal was zu diesem Thema geschrieben habe. Vermutlich schon; egal. Oder jemand anderes. Jedenfalls: es gibt Gruppentänze, die einen „Caller“ haben. Der sagt dann für den ganzen Saal an, was zu tun ist. Wäre es nicht an der Zeit, so etwas beim Tango auch mal zu versuchen? Die meisten DJ-Anlagen haben ja einen Mikrofoneingang, und ein guter DJ könnte diesen Job im Zeitalter fertiger Playlisten sicher noch zusätzlich übernehmen. Hier ein kleines Beispiel, wie so etwas in anderen Tanzstilen funktioniert:

Oder, falls das zu intrusiv ist – und im Geiste von Flyern, auf denen die Codigos eventuell ergänzt mit lokalen Benimmregeln vermerkt sind: vielleicht ein oder zwei Leute, die allzu weggetretenen Platzdrehern Kärtchen mit der Aufschrift „Nehmt euch ein Zimmer“ zustecken, gleich mit ein paar Adressen nahegelegener Hotels?

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Hauptquartier der International Tango Union seiner Bestimmung übergeben

Heute wurde in Buenos Aires die Gründung der International Tango Union (ITU) bekanntgegeben und gleichzeitig das Hauptquartier der ITU im Herzen der Stadt, an der Avenida San Juan in Richtung La Boca, eingeweiht.

Die ITU ist formal eine Unterorganisation der UN. Ihre Gründung war – wie ebenfalls im Rahmen der Einweihungszeremonie bekanntgegeben wurde – bereits im Oktober 2009 geplant worden. Damals wurde Tango von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Daß die Vorbereitungen für die Gründung so lange Zeit vertraulich gehalten werden konnten, gilt als großer Erfolg der internationalen Tango-Diplomatie. „Wir hatten kein Interesse daran, daß diese wichtige Initiative vorzeitig bekannt wird und sich dann vorhersehbar die gesamte Tango-Blogosphäre daran abarbeitet“, erklärte Carlos Ricardo Castaneda di Sarli, der erste Generalsekretär der ITU, dessen formeller Amtsantritt ebenfalls im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten stattfand. Aus dem Umfeld des Vorsitzenden war zu hören, daß di Sarli damit speziell einen Personenkreis meinte, der in Fachkreisen auch unter dem Namen  „Diaspora-Traditionalisten“ bekannt ist. In informellen Gesprächen mit Personen aus dem Führungskreis der ITU wurden hier  etwas deutlichere Worte gewählt; es fielen Begriffe wie „päpstlicher als der Papst“, „ängstliches Festklammern an der Vergangenheit“ und „Gefahr für die Weiterentwicklung des Tango“. Di Sarli selbst verwendete  im Rahmen seiner Ansprache das bekannte Sprachbild, daß es bei Tradition nicht um das Bewahren der Asche, sondern um die Weitergabe des Feuers gehe.

Übrigens ist di Sarli mit dem bekannten Orchesterleiter nicht in direkter Linie verwandt; aus einem nur teilweise erhaltenen Kirchenregister, das 2014 im Keller einer Kapelle in der Nähe San Antonio de Areco gefunden wurde,  ergibt sich, daß die Vorfahren des Orchesterleiters und des jetzigen ITU-Generalsekretärs Geschwister gewesen sein könnten. Auf seine Namensverwandtschaft angesprochen, meinte di Sarli allerdings schmunzelnd, geschadet hätte ihm diese bisher auch nicht.

Das ITU-Gebäude wurde äußerlich im Baustil des späten EdO gehalten; im Inneren ist es selbstverständlich nach neuesten Energieeffizienz-Standards konzipiert – auch dies soll nach di Sarli als ein Symbol verstanden werden, daß Tango zwar äußerlich etwas altbacken wirken mag, sich im Inneren aber stetig weiterentwickeln soll. Das Gebäude bietet neben Büro- und Funktionsräumen mehrere mit besten Tanzböden ausgestattete Veranstaltungsräume. Dazu kommt eine umfangreiche Tangobibliothek mit klimatisierten Archivräumen für die optimale Lagerung von Original-Schallplatten und einem mit neuester Technik ausgestattetes Labor zur Restauration und klanglichen Optimierung alter Aufnahmen.

