Ein kleines Experiment

dscn0518Passend zur Vorweihnachtszeit heute etwas zum Thema „Basteln“. Dazu erst einmal etwas Hintergrund.

Abstrakt ausgedrückt (so wie Mr. C sich mal als eine Art „Hausmeister“ bezeichnet hat) könnte man sagen, ein Teil meiner Arbeit besteht darin, Metriken zu definieren. Eine Metrik ist so etwas wie eine Bewertungsskala. So eine Skala kann eine Dimension, haben – man kann dann alle Werte auf einer Achse darstellen. Zum Beispiel: Die gefühlte Temperatur. Diese Achse muß nicht unbedingt in Grad Celsius sein; ein Wertebereich von „schweinekalt“ bis „unerträglich heiß“ mit einer Handvoll Zwischenwerten ist manchmal das Beste.

So eine Metrik kann auch mehr als eine Dimension haben. Die Kunst besteht darin, wenige, aber „kraftvolle“ Achsen zu finden. Das heißt, jede Achse muß für etwas stehen, was aus der Nutzersicht wirklich wichtig ist. Gerade wenn solche Metriken für Rangfolgen eingesetzt werden und man zu viele Achsen hat, passiert es schnell, daß jeder Kandidat Testsieger für irgendetwas ist, was die ganze Sache leicht sinnlos macht (schwächere Testkandidaten lieben es, weil sie dann eben auch eine Chance haben, auf großen Plakaten mit einer Platz 1-Wertung anzugeben).

Das hat auch etwas mit der „Philadelphia“-Regel zu tun; ich meine die Szene aus dem Film, in der jemand sagt: „Erklären Sie es mir, wie Sie es einem Fünfjährigen erklären würden“. Ich fand immer, daß dies eine gute Maxime für Erklärungen ist. Klar, es gibt Dinge, die bekommt man nicht in einer Bildzeitungs-Schlagzeile unter. Dinge einfach auszudrücken macht mehr Arbeit, aber meist lohnt sich die kleine gedankliche Extrameile.

Als ich also neulich, in einer kleinen Tanzpause, in der Linken eine gutgemixte Caipirinha, lässig auf der am Rand der Tanzfläche aufgestellten Ottomane lag und mir von zwei heißen Tangueras (die ich natürlich zuvor codigogerecht per Cabeceo klargemacht hatte) den Rücken kraulen ließ (irgendwie mußte ich ja herausfinden, wer von den beiden das Privileg der nächsten Tanda mit mir bekommen würde), dachte ich: Warum nicht versuchen, dieses Know-how mal auf eins meiner Hobbys anzuwenden, die Tangomusik (äh…sorry, C…ich meine natürlich nicht Hobby, sondern einen superwichtigen Aspekt meiner allesverzehrenden Leidenschaft, diesem sinnlichen Tanz aus BA, dem wir alle möglichst täglich durch ekstatisches Bewegen unserer halbnackten, schweißbedeckten Körper unsere Verehrung erweisen…aber ich schweife ab).

Dieser Gedanke war natürlich auch von den Überlegungen geprägt, die ich in meinem letzten Post schriftlich niedergelegt habe. Was, wenn es gelänge, eine Skala (idealerweise eine einzige Zahl) zu finden, bei der nahe beieinanderliegende Werte für tänzerisch ähnliche Musikstücke stehen? Eine Tanda zusammenzustellen, wäre damit entscheidend einfacher geworden.

Beziehungsweise noch viel besser: Es würde den Weg aus dem Gefängnis von plumpen mechanischen Regeln weisen. Es würde schlechten oder mittelmäßigen DJs helfen, bessere Leistungen abzuliefern. Vielleicht würde es guten und spitzenmäßigen DJs ein wenig wehtun, weil ihre Leistungen dadurch weniger herausragen würden. Zum einen finde ich, daß dies ein kleiner Preis für eine flächendeckend bessere musikalische  Versorgung von Tangoland wäre. Zum anderen kann ich mir vorstellen, daß auch gute DJs noch profitieren könnten, weil sie gesparte Zeit zur Verbesserung ihrer eigentlichen Magie einsetzen können.

Okay, das setzt natürlich voraus, daß die Methode auch etwas taugt; und so sehr es mich drängt, schon mal an meiner Dankesrede für die Verleihung des Nobelpreises in der Kategorie Tango-Djing zu arbeiten, sollte ich vielleicht endlich mal erklären, worauf ich eigentlich hinaus will.

Für mich ist die wichtigste Kategorie beim Tanzen die emotionale Farbe der Musik. Das „eisekalt“ meiner persönlichen Skala liegt ungefähr im Bereich instrumentaler Guardia Vieja-Marschmusik; am wärmsten wird es bei den sanften, lyrischen Vokalstücken.

Dann ist da noch die Komplexität der Musik. Ich gestehe, daß dies für mich selbst kein ganz so wichtiger Faktor ist. Das liegt nicht daran, daß ich mich für einen so tollen Tänzer halte, sondern daran, daß ich bei Musik, die mich innerlich berührt, einfach nicht so sehr darüber nachdenke, sondern versuche, alle Sinneskanäle aufzumachen und es einfach laufen zu lassen. Auf der anderen Seite finde ich es aber auch sinnvoll, wenn man für Tänzer aller Skill-Level passende Tandas im Angebot hat. Auch wenn ich Anhänger von „no pain, no gain“ und „no risk, no fun“ bin, sollte ein DJ dennoch so nett sein, den Tänzern ein bißchen Planbarkeit zu liefern. Unter diesem Aspekt, in Verbindung mit einer möglichen Nutzung einer solchen Skala fürs Djing, wäre meine zweite Achse also der tänzerische Schwierigkeitsgrad.

Warum nenne ich das Ganze „Experiment“? Weil mir hier so eine Art Crowdsourcing vorschwebt. Die Idee ist herauszufinden, wie persönlich eine solche Skala ist. Es könnte ja sein, daß jeder, aus dem Blickwinkel einer solchen Metrik, eine komplett andere Sicht auf ein Musikstück hat. Das macht diese Begriffe dann zwar nicht nutzlos (zumindest solange man noch in der Diskussion darüber seine Wahrnehmung schärfen kann), aber eben ungeeignet für den Zweck eines Gruppierkriteriums für Tandas.

