Und ich sach noch

Ich vermute mal, inzwischen hat jeder mitbekommen, was da in den letzten Tagen und Wochen  in Sachen Facebook passiert ist. Ihr wißt, was ich von Facebook halte. Und es wäre jetzt sehr verlockend, einfach selbstzufrieden zu sagen „ich habs euch ja gesagt“. Aber das ist es nicht. Ich sitze leider mit euch Facebook-Junkies im selben Boot. Wenn ihr es über die Klippen steuert, bin ich auch dran.

Facebook ist wie ein netter Onkel, der Wohltaten verteilt – nur leider ist er der Pate eurer Favela und verdient das Geld, von dem er ein paar Almosen an euch verteilt, mit Drogenhandel, Prostitution und Auftragsmord. Oder zumindest versuchtem Mord, eventuell an der Gesellschaft, in der wir alle einigermaßen okay leben. Aber diese Almosen sind keine Geschenke. Ihr habt eine Funktion: ihr seid menschliche Schutzschilde.

Und ihr seid gleichzeitig Opfer. Die Bonbons, die er an euch verteilt, sind selbst Drogen. Dafür optimiert, euch möglichst lange auf der Plattform zu halten, um noch bessere Psychogramme erstellen zu können, euch noch paßgenauer manipulieren zu können. Oder anderen die Mittel dafür zu verkaufen. Ein Hack direkt in eure Gehirne. Und eine globale Monokultur – optimale Ausbreitungsbedingungen für Schädlinge.

Lenin wird der Ausspruch zugeschrieben „Eines Tages werden uns die Kapitalisten die Stricke verkaufen, an denen wir sie dann aufhängen werden“. Ups.

Ja, ich weiß. Nicht alles an Facebook war schlecht. Die Autobahnen.. Oh, sorry, falscher Kontext. Jedenfalls – wunderbar bequem, um sich tangomäßig zu organisieren und auszutauschen. Yada yada yada.

Als Facebook würde ich mir im Moment noch nicht allzu viele Sorgen machen. Ja, der eine oder andere Shitstorm, vielleicht eine Anhörung im US-Kongreß, der Aktienkurs ein paar Prozent runter. Was solls. Geht alles vorbei. Weil die Plattform ja so schön bequem ist; die Schafe werden schon wieder auf die Weide kommen. Und Trump…kleiner Unfall. Außerdem ist er gerade dabei, den Chinesen eins auf die Mütze zu geben, eigentlich gar nicht schlecht.

Dieser Laden gehört reguliert wie ein Pressemedium, oder noch härter, weil er einfach viel zu mächtig ist. Vielleicht bringt die neue europäische Datenschutzrichtlinie auch was. Aber ich würde mich nicht drauf verlassen wollen. Es gibt ein Leben ohne Facebook. Probiert es aus. Ist wie mit jeder Droge: ein paar Tage oder Wochen hat man Entzugserscheinungen. Und dann fühlt man sich besser.

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GBSD

Anläßlich eines aktuellen Posts von Tango Therapist habe ich mich gefragt, ob es eigentlich auch Standpunkte gibt, von denen aus man die Teilnehmerselektion bei Veranstaltungen vom Typ Encuentro gut finden kann.

Vorneweg – ich lehne Veranstaltungen mit Gesichtskontrolle jedweder Geschmacksrichtung rundweg ab – ich sehe einfach keinen Grund, warum  ich jemandem so viel Macht über mich einräumen soll. Ja, es gibt Leute, die denken, daß sie im Gegenzug etwas dafür bekommen – das Gefühl, zu einer ausgewählten Elite zu gehören oder whatever. Gerhard hat dazu kürzlich etwas geschrieben. Ich bin eh schon Mitglied diverser Eliten. Da brauche ich das nicht auch noch im Tango.

Und was „gender balanced“- Veranstaltungen in Tangoland angeht (ich will keine Diskussion über den richtigen „wahren Namen“ aufmachen, aber die Begriffe „Diskriminierung“ oder „Selektion“ sollten schon drin vorkommen):

Wenn ich als Angehöriger des „begehrten Geschlechts“ (Mann) zu solchen Veranstaltungen gehe, würde ich damit die Macht der Veranstalter stärken und die Verbreitung dieser Event-Spezies fördern. Deren Attraktivität beruht ja darauf, daß dort die Dichte verfügbarer Männer größer ist als auf Durchschnittsmilongas. Also: nein danke.