Das Bild unten zeigt den großen Versammlungsraum, in dem etwa neue Tango-Figuren vor einem internationalen Fachpublikum präsentiert werden oder Beratungen darüber stattfinden, wie „Codigos“ zeitgemäß weiterentwickelt werden.

Vor allem enthält das ITU-Gebäude aber auch Infrastruktur, die als „Inkubator“ bezeichnet wird. Dies sind Studio- und Übungsräume sowie auch zwei kleinere Tanzsäle mit Bühne;  hier soll zeitgenössischen Tango-Orchestern ein Raum gegeben werden, in dem sie sich musikalisch entwickeln können. In den ITU-Statuten wird die fortwährende Weiterentwicklung des Tango – bei Musik, Text und natürlich auch im tänzerischen Bereich – als zentrales Element der Kontinuität dieser einzigartigen Kulturtechnik genannt.

In der Fahnengalerie vor dem ITU-Gebäude – bei Nacht ist der Anblick besonders spektakulär – ist jedes Land vertreten,  in dem Tango getanzt wird. Der leere Stuhl, den man im Hintergrund erkennen kann, steht dafür, daß auf Milongas niemand länger sitzen sollte.

Im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten wurde, auch dies für viele der geladenen Gäste und Kommentatoren überraschend, eine Tanzdarbietung gezeigt, in der Chicho Frumboli und Susana Miller zu live gespielter Musik, die man als Fusion aus Piazzolla mit Gardel-artigem Gesang bezeichnen darf, die gesamte Bandbreite des heutigen Tango demonstrierten. Im Anschluß daran gaben Miller und Frumboli eine gemeinsame Erklärung ab, die an diesem, an Überraschungen reichen Tag von vielen als ein besonderes Highlight bezeichnet wurden. Hier eine Zusammenfassung auf Basis des Originalmanuskripts, das nur leicht gekürzt wurde:

„Wir haben in den Neunzigern, um den Tango einem möglichst großen Kreis von Menschen nahezubringen, eine Art Mehrmarken-Strategie gewählt, damit für jeden etwas dabei ist. Der eine oder andere Antagonismus war dabei Teil der Strategie, eine Art Inszenierung; Zweck war einfach, dadurch mehr Aufmerksamkeit in den Medien zu bekommen. Das Ganze ist aber – wir wissen heute noch nicht genau, wie das eigentlich passieren konnte – außer Kontrolle geraten. Einzelne Gruppen – interessanterweise allesamt außerhalb von Buenos Aires – haben sich aber der eigenen Profilierung willen dermaßen in diese Konflikte verbissen, daß dabei eine ungute Polarisierung entstanden ist. Dies ist nicht unser Interesse. Buenos Aires ist, neben allem anderen, natürlich auch so etwas wie der Themenpark des Tango, aber auch eine Quelle neuer Ideen und Konzepte – so ist ja Tango überhaupt erst zu dem geworden, was es heute ist. Und auch wenn dies ein wenig unromantisch klingt: Tango ist, für die Stadt wie auch für das ganze Land, ein erheblicher wirtschaftlicher Faktor; dies wird langfristig nur durch Vielfalt und Offenheit gesichert. Es wird Zeit, daß wir diesen Interessengruppen klarmachen, daß sie keine Lizenz dafür haben, den „wahren Tango“ zu vertreten, nur weil ihre Ansichten besonders radikal sind.“

Dieser Gedanke wird auch durch die Skulptur vor dem ITU-Gebäude ausgedrückt. Sie symbolisiert das Ende der Polarisierung zwischen den Lagern und soll den Weg in eine Zukunft weisen, in der alle Varianten des Tango friedlich und einträchtig miteinander koexistieren.