Der Set-up des Experiments sieht so aus: Man nehme eine gewisse Zahl von Tangostücken und frage eine ausreichende Zahl von Leuten nach ihrer Einstufung dieser Musik auf den Skalen, die man verwenden will. Es geht um subjektive Wahrnehmung; die „Probanden“ sollen also gerade nicht per Schulung zu einer Art Bewertungsmaschine werden. Im Gegenteil – je mehr aus dem Tangotänzerbauch heraus, desto besser.

Das Ganze braucht natürlich eine gewisse Unterstützung durch eine passende Infrastruktur. Leider ist es mir bisher noch nicht gelungen, im Rahmen der Genderforschung oder auf anderem Wege sechsstellige Summen an Drittmitteln einzuwerben. Auch die GEMA wäre sicher nicht damit einverstanden, wenn ich meine Test-Musikstücke einfach mal so zum Anhören hier bereitstellen würde. Der Plan sieht daher wie folgt aus:

  • Es gibt eine Deezer-Playliste. Diese kann jeder per Browser oder App laden, um die Test-Stücke anzuhören
  • Dazu gibt es eine hier download-bare Textdatei mit den Bezeichnungen der Stücke und Spalten für die beiden Bewertungsachsen.
  • Dann: Anhören der Stücke, Eintragen der Bewertungen in die Tabelle, das Ganze dann per E-Mail an mich schicken.

Vor einiger Zeit hatte ich mal eine Playliste aus den Musikempfehlungen von Kapitel 4 von „Tango and Chaos in Buenos Aires“ gebaut. Ich finde, daß diese für den Zweck schon so gut geeignet ist, daß es sich nicht gelohnt hätte, eine andere zu erzeugen (je nach Resonanz kann man das immer noch machen)

Hier ist sie: http://www.deezer.com/playlist/1339974165

Bei dieser Playliste gibt es drei Möglichkeiten.

  1. Ist jemand bereits Deezer-Abonnent, kann die Playliste direkt geladen und angehört werden (oder man wird „Follower“ von Yokoito und kann sie dann direkt sehen; der Name ist Yo_TcBA4)
  2. Man kann sich für die freie Variante von Deezer registrieren. Damit ist es möglich, die komplette Playlist durchzuhören.
  3. Man registriert sich nicht, sondern legt einfach los. Es lassen sich dann jeweils nur die ersten 30 Sekunden eines Stücks hören. Angesichts dessen, daß wohl so ziemlich alle Stücke von diversen Milongas bekannt sein sollten, sollte selbst das reichen.

Hoffe, das funktioniert so…wenn jemand eine Idee hat, wie man es (im Rahmen obengenannter Randbedingungen) noch verbessern kann, freue ich mich über eine Beschreibung per Mail oder Kommentar. Das gilt übrigens auch für Meinungen zu Sinn und Unsinn der gewählten Bewertungsachsen. Wenn jemand eine zusätzliche oder andere Dimension im Sinn hat: einfach (mit den Werten) als Spalte rechts an die Tabelle dranhängen.

Die Play/Bewertungsliste ist eigentlich vom Typ „Textdatei (Tabstopp-getrennt)“. Leider erlaubt mir WordPress nicht, diesen Dateityp bereitzustellen. Daher hier die Excel-Version: yo_tcba4. Wer die Textversion haben möchte, möge mich bitte anschreiben, ich schicke sie dann per Mail.

Noch ein kleiner Hinweis an die Musikwissenschaftler unter Euch: wenn Ihr findet, daß die Liste zu ungenau ist, etwa weil Jahreszahlen fehlen… bei allem Respekt…dürft Ihr das behalten. Es geht darum, aus dem Hören der Musik heraus die Kennwerte möglichst spontan hinzuschreiben und nicht, sie aus Katalogwissen herzuleiten.

Die Mailadresse für den Rücklauf ist: Yokoitob@gmail.com

Keine Ahnung, wieviel Rücklauf so eine Aktion generiert – ich hoffe ja schon, daß paar Dutzend ausgefüllte Tabellen entstehen (vielleicht könnt Ihr ja das ganze noch ein bißchen verbreiten helfen?). Ja, ich weiß, das könnte auch als Werbung für Deezer oder schlicht meinen Blog aufgefaßt werden – ich kann hier zehnmal schreiben, daß Neugier mein Hauptmotiv ist, beweisen kann ich es nicht. Ich würde jedenfalls mal sehen, wie die Rücklaufrate so ist, und mit dem Auswerten beginnen, wenn deutlich wird, daß nicht mehr viel reinkommen wird. Falls überraschenderweise ein stetiger breiter Strom von Daten reinkommt, würde ich nach zirka 8 Wochen eine erste Zwischenauswertung machen.

Okay, ein paar Visionen noch (ja, ich kenne den Spruch von Helmut Schmidt). Mal angenommen, es zeigt sich, daß die Metrik was taugt und daß die persönlichen Bewertungen auf Konsens hinweisen (also nicht nur „wildes Rauschen“ ergeben). Eine ganz wilde Fantasie wäre das volle Crowdsourcing-Programm – eine Datenbasis, gefüttert von richtig vielen Tangolandbewohnern und über alle (was immer „alle“ stückzahlmäßig bedeutet) Tangostücke. Eine entsprechende App zu programmieren ist zwar Arbeit, aber eine, die sich durchaus in Grenzen halten würde.

Etwas härterer Techie-Stoff wäre, zu sehen, ob es objektiv, sprich automatisiert, erfaßbare Größen gibt, die mit subjektiven Bewertungen korrelieren. Ein simples Beispiel für etwas, das man ohne viel Aufwand technisch messen kann, wäre die „beat per minute“-Zahl. Ich glaube keineswegs, daß es so simpel ist; aber auch komplexere Sachen wie Muster im spektralen Fingerabdruck eines Stücks lassen sich heutzutage mit zivilem Aufwand automatisch erfassen.