  • Ich verwende ab hier das Kürzel GBSD für Veranstaltungen, die mit Gender Balance/Selektion/Diskriminierung arbeiten. Ich finde, das klingt so nett in Richtung LGBT und sollte mir von daher ein paar Zeitgeist-Punkte einbringen. Außerdem docke ich damit ein bißchen beim Psychologen-Speak an; es gibt ja diverse Diagnosen, die auch ihre Mehrbuchstaben-Kürzel haben, das abschließende „D“ steht dabei für „Disorder“, was ich boshaftigkeitstechnisch auch wieder sehr nett finde.

Und ja, das Voranmelden zu Veranstaltungen ist natürlich auch gut für Veranstalter und gibt ihnen Planungssicherheit; wenn das nicht allzu sehr ausufert, kann es sogar ein Plusfaktor für das Kulturangebot in Tangoland sein. Das hat aber nichts mit GBSD zu tun.

Aber wie gesagt – als wissenschaftlich denkender Mensch interessiert mich natürlich die Frage, ob es Standpunkte gibt, von denen aus  GBSD-Veranstaltungen rational begründbar wären.

Ich versuche das mit Hilfe eines kleinen Modells. Wissenschaft unterscheidet sich ja von Religion unter anderem dadurch, daß sie zur Falsifizierung einlädt und dies sogar als ein Element der Stärke ansieht.  Von daher lade ich zum Mitdenken ein, vielleicht habe ich ja was übersehen.

Gehen wir – zum leichteren Kopfrechnen – von einer Ausgangsmenge von 50 Männern und 100 Frauen aus (noch eine Anmerkung: Ich benutze diese Worte, weil ich keine Lust auf das ganze PC/Gendergedöns habe. Ihr wißt, wie es gemeint ist).

Bei einer offenen Veranstaltung hätte eine Frau im Fall kompletter Durchmischung und 100% Aktivität der Männer eine Tanzrate von 50%.

Bei einer GBSD-Veranstaltung haben 50% der Frauen eine Tanzrate von 100%. Für die  anderen 50% ist die Tanzrate Null, weil sie gar nicht erst reinkommen.

In Wirklichkeit liegen die Zahlen natürlich niedriger. Nicht alle Männer wollen nonstop tanzen, und wenn dann noch Cliquen ins Spiel kommen, sitzen wahrscheinlich auch auf GBSD-Events einige Frauen länger als andere.

Aus Männersicht hat GBSD den Nachteil, daß ihre Auswahl an Frauen nur halb so groß ist. Man hört von GBSD-Freunden öfter das Argument, die Atmosphäre wäre weniger stressig. Hier kann ich nur für mich sprechen – mir macht es nichts aus, und vielleicht sollten betroffene Männer eher an ihrer Persönlichkeit arbeiten statt  es andere ausbaden zu lassen, wenn sie damit nicht klarkommen. Aber es geht ja immer auch um „quality of experience“, also um Subjektivität. Dieser Faktor darf also bei der Frage, was die Benefits von GBSD sein könnten, nicht unterschlagen werden.

Was nun die Frauenseite angeht, kann ich tatsächlich potentielle Vorteile erkennen. Hier hängt es aber auch vom Umfeld ab, wie und ob sie diese materialisieren.

Gibt es keine Alternativ-Veranstaltungen, haben 50% der Frauen einfach die, hm, Popokarte gezogen, weil sie gar nicht zum Zug kommen. Aber: sie wissen das eine Weile vorher und können sich planerisch darauf einstellen. Zwar kein Tango, aber dafür auch kein Rumsitzen.

Wenn es zum GBSD-Termin andere Veranstaltungen gibt, haben die „Desinivitados“ die Chance, dorthin zu gehen und doch noch ein paar Tänze zu bekommen.  Vermutlich ein paar weniger, weil das Männerpotential ja auch nicht unerschöpflich ist.

