Nur mal eben kurz

Ist schon wieder Weihnachten?  Gerade sehe ich, daß sich völlig unbemerkt von mir seit dem 9.1.17 wieder reges Kommentarleben bei Tango Voice of America abspielt. Und ich dachte schon, da ist beim Spielen mit der neuen Knarre, die Santa Claus gebracht hat, was schiefgelaufen. Wie gesagt – hätte ich schade gefunden. Welcome back, TV. Als ob die neue Staffel Dschungelcamp (was unter anderem bedeutet, neue Texte von Anja Rützel, yeah) nicht schon Geschenk genug gewesen wäre. Leider muß ich jetzt Spocht machen (gute Vorsätze im Hinblick auf Fitness und Körpergewicht, Ihr wißt schon). daher nix lange Texte today. Aber ich wollte die frohe Kunde wenigstens zeitnah weitergegeben haben.

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Gönnen können

51014834334689161821364072Vor ein paar Tagen erschien bei Stephen Twist ein Post, der mich sehr positiv berührt hat. Stephen berichtet darin über den Besuch bei einer Milonga in Bueonos Aires, deren Highlight eine Tanzvorführung des diesjährigen Mundial-Siegerpaares in der Kategorie Bühnentango war, Agustina Vignau und Hugo Mastrolorenzo.

Er schreibt:

‚Memorable‘ is too unmemorable a word. ‚Life changing‘ would be a word too far. But somewhere between is the correct and appropriate description of a feeling danced. And we know that, if Buenos Aires delivers no more, this would have been enough.

Ich würde es so übersetzen:

„Unvergeßlich“ ist ein zu flüchtiges Wort. „Lebensändernd“ wäre ein zu starker Ausdruck. Aber irgendetwas dazwischen wäre eine korrekte  und angemessene Beschreibung für ein im Tanz ausgedrücktes Gefühl. Und wir wissen: Auch wenn Buenos Aires ab jetzt nichts Zusätzliches mehr bietet – dies wäre schon genug.

Da ich nicht anwesend war, weiß ich nicht, wie meine Reaktion gewesen wäre – vielleicht ist Stephen leichter zu beeindrucken als ich, vielleicht schwerer. Aber das Gefühl als solches kenne ich. An dieser Stelle fand ich es beinahe schon lästig, an Figuren wie Tango Voice zu denken, denen nichts Besseres als Worte wie „Exhibitionismus“ einfällt, wenn sie etwas erleben, das außerhalb ihrer begrenzten Reichweite ist. Es gibt diese Redewendung, nach der man selbst nicht größer wird, wenn man andere klein macht. Für mich liegt Größe in Worten wie denen, die Stephen gefunden hat.

Hier eine kleine Video-Auswahl von Agustina und Hugo aus den Jahren 2011 bis zum Finale der Mundial 2016:

Bildungs-TV

dscn0536Tango Voice of America hat mal wieder ein Werk veröffentlicht.

So langsam glaube ich ernsthaft an das morphogenetische Feld – das Thema ist…Trommelwirbel…Tango-DJing.

Es ist der erste Teil eines Mehrteilers, befaßt sich ausgiebig mit Orchestern und ist von daher eine Leseempfehlung.

Natürlich werden auch TV-typische Inhalte und plenty of Normatives transportiert – weshalb ich mich unvermeidlicherweise auch in die Diskussion per Kommentar gestürzt. Die in den letzten Tagen zum Stillstand gekommen ist;  dieses Blog hat Kommentar-Moderation eingeschaltet. Wahrscheinlich ist TV auch voll im Weihnachtsstreß und hat keine Zeit, Kommentare zu checken. Ehrlich gesagt ist mir auch kurz die Zahl 30.000 durch den Kopf gegangen – zirka so viele Menschen sterben jährlich in den USA durch Schußwaffen. Wobei ich hier ganz klar feststellen möchte, daß die Welt mit TV drin ein unterhaltsamerer Ort  ist. Aber ich schweife ab.

Im von letztendlich (TV und Yokoito mitgezählt) von fünf Personen verursachten Kommentardschungel- das liegt daran, daß einzelne Threads von Kommentar und Kommentar-Kommentar entstehen, d.h. die Kommentare sind nicht chronologisch – habe ich etwas äußerst Interessantes entdeckt. Und zwar eine 2014 veröffentlichte Studie, die ein wahrer Datenschatz ist.

Nachdem ich die Spannung solcherart aufgebaut habe, kommt erstmal ein Eimerchen kaltes Wasser (falls Du das hier liest, Thomas K – ich weiß natürlich, daß man als Journalist das Wichtige an den Anfang stellen soll, damit die Leser nach drei Sätzen zum nächsten Topic eilen können, aber dafür bin ich einfach zu eitel). Ich begründe das mit dem gefühlten Bildungsauftrag, den ich als Blogger habe, in Wirklichkeit will ich allerdings nur ein wenig mit meinem fundierten Fachwissen angeben.

Es geht um statistische Ungenauigkeit. Dazu erstmal ein Beispiel: Eine amerikanische Studie, die ich mir gerade ausgedacht habe, sagt, daß 31,57% aller Befragten gerne Bacon auf ihrem Hamburger haben.  Die Studie wurde übrigens in Kalifornien durchgeführt, anderswo wären es vermutlich 94,73% gewesen.