Vielleicht gibt es ja einen tangoaffinen Professor oder Programmierer, der das eine oder andere als Projekt (für ein Gruppenpraktikum würde gut passen) oder etwas in dieser Art umsetzen möchte.

Hoffe jedenfalls, trotz dieser Offenlegung meiner leichten Affinität zum Größenwahn, auf rege Resonanz und bin sehr gespannt, was passiert ….

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Kindergardel

dscn0511Hier in der Gegend gibt es eine (Tradi-)Milonga, die dem Vernehmen nach in Gefahr ist, abzunippeln, weil DJs fehlen. Beziehungsweise – es heißt, die dort auflegenden DJs schaffen es nicht, den Geschmack der Besucher zu treffen.

Ich spiele derzeit mit dem Gedanken, dort mal das DJing auszuprobieren. Technisch sollte das kein Problem sein; tango-musikmäßig würde ich mal sagen, so gut wie derzeit kriege ich es auch hin. Das eigentliche Ding ist die Zeit; Baustellen habe ich wahrlich schon genug, und wenn ich etwas anfange, möchte ich es auch durchhalten.

Insofern ist die Frage, die mich gerade umtreibt: Wieviel Zeit (vom Abend selbst abgesehen) müßte ich aufwenden, um etwas Brauchbares hinzubekommen? Hier wären wir genau an der Stelle (ist das das morphogenetische Feld oder der seltsame Humor des Universums?), die, wie bei Gerhard zu lesen, derzeit mal wieder etwas mehr Blasen schlägt.

Wie gesagt, das Thema Musik ist ja sowieso „meins“, und von daher verfolge ich all diese Diskussionen mit großem Interesse. Wobei – und damit will ich mich heute befassen – ich da einiges nicht verstehe.

Fangen wir mal bei den Zahlen an. Irgendwo habe ich mal gelesen, daß es etwa 20.000 Tangostücke insgesamt gibt, wovon etwa 3000 als „tanzbar“ eingestuft werden. In der aktuellen Diskussion ist die Rede von 1300 Stücken, aus denen gemäß Susana Miller die DJs von Buenos Aires ihre Milongas gestalten; sie meint, daß die DJs im Rest der Welt ein Repertoire  von etwa 5000 Stücken nutzen, was ihrer Ansicht nach viel zu viel ist. Das heißt dann wohl, ihrer Ansicht nach besteht die gesamte sinnvoll nutzbare Tradi-Tango-Musikwelt aus 1300 Stücken besteht.

  • Das klingt noch nach einigermaßen viel. Setzen wir es mal ins Verhältnis: Wenn ein Stück im Schnitt 2:30 dauert, wären das also etwa 54 Stunden, wenn man alles hintereinander abspielt. Könnte man zur Not locker an einem Wochenende schaffen.
  • Aber da gibt es ja noch die die ganzen „Bau-Regeln“ für Tandas: Kein Mischen von Gesangs- und Instrumentalstücken, nur ein Orchester pro Tanda, möglichst auch derselbe Sänger oder ein schmales Band beim Entstehungsdatum, um die zu nennen, die mir beim Schreiben spontan einfallen. Schätze, da bleiben am Ende nur noch eine Handvoll von Konstellationen übrig, oder? Vielleicht gibt’s da ja auch schon eine App dafür.

An sich wäre diese 1300-Stücke-Sache für mich als prospektiven DJ eine gute Nachricht. Zumal ich mich erinnere anderswo gelesen zu haben, daß man gerade bei den „großen“ Veranstaltungen nur die ganz bekannten Sachen spielen sollte. Also her mit der Liste der 1300 Stücke, und meiner Karriere als Top-DJ sollte nichts mehr im Wege stehen.

Was das angeht: Ich habe neulich mal ein Experiment gemacht, und zwar ausprobiert, wie gut Shazam Tangomusik erkennt. Ich war selbst erstaunt:  von 40 Stücken hat Shazam nur eines nicht gefunden. Hochgerechnet auf eine 4-Stunden-Milonga (mit ca. 90 Titeln) hieße das, daß man quasi die komplette Playlist shazamen könnte.

Bottom line: Ein oder zwei Besuche auf existierenden Milongas, dazu noch die im Netz freundlicherweise angebotenen „tandas of the week“ und natürlich die Möglichkeit, per Streaming auf riesige Musiksammlungen zuzugreifen, und das Schnitzel ist paniert und wir können locker im Mainstream der DJs mitschwimmen.

Ich vermute sogar, der Fokus auf Gassenhauer reicht aus, um sich vom Feld abzusetzen, weil wohl schon viele DJs entweder einen etwas schrägen Musikgeschmack haben, oder den Ehrgeiz, irgendwelche seltenen Preziosen auszubuddeln, die meiner Erfahrung nach dann entweder langweilig sind, depressiv machen oder einem wegen schlechter Soundqualität die Ohren bluten lassen.

Gut – da ist noch der Magiefaktor. Wie ich gehört habe, soll ein guter DJ nicht einfach nur eine Playliste starten, sondern die Stimmung aufnehmen und ad hoc passende Musik auswählen. Das ist mit Sicherheit eine gute Idee; nur denke ich, daß sie nur von ganz wenigen DJs wirklich so umgesetzt wird.

  • An dieser Stelle muß ich mal sagen, daß ich einen riesigen Respekt vor EdO-Musikexperten habe, beziehungsweise vor Tango-DJs, die ein entsprechendes Wissen unter der Haube haben. Was immer ich hier schreibe ist keineswegs despektierlich gemeint. Ich glaube halt nur, daß diese Skills völliger Overkill wären, wenn die Protagonisten des musikalisch Simplen Recht hätten.

Okay, warum schreibe ich das eigentlich? Nein, weder will ich damit prahlen, wie leicht das DJ-Sein wäre; noch will ich DJ-Bashing betreiben. Vielmehr bin ich bei meinen durchaus ernstgemeinten Recherchen (mal wieder) über das Thema „Tanzbarkeit“ gestolpert, beziehungsweise über diverse logische Inkonsistenzen bei dem, was da so alles behauptet wird.

