Zen und die Kunst, Tango zu lernen

Bin ich der einzige, der beim Lesen mancher Blog-Posts so ein mystisches Rauschen hört? Speziell bei neueren Posts von Cassiel habe ich immer das Gefühl, als wäre Tango für ihn so etwas spirituell-Religiöses. Ich hatte das in einem Kommentar-Multilog mal „Zen mit Bandoneon“ genannt.

Zum Aspekt „Religion“ paßt (und das beziehe ich jetzt nicht nur auf Cassiel) auf jeden Fall das gegenseitig Ausschließliche (die zugegeben dramatechnisch langweiligere Alternative wäre „Leben und leben lassen“) der Tradi versus Neo-Recken.

Kleiner Einschub: Auch wenn ich annehme, daß die Leser dieses Posts schon an den einschlägigen Blogs vorbeigekommen sind: Ich hoffe doch mal sehr, daß Gerhard Riedl sich den Inhalt von  http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/07/peter-ripota-eine-ansteckende-krankheit.html nur ausgedacht hat. Oder der beschriebene DJ irgendwie auf Drogen war, einen seltsam-humorigen Scherz gemacht hat oder sonstwie nicht repräsentativ für größere Bevölkerungsanteile von Tangoland war. Andernfalls wäre es wirklich gruselig.

Aber das soll hier und heute nicht das Thema sein. Dieses ist: Ich will die Analogien mit den fernöstlichen Lern-Mythen mal etwas näher betrachten.

Nehmen wir mal so einen typischen Martial Arts-Plot. Ein westlicher Schüler denkt, er kann beim Meister per Druckbetankung in einer Woche lernen, wie man ein Dutzend Gegner gleichzeitig plattmacht. Stattdessen darf er erstmal zehn Jahre lang den Tempel ausfegen und was weiß ich alles für seltsame Dinge tun, die alle nichts mit Kung Fu zu tun haben. Er beißt sich durch…bis dann der Punkt erreicht ist, wo er den Kanal voll hat und alles hinschmeißen will. Dann erklärt ihm der Meister (wahlweise: er wird in einen Kampf verwickelt und erlebt es direkt), daß all die scheinbar sinnlosen Dinge  seine Ausdauer, seinen 360-Grad-Blick, seine Kraft, Reaktionsschnelligkeit und was weiß ich noch alles so trainiert haben, daß er all seine Gegner eben…nun ja…mühelos platt machen kann.

Da fallen mir direkt zwei Sachen ein: (sorry für die geschlechtermäßig etwas einseitige Auswahl..) ? das caminar, das man auch nach 10 Jahren noch nicht beherrscht. Und daß man nur eines, aber das mit traumwandlerischer Sicherheit, draufhaben muß: auf welchem Bein die Frau steht. Und vielleicht, für Freunde des besagten Zen mit Bandoneon, noch das ultimative Ziel der bewegungslosen Bewegung – nur noch Umarmung.

Überall sonst gilt als wahre Meisterschaft eher, ein breites Spektrum von „Techniken“ zu beherrschen, und nicht, sich auf eine zu fixieren das bekannte Hammer-Nagel-Ding, nach dem Motto, auch eine fröhliche schnelle Milonga kriegt man irgendwie mit Depri-Slow Motion kleingetanzt (okay, ich habe mal eine Tantra-Tango-Milonga gesehen, das war aber wirklich special und ist keine Entschuldigung für all das andere).

Wobei ich die Einstellung habe, daß Technik nicht alles ist, aber ähnlich wie bei einer Sprache: Ein größerer Wortschatz kann zum „endlos-labern“ mißbraucht werden, ist aber auch immens hilfreich, wenn man Dinge knackig und präzise ausdrücken will. Womit wir geschickt den Bogen zwischen Fernost – sagen wir, der japanischen Kunst der Perfektionierung durch Minimalismus – und dem völlig in der Musik-Tanzen geschlagen haben.

Gute Gelegenheit, nochmal eins meiner Lieblings-Videos zu verlinken:  https://youtu.be/iYXtBG1u_HY. Auf zwei Dinge bitte ich hier besonders zu achten: Erstens tanzen die beiden auf einem Boden, der sicher nicht besonders gut „dreht“, und bauen dessen Eigenschaften perfekt in die Wahl ihrer Elemente ein. Und zweitens sind diese kopfhohen Voleos und was da noch an Artistik stattfindet, absolut passend und sehen gleichzeitig vollkommen entspannt aus. Auf der Piste wäre ich foh, wenn so ein Paar vor mir wäre und nicht der 2-Schritte-Rückwärtsgeher von nebenan, oder einer dieser Platzdreher, die ab und zu völlig überraschend doch mal ein paar Schritte nach vorn machen.