Nicht übel, oder? Zwei Nachkommastellen – das war sicher eine unglaublich präzise Arbeit und jetzt kann McDonalds die Bacon-Einkäufe aufs Gramm genau vorplanen, was auch gut für die Umwelt ist. Jetzt die schlechte Nachricht: An dieser Studie haben 19 Personen teilgenommen, 6 mögen Bacon. Nehmen wir mal an, es wären nicht 6, sondern 5 oder 7 Baconliebhaber gewesen: dann wären es 26,31% oder 36,84% gewesen. Capisce? Eine Person antwortet anders, und schon haben wir etwa 5 Prozentpunkte andere Zahlen.

Wer noch nicht genug hat – ich empfehle hier noch jetzt noch ein Werk, das eine gute Übersicht zu diesem Thema bietet, inklusive einiger hilfreicher Tabellen für Fehlermargen abhängig von der Samplezahl. Um weihnachtlich zu bleiben: Genau die richtige Lektüre für Leute, die literarisch schon alles andere haben, und optimale Entspannungsliteratur für die Verdauungspausen nach dem Genuß großer Mengen Weihnachtsgans.

Okay. Das wars. Jetzt zum Spaß-Teil dieses Posts. Es geht um einen wirklich äußerst umfangreichen und sehr lesenswerten Report, der die Ergebnisse einer Studie von 2014 beschreibt und hier heruntergeladen werden kann. Die Organisation, die diese Studie durchgeführt hat, sitzt in Argentinien und nennt sich Tangotechnia.

  • Der auf der Titelseite angegebene Link zeigt leider nach Facebook, das in meinen Augen so etwas wie ein failed state ist, weshalb ich keinen direkten Link dorthin poste. Könnt ihr gerne selber machen.

Ich greife nur ein paar Sachen heraus. Fangen wir mit der statistischen Basis an (Zahlen aus dem Report). Es wurden insgesamt 1224 Antworten ausgewertet, davon 555 aus Argentinien. Aus Deutschland kamen 24 Antworten (vgl. Spanien mit 123 Antworten, 53 aus Frankreich und 51 aus Italien).

Vieles in den Ergebnissen ist common sense und von daher nicht überraschend. Natürlich habe ich ein wenig nach Überraschungen gescannt, und auf zwei möchte ich eingehen:

Preferred Orchestras for dancing. Seite 44 ff. Die angegebenen Werte sind „Scores“, d.h. der Prozentsatz der Leute, die bei der Möglichkeit von Mehrfachnennung dieses Orchester zum Tanzen mögen. Die Top 3 sind d’Arienzo (773 Zähler), Di Sarli (742) und Pugliese (693).

  • Die Basis der auch angegebenen Prozentwerte sind hier nicht die oben genannten 1224 Samples, so wie es aussieht wurde da noch etwas bereinigt.

Moment. Pugliese??? Auf Platz 3, deutlich vor Troilo (647) und Canaro (579)? Ich dachte immer, daß Pugliese schon relativ harter Stoff ist, und heißt es nicht, daß die Tänzer eher das Einfache schätzen?

Hier läßt sich natürlich endlos diskutieren. Angefangen bei der Verzerrung durch die Auswahl der Leute, die bei dieser Studie mitgemacht haben. Dennoch: So ganz unsignifikant dürfte dies nicht sein, vor allem, wenn man bedenkt, daß Scores in dieser Größenordnung, siehe oben, nur zustandekommen können, wenn auch ein Haufen Argentinier in diese Richtung gehen. Was noch lustiger ist: Irgendwo im TV-Post wird auch ein Präferenzwert von DJs genannt, der Pugliese deutlich weiter unten ansiedeln. Mit anderen Worten, man könnte folgern, daß DJs ihr Publikum für, nun ja, tangomäßig doofer halten als es tatsächlich ist.

Dieses kleine Highlight ist aber nachgerade harmlos. Ein richtiger Knaller ist die Sektion „Milonga’s Codes“ ab Seite 60 des Reports. Auf die Frage „What is your opinion about women inviting to dance“ antworten 50% der Argentinier, daß sie das okay finden; nur 11% sind total un-einverstanden (totally disagree) damit. Die Zahlenwerte finde ich, der Fairness halber, etwas verdächtig; riecht irgendwie nach einer kleinen Samplezahl. Signifikant scheint mir dennoch zu sein, daß in Nordamerika 33% mit „totally disagree“ geantwortet haben. In Venezuela finden es übrigens 80% der Befragten absolut okay, wenn Frauen auffordern. Venezuela ist insofern etwas Spezielles, als hier das Durchschnittsalter der Tangueros mit ca. 31 Jahren besonders niedrig liegt. Das dürften also die Leute sein, die das Tangogeschehen in den nächsten 30-40 Jahren bestimmen werden, wenn, nun ja, meine Generation schon längst den Löffel abgegeben hat.

Und zum Schluß noch etwas Futter für die Freunde des Blickkontakts: 24% der Argentinier bestehen beim Auffordern darauf, etwa genauso viele antworten „getting close to the table“; etwas mehr als die Hälfte sagen aber pragmatischerweise „Both, depending on the situation“.  Die große Cabeceo-Fangemeinde sitzt in Nordamerika; hier sprechen sich 57% für Cabeceo aus, der Rest will es situationsabhängig machen. In Italien, in dieser Disziplin auf Platz 2, sind noch ca. 42% auf dem Cabeceo-Trip, Europa (ohne Italien, Spanien und Frankreich, die einzeln gelistet sind) liegt bei ca 42%. In Venezuela und Uruguay gibt es noch 13 bzw. 15% Nur-Cabeceo-Fans.