Soweit verwendet das Modell die Annahme, daß GBSD-Veranstalter nach dem Zufallsprinzip auswählen. Eine „first come first serve“-Politik funktioniert ähnlich. Kommen aber noch Cliquenaspekte dazu, wird es komplexer. Auf der ToDo-Liste für Frauen, die reinkommen wollen, stehen dann Übungen im Nettsein (oder dem Konformsein mit irgendwelchen Stammesregeln). Das ist auch eine Art von Preis, den einige als zahlenswert ansehen können, andere nicht. Im Endeffekt sollte diese Veranstaltungen also eine Art Filtereffekt haben; es ist zu erwarten, daß dort bestimmte Tanguero/Tangueratypen dort über- und andere unterrepräsentiert sind.

Was wäre also das Fazit? Ziel war ja die Suche nach einem Standpunkt, von dem aus man den Nutzen von GBSD verstehen kann. Ich würde sagen, es gibt Charaktere, die von GBSD profitieren. Meine persönliche Schlußfolgerung – um hier den Bogen zum Anfang zu schlagen: Ich will nicht, daß diese Sichtweise an Boden gewinnt. Mir ist „Mikrofairness“ (jede Frau hat eine Chance, Tänze zu kriegen) sympathischer als „safe spaces“, die einige komplett ausschließen.

Die Plus-Seite von GBSD ist also: wer auf solchen Veranstaltungen ist, fehlt auf zeitgleich stattfindenden „normalen“ Veranstaltungen. Das ist dann ein Win-win: weniger Männer (gut für mich, weniger Konkurrenz) und mehr Frauen (gut für mich: mehr Auswahl). Außer natürlich, wenn Frauen entnervt den Tango aufgeben – was wohl leider auch passiert. Richtig, Chicas – Tango ist kein Ponyhof. Aber was mich angeht – ich bin halt nicht so der „Alles oder nichts“-Typ und denke, ich habe auch eine gute Seite: auf Milongas wechsle ich gerne und viel und achte auch drauf, ob jemand lange sitzt.

Zum Abschluß – bevor ich mich zu einer 100% Tradi-Milonga aufmache -noch ein kleiner musikalischer Gruß an die Freunde der Exklusivität (der ganze Text ist gut, meine Lieblings-Stelle ist etwa bei 2:14):

Schönen Sonntag noch…

Sex, Gender und Video

Ich bin ja immer noch nicht sicher, ob ich meine Zeit nicht besser anders verschwenden sollte – aber der Tangoblog-Schreibfinger hat mal wieder gejuckt.

Anlaß war ein kürzlich bei Berlin Tango Vibes erschienener Gastbeitrag des hochverehrten Bloggerkollegen Cassiel, oder besser einer dieser „Cassiellismen“, die ich so schätze (*):

„Ich denke, man sollte nicht dem Irrtum verfallen, geschlechtsspezifische Qualitäten oder Eigenarten mit der biologischen oder soziologischen geschlechtlichen Identität einer Person zu verknüpfen.“

(*) Falls jemand die Serie „Monday Mornings“ kennt, ich spiele hier natürlich auf die „Parkisms“ an. Lohnt sich zu googeln. Tolle Serie. Leider nur eine Staffel.

Was mich dann dazu bewegt hat, per Kommentar zuzugeben, daß mir das zu meta und vermutlich zu hoch sei, verbunden mit der Frage, ob hier die Rede von Statistik ist oder von was anderem.

Cassiel hat mich dann einer gefühlt etwa 2000 Worte langen Antwort gewürdigt, nicht ohne Verweis auf eine prähistorische Kommentardiskussion, aus der hervorgeht, daß wir beide des Öfteren unterschiedliche Ansichten haben. Oha. Hatte ich fast vergessen. Schade nur, daß er mein damaliges Pseudonym nicht ausgeschrieben hat. Ich träume ja immer noch davon, daß irgendwer sich die Mühe macht, die vielen kleinen Bröckchen, die ich immer wieder verstreue, zu einem Bild zusammenzusetzen und erst mein derzeitiges Pseudonym zu entschlüsseln und dann meine reale Identität. Seufz…dafür bin ich leider wohl zu unwichtig.

Aber ich schweife ab. Ich wollte erst wiederum per Kommentar antworten – oder besser gesagt, ein paar investigative Fragen stellen – dann dachte ich aber, das haben die Damen von BTV nicht verdient, sie wurden in diesem Kommentarthread eh schon mit Text überschüttet. Ich vermute, man wird mir unterstellen, das soll Traffic auf meine Webseite lenken – mal ganz ehrlich, Leute: ist mir egal. Der Traffic, und eventuelles Rumgeheule auch. Ich schreibe das hier, weil es schlicht bequemer ist.

Nun also endlich zum wahren Inhalt. Ja, ich hätte in der Zeit auch noch ein paar hundert Zeilen AVD-Formatanalysecode in C++ schreiben können oder eine neue Introduction für TS 103 427. Oder eine Runde Assassins Creed Syndicate spielen. Aber man kann ja nicht den ganzen Tag wichtige, relevante Dinge tun.

Nehmen wir uns also mal obigen Satz etwas genauer vor. Erstmal: Soweit ich weiß, gibt es das biologische Geschlecht (Sex) noch. Das abzuschaffen wäre auch etwas schwierig geworden, ich vermute, selbst das Bundesverfassungsgericht hätte das nicht hinbekommen. Gender, das „soziale Geschlecht“ – nun ja, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.

Ich persönlich bin eher kein Freund davon, schwerverdientes Steuergeld für Genderforschung rauszuhauen. Daher denke ich immer noch mit Freude an das Video von Harald Eia, in dem er es geschafft hat, daß sich die norwegischen Genderforscher selbst demontieren; soweit ich mich erinnere, hat danach der norwegische Staat diesen Leuten den Geldhahn ziemlich weit zugedreht. Wieviel von dem, was wir für geschlechtsspezifisch halten, in Wirklichkeit sozial antrainiert ist – gute Frage.

Womit wir beim ersten Teil des eingangs zitierten Cassiellisms wären: Entweder ist er komplett sinnlos oder der Autor glaubt eben doch,  daß es so etwas wie geschlechtsspezifische Qualitäten gibt. Wieweit diese von der Biologie kommen oder von der Soziologie – wer weiß. Wenn wir es tatsächlich schaffen sollten, alle geschlechtsspezifischen Unterschiede wegzugendern (falls sie soziologisch basiert sind) oder, wer weiß, wegzuzüchten (falls biologisch), wäre die Liste jedenfalls leer. Was mir die Gelegenheit gibt, einen meiner anderen Lieblingssätze in sinngemäßer deutscher Übersetzung zu zitieren: „Ein Klischee ist oft eine valide Erste-Ordnung-Näherung“ (soweit ich mich erinnere ist das von Charles Stross).

A propos Unterschiede: Ich persönlich bin der Meinung, daß Mädchen in der Schule ein paar Kampftechniken lernen sollten, die je nach Bedarf beim Angreifer etwas zwischen unerträglichen Schmerzen und Exitus erzeugen, wenn es anders nicht geht. Und den Willen, diese Techniken auch einzusetzen (das Risiko, daß es dann ein paar Profikillerinnen mit einem richtig guten Geschäftsmodell gibt, müssen wir halt als Gesellschaft eingehen). Oder wenigstens etwas Bio-Engineering, damit Frauen mindestens gleichstark wie Männer werden. Mir stinkt es jedenfalls gewaltig, daß die Idioten in meinem Verein den Ruf der ganzen Truppe ruinieren.

Oje, Schon wieder abgeschweift. Ich komme dann mal zum Schluß. Ein bißchen lustig ist das schon, wenn gerade die eher hardcore-mäßigen Freunde des „authentischen Tango“ mit seinem doch recht klaren Geschlechter-Rollen-Bild sich so eine Mühe geben, auf den Genderversteher-Zug aufzuspringen. Ob das jetzt das Ergebnis ihrer verstehend-weiblichen oder doch eher der männlichen Seite (Metathemen, schön distanziert-analysierend) ist – wer weiß.