Eine Frage: Wäre jemand bereit, eine Tango-Ausbildung vom Typ „zehn Jahre Tempel ausfegen“ zu machen – mit einer Bandbreite, die von „SloMo-Tanz auf der Briefmarke“ bis von Arce/Montes reicht? Und gäbe es dafür einen Meister?

Das wäre jetzt der Zeitpunkt, um http://tangoimmigrant.blogspot.de/search/label/Teaching zu lesen. Das dort Geschilderte entspricht einem Muster, das ich auch kenne. Aber gleich mal fürs Protokoll: um Glück sind viele Tangolehrer so nicht drauf, aber einige gibt es schon, die die eigene Größe durch das Kleinmachen der Konkurrenz zu steigern hoffen.

Un-learning hat natürlich einen Stellenwert. Ich erlebe das auch selbst: Manchmal steckt man in einer Motorik-Sackgasse, die einen immer wieder in eine bestimmte Sequenz zieht. Das kennen Schwimmer, Tennisspieler oder andere Sportler auch. Ein guter Trainer schafft es, seine Schüler da wieder rauszuholen. Aber am Ende steht mehr Variationsbandbreite und nicht weniger.

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Zwölf Monate

http://verastangoblog.blogspot.de/ ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Zunächst einmal ist es vielleicht von allem, was ich bisher gelesen habe, das „bloggigste“ – ich meine den Wortstamm. Ein Web-Log, Tagebuch – natürlich schon über das Veröffentlichen nach außen gerichtet. Aber mit Berichten „von innen“ – sagen wir mal im Vergleich zu Blogs, die bestimmte Sicht- und Denkweisen propagieren – Codigos, Musik und so weiter. Ich kann nicht sagen, daß ich selbst jetzt stark hineingezogen werde – aber einen Lese-Blick ist es allemal wert.

Ach ja, und was es noch interessant macht – nach dem, was Vera schreibt, ist es ein Projektbericht – ein Jahr Ausbildung bei einem  Profitänzer, um selbst professionelle Tango Argentino-Tänzerin zu werden. Begonnen im Januar 2015, also noch ein knappes halbes Jahr übrig…

 

Demos und Shows

Ich hatte ja schon geschrieben, daß ich momentan gerne im Blog von Tango Immigrant lese. Kürzlich habe ich einen schon etwas älteren Post gelesen (http://tangoimmigrant.blogspot.de/2013/11/the-tango-performance-inspiration-and.html), in dem es um das Thema „Demo“ geht.

Das hat dann in meinem Gedächtnis so eine Art „Memory“-Effekt ausgelöst (das Spiel, bei dem es um das Finden von zwei gleichen Bildern geht). Ich gebe zu, daß ich zu faul bin, jetzt alle Links rauszusuchen…Cassiel hat dazu mehr als einmal etwas geschrieben, soweit ich mich erinnere ergab sich daraus auch ein ziemlich umfangreicher Kommentar-Multilog; Bei Patrick erinnere ich mich ebenfalls an diverse Kommentare.Auf jeden Fall scheint dieses Thema einiges an Leidenschaft zu mobilisieren. Und wenn ich mich nicht sehr täusche, ist die Mehrheitsmeinung in Tangoland aktuell „Shows/Demos sind Mist“.

Das hat bei mir die Frage ausgelöst: Warum eigentlich genau? Gefühlsmäßig bin ich ziemlich nahe an Tango Immigrants Position: Demos inspirieren, weil sie zeigen, was im Tango so alles geht.

Als Neben-Positivum könnte man noch erwähnen, daß Demos vielleicht Teil einer Mischkalkulation für reisende Tangolehrer sind (Stichwort: Werbefläche), die vielleicht hilft, die Lehrer finanziell über Wasser zu halten und damit auch für Vielfalt sorgt.

Dann habe ich versucht, die Gegenposition zu verstehen. Erstmal die „offiziellen“, „guten“ Gründe:

– Demos klauen wertvolle Zeit, die man sonst selbst tanzen könnte

– Demos sind sowas wie Werbespots und nerven daher schon aus Prinzip.

Jetzt die inoffiziellen, „bösen“ Gründe:

– Demos liefern einen Referenzrahmen, der die Tanzkünste der lokalen Tango-Alphas relativiert

– Demos machen einem schmerzhaft bewußt, was man aktuell alles nicht kann und aller Wahrscheinlichkeit in diesem Tangoleben auch nicht mehr können wird

– Demos lösen Neidgefühle aus – so viel Platz oder eine so heiße Partnerin bzw. einen heißen Partner bekommt man selbst nicht

Bei den „guten“ Gründen würde ich vorsichtshalber noch ein klein wenig ergänzen: Ich rede von solchen Demos, die inkl. Ansage, Schluß-Verbeugungen und sonstigem Drumherum  die Dauer von einer bis zwei Tandas haben, also keine abendfüllenden Events.