Hm…irgendwie schon schlechte Nachrichten für Leute, die meinen, daß man für das Original-Tango-Feeling die Sitten und Gebräuche der  Argentinier kopieren sollte, oder? Wobei ich persönlich ja meine, daß es eh sowas wie eine kulturelle Übersetzung braucht, damit ein gutes Feeling entsteht (ich kann mich beispielsweise nicht erinnern, in einem deutschen Chinalokal schon mal frittierte Hühnerfüße auf der Karte gesehen zu haben).  Aber hey, Traditionalisten – irgendwie solltet ihr euch schon entscheiden. Wobei ich sicher bin, daß man in dieser Studie bestimmt auch genug Material finden kann, um liebgewonnene Überzeugungen nicht in Frage stellen zu müssen.

 

Neulich in Berlinos Aires

dscn0504Vor einiger Zeit ergab es sich, daß ich beruflich bedingt aus meiner Provinzmetropole hinaus in die große weite Welt ziehen durfte – in die coole Tangoszene-Hauptstadt von Europa (oder gleich der lokalen Galaxiengruppe?).

No politics here – aber ehrlich gesagt habe ich das mit der Hauptstadt (ich meine jetzt nicht Tango) nie so richtig verstanden.  Okay, die Stadt war eine Zeitlang ganz nützlich, als Stachel im Fleisch des Sowjetimperiums – aber hätte man sie danach nicht einfach irgendwie stilllegen können? Und – ich schätze, man kann aus jeder Gegend ein Zentrum von irgendwas machen, wenn man eine Zilliarde Euro darüber abschmeißt und sicherheitshalber noch ein paar richtig dicke Köder für Lobbyisten dort hinlegt (Regierungsgebäude bespielsweise), auf daß möglichst viele  Großunternehmen  ihre Zentralen dort hinverlegen. Und sollte eine Hauptstadt nicht auch irgendwie mehr im Zentrum eines Landes liegen? Oder wenigstens bessere Straßen haben? Aber gut – ich schweife ab.

Jedenfalls dachte ich, gebe ich mir doch mal eine dieser angesagten Tango-Locations. Und war auch mächtig beeindruckt – bevor man überhaupt zum Schuhewechseln kommt, muß man schon diverse Tests bestehen (ich füge noch einen hinzu und gestalte das hier als ein kleines Ratespiel…wer die richtige Lösung findet, bekommt von mir ein dickes „Respeeeeekt“).

Erstmal ein Sehtest – die Hausnummer gibt es zweimal…aber okay, ein fast beleuchtetes Riesenschild, gefühlt schwarz auf dunkelbraun (oder so) hilft dabei. Dann Teil 1 eines kleinen Fitnesstests – der erste Treppenaufgang in den 4. Stock (dieses Ziel war die Belohnung für den Lesetest zwischendurch) endet vor einer klinkenlosen Tür, aber dahinter läuft schon verheißungsvolle Tangomusik. Also wieder runter und die richtige Tür gesucht. Dann der Intelligenztest – wie verdammt noch mal geht diese Tür auf? Okay – zurücklaufen, Knopf drücken (der anders als im Handbuch beschrieben beschriftet ist), 60 Sekunden Zeit…yeah. Schließlich Fitnesstest Nr.2, wieder in den 4. Stock, quasi nur noch eine körperliche Formalie. Ja, okay, da gibt es auch einen Lift, aber: nur die Harten kommen in den Garten.

Zu guter Letzt noch der Geduldstest. Das meine ich erstmal musikalisch; und es ist bestimmt nur eine Momentaufnahme, ich vermute mal, daß da nicht immer so ein hoher Anteil von harten, instrumentalen Titeln läuft (manche nennen es auch „energiereiche“ Musik).

Aber die Fläche pro Paar ist schön groß, und navigationstechnisch scheint der Berliner Tanguero nicht unfähiger oder unwilliger zu sein als seine Provinz-Kollegen – ich habe diverse Leute streßfrei (für andere) groß tanzen gesehen, und es war auch genug Platz, die „Stehlampen“ streßfrei zu überholen.

Nicht daß ich nur am Tests-Durchlaufen war; primär habe ich natürlich tango-ethnologische Feldforschung betrieben. Man scheint dort hauptsächlich den Cabeceo zu pflegen; das Licht ist jedenfalls gut, nur der „Curtain of people“ 1 Sekunde nach dem Start der Tanda ist wie immer etwas hinderlich, wenn die Sitzgelegenheiten rund um die Fläche verteilt sind.

Durchschnittsalter – eher niedrig, nach den mir sonst geläufigen Standards; kann natürlich an den oben erwähnten Fitness-Tests liegen. Was die eher geringe Dichte von „Schmuseschlurfern“ (danke, Terpsi, für diesen Begriff) erklärt. Männermangel –eher nicht. Kann teilweise an dem erfreulich hohen Anteil führender Frauen liegen. Erfreulich meine ich ernst, obwohl es mir als Mann erstmal auswahltechnisch Nachteile bringt. Ich hatte glaube ich schon mal erwähnt, daß ich es mag, mit Frauen zu tanzen, die auch führen können.