Mit logische Inkonsistenz meine ich: Aussagen, die nicht alle gleichzeitig wahr sein können. Damit angefangen: ist ein DJ ein Dienstleister, dessen Job darin besteht, daß alle Spaß haben? Oder soll er auch so etwas wie ein spiritueller Führer sein, der den Horizont der Tänzer erweitert?

Abgesehen davon – was genau bedeutet Spaß haben? Der kleinste gemeinsame Nenner wäre Musik, die von allen tänzerisch umgesetzt werden kann.  Was ist aber mit denen, die mehr drauf haben? Soll heißen – warum gibt es schwarze Pisten? Sollte ein erfahrener Skifahrer nicht auch wissen, wie man Spaß auf einem Kinderhügel hat? Oder sollte er seine Künste nur hinter Sichtschutz ausüben, damit die armen Kids auf diesem Hügel nicht sehen, was beim Skifahren alles geht?

Insofern frage ich mich, wie plausibel die Forderung ist, daß bei Events, an denen eher die oberen Flugflächen des Tanzniveaus besetzt sind, die Essenz des musikalischen Mainstreams laufen sollte, mit denen jeder Hansel zurechtkommt?

Als Leser dieses Posts würde ich mich allmählich fragen, woher der komische Titel kommt. Also gut – jetzt ist es Zeit, den Vorhang zu lüften. Kürzlich habe ich mich etwas ausgiebiger mit „Tango Cancion“ befaßt, und da läuft man ja unweigerlich Carlos Gardel über den Weg. Also die Musik, deren Spielen auf Milongas tabu sein soll. Das wollte ich dann mal etwas näher ergründen.

Auf die Warum-Frage gibt es erstmal einen Berg (oder Schwall) von Antworten des Typs „“Weil man es nicht tut. Weil es in Buenos Aires nicht gemacht wird“. Manche nennen das „Aberglauben“; finde ich eigentlich ganz zutreffend. Forscht man etwas weiter, kommen nicht mehr ganz so blödsinnig klingende Antworten: „Weil Tango Cancion musikalisch zu komplex ist; Pausen, Tempowechsel und solches Zeug“.   Dazu noch „weil Gardel der absolute Meister des Tango Cancion ist und man es sowieso versauen würde, dazu angemessen zu tanzen; also ist es aus Respekt vor dem Meister besser, es erst gar nicht zu versuchen“.  Das findet man sehr schön formuliert bei Irene und Man Yung.

Meine Erleichterung, endlich eine plausible Antwort gefunden zu haben und damit dieses Kapitel endlich schließen zu können, dauerte leider nur etwa 32 Sekunden – bis ich den Kommentar in selbigem Post gelesen hatte: „Was ist mit den anderen Orchestern? Ist es nicht genauso eine Beleidigung für Pugliese, d’Arienzo, di Sarli, Canaro und all die anderen, wenn Leute dazu schlecht tanzen?“

Na ja, das mit der Erleichterung stimmt nicht. Der Kommentator (Sasha) hat dann noch klar formuliert, was ich auch denke: Leute trauen sich nicht, weil sie keine Erfahrung haben und auch keine sammeln können, wel ihre DJs das Zeug ja nicht auflegen.

In diesem Zusammenhang fällt mir noch ein Gespräch zum Thema „Nontango“ ein, in dem eine Tanguera meinte, diese Musik sei langweilig, weil sie eine zu simple Struktur hätte, ein immer klar erkennbarer Takt und ein gleichbleibendes Tempo. Hm…

Tja, was soll ich sagen – um den Bogen zurück zum DJ-Thema zu schlagen: Das wäre ein echter Grund, es zu machen – ein nettes kleines Labor, in dem man experimentieren kann (hier wäre vielleicht ein kleines dämonisches Lachen angemessen).

Also wie gesagt – im Moment bin ich alles andere als überzeugt, daß es zeitlich zu schaffen ist – aber wenn sich das ändert, kann ich zumindest versprechen, hier regelmäßig von diesem Experiment zu berichten…und wenn es doch nichts werden sollte, lade ich hiermit offiziell alle Tango-DJs ein, solche Experimente an ihrem Publikum durchzuführen, ich liefere gerne die Plattform, um darüber zu berichten…

 

 

 

Nochmal was zum Thema Männer

dscn0536Vor kurzem habe ich einen Radiosketch gehört, bei dem es um bärtige Männer früher und heute ging. Genauer, um deren Sound.

Früher: „Wo ist der Baum, den ich fällen soll?“.

Heute: „Ist diese Gesichtscreme auch vegan?“

Der letzte Post hatte ziemliche Resonanz – viele Seitenaufrufe und eine Menge Kommentare. So wie ich es verstanden, habe gibt es eine Art Konsens, daß ein wesentlicher (sicher nicht der einzige) Faktor des  Männermangels eingebaut ist: Frauen tanzen lieber als Männer.

  • Ich habe versprochen, das „Frauen-Ü-Wort“ nicht mehr zu benutzen, was mir absolut nicht schwergefallen ist, weil ich das Wort noch nie mochte.

Dabei ist mir dann aufgefallen, daß das Thema zu einem weiteren führt. Es gibt ja diese These, daß die Männer immer weiblicher werden. Und dann ist da noch die Hardcore-Gender Studies-Ansicht, daß Geschlechter sowieso nur ein gesellschaftliches Konstrukt und von daher eigentlich frei programmierbar sind.

Änderungen in den Rahmenbedingungen gibt es genug. Ob was dran ist, daß Hormone, die über alle möglichen Produkte den Weg in die Nahrungekette finden, etwas bewirken, vermag ich nicht zu beurteilen.  Was mir bei den sozialen Faktoren plausibel erscheint: Vielen Jungs fehlen die direkt erlebbaren männlichen Rollenvorbilder, weil sie bei meist weiblichen Alleinerziehenden leben, weil in Kindergärten die meisten Betreuer ebenfalls weiblich sind und auch an Schulen die Frauenanteile deutlich über 50% liegen. Je nachdem, in welchen subkulturellen Gefilden mann sich aufhält oder welche Medien er konsumiert, kommt dazu noch eine mehr oder weniger kräftige Dosis des schon erwähnte feministischen Diskurses, der die heutigen Männer (die anderen sind ja schon tot) für alles verantwortlich macht, was ihre Geschlechtsgenossen in all den Jahrtausenden verbockt haben.