Wie nun bekannt wurde, waren Frumboli und Miller sogar einmal ein Paar; aus dieser Verbindung  stammt eine Tochter, die später unter dem Künstlernamen Eugenia Parilla eine eigene Karriere als professionelle Tangotänzerin startete. Die beiden sind bis heute eng miteinander befreundet. Di Sarli dankte den beiden dafür, daß sie der Entwicklung des Tangos zuliebe jahrzehntelang gegensätzliche Pole eines Tangoverständnisses verkörpert hätten; er sagte wörtlich, er könne nur erahnen, wie anstrengend dies mitunter gewesen sein müsse. In ihrer Replik sagten zwar beide, dies sei ein Opfer gewesen, das sie gerne gebracht hätten, doch war beiden war die Erleichterung darüber anzumerken, daß sie ihr Versteckspiel nun endlich beenden konnten und nicht mehr gezwungen sind, sich durch Verkleidungen und Ablenkungsmanöver vor den allgegenwärtigen Tango-Paparazzi zu schützen.

Es wird sich nun zeigen, wie die Arbeit der ITU sich auf die Förderung und Weiterentwicklung des Tango auswirkt. Natürlich hat das Ganze auch eine kommerzielle Komponente; die Arbeit der ITU muß finanziert werden. Erste wichtige Schritte sind bereits getan. So wurde, mit Rückendeckung der UNO, mit den Rechteverwertern aller Tango-relevanter Länder vereinbart, daß Lizenzgebühren aus Tangomusik zukünftig direkt an die ITU gehen.

Eine andere Einnahmequelle werden direkte musikalisch aufbereitete Instant-Milongapakete sein; auch Streaming-Angebote direkt aus dem Musikbestand der ITU, mit einer zubuchbaren Option „Remote Djing“, bei dem ein DJ aus BsAs die Musik interaktiv gestaltet, werden im Angebot sein. Dazu kommen Tangoklamotten mit ITU-Logo sowie natürlich ITU-zertifizierte Tangolehrerausbildungen und dergleichen. Desweiteren wird die ITU gegen Gebühr eine Serie von „Recommendations“ genannten Regelwerken zur Gestaltung von Kursen und Milongas herausgeben und auch bestimmte Zertifizierungen vergeben. Dem Vernehmen nach soll beispielsweise festgelegt sein, daß die Veranstalter nur dann mit dem Gütesiegel der ITU werben dürfen, wenn ihre Milonga barriofrei ist, ein Fachausdruck, der bedeutet, daß nicht bestimmte Bewegungsformen (etwa Boleos) untersagt sind. Daneben soll es Standards für bestimmte Spezialformen von Milongas geben. Auf einer ITU-konformen traditionellen Milonga muß beispielsweise der Männeranteil mindestens 90% sein; auch muß ein durch ITU-Audits kontrollierter Prozeß existieren, der sicherstellt, daß alle  männlichen Gäste mit mindestens einem Messer bewaffnet sind (es soll aber möglich sein, am Eingang gegen eine kleine Gebühr Waffen auszuleihen).

Last but not least wird es auch klassische Merchandise-Artikel wie etwa T-Shirts, Tango-Tops und Tassen mit dem ITU-Logo geben.

Aus den Einnahmen soll unter anderem das Wachstum einer lebendigen, zeitgenössischen Tango-Musikkultur gefördert werden. Dabei geht es übrigens auch um die Weiterentwicklung von Inhalten. Als nicht mehr zeitgemäß wird zum Beispiel der in alten Tangotexten transportierte Ehrbegriff angesehen, der eine einseitige Sicht aus der Perspektive der Männer darstellt. Der entsprechende Arbeitskreis hat erste Textentwürfe vorgestellt. So handelt beispielsweise ein Text von einer Tanguera, die ihren untreuen Liebhaber auf einer Milonga zur Rede stellt und tötet, was von den anderen Tänzerinnen mit respektvollem Raunen begleitet wird. In einem anderen Liedtext klagt eine Tanguera, daß sie zu viele minimalistische Tänzer hatte, so daß sie keinen anderen Weg sah, ihr Leben aufregender zu gestalten, als Glücksspiel, Alkohol sowie wahl- und zügellosen Sex.