Habe ich bei den offiziellen Contra-Gründen was vergessen? Falls ja, bitte ich freundlichst, mir auf die Sprünge zu helfen. Und falls ich bei den „bösen“ Gründen was übersehen haben sollte, gerne auch…

P.S. Bevor jemand mühevoll versucht, es herauszuinterpretieren: Ja, ich habe so meinen persönlichen Umgang mit dem Thema „Methusalem-Komplex vs. Peter Pan-Syndrom“.Dazu vielleicht irgendwann nochmal mehr.

Der Igel und die Tangohasen

20160405_161317Anmerkung: Der Text ist neu (geschrieben am 9.4.16); der Titel war aber offenbar schon im veröffentlichten Bereich. Ich glaube, ich wollte es damals in den Zettelkasten speichern, denn der Vorläufer war gerade mal ein Satz und der Link zu Ms. Hedgehog. So faul war ich aber, soweit ich mich erinnern kann, selbst damals nicht. Ich habe das Ganze am 9.4.16 nochmal als neuen Beitrag gepostet.

Dieses Stück liegt schon eine Weile in meinem Zettelkasten. Ein Grund dafür ist meine bereits erwähnte Abneigung gegen das Übersetzen. Was ein kleines Dilemma ist – ich finde diesen Artikel von Ms Hedgehog wirklich sehr informativ, lesenswert und unterhaltsam. Der Kompromiß, den ich für mich gefunden habe: ich werde den Artikel beschreiben.

Hier der Link zum Original; es sind auch ein paar sehr nette Videos drin:

http://mshedgehog.blogspot.de/2015/03/strictly-come-dancing-and-tango-world.html

Zunächst geht es darum um eine britische Fernsehsendung namens „Strictly Come Dancing“; der deutsche Ableger heißt „Let’s Dance“, der österreichische „Dancing Stars“. In den USA läuft das ganze unter „Dancing with the Stars“. Erfunden haben es laut Wikipedia aber tatsächlich die Briten, genauer, die BBC.

Wer es nicht kennt – das Prinzip ist, Promis tanzen zu lassen, wobei sie jeweils einen Profitänzer als Coach/Partner bekommen. Ich selbst habe über die Jahre eine Handvoll von Minuten der deutschen Version gesehen; manchmal war es sogar recht unterhaltsam (obwohl für meinen Geschmack zu viel geredet und zu wenig getanzt wird).

Frau Igel wundert sich über verschiedene Dinge:

  1. Warum sehen die Promis beim Tango meist ganz passabel aus, die Profitänzer aber steif und „disconnected“?
  2. Warum geben Juroren und Kommentatoren manchmal Hinweise, die dem zu widersprechen scheinen, was wir im Tango normalerweise tun?
  3. Wofür genau sind „Vincent und Flavia“ Weltmeister?

Letzterer Punkt dürfte eher ein Thema für BBC-Zuschauer sein; mich hat in diesem Kontext am meisten beeindruckt, welche Rechercheleistung Ms Hedgehog hier hineingesteckt hat (und eine Hommage an Terry Pratchett in Form einer riesigen Fußnote; allein damit hat sie schon mein Herz erobert).

Okay – wer des Englischen so mächtig ist, daß er meinem Ratschlag folgen kann, den Artikel im Original zu lesen, hat dies mit einiger Wahrscheinlichkeit schon getan; vielleicht ist dieser Post von daher ein wenig redundant und ich habe durch das Schreiben nur kostbare Lebenszeit verschwendet. Andererseits – vielleicht auch nicht.

Interessant finde ich diesen Teil des Themas jedenfalls, weil wir hier ein wenig Informationen über die Welt der Tangowettbewerbe bekommen. Laut Ms Hedgehog gibt es nur einen wirklich relevanten Wettbewerb, und zwar die „Mundial“, die Teilnehmern, wenn sie einigermaßen gut abschneiden,  substantielle Karrierevorteile als Lehrer oder Bühnentänzer bieten. Ich ergänze: Außerdem liefert die Mundial auch einfach gute Bilder von High-End-Tango.

Zu Frage Nummer zwei lautet Frau Igels Antwort: Weil diese Tips, wenn man an Tango-Wettbewerben teilnehmen will, durchaus sinnvoll und nützlich sind – nur eben nicht für den „sozialen“ Tango. Ms Hedgehog schreibt auch von Gesprächen mit Ex-Turniertänzern, die ihr bestätigt haben, daß die Tips für Leute, die von anderen Tanzstilen kommen, schon Sinn ergeben.

Nett ihr Schlußsatz zu ihrer Antwort auf Frage 2 – „As for arguments about the embrace, tango people argue about that all the time anyway”.