Zu guter Letzt – um nochmal auf den Intelligenztest zurückzukommen: Ein bißchen schmunzeln mußte ich (für mich war es eher ein Humortest, weil ich mich nach all der Marschmusik schon auf die Vals-Tanda gefreut hatte und es leider auch die Zahl von Kandidatinnen stark reduziert hat) über den strategischen Umgang mit der Vals-Tanda:  Klugerweise haben die Herren ihre Damen alle schon in der vorangegangenen Tanda klargemacht, d.h. die Cortina vor dem Vals-Block hätte sich der DJ auch sparen können…

Ein kleines Experiment

dscn0518Passend zur Vorweihnachtszeit heute etwas zum Thema „Basteln“. Dazu erst einmal etwas Hintergrund.

Abstrakt ausgedrückt (so wie Mr. C sich mal als eine Art „Hausmeister“ bezeichnet hat) könnte man sagen, ein Teil meiner Arbeit besteht darin, Metriken zu definieren. Eine Metrik ist so etwas wie eine Bewertungsskala. So eine Skala kann eine Dimension, haben – man kann dann alle Werte auf einer Achse darstellen. Zum Beispiel: Die gefühlte Temperatur. Diese Achse muß nicht unbedingt in Grad Celsius sein; ein Wertebereich von „schweinekalt“ bis „unerträglich heiß“ mit einer Handvoll Zwischenwerten ist manchmal das Beste.

So eine Metrik kann auch mehr als eine Dimension haben. Die Kunst besteht darin, wenige, aber „kraftvolle“ Achsen zu finden. Das heißt, jede Achse muß für etwas stehen, was aus der Nutzersicht wirklich wichtig ist. Gerade wenn solche Metriken für Rangfolgen eingesetzt werden und man zu viele Achsen hat, passiert es schnell, daß jeder Kandidat Testsieger für irgendetwas ist, was die ganze Sache leicht sinnlos macht (schwächere Testkandidaten lieben es, weil sie dann eben auch eine Chance haben, auf großen Plakaten mit einer Platz 1-Wertung anzugeben).

Das hat auch etwas mit der „Philadelphia“-Regel zu tun; ich meine die Szene aus dem Film, in der jemand sagt: „Erklären Sie es mir, wie Sie es einem Fünfjährigen erklären würden“. Ich fand immer, daß dies eine gute Maxime für Erklärungen ist. Klar, es gibt Dinge, die bekommt man nicht in einer Bildzeitungs-Schlagzeile unter. Dinge einfach auszudrücken macht mehr Arbeit, aber meist lohnt sich die kleine gedankliche Extrameile.

Als ich also neulich, in einer kleinen Tanzpause, in der Linken eine gutgemixte Caipirinha, lässig auf der am Rand der Tanzfläche aufgestellten Ottomane lag und mir von zwei heißen Tangueras (die ich natürlich zuvor codigogerecht per Cabeceo klargemacht hatte) den Rücken kraulen ließ (irgendwie mußte ich ja herausfinden, wer von den beiden das Privileg der nächsten Tanda mit mir bekommen würde), dachte ich: Warum nicht versuchen, dieses Know-how mal auf eins meiner Hobbys anzuwenden, die Tangomusik (äh…sorry, C…ich meine natürlich nicht Hobby, sondern einen superwichtigen Aspekt meiner allesverzehrenden Leidenschaft, diesem sinnlichen Tanz aus BA, dem wir alle möglichst täglich durch ekstatisches Bewegen unserer halbnackten, schweißbedeckten Körper unsere Verehrung erweisen…aber ich schweife ab).

Dieser Gedanke war natürlich auch von den Überlegungen geprägt, die ich in meinem letzten Post schriftlich niedergelegt habe. Was, wenn es gelänge, eine Skala (idealerweise eine einzige Zahl) zu finden, bei der nahe beieinanderliegende Werte für tänzerisch ähnliche Musikstücke stehen? Eine Tanda zusammenzustellen, wäre damit entscheidend einfacher geworden.

Beziehungsweise noch viel besser: Es würde den Weg aus dem Gefängnis von plumpen mechanischen Regeln weisen. Es würde schlechten oder mittelmäßigen DJs helfen, bessere Leistungen abzuliefern. Vielleicht würde es guten und spitzenmäßigen DJs ein wenig wehtun, weil ihre Leistungen dadurch weniger herausragen würden. Zum einen finde ich, daß dies ein kleiner Preis für eine flächendeckend bessere musikalische  Versorgung von Tangoland wäre. Zum anderen kann ich mir vorstellen, daß auch gute DJs noch profitieren könnten, weil sie gesparte Zeit zur Verbesserung ihrer eigentlichen Magie einsetzen können.

Okay, das setzt natürlich voraus, daß die Methode auch etwas taugt; und so sehr es mich drängt, schon mal an meiner Dankesrede für die Verleihung des Nobelpreises in der Kategorie Tango-Djing zu arbeiten, sollte ich vielleicht endlich mal erklären, worauf ich eigentlich hinaus will.

Für mich ist die wichtigste Kategorie beim Tanzen die emotionale Farbe der Musik. Das „eisekalt“ meiner persönlichen Skala liegt ungefähr im Bereich instrumentaler Guardia Vieja-Marschmusik; am wärmsten wird es bei den sanften, lyrischen Vokalstücken.