Buckets and spoons

Bekanntlich bin ich fürs Übersetzen nicht so zu haben. Beim folgenden Post, der vor kurzem auf der Webseite von Irene und Man Yung erschienen ist, hatte ich aber sofort den Impuls, daß dieser Text nicht im Gefängnis der englischen Sprache eingesperrt bleiben sollte, sondern Auslauf in die Weite des deutschsprachigen Raums bekommen sollte. Und so habe ich, mit der Höflichkeit, die man von einem old school-Typen wie mir zu Recht erwarten kann, um Erlaubnis gefragt. Und hier wäre dann das Ergebnis:

(ach ja – ich habe nicht versucht, es wörtlich zu übersetzen, es ging mir eher um ein ähnliches Gefühl beim Lesen).

Gefährliche Erfahrungen

Gerade haben wir Karten für das Konzert des bekannten französischen Kontratenors Phillippe Jaroussky gekauft, der mit dem Orchester Les Violons du Roy im April in der Koerner Hall (in Toronto) auftritt. Wir freuen uns sehr auf dieses Konzert. Wir lieben beide Opern, und Phillippe Jaroussky ist derzeit einer der besten Kontratenöre – wenn nicht sogar der beste – weltweit. Andere Kontratenöre mögen höhere Töne hinbekommen oder lauter singen können als Philippe, aber wir haben niemals einen gehört, der mit der gleichen Schönheit, dem gleichen Können und der gleichen Emotionalität singt. Hört euch diese grandiose Vivaldi-Arie an:

 

„Ich möchte einen Kommentar zu ‘höher oder lauter’ abgeben“, sagte Man Yung. „Was würdest Du Dir lieber ansehen – eine dieser schnellen, furiosen Tangodarbietungen, die voller komplizierter Herumschleudereien und Beinakrobatik sind, aber kein Gefühl haben – oder die einfache Tanzweise von alten Milongueros, die dafür reich an Musikalität und Leidenschaft ist?“

Nun ja – ich kenne eine Menge Leute, die solchen akrobatischen Show-Tango lieben. Es gibt nichts Aufregenderes als das Tango-Äquivalent von jemandem, der – mit ein paar Kilo TNT an den Körper geschnallt – aus einer Kanone herausgeschossen wird, durch einen Feuerring und über einen gerade ausbrechenden Vulkan hinweg. Aber ich schweife ab.

Ich habe tatsächlich ein wenig gezögert, bevor ich die Tickets gekauft habe. Nicht, weil sie teuer waren, oder weil wir keine Zeit hatten. Sondern weil ich Angst hatte, daß ein Live-Auftritt von Phillippe Jaroussky Man Yung töten könnte.
Ich kann etwas Schönes genießen, aber es bringt mich nicht dazu, tatsächlich an Ort und Stelle umzukippen. Als ich das erste Mal Philippe Jaroussky in einem Youtube-Video singen gehört habe, bekam ich einen leichten Schweißausbruch, aber das war es dann schon. Man Yung, andererseits – ich dachte, er bekommt einen Herzinfarkt. Es stellte sich dann heraus, daß es eine Magenverstimmung war – aber eine, die durch die atemberaubende Schönheit von Phillippe Jarousskys Gesang verursacht wurde.

Es gibt tatsächlich einige Dinge, von denen Man Yung sagt, daß er sie in seinem Alter nicht mehr aushalten würde. Eine Modigliani-Ausstellung. Beethovens Dritte Symphonie. Und noch mehr Hauskatzen. Ich kann daher nur hoffen, daß das Konzert kein Gesundheitsrisiko für Man Yung darstellt. Vor allem deshalb, weil er bisher keine Lebensversicherung (mit mir als Begünstigter) hat, die einen solchen Fall abdecken würde.