Na gut – der Altersdurchschnitt in Tangoland läßt vermuten, daß noch 25 bis 50 Jahre vergehen werden, bis diese Effekte voll in der Tangoszene angekommen sind. Dennoch: Es gibt eine Methode namens „experimentum crucis“, um Theorien zu überprüfen. Theorien machen ja Vorhersagen – man konstruiert also ein Experiment so, daß es eindeutig entweder das liefert, was die Theorie vorhersagt – oder eben nicht; in diesem Falls ist die Theorie falsifiziert oder widerlegt (Natürlich ist dieses „entweder-oder“ ein Ideal, und es wird immer Raum zum weiteren Rumdiskutieren geben).

Bei so etwas fragt man ja erstmal Tante Google. Also habe ich „werden Männer immer weiblicher“ eingegeben. Und gleich etwas Lustiges festgestellt: An erster Stelle der Trefferliste kommt http://www.tantra.de/662/maenner-verweichlichen/ mit dem Seitentitel „Warum Männer verweichlichen und Frauen verhärten“. Warum lustig? Bitte die URL genau lesen…

Aber das nur am Rande. Hier also die Frage. Sollten die Männer tatsächlich immer weiblicher werden – und wenn Tanz-Affinität etwas Weibliches ist – müßte dann nicht der Männermangel tendenziell zurückgehen? Zumindest wenn es nicht etwas sehr hart (z.B. genetisch) Kodiertes ist.

Mir wird gerade bewußt, daß ich hier gerade im Grenzbereich eines Prinzips bin, das einer meiner Lieblingsdichter so formuliert hat: „Wenn du etwas richtig gut kannst – tu es nicht umsonst“. Aber gut – falls jemand noch Drittmittel herumliegen hat, ich hätte gerne etwa eine halbe Mio Euros für ein entsprechendes groß angelegtes Gender Studies Projekt im Tangomilieu. Und falls ein schon etablierter Gender-Forscher vorhat, mir diese Idee zu klauen: Mein üblicher Provisionssatz ist 20%.  Sonst hetze ich Harald Eia auf ihn/sie/es.

 

Männermangel Teil 2

dsc_0022Dies ist also der zweite Teil des Werks zum Thema „Gender Imbalance“ (aka Männermangel bzw. Frauenüberschuß). Er schließt direkt an den vorigen Post an.

Zuvor – ich habe zum ersten Teil einen Kommentar von Annette erhalten, den ich sehr gut fand und daher noch „eingebaut“ habe.

Okay. Los geht’s.

Nehmen wir zur weiteren philosophischen Betrachtung des Männermangels – im besten mathematischen Sinn – ein paar vereinfachende Annahmen auf. Da wäre zum einen, daß die Situation mit einem 50-50 Verhältnis von Männern und Frauen beginnt (ab jetzt kürze ich das mit M und F ab). M und F soll auch (erstmal) für die führende und die folgende Rolle stehen. Weiter soll es keine Gender-bedingten Verzerrungen geben (also nur Heteros oder Personen ohne Berührungsängste zum sexuellen Nicht-Gegenpart). Ich postuliere, daß diese Annahmen die Schlußfolgerungen nicht signifikant verändern; sie vereinfachen aber das weitere Beschreiben deutlich.

Wir haben also eine gleiche Zahl M und F. Ich halte es für vernünftig anzunehmen, daß es erstmal eine geschützte Anfangsphase gibt, der die die Tänzer nur in Kursen unterwegs sind, so daß der einzige Kontakt mit einem „Meistertänzer“ der mit dem Maestro ist. Soweit ich es beurteilen kann, werden die meisten Kurse von gemischten Paaren abgehalten. Es erscheint mir logisch, hier von Symmetrie bei der Wahrnehmung auszugehen. Die Chance, daß die Herren von den Künsten der Maestra verzaubert werden und vorgeführt bekommen, wie schlecht ihre Kursschwestern dagegen aussehen, dürfte also gleich hoch sein  wie das Umgekehrte aus Sicht der Frischlings-Damen.

Dann wird es spannend – die Milongaphase beginnt. Dort dürfte in der Tat eine Unsymmetrie auftreten; die mir geläufige Weisheit ist, daß die Damen nach etwa 20 Kursstunden erwarten dürfen, auf einer Milonga halbwegs zu überleben, während es bei den Herren etwa doppelt so lange dauert (zu einer Milonga gehen und erstmal nur zusehen ist natürlich auch eine Möglichkeit). Meine eigene Erst-Milonga-Erfahrung war auf jeden Fall relativ traumatisch; es war zu allem Überfluß auch noch eine sehr volle Milonga, und mein kümmerliches Handwerkszeug war in keiner Weise adäquat. Meine – mir durchaus in Freundschaft zugeneigte – Begleiterin meinte nach zwei Stücken, es wäre wohl besser, die Sache abzubrechen. Es war spaßtechnisch gesehen ein fürchterlicher Abend. Allerdings hat es meiner Motivation nicht geschadet; ich habe nur einfach gemerkt, daß ich ein paar Sachen lernen muß, die in meinem Kurs schlicht nicht im Angebot waren. Lenken und Bremsen auf engem Raum, vor allem.

Die Sache mit der Tango-Lernkurve ist nach meiner Wahrnehmung, daß Frauen schneller lernen. Das kann an einer irgendwie genetisch oder erziehungsmäßig höheren Tanzaffinität liegen. Oder schlicht daran, daß sie mehr Input bekommen. Jeder neue Tanzpartner liefert andere Trainingsreize, und so kann die Wahrnehmung, die frau für das Folgen braucht, sich relativ schnell entwickeln. Männer müssen dagegen im Paar erstmal etwas liefern – das Umsetzen von Musik in Führungsimpulse. Meiner eigenen Erfahrung nach ist das sehr stressig; eigentlich braucht man anfangs schon 120% der Systemkapazität für das nackte navigatorische Überleben.