Dann ist da noch die Komplexität der Musik. Ich gestehe, daß dies für mich selbst kein ganz so wichtiger Faktor ist. Das liegt nicht daran, daß ich mich für einen so tollen Tänzer halte, sondern daran, daß ich bei Musik, die mich innerlich berührt, einfach nicht so sehr darüber nachdenke, sondern versuche, alle Sinneskanäle aufzumachen und es einfach laufen zu lassen. Auf der anderen Seite finde ich es aber auch sinnvoll, wenn man für Tänzer aller Skill-Level passende Tandas im Angebot hat. Auch wenn ich Anhänger von „no pain, no gain“ und „no risk, no fun“ bin, sollte ein DJ dennoch so nett sein, den Tänzern ein bißchen Planbarkeit zu liefern. Unter diesem Aspekt, in Verbindung mit einer möglichen Nutzung einer solchen Skala fürs Djing, wäre meine zweite Achse also der tänzerische Schwierigkeitsgrad.

Warum nenne ich das Ganze „Experiment“? Weil mir hier so eine Art Crowdsourcing vorschwebt. Die Idee ist herauszufinden, wie persönlich eine solche Skala ist. Es könnte ja sein, daß jeder, aus dem Blickwinkel einer solchen Metrik, eine komplett andere Sicht auf ein Musikstück hat. Das macht diese Begriffe dann zwar nicht nutzlos (zumindest solange man noch in der Diskussion darüber seine Wahrnehmung schärfen kann), aber eben ungeeignet für den Zweck eines Gruppierkriteriums für Tandas.

Der Set-up des Experiments sieht so aus: Man nehme eine gewisse Zahl von Tangostücken und frage eine ausreichende Zahl von Leuten nach ihrer Einstufung dieser Musik auf den Skalen, die man verwenden will. Es geht um subjektive Wahrnehmung; die „Probanden“ sollen also gerade nicht per Schulung zu einer Art Bewertungsmaschine werden. Im Gegenteil – je mehr aus dem Tangotänzerbauch heraus, desto besser.

Das Ganze braucht natürlich eine gewisse Unterstützung durch eine passende Infrastruktur. Leider ist es mir bisher noch nicht gelungen, im Rahmen der Genderforschung oder auf anderem Wege sechsstellige Summen an Drittmitteln einzuwerben. Auch die GEMA wäre sicher nicht damit einverstanden, wenn ich meine Test-Musikstücke einfach mal so zum Anhören hier bereitstellen würde. Der Plan sieht daher wie folgt aus:

  • Es gibt eine Deezer-Playliste. Diese kann jeder per Browser oder App laden, um die Test-Stücke anzuhören
  • Dazu gibt es eine hier download-bare Textdatei mit den Bezeichnungen der Stücke und Spalten für die beiden Bewertungsachsen.
  • Dann: Anhören der Stücke, Eintragen der Bewertungen in die Tabelle, das Ganze dann per E-Mail an mich schicken.

Vor einiger Zeit hatte ich mal eine Playliste aus den Musikempfehlungen von Kapitel 4 von „Tango and Chaos in Buenos Aires“ gebaut. Ich finde, daß diese für den Zweck schon so gut geeignet ist, daß es sich nicht gelohnt hätte, eine andere zu erzeugen (je nach Resonanz kann man das immer noch machen)

Hier ist sie: http://www.deezer.com/playlist/1339974165

Bei dieser Playliste gibt es drei Möglichkeiten.

  1. Ist jemand bereits Deezer-Abonnent, kann die Playliste direkt geladen und angehört werden (oder man wird „Follower“ von Yokoito und kann sie dann direkt sehen; der Name ist Yo_TcBA4)
  2. Man kann sich für die freie Variante von Deezer registrieren. Damit ist es möglich, die komplette Playlist durchzuhören.
  3. Man registriert sich nicht, sondern legt einfach los. Es lassen sich dann jeweils nur die ersten 30 Sekunden eines Stücks hören. Angesichts dessen, daß wohl so ziemlich alle Stücke von diversen Milongas bekannt sein sollten, sollte selbst das reichen.

Hoffe, das funktioniert so…wenn jemand eine Idee hat, wie man es (im Rahmen obengenannter Randbedingungen) noch verbessern kann, freue ich mich über eine Beschreibung per Mail oder Kommentar. Das gilt übrigens auch für Meinungen zu Sinn und Unsinn der gewählten Bewertungsachsen. Wenn jemand eine zusätzliche oder andere Dimension im Sinn hat: einfach (mit den Werten) als Spalte rechts an die Tabelle dranhängen.

Die Play/Bewertungsliste ist eigentlich vom Typ „Textdatei (Tabstopp-getrennt)“. Leider erlaubt mir WordPress nicht, diesen Dateityp bereitzustellen. Daher hier die Excel-Version: yo_tcba4. Wer die Textversion haben möchte, möge mich bitte anschreiben, ich schicke sie dann per Mail.

Noch ein kleiner Hinweis an die Musikwissenschaftler unter Euch: wenn Ihr findet, daß die Liste zu ungenau ist, etwa weil Jahreszahlen fehlen… bei allem Respekt…dürft Ihr das behalten. Es geht darum, aus dem Hören der Musik heraus die Kennwerte möglichst spontan hinzuschreiben und nicht, sie aus Katalogwissen herzuleiten.