Das erinnert mich an etwas, das mir jemand mal über einen alten Milonguero erzählt hat. Er war wirklich schon recht betagt, und daher standen die Chancen durchaus nicht schlecht, daß er schaffen würde, worauf jeder echte Milonguero hofft – beim Tango zu sterben, mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht. Er hatte wirklich für diesen Fall eine Kasse aufgemacht. Die unglückliche (oder glückliche) Dame, in deren Armen er den Löffel abgeben würde, erhielte den Inhalt dieser Kasse. Gut – es wären vielleicht nicht mehr als 100 Dollar, aber es ist der Gedanke, der zählt.

„Denk mal drüber nach, Man Yung! Hundert Dollar! Dafür könnte ich ein nettes Hummer-Essen bekommen. Und der glückliche Milonguero würde seine letzten Momente in meiner himmlischen Tango-Umarmung verbringen, bevor er in die ewigen Jagdgründe eingeht“, sagte ich zu Man Yung.

„Bei Deinen Tanzkünsten?“ spottete Man Yung.  „Unmöglich! Ich denke, er würde alles tun, um zu überleben, um in den Armen der nächsten Dame zu sterben“.

Sehr witzig, Man Yung. Egal. Ob irgendjemand tatsächlich gerne beim Tango sterben würde – Tango ist wirklich voller gefährlicher Momente. Lies nur mal diese aktuellen Kommentare von Tangueros aus Toronto:

„Oh mein Gott. Seine Umarmung fühlt sich an, als würde man von einer Anakonda zerquetscht. Ich brauche einen Chiropraktiker. Er hat wirklich fast mein Genick in meine Wirbelsäule gequetscht”.

„Puh. Das war knapp. Die hohe Beintechnik der Dame hat mir fast den Schädel gespalten“

„Der DJ hat die ganze verdammte Nacht lang blecherne, rhythmische Canyengues gespielt. Das war so langweilig und monoton, daß Du mich jetzt genauso gut erschießen könntest.“

„Keuch! Ich bin beinahe gestorben, als ich versucht habe, meine Luft 13 Minuten lang anzuhalten. Um Himmels Willen, hat er eigentlich noch nie von so etwas wie Deo gehört?“

Das war – hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen – so oft werde ich das bestimmt nicht machen. Nur ein paar kleine Nachsätze noch (Irene and Man Yung, I just want to drop a few comments – I will also add them in English).

DE: – Was den Bereich Löffel-abgeben beim Tango angeht – in meinem fortgeschrittenen Alter sind Gedanken dieser Art ja nicht völlig fremd. Schlecht ist die Idee nicht. Ein kleiner Widerspruch wäre nur – allzu nett der Dame gegenüber ist das ja eigentlich nicht. Man müßte sich also jemanden suchen, mit dem sich das Tanzen göttlich anfühlt, den/die man aber eigentlich nicht allzu sehr leiden kann.

Und in Bezug auf den Genuß von Tango-Artistik, beziehungsweise die Annahme, daß Artistik und Gefühl einander ausschließen. Ich gehöre auch zu den Leuten, die sich gerne so etwas ansehen. Die guten Sachen können einem in puncto Musikalität auch immer etwas geben, Eigentlich ist das ja eine Matrix – es gibt auch un-artistisch und gefühlsleer, und wild, zügellos und dennoch voller Sinnlichkeit und Emotion, wenn zwei Körper das volle Potential ausschöpfen, sich wie einer bewegen. Letzteres gehört zu den leider eher seltenen Highlights meines Tangolebens; das macht sie nicht weniger real oder erstrebenswert.

EN: —

With respect to bucket-kicking during a tango dance – now and then thoughts from the bucket department come to my mind too, must have to do with age. The idea as such is not bad. There is a little problem in the concept, though. I think it would not be entirely nice towards the dance partner. So one would need to find a person who can create the highest dancing delight, but who one dislikes personally – not an easy task.

About tango artistry: I am also one of the people who like to watch tango skills which are way beyond my own. I think the good videos always have something to give, musicality-wise. I would just not subscribe to the assumption that acrobatics and emotionality are mutually exclusive. Strictly speaking, it is a matrix; there is hollow, emotionless un-acrobatics. And there is wild, rampant but nevertheless sensual and emotional dancing, experience of two bodies which fully explore the potential of moving as one. Unfortunately, such experiences are of the more rare variety in my tango life – which does not make them less real or desirable.