Diese Phase – schon auf Milongas gehen, aber unter Dauerstreß und ohne wirkliche Erfolgserlebnisse – dürfte die Todeszone für viele sowieso schon durch das ganze Feminismus-Zeug geschwächte Männer-Egos sein. Der Zeitgeist bietet uns ja bestenfalls den Status „demnächst dann völlig überflüssig“ an –  wenn wir nicht vorher schon von der Last unserer Erbsünden aus ungezählten Generationen patriarchalischer Unterdrückung, Planetenzerstörung, Kriegen und so weiter zermalmt worden sind.

  • Wollte mal sehen wie das geschrieben aussieht. In einem kürzlich gelesenen Buch stand, daß man sich auf jeden Fall irgendeinen Opferstatus zulegen sollte (am besten mehrere). Mal sehen ob das klappt – ich zähle dann die Kommentare mit „Oje, das haben wir nicht gewollt…“ oder „Ja, genau so ist es“ zum Ausdruck kommt.

TT sagt nun zum einen, die Neulingsfrauen werden von „Tango Vultures“ umgarnt, die ihnen den schnellen Tangokick anbieten, die Abkürzung zu Wolke 7, ohne sich mit den Anfängern rumplagen zu müssen; zu allem Überfluß sehen diese Anfänger auch noch, wie die Frauen, die ja Schüler-kohortenmäßig „ihre“ sein sollen, mit diesen Könnern davonschweben. Das Ergebnis: gebrochene Männerseelen, die sich vom Tango verabschieden, bevor der Spaß richtig losgeht. Und in der Folge auch Leid für die Frauen, denn sie haben sich den Ast abgesägt, auf dem sie später tanzgenußmäßig hätten sitzen können – sie sind nun Teil des Frauenüberschusses geworden.

Wie gesagt, nicht ganz unplausibel. Den Mechanismus gibt es bestimmt; die Frage ist, ob er auch relevant oder besser gesagt dominant ist, den Effekt (Frauenüberschuß) also erklärt.

Dazu noch eine Symmetrieüberlegung; zuvor noch der Versuch einer Begriffsklärung beziehungsweise der Hinweis, daß TT teilweise sehr schwammige Begriffe verwendet – seine „Tango-Geier“ (Tango Vultures) versus die „Tango Tomcats“ (Tango-Kater). Wobei er sich letzteren Begriff von Cassiel ausgeliehen hat. Während Cassiel, so wie ich es verstehe, den Kater auf doch eher humoristische Weise als Teil eines Typenzoos beschreibt, steckt ihn TT in die Raubtierabteilung.  Sein selbsterteiltes Mandat, seine Mission, ist ja, die entweder biologisch oder tango-lernkurvenmäßig jungen, unschuldigen Dinger vor den bösen Raubtieren, ihrem „predatory behaviour“ zu beschützen.

  • Mal ehrlich, TT – vielleicht solltest Du etwas weniger Zeit mit Psychos verbringen. Wie schon Sigmund Freud sagte: Manchmal ist eine Zigarre einfach nur eine Zigarre (Link).

Ich bin übrigens nicht allein mit dieser Wahrnehmung. Das Bemerkenswerte an den Jahren 2010 und 2011 bei TT ist nämlich auch, daß zu dieser Zeit auf seinem Blog noch Kommentare  möglich waren; in diversen selbiger kommt eine ähnlich geartete Skepsis zum Ausdruck.

Ich denke schon, daß es Tango-Männer gibt, die die Tangoszene zum Jagen nutzen; so bekomme ich es jedenfalls von Tangoschwestern erzählt. Ehrlich gesagt sehe ich das nicht als wirkliches Problem an. Das liegt einfach daran, daß ich Frauen als Ganzes und Tango-Frauen vielleicht noch ein bißchen mehr nicht als naive, hilfs- und bevormundungsbedürftige Dummchen sehe. Es gibt welche, die Tango als Gelegenheit für „love without the mess“ nutzen; solche, die grundsätzlich wenig Interesse an Erotischem haben, und sicher (auch hier bin ich auf Erzählungen angewiesen) auch solche, die sich gerne auf das Spiel einlassen oder es selbst aktiv spielen.

Die Reaktionen auf jagende Männer decken von daher ein ziemlich breites Spektrum ab. Darunter: mildes Amüsement, Kopfschütteln darüber, wie lange Männer manchmal brauchen, um zu erkennen, daß sie nicht landen werden. Genervtsein, gelegentlich, auch das; aber auch das Sich-Einlassen auf sanftes erotisches Prickeln.  Ich habe sogar das Vergnügen, zumindest eine Dame zu kennen,  die sich aus dem Senden körperlicher Signale einen offen zugegebenen freundschaftlichen Spaß macht (zum Üben, mit der Ansage „wehe, Du gehst darauf ein“).

Was ich bisher nicht erlebt habe ist Hilflosigkeit in einer Form, die mit TT’s, nun ja, etwas alarmistischem Bild zusammenpaßt. Wohlgemerkt: ich glaube schon, daß es Personen gibt, die verletzlich gegenüber emotionaler Ausbeutung sind. Nur glaube ich eben auch, daß sie in wesentlich geringerer Dichte auftreten als es TT nahelegt. Das Motiv hinter dem, was ich jetzt mal „alarmistisch“ nenne, mag einfach nur eine übersteigerte Fürsorge sein, und nicht der Versuch, durch das Definieren von Schutzbedürftigen Macht zu erlangen. Auch wenn ich mich hiermit jetzt wahrscheinlich für einige als herzloses Monster oute: Ich glaube nicht, daß es moralisch in Ordnung ist, das Niveau einer Gruppe auf den kleinsten jemals beobachteten – oder gar theoretisch herbeikonstruierten – Wert zu senken. Dies würde in Summe viel mehr Leid erzeugen, weil es den „Normalen“ permanent verweigert, die volle Bandbreite ihres Potentials zu nutzen. Ich glaube einfach, daß emotionale Blutleere in einer flächendeckend kinderkompatiblen Disneyland-Version der Tangowelt diese zuverlässiger killen würde als ein „Jäger“ hier und da.

Okay, bottom line, ich fasse meine Sicht der Dinge zusammen: Den Männermangel gibt es, und eine Ursache ist sicher, daß zarte Anfänger-Männer-Egos im Haifischbecken der Milongawelt leicht unter die Räder kommen (na, wenn das nicht mal ein tolles Wortbild ist).

Möglich, daß egoistische Frauen, die lieber mit ein paar Fortgeschrittenen Spaß haben als sich mit Anfängern rumzuquälen, das Problem verschärfen. Und es würde sicher auch nicht schaden, wenn die eine oder andere Tangogöttin mal einem Anfänger einen Charity-Tanz schenkt und damit wieder etwas Sprit in seinen Motivationstank kippt (okay, im Zeichen der Elektromobilität: seine Motivationsbatterie wieder etwas auflädt).  Dagegen glaube ich nicht, daß TT’s Tango-Raubtiere einen signifikanten Anteil am Männermangel haben.

Was können Männer tun? Vielleicht wäre schnelles „Auffordern-Lernen“ eine Lösung – was immer man über die Codigos denkt, sie können helfen. Die Damen dürfen ja nicht selbst jagen und auch der beeindruckendste Tango-Silberrücken kann immer nur mit einer Dame gleichzeitig tanzen. Sollten allerdings die Damen es wirklich vorziehen, etwas länger zu warten, statt sich mit einem Anfänguero  abzuplagen – tja, dann hilft wohl nur, ein etwas latinomäßigeres Ego zu entwickeln (Annette, ich gebe Dir vollkommen recht: Angstschweiß ist auf jeden Fall schlecht für die Tanzleistung). Oder mehr zu üben.

Wobei ich nochmal ganz ehrlich bin: ich bin ja Überlebender dieses brutalen Auswahlprozesses und genieße jetzt schamlos die Früchte von jahrelanger mentaler Resilienz, Disziplin, Durchhaltevermögen und natürlich auch tänzerischem Lerneifer. Die Belohnung:  ein unerschöpflichen Angebot an wunderbaren Tanzpartnerinnen-Kandidatinnen (und dazu noch eine eingebaute Dauerlizenz für jeden Event mit Geschlechtskontrolle). Von daher – warum sollte ich ein Problem mit dem Männermangel haben? Er soll nur nicht so groß werden, daß die Frauen anfangen wegzubleiben.  Aber ansonsten erwartet von mir bestenfalls gut gespieltes Fake-Mitgefühl, aber keineswegs echtes Mitleid.

 

 

Vom Mangel und vom Überschuß

Ich muß mal erklären, wie ich zu diesem Thema gekommen bin.

Ausgangspunkt war mal wieder ein Blinken auf meinem „Neue Blogposts“-Radar, operated by My Tango Diaries. Gemeldet hatte sich „Tango Therapist“, und zwar, sozusagen „ab“. Er schreibt, in Zukunft wolle er sich mehr auf das Schreiben an einem Buch für Veteranen konzentrieren, mit dem Ziel, die Selbstmordrate zu senken (er nennt eine Zahl von fast 9000 Fällen pro Jahr).

  • Da ja zu den Erfolgsregeln eines Blogs gehört, den Lesern nützliche Services zu bieten, hier ein paar Zahlen zum Thema Suizid. Fangen wir damit an, daß Japan erstaunlicherweise auf diesem Gebiet nicht Weltmeister ist; mit 36 pro 100.000 Einwohnern (das macht knapp 23.000 pro Jahr absolut, legt man die Bevölkerungszahlen ) liegt es an Platz 8 (Spitzenreiter: Guyana, mit 70/100.000). In den USA sind es 20/100.000, oder absolut ca. 32.000, das ergibt Ranglistenplatz 32; in der Nähe von Deutschland (Platz 35) mit 18/100.000 oder etwas über 7.000 Fällen pro Jahr. In der Annahme, daß der Männeranteil in der Army höher ist als in der Bevölkerung, habe ich hier die Zahlen für Männer genannt, um die von TT genannte Zahl in Relation zu setzen; sie wäre also zirka ein Viertel aller Suizide. Die Werte für Frauen liegen im Schnitt bei etwa einem Drittel der Männerwerte.
  • Es gibt auch Länder, bei denen die Rate (zumindest nach https://de.wikipedia.org/wiki/Suizidrate_nach_L%C3%A4ndern) Null ist; dies wäre bei St. Kitts und Nevis (Listenplatz 102) und einer Handvoll anderer Länder der Fall.

Sayonara and good luck, TT – diese Deine Mission ist definitiv wichtiger als das Schreiben von Tango-Blogposts.

Mein eigentliches Thema von heute wurde durch TT’s Abschieds-Post inspiriert (genaugenommen, wie regelmäßige Leser wissen, ist „Gender Selection“ etwas, mit dem ich mich schon mehr als einmal befaßt habe, von daher wäre „fokussiert“ oder „getriggert“ vielleicht ein zutreffenderes Wort. TT verlinkt einige seiner früheren Artikel, die er für besonders lesenswert hält. Ich bin – genau kann ich den Weg nicht mehr nachvollziehen – darüber zu einem älteren Post von ihm gelangt, den ich aus verschiedenen Gründen für bemerkenswert halte – im Positiven wie auch ein wenig im Negativen. Darin bietet er eine Erklärung für die „Gender Imbalance“ an.

Bevor es weitergeht, noch ein kurzer Exkurs zum Wording. „Gender Imbalance“ ist ja erstmal neutral. Hierzulande wird meist der Begriff „Frauenüberschuß“ verwendet. Ich biete als Alternative „Männermangel“ an. Ein banaler Unterschied, Wortklauberei? Ich bin mir nicht sicher. Die Bilder, die mit solchen Begriffen einhergehen, sind jedenfalls verschieden.

Überschuß klingt nach etwas, das eingedämmt werden müßte; da schießt etwas übers Ziel (der Sex Balance) hinaus. Das deutet darauf hin, daß an der Quelle gedreht werden sollte – das ist letztendlich das Konzept hinter der „Sex-Selektion“ bei manchen Tangoveranstaltungen: man dämmt den Zufluß von Frauen, indem man einen Teil davon von der Teilnahme ausschließt.

Das Feeling eines Begriffs wie „Männermangel“ wäre ein ziemlich anderes.  Um einen Mangel zu beseitigen, muß man eine Quelle weiter aufdrehen. Dies hieße beispielsweise, zu überlegen, wie man mehr Männer zum Tango bringen kann.

Beziehungsweise – wenn es um die Tanz- beziehungsweise Sitz-Stunden pro Person geht (was ja die offizielle Begründung für die Sex-Selektion ist), reden wir eigentlich von einer „Role Imbalance“ (wenn wir mal die Sache mit dem Oxytocin kurz ignorieren). Das ist, nebenbei bemerkt, ein ganz anderes Ding. Das Schöne dabei: es eröffnen sich neue Lösungsmöglichkeiten – das Lernen beider Rolle von Anfang an, zum Beispiel.

  • Ja, richtig gelesen. Sex. Gender klingt netter, aber es bezeichnet die „Rolle“. „Sex“ ist das korrekte Wort für das biologische Geschlecht.

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob diese Imbalance ein stabiles, durchgängiges Phänomen ist – ich habe verschiedentlich gehört, daß das Verhältnis sich in den vergangenen Jahren angeglichen haben soll. Ich habe in letzter Zeit nicht wirklich intensiv darauf geachtet; aber soweit meine oberflächliche Wahrnehmung reicht, würde ich das bestätigen. Wobei es sicher große regionale und vielleicht auch typ-abhängige Unterschiede gibt (ich besuche eher selten Abendmilongas am Wochenende).

So wie ich es verstanden habe, sieht er die Ursache darin, daß erfahrenere Männer sich die Tango-Neulinginnen  schnappen und dadurch die Tango-Neulinge vergraulen.

An dieser Stelle muß ich mal loswerden, daß ich mit den Schwingungen in TT’s Texten so meine Probleme habe. Ich glaube, es hat etwas mit dem Menschenbild zu tun, das diese Texte durchzieht. Ich versuche das jetzt mal zu beschreiben; dabei, das als Warnung, überzeichne ich ein wenig, damit es deutlicher wird. Vielleicht kommt ein Teil meines Unbehagens daher, daß dieses Bild so samtpfötig daherkommt, daß meine Manipulations-Warnlampen genau deshalb aufleuchten. Dazu kommt vermutlich, daß ich zur Psychologenzunft ein ziemlich ambivalentes Verhältnis habe (und wie bekannt ja auch selbst eine Hobbypsychologen-Seite habe). Ich kenne einige äußerst beeindruckende Menschen aus dieser Berufsgruppe, aber auch welche, die, nun ja, vielleicht mehr Probleme haben als die Leute, die in ihrer Obhut sind.

Ich merke gerade, daß ich eigentlich zwei Textfäden parallel schreiben müßte (und die geneigten Leser diese dann auch parallel lesen müßten). In gewisser Weise ist jeder dieser Fäden die Grundlage für den anderen. Ich nehme an, daß es auch etwas mit meinen begrenzten Schreib-Skills (beziehungsweise der begrenzten verfügbaren Zeit) zu tun hat. Insofern probiere ich es mit Hin- und Herwechseln zwischen diesen Fäden, ähnlich wie in einem Film, der zwei Geschichten erzählt, die dann irgendwann zusammenlaufen.

Okay, kurz und knapp: Mein Eindruck ist, daß TTs Hypothese darauf basiert, daß es hilflose Personen gibt, also „Opfer“. Wenn ich das in Zweifel ziehe, hat das nichts mit fehlender Hilfsbereitschaft zu tun, sondern mit meinem Menschenbild. Natürlich gibt es Situationen, in denen jemand Hilfe braucht. Jemanden für hilfebedürftig zu erklären bedeutet aber nicht nur, dieser Person die Fähigkeit abzusprechen, sinnvolle eigene Entscheidungen treffen oder sinnvoll zu handeln. Derjenige, der solche Zuweisungen macht, beansprucht auch eine Machtposition, als derjenige, der weiß, was das Richtige ist.

Um die Plausibilität und die Logik von TT’s Hypothese zum Frauenüberschuß zu erklären und auf den Prüfstand zu stellen, will ich schrittweise vorgehen – ich will, um mir eine Formulierung des Bloggerkollegen Cassiel zu auszuborgen, meine Überlegungen einmal schriftlich niederlegen. Falls mein Problem mit TT’s Hypothese einfach nur ein nicht ausreichender IQ ist, besteht so zumindest die Hoffnung, daß jemand den Fehler in den Überlegungen findet und mein Werk fortsetzen kann.

Der nächste Schritt in der Kette wäre dann, zu fragen, ob es eine strukturelle oder fundamentale Sache ist oder etwas, bei dem man vernünftigerweise annehmen kann, daß es sich ändern läßt. Sagen wir, Bärte – es gibt einen sehr deutlichen Männerüberschuß in der Gruppe der Bärtigen. Sicher könnte man das durch einen Rasurzwang ändern, durch bartwuchsfördernde Pharmaprodukte oder Bartprothesen für Frauen (das Problem kann natürlich auch durch die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines ausgewogenen Bartverhältnisses erledigt werden). Im Fall des Tanzens würde ich persönlich sagen, daß ich Erklärungen, die in Richtung „Frauen tanzen lieber als Männer“ gehen, für durchaus plausibel halte. Aber sagen wir des Arguments halber einfach mal, daß es bei diesem Phänomen zumindest eine durch Verhalten änderbare Komponente. Das bedeutet, vielleicht ist es eine Überlagerung von Effekten und man bekommt das Phänomen nicht ganz weg, aber man könnte es zumindest reduzieren.

Oha…das sind bis hierhin jetzt schon fast 1100 Wörter; insgesamt werden es über 2000. Ich habe daher gerade beschlossen, diesen Text als Zweiteiler zu posten. Demnächst geht’s also weiter – um es spannend zu machen, ich habe eine Hypothese, die mir mindestens genauso plausibel erscheint als die von TT…nein, wenn ich ehrlich bin, halte ich sie für wesentlich plausibler. Stay tuned.