Die Mailadresse für den Rücklauf ist: Yokoitob@gmail.com

Keine Ahnung, wieviel Rücklauf so eine Aktion generiert – ich hoffe ja schon, daß paar Dutzend ausgefüllte Tabellen entstehen (vielleicht könnt Ihr ja das ganze noch ein bißchen verbreiten helfen?). Ja, ich weiß, das könnte auch als Werbung für Deezer oder schlicht meinen Blog aufgefaßt werden – ich kann hier zehnmal schreiben, daß Neugier mein Hauptmotiv ist, beweisen kann ich es nicht. Ich würde jedenfalls mal sehen, wie die Rücklaufrate so ist, und mit dem Auswerten beginnen, wenn deutlich wird, daß nicht mehr viel reinkommen wird. Falls überraschenderweise ein stetiger breiter Strom von Daten reinkommt, würde ich nach zirka 8 Wochen eine erste Zwischenauswertung machen.

Okay, ein paar Visionen noch (ja, ich kenne den Spruch von Helmut Schmidt). Mal angenommen, es zeigt sich, daß die Metrik was taugt und daß die persönlichen Bewertungen auf Konsens hinweisen (also nicht nur „wildes Rauschen“ ergeben). Eine ganz wilde Fantasie wäre das volle Crowdsourcing-Programm – eine Datenbasis, gefüttert von richtig vielen Tangolandbewohnern und über alle (was immer „alle“ stückzahlmäßig bedeutet) Tangostücke. Eine entsprechende App zu programmieren ist zwar Arbeit, aber eine, die sich durchaus in Grenzen halten würde.

Etwas härterer Techie-Stoff wäre, zu sehen, ob es objektiv, sprich automatisiert, erfaßbare Größen gibt, die mit subjektiven Bewertungen korrelieren. Ein simples Beispiel für etwas, das man ohne viel Aufwand technisch messen kann, wäre die „beat per minute“-Zahl. Ich glaube keineswegs, daß es so simpel ist; aber auch komplexere Sachen wie Muster im spektralen Fingerabdruck eines Stücks lassen sich heutzutage mit zivilem Aufwand automatisch erfassen.

Vielleicht gibt es ja einen tangoaffinen Professor oder Programmierer, der das eine oder andere als Projekt (für ein Gruppenpraktikum würde gut passen) oder etwas in dieser Art umsetzen möchte.

Hoffe jedenfalls, trotz dieser Offenlegung meiner leichten Affinität zum Größenwahn, auf rege Resonanz und bin sehr gespannt, was passiert ….

Kindergardel

dscn0511Hier in der Gegend gibt es eine (Tradi-)Milonga, die dem Vernehmen nach in Gefahr ist, abzunippeln, weil DJs fehlen. Beziehungsweise – es heißt, die dort auflegenden DJs schaffen es nicht, den Geschmack der Besucher zu treffen.

Ich spiele derzeit mit dem Gedanken, dort mal das DJing auszuprobieren. Technisch sollte das kein Problem sein; tango-musikmäßig würde ich mal sagen, so gut wie derzeit kriege ich es auch hin. Das eigentliche Ding ist die Zeit; Baustellen habe ich wahrlich schon genug, und wenn ich etwas anfange, möchte ich es auch durchhalten.

Insofern ist die Frage, die mich gerade umtreibt: Wieviel Zeit (vom Abend selbst abgesehen) müßte ich aufwenden, um etwas Brauchbares hinzubekommen? Hier wären wir genau an der Stelle (ist das das morphogenetische Feld oder der seltsame Humor des Universums?), die, wie bei Gerhard zu lesen, derzeit mal wieder etwas mehr Blasen schlägt.

Wie gesagt, das Thema Musik ist ja sowieso „meins“, und von daher verfolge ich all diese Diskussionen mit großem Interesse. Wobei – und damit will ich mich heute befassen – ich da einiges nicht verstehe.

Fangen wir mal bei den Zahlen an. Irgendwo habe ich mal gelesen, daß es etwa 20.000 Tangostücke insgesamt gibt, wovon etwa 3000 als „tanzbar“ eingestuft werden. In der aktuellen Diskussion ist die Rede von 1300 Stücken, aus denen gemäß Susana Miller die DJs von Buenos Aires ihre Milongas gestalten; sie meint, daß die DJs im Rest der Welt ein Repertoire  von etwa 5000 Stücken nutzen, was ihrer Ansicht nach viel zu viel ist. Das heißt dann wohl, ihrer Ansicht nach besteht die gesamte sinnvoll nutzbare Tradi-Tango-Musikwelt aus 1300 Stücken besteht.

  • Das klingt noch nach einigermaßen viel. Setzen wir es mal ins Verhältnis: Wenn ein Stück im Schnitt 2:30 dauert, wären das also etwa 54 Stunden, wenn man alles hintereinander abspielt. Könnte man zur Not locker an einem Wochenende schaffen.
  • Aber da gibt es ja noch die die ganzen „Bau-Regeln“ für Tandas: Kein Mischen von Gesangs- und Instrumentalstücken, nur ein Orchester pro Tanda, möglichst auch derselbe Sänger oder ein schmales Band beim Entstehungsdatum, um die zu nennen, die mir beim Schreiben spontan einfallen. Schätze, da bleiben am Ende nur noch eine Handvoll von Konstellationen übrig, oder? Vielleicht gibt’s da ja auch schon eine App dafür.

An sich wäre diese 1300-Stücke-Sache für mich als prospektiven DJ eine gute Nachricht. Zumal ich mich erinnere anderswo gelesen zu haben, daß man gerade bei den „großen“ Veranstaltungen nur die ganz bekannten Sachen spielen sollte. Also her mit der Liste der 1300 Stücke, und meiner Karriere als Top-DJ sollte nichts mehr im Wege stehen.

Was das angeht: Ich habe neulich mal ein Experiment gemacht, und zwar ausprobiert, wie gut Shazam Tangomusik erkennt. Ich war selbst erstaunt:  von 40 Stücken hat Shazam nur eines nicht gefunden. Hochgerechnet auf eine 4-Stunden-Milonga (mit ca. 90 Titeln) hieße das, daß man quasi die komplette Playlist shazamen könnte.

Bottom line: Ein oder zwei Besuche auf existierenden Milongas, dazu noch die im Netz freundlicherweise angebotenen „tandas of the week“ und natürlich die Möglichkeit, per Streaming auf riesige Musiksammlungen zuzugreifen, und das Schnitzel ist paniert und wir können locker im Mainstream der DJs mitschwimmen.

Ich vermute sogar, der Fokus auf Gassenhauer reicht aus, um sich vom Feld abzusetzen, weil wohl schon viele DJs entweder einen etwas schrägen Musikgeschmack haben, oder den Ehrgeiz, irgendwelche seltenen Preziosen auszubuddeln, die meiner Erfahrung nach dann entweder langweilig sind, depressiv machen oder einem wegen schlechter Soundqualität die Ohren bluten lassen.

Gut – da ist noch der Magiefaktor. Wie ich gehört habe, soll ein guter DJ nicht einfach nur eine Playliste starten, sondern die Stimmung aufnehmen und ad hoc passende Musik auswählen. Das ist mit Sicherheit eine gute Idee; nur denke ich, daß sie nur von ganz wenigen DJs wirklich so umgesetzt wird.

  • An dieser Stelle muß ich mal sagen, daß ich einen riesigen Respekt vor EdO-Musikexperten habe, beziehungsweise vor Tango-DJs, die ein entsprechendes Wissen unter der Haube haben. Was immer ich hier schreibe ist keineswegs despektierlich gemeint. Ich glaube halt nur, daß diese Skills völliger Overkill wären, wenn die Protagonisten des musikalisch Simplen Recht hätten.

Okay, warum schreibe ich das eigentlich? Nein, weder will ich damit prahlen, wie leicht das DJ-Sein wäre; noch will ich DJ-Bashing betreiben. Vielmehr bin ich bei meinen durchaus ernstgemeinten Recherchen (mal wieder) über das Thema „Tanzbarkeit“ gestolpert, beziehungsweise über diverse logische Inkonsistenzen bei dem, was da so alles behauptet wird.

Mit logische Inkonsistenz meine ich: Aussagen, die nicht alle gleichzeitig wahr sein können. Damit angefangen: ist ein DJ ein Dienstleister, dessen Job darin besteht, daß alle Spaß haben? Oder soll er auch so etwas wie ein spiritueller Führer sein, der den Horizont der Tänzer erweitert?

Abgesehen davon – was genau bedeutet Spaß haben? Der kleinste gemeinsame Nenner wäre Musik, die von allen tänzerisch umgesetzt werden kann.  Was ist aber mit denen, die mehr drauf haben? Soll heißen – warum gibt es schwarze Pisten? Sollte ein erfahrener Skifahrer nicht auch wissen, wie man Spaß auf einem Kinderhügel hat? Oder sollte er seine Künste nur hinter Sichtschutz ausüben, damit die armen Kids auf diesem Hügel nicht sehen, was beim Skifahren alles geht?

Insofern frage ich mich, wie plausibel die Forderung ist, daß bei Events, an denen eher die oberen Flugflächen des Tanzniveaus besetzt sind, die Essenz des musikalischen Mainstreams laufen sollte, mit denen jeder Hansel zurechtkommt?

Als Leser dieses Posts würde ich mich allmählich fragen, woher der komische Titel kommt. Also gut – jetzt ist es Zeit, den Vorhang zu lüften. Kürzlich habe ich mich etwas ausgiebiger mit „Tango Cancion“ befaßt, und da läuft man ja unweigerlich Carlos Gardel über den Weg. Also die Musik, deren Spielen auf Milongas tabu sein soll. Das wollte ich dann mal etwas näher ergründen.

Auf die Warum-Frage gibt es erstmal einen Berg (oder Schwall) von Antworten des Typs „“Weil man es nicht tut. Weil es in Buenos Aires nicht gemacht wird“. Manche nennen das „Aberglauben“; finde ich eigentlich ganz zutreffend. Forscht man etwas weiter, kommen nicht mehr ganz so blödsinnig klingende Antworten: „Weil Tango Cancion musikalisch zu komplex ist; Pausen, Tempowechsel und solches Zeug“.   Dazu noch „weil Gardel der absolute Meister des Tango Cancion ist und man es sowieso versauen würde, dazu angemessen zu tanzen; also ist es aus Respekt vor dem Meister besser, es erst gar nicht zu versuchen“.  Das findet man sehr schön formuliert bei Irene und Man Yung.

Meine Erleichterung, endlich eine plausible Antwort gefunden zu haben und damit dieses Kapitel endlich schließen zu können, dauerte leider nur etwa 32 Sekunden – bis ich den Kommentar in selbigem Post gelesen hatte: „Was ist mit den anderen Orchestern? Ist es nicht genauso eine Beleidigung für Pugliese, d’Arienzo, di Sarli, Canaro und all die anderen, wenn Leute dazu schlecht tanzen?“

Na ja, das mit der Erleichterung stimmt nicht. Der Kommentator (Sasha) hat dann noch klar formuliert, was ich auch denke: Leute trauen sich nicht, weil sie keine Erfahrung haben und auch keine sammeln können, wel ihre DJs das Zeug ja nicht auflegen.

In diesem Zusammenhang fällt mir noch ein Gespräch zum Thema „Nontango“ ein, in dem eine Tanguera meinte, diese Musik sei langweilig, weil sie eine zu simple Struktur hätte, ein immer klar erkennbarer Takt und ein gleichbleibendes Tempo. Hm…

Tja, was soll ich sagen – um den Bogen zurück zum DJ-Thema zu schlagen: Das wäre ein echter Grund, es zu machen – ein nettes kleines Labor, in dem man experimentieren kann (hier wäre vielleicht ein kleines dämonisches Lachen angemessen).

Also wie gesagt – im Moment bin ich alles andere als überzeugt, daß es zeitlich zu schaffen ist – aber wenn sich das ändert, kann ich zumindest versprechen, hier regelmäßig von diesem Experiment zu berichten…und wenn es doch nichts werden sollte, lade ich hiermit offiziell alle Tango-DJs ein, solche Experimente an ihrem Publikum durchzuführen, ich liefere gerne die Plattform, um darüber zu berichten…

 

 

 

Nochmal was zum Thema Männer

dscn0536Vor kurzem habe ich einen Radiosketch gehört, bei dem es um bärtige Männer früher und heute ging. Genauer, um deren Sound.

Früher: „Wo ist der Baum, den ich fällen soll?“.

Heute: „Ist diese Gesichtscreme auch vegan?“

Der letzte Post hatte ziemliche Resonanz – viele Seitenaufrufe und eine Menge Kommentare. So wie ich es verstanden, habe gibt es eine Art Konsens, daß ein wesentlicher (sicher nicht der einzige) Faktor des  Männermangels eingebaut ist: Frauen tanzen lieber als Männer.

  • Ich habe versprochen, das „Frauen-Ü-Wort“ nicht mehr zu benutzen, was mir absolut nicht schwergefallen ist, weil ich das Wort noch nie mochte.

Dabei ist mir dann aufgefallen, daß das Thema zu einem weiteren führt. Es gibt ja diese These, daß die Männer immer weiblicher werden. Und dann ist da noch die Hardcore-Gender Studies-Ansicht, daß Geschlechter sowieso nur ein gesellschaftliches Konstrukt und von daher eigentlich frei programmierbar sind.

Änderungen in den Rahmenbedingungen gibt es genug. Ob was dran ist, daß Hormone, die über alle möglichen Produkte den Weg in die Nahrungekette finden, etwas bewirken, vermag ich nicht zu beurteilen.  Was mir bei den sozialen Faktoren plausibel erscheint: Vielen Jungs fehlen die direkt erlebbaren männlichen Rollenvorbilder, weil sie bei meist weiblichen Alleinerziehenden leben, weil in Kindergärten die meisten Betreuer ebenfalls weiblich sind und auch an Schulen die Frauenanteile deutlich über 50% liegen. Je nachdem, in welchen subkulturellen Gefilden mann sich aufhält oder welche Medien er konsumiert, kommt dazu noch eine mehr oder weniger kräftige Dosis des schon erwähnte feministischen Diskurses, der die heutigen Männer (die anderen sind ja schon tot) für alles verantwortlich macht, was ihre Geschlechtsgenossen in all den Jahrtausenden verbockt haben.

Na gut – der Altersdurchschnitt in Tangoland läßt vermuten, daß noch 25 bis 50 Jahre vergehen werden, bis diese Effekte voll in der Tangoszene angekommen sind. Dennoch: Es gibt eine Methode namens „experimentum crucis“, um Theorien zu überprüfen. Theorien machen ja Vorhersagen – man konstruiert also ein Experiment so, daß es eindeutig entweder das liefert, was die Theorie vorhersagt – oder eben nicht; in diesem Falls ist die Theorie falsifiziert oder widerlegt (Natürlich ist dieses „entweder-oder“ ein Ideal, und es wird immer Raum zum weiteren Rumdiskutieren geben).

Bei so etwas fragt man ja erstmal Tante Google. Also habe ich „werden Männer immer weiblicher“ eingegeben. Und gleich etwas Lustiges festgestellt: An erster Stelle der Trefferliste kommt http://www.tantra.de/662/maenner-verweichlichen/ mit dem Seitentitel „Warum Männer verweichlichen und Frauen verhärten“. Warum lustig? Bitte die URL genau lesen…

Aber das nur am Rande. Hier also die Frage. Sollten die Männer tatsächlich immer weiblicher werden – und wenn Tanz-Affinität etwas Weibliches ist – müßte dann nicht der Männermangel tendenziell zurückgehen? Zumindest wenn es nicht etwas sehr hart (z.B. genetisch) Kodiertes ist.

Mir wird gerade bewußt, daß ich hier gerade im Grenzbereich eines Prinzips bin, das einer meiner Lieblingsdichter so formuliert hat: „Wenn du etwas richtig gut kannst – tu es nicht umsonst“. Aber gut – falls jemand noch Drittmittel herumliegen hat, ich hätte gerne etwa eine halbe Mio Euros für ein entsprechendes groß angelegtes Gender Studies Projekt im Tangomilieu. Und falls ein schon etablierter Gender-Forscher vorhat, mir diese Idee zu klauen: Mein üblicher Provisionssatz ist 20%.  Sonst hetze ich Harald Eia auf ihn/sie/es.