In diesem Sinne – und zum Abschied nicht eines, sondern vier unterschiedlich leise „Servi“, ein kleiner Ausschnitt der Musik, die ich beim Schreiben „on ICE“ gehört habe:

Kurz mal eben

Leider kommt Tango in meiner Tango-Work-Life-Balance derzeit etwas zu kurz. Viele Geschäftsreisen und auch sonst kein Mangel an Action. Das hat auch Auswirkungen auf die Schreib-Motivation. Fürs Tango-Blog-Lesen reicht die Zeit immerhin noch. In aller Kürze: Beim frustrierten Milonguero glühen die Tasten derzeit; er haut die Posts im Zwei-Tages-Rhythmus raus, durchaus nette Lektüre.  In Angelina‘s Tango Blog findet sich ein ansehenswertes Video mit sensationeller Fußarbeit und schönen Pause-Action-Wechseln, hier.

Ja.. und dann hat auch Tango Therapist mal wieder was geschrieben. An sich sind seine Texte ja von der Aussage her klar, mit gelegentlichen Ausflügen ins Chris de Burgh-mäßig schnulzig Banale. Aber hier bin ich schon ins Grübeln gekommen, was er uns sagen will:

  1. Autonomy(being independent and able to resist social pressures).  Here is my plug for close-embrace tango and not dancing for admiring eyes: The most sustainable dimension for your tango, I believe, is to dance for yourself and the person in front of you.  Often I notice social pressure to dance in a way that is visually appealing.  However, this facade will eventually destroy your autonomy. Psychological research on people influenced by what others see, notice and applaud, shows that people begin to second guess their own vision and abandon it.  Be autonomous; be well.

Erstmal dachte ich, okay, das ist wieder so eine Nummer im Sinn der selbstproklamierten Tangostimme von Nordamerika, schön schwarzweißes Kurzschlußdenken: Es gibt nur Tango in enger Umarmung und Exhibitionismus. Meine Einstellung dazu dürfte bekannt sein. Aber dann dachte ich, hoppla, also was nun? Social pressure to do the visually appealing kann ja auch bedeuten, bewegungsreduzierter Engtanz, weil irgendwer einem das einreden will, zur Not mit einem „Ihr böse erste Welt“-Opfernarrativ, wie es TVofA probiert. Also würde Autonomie bedeuten, genau das nicht zu tun, sondern wirklich die Musik zu tanzen – und die sagt nun mal manchmal, große Bewegungen, Dynamik. Ich habe übrigens per Kommentar versucht, das für mich zu klären; entweder habe ich mich da über alle Maßen blöd angestellt oder TT hat den Kommentar aus irgendeinem Grund wegzensiert. Also, falls ich es nicht selbst verbockt habe – lieber TT; trau Dich was und schalte mal die Kommentarmoderation aus; es passiert bestimmt nichts Schlimmes und wenn doch, kannst Du sie dann ja mit gutem Gewissen wieder einschalten.

Ach ja, eine Frage noch. Gibts dieses Jahr keine Herz-Schmerz-Milonga? Falls sie wieder Anfang Mai wäre, hätte ich so langsam mit einer Ankündigung auf der Webseite gerechnet. Also ich fände es schade, wenn es keine gäbe.

Umarmungen

Ich gebe zu, daß ich mich ein wenig selbst schubsen mußte, diesen Text anzufangen. Vielleicht ist der Planet schuld. Ich habe das Gefühl, er gibt sich in letzter Zeit alle Mühe, daß es nicht langweilig wird.  Eigentlich war mein Plan, den Rest meines Lebens in einer quasi ereignislosen Welt (oder zumindest auf einem solchselbigen Kontinent) zu verbringen. Bei aller Liebe zum Tango – besagte Welt ruft auch nach Engagement auf anderen Gebieten. Was ich – und dann solls auch gut sein mit der Politik- übrigens jedem empfehlen würde. Bald gibt es ja wieder ein paar Gelegenheiten, und ich persönlich würde mir wünschen, daß wieder mehr „Kopf“ und weniger „Bauch“ in der Politik stattfindet.