Ihre Antwort zur ersten Frage nimmt auch bezug auf das Thema “Turniertango – sie meint, die Moves von “echten” Tangotänzern, sozial oder Bühne, wären zu zeitaufwendig zu lernen und von daher unpraktisch für Breitband-Turniertänzer.

Die Promis haben diesen Turnierhintergrund nicht und bewegen sich so wie „echte“ Tango-Anfänger, was normalerweise ganz okay aussieht.

Zum Schluß noch Ms Hedgehogs Schlußsatz (vor der epischen Fußnote, die sich wirklich lohnt im Original zu lesen; kommt schon, liebe Leser, raus aus eurer Komfortzone, es lohnt sich!):

„As for the question of why nobody sorted this out before, I think the answer is that nobody cares. It’s taken me bloody ages, and I think these interactions, confusions and relationships are actually  interesting.”

Das finde ich auch.

 

Noch mehr Neuland…

http://www.briefe-an-karla.de/index.html

würde ich eine wirkliche Entdeckung nennen (okay, so schwer war es nicht…auf der ersten oder zweiten Trefferseite, wenn man bei Google „Tango Blog“ eingibt…). Sehr schön geschrieben, mit genau der richtigen Menge an Subtilität und, nun ja, Magie.

Auch hier sind die Posts nicht erkennbar datiert, im „Fragezeichen“ ist aber die Rede davon, daß die Autorin seit 2010 tangomäßig unterwegs ist.

Nachtrag: Unter http://www.tangodanza.de/shop_content.php/coID/507/product/briefe_an_karla.html gibt es noch zwei weitere schön zu lesende Briefe (Dank an Anonym vom 27.7./9:44)

Neuland…

habe ein paar neue Blogs gefunden – hier erstmal was zu

http://tangoblog.sprach-atelier.de/

Der einleitende Text klingt vielversprechend – „Seit wir uns mit dem Tango argentino beschäftigen, haben wir ungefähr zweitausend Definitionen, Beschreibungen, Charakterisierungen des Tango gelesen und gehört. Gewisse Begriffe und Formulierungen quellen uns mittlerweile wie klebriger Rotz aus Augen, Ohren und Hirn. 

Wir haben genug, ein für allemal.“

(bitte selbst weiterlesen, will die Pointe hier nicht verraten)

Beim Weiterlesen habe ich dann festgestellt, daß dieser Blog nicht ganz meine persönliche Kragenweite ist. Schwer den Finger drauf zu legen. Vielleicht ein wenig zu „small talk“, etwas zu flach, zu wenig kantig. Das heißt, das Lesen fühlt sich eher wie Arbeit an. Ich werde aber immer wieder mal reinlesen, manchmal braucht es ja etwas Zeit oder die passende Stimmung,

Ich hätte gerne gewußt, von wann die Posts sind. Leider sind nur die Kommentare datiert. Der zweitoberste Post kann demnach nicht später als Ende November 2012 geschrieben worden sein (der oberste hat keine Kommentare).

Hasta siempre, amor

Ich hatte schon geschrieben, daß ich den (englischsprachigen) Blog von Tango Immigrant gern lese. Heute möchte ich zwei Posts vorstellen:

http://tangoimmigrant.blogspot.de/2014/09/image-is-everything-interpretation-and.html und

http://tangoimmigrant.blogspot.de/2013/02/traditionalists-have-feelings-too.html

Was weiß ich über TI? Sie kommt aus Norwegen und ist Musikerin. Letzteres merkt man bei vielen ihrer Beiträge; über das Unterhaltsame hinaus sind sie in puncto Musik auch sehr informativ.

Nein, ich habe nicht vor, die beiden Posts nachzuerzählen oder zu interpretieren; ich finde, sie sprechen für sich selbst.

Was das Musikstück angeht – ich habe mir diverse Versionen angehört, auch neuere, wie etwa die von Yasmin Levy. Ich muß sagen, die von Carlos Di Sarli mit Horacio Casares hat mir am besten gefallen (https://www.youtube.com/watch?v=mD_k4sXLvto). Wobei ich an diesem Stück eins bemerkenswert finde: Ich habe zwar kein fotografisches Musikgedächtnis, würde aber eine ziemlich hohe Wette eingehen, daß ich es in den letzten 5 Jahren auf keiner Milonga gehört habe. Wozu TI eine Theorie hat…aber lest selbst.

Ach ja…und bei dieser Gelegenheit habe ich noch einen anderen nützlichen Link gefunden: https://letrasdetango.wordpress.com.

Und wo wir gerade bei Coverversionen sind… https://www.youtube.com/watch?v=ilng5K90puU.

So…die Youtube-Sektion hätten wir. Fehlen noch die Tierfotos. Mal schauen.