Um vor dem tangospezifischen Teil dieses Posts noch schnell ein anderes Thema abzuschließen: Das Dschungelcamp. Wie ich schon sagte – das Ding selbst geht mir recht weiträumig am Gesäß vorbei. Aber die Kommentare von Anja Rützel auf Spiegel Online sind einfach göttlich zu lesen. Ein Highlight unter den Highlights: dieser hier.

Tango Voice of America hat ja vor einer Weile wieder für etwas Lesestoff gesorgt. Da ist eine wie ich fand recht unterhaltsame Wortprügelei zwischen Felicity, Chris und El Polaco entstanden (genaugenommen lief das erst teilweise im Kommentarbereich des Tango DJ Fundamentals-Post) . Schade, daß Tango Voice diese mit recht deutlichen Worten beendet hat. Nicht daß ich Lust hätte, tief in einen Bericht über dieses Kommentar-Battle einzusteigen; lest selbst. Hier nur die Übersicht: es ging irgendwie darum, ob man durch Tangounterricht oder nur durch direktes Eintauchen in die Tangowelt von Buenos Aires zum Tanguero oder besser Milonguero werden kann.

Vor einer Weile hatte ich ja schon darüber geschrieben, daß ich es amüsant finde, wie sich innerhalb der Hardcore-Tradi-Sekte weitere Untersekten bilden und wie diese aufeinander losgehen. Richtig spaßig wurde es, als Felicity sich geoutet hat, gelegentlich auch mal in der Führenden-Rolle zu tanzen. Woraufhin dann El Polaco (oder war es Chris? Eigentlich ist es mir komplett egal) meinte, das ginge ja gar nicht und sie sei somit für Diskussionen zum Thema Milonguero/Tradi komplett disqualifiziert.

Falls jemand noch nach einem neuen Schimpfwort/Kampfbegriff für das immerwährende Ringen um den wahren Tango sucht: Chris hat „Classero“ eingeführt. Das soll jemanden bezeichnen, der seine Tangokünste in Kursen erworben hat (und nicht per Osmose in argentinischen Familienkreisen). Mir ist trotz mehrsekündigem Nachdenken noch kein adäquater deutscher Begriff eingefallen – vielleicht hat ja jemand eine Idee.

Übrigens hat El Polaco nach der Intervention von Tango Voice nochmal mit einem interessanten Stück Information nachgelegt, mit dem Verweis auf eine „Cultural Map“, die  zeigen soll, wie weit Argentinien vom Westen entfernt ist (bekanntlich vertritt ja EP die Ansicht, daß das, was in BsAs geschieht, für die hiesige Tangowelt irrelevant ist).

A propos BsAs: Zur Zeit werden auf „The life of a frustrated Milonguero“ diverse lesenswerte Erlebnisberichte aus der Stadt und der Milongaszene veröffentlicht.

Zurück zu TV. Irgendwo innerhalb dieser Diskussionen kam ein Thema auf, daß mich kurz zum Grübeln gebracht hat. Es ging um die Frage, ob der Begriff „Führen und Folgen“ überhaupt paßt. Oder ob die enge Umarmung selbst die Bewegung verursacht. Weil ein Führungsimpuls ja immer etwas Zeit braucht. Ich habe mein eigenes Erleben gecheckt und auch noch ein wenig gegoogelt; dabei ist unter anderem dieser Artikel aufgetaucht.  Ich bin letztendlich zum gleichen Ergebnis wie TV gekommen, nur hat er es schön knackig formuliert: „Wordplay“.

A propos Umarmung. TV war einer der Wege, auf denen mir Tete Rusconi auf den Schirm gekommen ist. Meinen Informationen zufolge, einige davon sind recht personennah, ist Tete der Prototyp des Porteno-Milonguero – ein Leben, das ich „prekär“ nennen würde, aber absolute Leidenschaft für den Tango. Seine Spezialität ist Vals in Milonguero-Umarmung (ich glaube, hätte mich zuvor jemand gefragt, hätte ich gesagt, das geht gar nicht). Hier ein Beispiel:

Und, um den Kreis zu den Ansichten des verehrten Kollegen Chris zum Thema „Tangolehrer“ auf TV zu schließen: Cassiel hat 2010 einen Post veröffentlicht, in dem er einen Text von Tete übersetzt: http://tangoplauderei.blogspot.de/2010/01/testament-pedro-alberto-tete-rusconi.html.

Man möge das unter der Fragestellung „Was sagt ein Bilderbuch-Milonguero zum Thema Tango systematisch lernen“ lesen. Für mich klingt es jedenfalls nicht so, als würde da etwas in Bausch und Bogen verdammt; oder wie es El Polaco formuliert hat: Die Alternative zu schlechtem Tango-Unterricht ist nicht kein, sondern besserer Unterricht. Oder, um meine Lieblingsdichterin Terpsi (aus dem Gedächtnis, also vermutlich nicht ganz wortgetreu) zu zitieren: It takes years of hard work to become a bad dancer.

Tete hat eine Reihe von Interviews gegeben, in denen man über dieses und andere Themen Weiteres lesen kann:  hier: http://www.tangotales.com/tete-and-silvia/ .

Nur mal eben kurz

Ist schon wieder Weihnachten?  Gerade sehe ich, daß sich völlig unbemerkt von mir seit dem 9.1.17 wieder reges Kommentarleben bei Tango Voice of America abspielt. Und ich dachte schon, da ist beim Spielen mit der neuen Knarre, die Santa Claus gebracht hat, was schiefgelaufen. Wie gesagt – hätte ich schade gefunden. Welcome back, TV. Als ob die neue Staffel Dschungelcamp (was unter anderem bedeutet, neue Texte von Anja Rützel, yeah) nicht schon Geschenk genug gewesen wäre. Leider muß ich jetzt Spocht machen (gute Vorsätze im Hinblick auf Fitness und Körpergewicht, Ihr wißt schon). daher nix lange Texte today. Aber ich wollte die frohe Kunde wenigstens zeitnah weitergegeben haben.

Gönnen können

51014834334689161821364072Vor ein paar Tagen erschien bei Stephen Twist ein Post, der mich sehr positiv berührt hat. Stephen berichtet darin über den Besuch bei einer Milonga in Bueonos Aires, deren Highlight eine Tanzvorführung des diesjährigen Mundial-Siegerpaares in der Kategorie Bühnentango war, Agustina Vignau und Hugo Mastrolorenzo.

Er schreibt:

‚Memorable‘ is too unmemorable a word. ‚Life changing‘ would be a word too far. But somewhere between is the correct and appropriate description of a feeling danced. And we know that, if Buenos Aires delivers no more, this would have been enough.

Ich würde es so übersetzen:

„Unvergeßlich“ ist ein zu flüchtiges Wort. „Lebensändernd“ wäre ein zu starker Ausdruck. Aber irgendetwas dazwischen wäre eine korrekte  und angemessene Beschreibung für ein im Tanz ausgedrücktes Gefühl. Und wir wissen: Auch wenn Buenos Aires ab jetzt nichts Zusätzliches mehr bietet – dies wäre schon genug.

Da ich nicht anwesend war, weiß ich nicht, wie meine Reaktion gewesen wäre – vielleicht ist Stephen leichter zu beeindrucken als ich, vielleicht schwerer. Aber das Gefühl als solches kenne ich. An dieser Stelle fand ich es beinahe schon lästig, an Figuren wie Tango Voice zu denken, denen nichts Besseres als Worte wie „Exhibitionismus“ einfällt, wenn sie etwas erleben, das außerhalb ihrer begrenzten Reichweite ist. Es gibt diese Redewendung, nach der man selbst nicht größer wird, wenn man andere klein macht. Für mich liegt Größe in Worten wie denen, die Stephen gefunden hat.

Hier eine kleine Video-Auswahl von Agustina und Hugo aus den Jahren 2011 bis zum Finale der Mundial 2016: