Sex, Gender und Video

Ich bin ja immer noch nicht sicher, ob ich meine Zeit nicht besser anders verschwenden sollte – aber der Tangoblog-Schreibfinger hat mal wieder gejuckt.

Anlaß war ein kürzlich bei Berlin Tango Vibes erschienener Gastbeitrag des hochverehrten Bloggerkollegen Cassiel, oder besser einer dieser „Cassiellismen“, die ich so schätze (*):

„Ich denke, man sollte nicht dem Irrtum verfallen, geschlechtsspezifische Qualitäten oder Eigenarten mit der biologischen oder soziologischen geschlechtlichen Identität einer Person zu verknüpfen.“

(*) Falls jemand die Serie „Monday Mornings“ kennt, ich spiele hier natürlich auf die „Parkisms“ an. Lohnt sich zu googeln. Tolle Serie. Leider nur eine Staffel.

Was mich dann dazu bewegt hat, per Kommentar zuzugeben, daß mir das zu meta und vermutlich zu hoch sei, verbunden mit der Frage, ob hier die Rede von Statistik ist oder von was anderem.

Cassiel hat mich dann einer gefühlt etwa 2000 Worte langen Antwort gewürdigt, nicht ohne Verweis auf eine prähistorische Kommentardiskussion, aus der hervorgeht, daß wir beide des Öfteren unterschiedliche Ansichten haben. Oha. Hatte ich fast vergessen. Schade nur, daß er mein damaliges Pseudonym nicht ausgeschrieben hat. Ich träume ja immer noch davon, daß irgendwer sich die Mühe macht, die vielen kleinen Bröckchen, die ich immer wieder verstreue, zu einem Bild zusammenzusetzen und erst mein derzeitiges Pseudonym zu entschlüsseln und dann meine reale Identität. Seufz…dafür bin ich leider wohl zu unwichtig.

Aber ich schweife ab. Ich wollte erst wiederum per Kommentar antworten – oder besser gesagt, ein paar investigative Fragen stellen – dann dachte ich aber, das haben die Damen von BTV nicht verdient, sie wurden in diesem Kommentarthread eh schon mit Text überschüttet. Ich vermute, man wird mir unterstellen, das soll Traffic auf meine Webseite lenken – mal ganz ehrlich, Leute: ist mir egal. Der Traffic, und eventuelles Rumgeheule auch. Ich schreibe das hier, weil es schlicht bequemer ist.

Nun also endlich zum wahren Inhalt. Ja, ich hätte in der Zeit auch noch ein paar hundert Zeilen AVD-Formatanalysecode in C++ schreiben können oder eine neue Introduction für TS 103 427. Oder eine Runde Assassins Creed Syndicate spielen. Aber man kann ja nicht den ganzen Tag wichtige, relevante Dinge tun.

Nehmen wir uns also mal obigen Satz etwas genauer vor. Erstmal: Soweit ich weiß, gibt es das biologische Geschlecht (Sex) noch. Das abzuschaffen wäre auch etwas schwierig geworden, ich vermute, selbst das Bundesverfassungsgericht hätte das nicht hinbekommen. Gender, das „soziale Geschlecht“ – nun ja, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.

Ich persönlich bin eher kein Freund davon, schwerverdientes Steuergeld für Genderforschung rauszuhauen. Daher denke ich immer noch mit Freude an das Video von Harald Eia, in dem er es geschafft hat, daß sich die norwegischen Genderforscher selbst demontieren; soweit ich mich erinnere, hat danach der norwegische Staat diesen Leuten den Geldhahn ziemlich weit zugedreht. Wieviel von dem, was wir für geschlechtsspezifisch halten, in Wirklichkeit sozial antrainiert ist – gute Frage.

Womit wir beim ersten Teil des eingangs zitierten Cassiellisms wären: Entweder ist er komplett sinnlos oder der Autor glaubt eben doch,  daß es so etwas wie geschlechtsspezifische Qualitäten gibt. Wieweit diese von der Biologie kommen oder von der Soziologie – wer weiß. Wenn wir es tatsächlich schaffen sollten, alle geschlechtsspezifischen Unterschiede wegzugendern (falls sie soziologisch basiert sind) oder, wer weiß, wegzuzüchten (falls biologisch), wäre die Liste jedenfalls leer. Was mir die Gelegenheit gibt, einen meiner anderen Lieblingssätze in sinngemäßer deutscher Übersetzung zu zitieren: „Ein Klischee ist oft eine valide Erste-Ordnung-Näherung“ (soweit ich mich erinnere ist das von Charles Stross).

A propos Unterschiede: Ich persönlich bin der Meinung, daß Mädchen in der Schule ein paar Kampftechniken lernen sollten, die je nach Bedarf beim Angreifer etwas zwischen unerträglichen Schmerzen und Exitus erzeugen, wenn es anders nicht geht. Und den Willen, diese Techniken auch einzusetzen (das Risiko, daß es dann ein paar Profikillerinnen mit einem richtig guten Geschäftsmodell gibt, müssen wir halt als Gesellschaft eingehen). Oder wenigstens etwas Bio-Engineering, damit Frauen mindestens gleichstark wie Männer werden. Mir stinkt es jedenfalls gewaltig, daß die Idioten in meinem Verein den Ruf der ganzen Truppe ruinieren.

Oje, Schon wieder abgeschweift. Ich komme dann mal zum Schluß. Ein bißchen lustig ist das schon, wenn gerade die eher hardcore-mäßigen Freunde des „authentischen Tango“ mit seinem doch recht klaren Geschlechter-Rollen-Bild sich so eine Mühe geben, auf den Genderversteher-Zug aufzuspringen. Ob das jetzt das Ergebnis ihrer verstehend-weiblichen oder doch eher der männlichen Seite (Metathemen, schön distanziert-analysierend) ist – wer weiß.

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Motivation

Ich widme den folgenden Text Thomas Kröter. Ich wollte dazu erst nur schreiben, er würde schon wissen, warum. Dieses Rätsel dürfte aber zu schwierig sein, also erkläre ich’s doch lieber. Thomas meinte mal (so weit ich mich erinnere), ich würde unglaublich weitschweifig und, nun ja, selbstverliebt schreiben. Stimmt. This song is for you, Thomas.

„Was geht mich der Vietnamkrieg an, solange ich Orgasmusschwierigkeiten habe?“

(lt. Wikiquote von Rainer Langhans, aber oft Dieter Kunzelmann zugeschrieben)

Gerechtigkeit ist ja eines der dominanten Themen unserer Zeit. Im Sinne des obigen Zitats frage ich mich, ob es denn gerecht sein kann, daß die Tangowelt sich weiter mit den immer gleichen unbedeutenden Dingen beschäftigt, während ich hier mit ernsthaften, ja existentiellen Problemen kämpfe.

Ich spreche natürlich von meinem Wackeldackel. Beziehungsweise vom Ensemble aus Wackeldackel und  gehäkeltem Toilettenpapier-Hut, das bisher auf der Heckablage meines Fast-Oldtimer-PKW stand.

Nun hat sich dieses Fahrzeug leider, skandalöserweise schon nach 22 Jahren und zirka 220.000 km, von mir getrennt. Mein Neuer ist schon da. Bei der Beschaffung habe ich auf alles geachtet – technische Ausstattung, Farbe, eine Antriebstechnik, die sogar gewissermaßen politisch korrekt ist (aber nicht deshalb ausgewählt), Sound, eben alles. Nur eines habe ich übersehen: er ist nicht Wackeldackel-kompatibel. Jedenfalls nicht ganz.

Das liegt an den getönten Scheiben hinten, was zur Folge hat, daß das Ensemble nicht gut sichtbar ist. Das verändert alles, denn diese Sichtbarkeit war Teil meiner Kommunikationsstrategie auf der Autobahn.

Die Botschaft war an die BMW-Fahrer aller Marken gerichtet und lautete in etwa folgendermaßen: „Lieber Verkehrspartner, Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit hat für mich natürlich oberste Priorität. Natürlich würde ich, der Sie mir mit Auffahren auf 1 m und Lichthupe signalisieren, daß Sie es wirklich eilig haben, nichts lieber tun als sofort nach rechts zu fahren. Es gibt allerdings einige Gründe, dies nicht zu tun. Wenn ich Ihnen diese kurz erläutern darf, werden Sie mir danach sicher zustimmen, daß ich durchaus auch in Ihrem Interesse handle, wenn ich bleibe, wo ich bin, und wir fühlen uns beide besser. Zum einen sind wir gerade mit 130 km/h unterwegs; mit wir meine ich, die 8 anderen Fahrzeuge vor mir und wir beide. Wahrscheinlich können Sie diese anderen Fahrzeuge nicht sehen. Das ist nachvollziehbar; bei einem Adrenalinspiegel wie dem, den Sie vermutlich gerade haben, würde das jedem schwerfallen. Wollte ich in die kleine Lücke auf der rechten Spur, die sich gerade mit 100 km h bewegt, einscheren – was ich wie gesagt gerne für Sie täte –  müßte ich allerdings zunächst bremsen. So dicht, wie Sie gerade sind, würden Sie dies von den Bremslichtern her vermutlich gar nicht mitbekommen. Außerdem wäre ich gezwungen, in den Sicherheitsabstand der Verkehrspartner rechts einzudringen, was diese womöglich überfordert – so oder so, das Risiko wären Blut, häßliche Geräusche und Tränen. Das wollen wir doch nicht.“.

Ohne den Wackeldackel würde ich diese Botschaft vielleicht nicht so deutlich rüberbringen und zudem riskieren, daß besagter Verkehrspartner das Ganze am Ende  noch persönlich nimmt – als „pissing contest“ (das Internet bietet mir hier die deutsche Übersetzung „Schwanzvergleich“ an). Sieht er aber Wackeldackel und gehäkelten Toilettenpapier-Hut, ist ihm klar, hier fährt jemand, der es einfach nicht checkt, ein Opa halt. Und, sowieso, allemal besser, als hätte ich ihm die Botschaft in der nonverbalen Sprache gesendet, deren Gebrauch ihm vielleicht vertrauter ist – ich denke dabei an das, was wir Google-Lateiner „medio digito extensis“ nennen.

Nun ja – als Tanguero habe ich gelernt, nicht so schnell aufzugeben. Auch als Techniker sehe ich noch Möglichkeiten. Etwa, eine geschmackvolle LED-Beleuchtung für das Ensemble auf der Heckablage, so daß es auch durch die Scheibentönung gut sichtbar ist.

Was das Ganze mit Tango zu tun hat: Nicht viel, gebe ich zu. Außer, daß besagter Toilettenpapier-Hut von einer geschätzten Tanguera gehäkelt wurde. Als Teil des Sets, das mir damals von einer Gruppe Freunde zu einem halbrunden Geburtstag – zum Wackeldackel gab es sogar noch einen (richtigen) Hut – geschenkt wurde. Den Hut habe ich übrigens leider nicht mehr. Er war mir zu klein, und so habe ich ihn weiterverschenkt.

Ah…noch eine Referenz zum Tango: Wenn das mit der Beleuchtung nicht funktioniert, könnte ich das Set vielleicht auch in der Ronda einsetzen. Ist aber vielleicht doch nicht so lustig. Außer ich besorge mir wieder einen Hut, diesmal in meiner Größe, und eventuell noch ein Paar zweifarbige Schuhe. Dann hätte das ganze wieder einen gewissen Pfiff.

So. das hätten wir hinter uns. Das Vorstehende habe ich eigentlich nur geschrieben, damit es für mich etwas unterhaltsamer wird. Weil ich mir ja eigentlich vorgenommen hatte, mich aus den üblichen Tangothemen rauszuhalten. Nun habe ich aber kurz nacheinander einen Text zum Thema Auffordern bei berlintangovibes (via Gerhard Riedls Post) und dann noch einen mit ähnlichem Bezug bei Thomas Kröter gelesen. An sich wollte ich zu ersterem Post einen Kommentar schreiben; das hat aber irgendwie nicht geklappt. Vielleicht zu viel Hin und Her-Eingelogge mit verschiedenen WordPress-Identitäten, oder sonstwie verlorengegangen. Also schreibe ich es hier:

„Ich mache mir aus dem Auffordern per Cabeceo eine Art Sport. Ich freue mich immer, wenn ich einen neuen persönlichen Entfernungs- oder Schwierigkeitsrekord aufgestellt habe. Das ist manchmal gar nicht so einfach, weil ich meist nach dem Start der Musik noch 1-2 Sekunden brauche, um mich zu entscheiden, ob und mit wem ich gerne tanzen würde. In der informellen Gruppe meiner Lieblingstänzerinnen gibt es ein paar, die mich deshalb (ich hoffe liebevoll) ein wenig verspotten; warum ich mir das Leben denn so schwer machen würde, ich könne ja auch einfach hingehen und fragen.

Ehrlich gesagt ist mein Gedächtnis nicht so gut, daß ich mir für jede Dame, mit der ich schon mal Tanzkontakt hatte, merken würde, wie sie es aufforderungstechnisch am liebsten hat. Da ich zudem versuche, bei jeder Milonga mit mindestens einer bislang unbekannten Dame zu tanzen, ist es zudem manchmal gar nicht so einfach herauszufinden, ob ein Nicht-Gucken jetzt Desinteresse bedeutet, oder ob die Dame gar nicht mit Cabeceo rechnet. Vielleicht ist die Tangoszene in Berlinos Aires da ein wenig mehr standardisiert – zu wenig Datenpunkte, um das beurteilen zu können.

Was das aufgefordert-werden angeht: Beim Selber-Auffordern erhöht die Möglichkeit, einen Korb zu bekommen, für mich den Reiz sogar. Das sehe ich im Übrigen auch als ein Plus für die Blickkontakt-Variante – eine Mirada ist ja auch ein Ausgesucht-werden. Wenn ich dagegen von einer Frau aufgefordert werde, gebe ich prinzipiell keine Körbe, um die Damenwahl ein bißchen zu unterstützen.  Wenn sie sich allerdings auf breiterer Front durchgesetzt hat, würde ich dann schon auch mit dem Körbe-Geben anfangen.“

Und wo wir gerade beim Abfrühstücken von Themen sind: Gerhard ist ja schon auf das Thema „Konsens beim Tanzen“ eingegangen.

Zunächst der ernste Teil: Ich glaube, die Schweden hatten durchaus valide Gründe, hier aktiv zu werden. Gut möglich, daß dies mit dem forcierten Zusammentreffen verschiedener Kulturen zu tun hat, das seit 2015 in vielen Teilen Europas stattfindet. Vermutlich hat bisher ein passender Rechtsrahmen gefehlt, um ernsthafte Grenzüberschreitungen wirksam verfolgen zu können.

Um dieses ernste Thema wieder mit einem Scherz aufzulockern, den einige sicher als unpassend empfinden werden: Tango ist ja nähetechnisch auch nicht ohne. Von daher zwei konstruktive Vorschläge. Wir kennen ja den Job des TJ bei Milongas. Vielleicht sollten wir uns schon mal auf eine neue Funktion vorbereiten, den TN. Das N steht selbstverständlich für „Notar“; dieser könnte die Vereinbarungen zwischen den Tänzern, die sicher bald notwendig werden, rechtssicher beurkunden. Falls dies organisatorisch nicht möglich ist, könnte man alternativ Formulare auslegen, die schon für die gängigsten Estilos (Abstand) und Figuren (Grad der Intrusion) vorbereitet sind. Milonga-Verkehrsregeln ließen sich übrigens in so einen Genehmigungsbogen integrieren. Damit verbleibt nicht nur mehr Auslageplatz für Veranstaltungs-Flyer. Das ohnehin notwendige Unterschriftenfeld verleiht dem Codigo-Kanon dann auch gleich mehr Gewicht, ein sicher nützlicher Nebeneffekt.

So. geschafft. Ich schließe diesen Post mit einem gelungenen Bogen zwischen den Themen Auto und Tanz ab. Der nachfolgenden Titel spielt auf das Image der Automarke an, zu der ich jetzt sozusagen zurückgekehrt bin, und ist gleichzeitig, wie ich finde, ein schönes fröhliches Nontango-Stück.

Autonomes Tanzen

Da hat das Universum es doch glatt geschafft, mich doch wieder an die Tastatur zu holen. Ich meine damit den Ponyhof-Post von Gerhard, oder besser gesagt dessen Gegenstand. Aber letztendlich konnte ich der Gelegenheit, mal wieder ein bißchen über eine bestimmte Sorte Soziologen herzuziehen, nicht widerstehen.

Und der Chance, mal wieder ein schönes Musikvideo zu posten. Was ich bereits gestern getan habe. Hier nochmal:

Diese alten Filme („Vom Winde verweht“ auf arte) sind so langsam erzählt, daß man locker dabei Musikvideos scannen kann. Und dabei auch den neuen, wirklich sehr schönen Kopfhörer ausprobieren.

Ja, Soziologen, Es geht um Resonanz. Eigentlich müßten wir Physiker Lizenzgebühren bekommen, wenn mal wieder jemand irgendein physikalisches Konzept nimmt, ein paar bombastisch klingende Fremdwörter dazumixt und dann einen pompösen Theorie-Heißluftballon damit aufbläst.

Und Schmerzensgeld. Klar beeinflussen sich Systeme, wenn sie gekoppelt sind. Überraschung. Und klar beeinflussen sich miteinander tanzende Menschen, wenn sie entweder auch Energie austauschen (wenn zwei Personen mit ca. 30% der Körperfläche Kontakt zueinander haben, nicht wirklich erstaunlich). Oder auch bei Null Kraftübertragung über die gegenseitige Wahrnehmung – dann wird vielleicht nicht viel Energie ausgetauscht, aber jede Menge Information.
Und dann zitiert Gerhard, in seinem nächsten Post, einen auch recht seltsamen Vogel. Der gemeinsame Nenner? Bei Mr. C (dessen Original ich natürlich auch gelesen habe) haben ich mich wiederholt gefragt, warum er eigentlich so auf Tradi-Musik pocht – sicher ist es ganz doll ungerecht von mir, beziehungsweise habe ich was ganz Wichtiges nicht verstanden – aber um höhere Stufen der Tango-Erleuchtung zu erreichen, scheint die Musik gar nicht mehr wichtig zu sein. Deshalb auch das Dire Straits-Video; diese Musik ist doch viel besser geeignet, um die Ruhe zu finden, den Herzschlag der Partnerin et cetera. Ohne daß irgendwelche störenden Takte dazwischenfunken. Und der Sound ist auch besser, viel mehr Bässe und Höhen.

An dieser Stelle ein ganz dickes „scusi“ ans Universum: Ich mag diese Musik wirklich, ich benutze das Viddeo also nicht nur, um einen Punkt zu unterstreichen. Weihnachten ist zwar schon vorbei, aber auf meiner Wunschliste steht, genau diesen Titel, in genau dieser Version, mit einer ganz bestimmten Partnerin in Bewegung zu erleben.

In einem Kommentar auf Gerhards Seite hatte ich dann noch einen Test für fortgeschrittene Tantra-Tango-Meister vorgeschlagen: Finde die tangomäßige Ruhe in Speed Metal. Wenn nochmal sowas wie „Vom Winde verweht“ auf arte kommt, suche ich dazu auch noch ein Video raus.

Sowas – ich bin schon wieder abgeschweift. Komischer Vogel, Herzschlag – ach ja: Ist so eine Partnerin nicht am Ende eher störend? Weil sie einen von der Vervollkommnung des eigenen Tango ablenkt oder abhält?
Gerhards tanzmitmir-Diskussionspartner darf aufatmen. Wir Techniker haben ja im Grunde eine dienende Funktion. Jemand hat ein Problem – wir finden die Lösung. Oft durch Kombination an sich bekannter Dinge zu etwas Neuem.

Wie auch in diesem Fall. Selbstfahrende Autos sind ja derzeit im Kommen (im Ernst: ich denke, diese Technologie wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern, und zwar unter dem Strich zum Guten). Die Japaner arbeiten seit Jahrzehnten an menschenähnlichen Robotern, die eine Reihe von Aufgaben im Haushalt übernehmen können (und in der Pflege; böse Zungen behaupten, das Motiv, sich in der Robotik so ins Zeug zu legen, wäre angesichts der demographischen Entwicklung auch der Wunsch, lieber von einem Roboter als von einem Gaijin betreut werden zu wollen).

Jedenfalls: warum nicht einen Tanzroboter bauen? Ich zähle nur die wichtigsten Vorteile auf: Keine erotischen Verwicklungen (okay, lassen wir mal die Splittergruppe der Roboterfetischisten außen vor). Keine Probleme mit dem Auffordern; wenn der Cabeceo nicht funktioniert, gibt es immer noch die Fernbedienung. Keine Notwendigkeit für Smalltalk oder sonstige sozialen Aktivitäten.

Und vor allem: nichts stört oder lenkt von der Vervollkommnung des eigenen Tango ab. Denken wir nur mal kurz an Segways: beliebig langsame Bewegungen und trotzdem immer in der Achse und auch in der Lage, größere Gewichtswechsel oder Kraftimpulse wegzustecken. Roboter-Tänzerinnen ermüden nicht, auch wenn das musikalische Repertoire mal wieder etwas kleiner ist. Und die Reaktion auf Führungsimpulse und Musik kann man konfigurierbar machen – wie der Drehschalter beim BMW, von Eco bis Sport.

Call for a Caller

Kürzlich habe ich an einem sehr schönen Tangofestival teilgenommen, bei dem mir zwei Dinge im Sinne der „üblichen Themen“ bemerkenswert schienen.

Zum einen gab es bei den beiden Milongas jeweils einige Tanzdemos. Der gemeinsame Nenner war absolutes Eye Candy aus den Bereichen Musikalität und Körperbeherrschung – unter anderem (bitte nicht als Herabstufung der anderen Paare verstehen) das Paar Mariana Montes und Sebastian Arce. Und ebenfalls gemeinsam war den meisten Demos eine explosive Energie, speziell untenrum. Will sagen, mit unglaublicher Fußarbeit. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen, sondern auf Video gesehen, hätte ich auf computergenerierte Special Effects getippt.

Worauf ich hinaus will, ist aber etwas anderes: der gigantische Applaus des Publikums. Absolut verdient und dennoch eine Spur seltsam. Weil nämlich das gleiche Publikum davor und danach auf der Tanzfläche ein dynamiktechnisch doch eher verhaltenes Bild geboten hat.

Okay, das ist natürlich mega-unfair. Auf einer vollen Tanzfläche kann man nun mal nicht so losfetzen wie wenn ein einzelnes Paar 200 Quadratmeter für sich hat. Und es reicht ja wirklich ein einzelnes Paar, das verträumt seine slow motion-Drehungen am Platz vollzieht, um eine ganze Fläche voller Tänzer auszubremsen, die sich vermutlich nicht direkt Arce/Montes-mäßig bewegen wollen, aber vielleicht doch gelegentlich den Wunsch haben, der Musik auch ein wenig zu folgen.

Also, nur damit es da keine Mißverständnisse gibt: ich finde es durchaus okay, den Versuch zu unternehmen, die Paarungsbereitschaft der aktuellen Herzensdame durch langsame, gefühlvolle Bewegungen zu steigern. Ich gebe dabei nur aus karmischer Sicht zu bedenken, daß es eventuell nachteilig sein könnte, wenn einen dafür zehn oder zwanzig andere Paare hassen. Wenn das Universum mal mies drauf ist, könnte es beschließen, zur Strafe die Bestellung für Erfolg in der Liebe zu verschlampen oder etwas anderes zu liefern.

Ausgesprochen interessant war für mich: Derselbe Sebastian Arce erzählte in einem der Workshops des Festivals, daß es in Buenos Aires üblich sei, daß der ganze Saal zumindest basics-mäßig Grundmustern der Musik folgt. Eher lyrische Teile eines Stücks würden zu vorwiegend kreisförmigen Mustern der einzelnen Paare führen – und mehr geradlinige Teile eben auch zu geradliniger Bewegungen. Des ganzen Saals – das muß man sich mal reinziehen. Ich bin ja eigentlich sonst eher skeptisch, wenn es heißt, in Buenos Aires tut man dies und in Buenos Aires tut man jenes. Aber da kam doch mal kurz ein kurzer wehmütiger Glanz in meine Augen.

Unten ist ein Video von Magdalena Valdez und Cristhian Sosa, das beintechnisch eher im unteren Bereich dessen liegt, was die beiden beim Festival abgeliefert haben.  Ich habe es ausgesucht, weil ich finde, daß die Action mit ein paar kleinen Anpassungen durchaus auf handelsübliche Milongas passen würde. Ein paar Änderungen in der Richtung, und die wenigen wirklich akrobatischen Moves weggelassen, und gut ist. Eingebaut in eine Ronda mit so einer Basisbewegung braucht das vom Effekt her – Staus und Überholversuche – auch nicht mehr Platz als ein durchschnittliches Tantra-Tango-Paar oder ein Newbie-Paar mit gelegentlichen Rückwärtslauf-Einlagen.

Es gibt natürlich Alternativen. Ich bin wie immer zu faul, um zu checken, ob ich schon mal was zu diesem Thema geschrieben habe. Vermutlich schon; egal. Oder jemand anderes. Jedenfalls: es gibt Gruppentänze, die einen „Caller“ haben. Der sagt dann für den ganzen Saal an, was zu tun ist. Wäre es nicht an der Zeit, so etwas beim Tango auch mal zu versuchen? Die meisten DJ-Anlagen haben ja einen Mikrofoneingang, und ein guter DJ könnte diesen Job im Zeitalter fertiger Playlisten sicher noch zusätzlich übernehmen. Hier ein kleines Beispiel, wie so etwas in anderen Tanzstilen funktioniert:

Oder, falls das zu intrusiv ist – und im Geiste von Flyern, auf denen die Codigos eventuell ergänzt mit lokalen Benimmregeln vermerkt sind: vielleicht ein oder zwei Leute, die allzu weggetretenen Platzdrehern Kärtchen mit der Aufschrift „Nehmt euch ein Zimmer“ zustecken, gleich mit ein paar Adressen nahegelegener Hotels?

Hauptquartier der International Tango Union seiner Bestimmung übergeben

Heute wurde in Buenos Aires die Gründung der International Tango Union (ITU) bekanntgegeben und gleichzeitig das Hauptquartier der ITU im Herzen der Stadt, an der Avenida San Juan in Richtung La Boca, eingeweiht.

Die ITU ist formal eine Unterorganisation der UN. Ihre Gründung war – wie ebenfalls im Rahmen der Einweihungszeremonie bekanntgegeben wurde – bereits im Oktober 2009 geplant worden. Damals wurde Tango von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Daß die Vorbereitungen für die Gründung so lange Zeit vertraulich gehalten werden konnten, gilt als großer Erfolg der internationalen Tango-Diplomatie. „Wir hatten kein Interesse daran, daß diese wichtige Initiative vorzeitig bekannt wird und sich dann vorhersehbar die gesamte Tango-Blogosphäre daran abarbeitet“, erklärte Carlos Ricardo Castaneda di Sarli, der erste Generalsekretär der ITU, dessen formeller Amtsantritt ebenfalls im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten stattfand. Aus dem Umfeld des Vorsitzenden war zu hören, daß di Sarli damit speziell einen Personenkreis meinte, der in Fachkreisen auch unter dem Namen  „Diaspora-Traditionalisten“ bekannt ist. In informellen Gesprächen mit Personen aus dem Führungskreis der ITU wurden hier  etwas deutlichere Worte gewählt; es fielen Begriffe wie „päpstlicher als der Papst“, „ängstliches Festklammern an der Vergangenheit“ und „Gefahr für die Weiterentwicklung des Tango“. Di Sarli selbst verwendete  im Rahmen seiner Ansprache das bekannte Sprachbild, daß es bei Tradition nicht um das Bewahren der Asche, sondern um die Weitergabe des Feuers gehe.

Übrigens ist di Sarli mit dem bekannten Orchesterleiter nicht in direkter Linie verwandt; aus einem nur teilweise erhaltenen Kirchenregister, das 2014 im Keller einer Kapelle in der Nähe San Antonio de Areco gefunden wurde,  ergibt sich, daß die Vorfahren des Orchesterleiters und des jetzigen ITU-Generalsekretärs Geschwister gewesen sein könnten. Auf seine Namensverwandtschaft angesprochen, meinte di Sarli allerdings schmunzelnd, geschadet hätte ihm diese bisher auch nicht.

Das ITU-Gebäude wurde äußerlich im Baustil des späten EdO gehalten; im Inneren ist es selbstverständlich nach neuesten Energieeffizienz-Standards konzipiert – auch dies soll nach di Sarli als ein Symbol verstanden werden, daß Tango zwar äußerlich etwas altbacken wirken mag, sich im Inneren aber stetig weiterentwickeln soll. Das Gebäude bietet neben Büro- und Funktionsräumen mehrere mit besten Tanzböden ausgestattete Veranstaltungsräume. Dazu kommt eine umfangreiche Tangobibliothek mit klimatisierten Archivräumen für die optimale Lagerung von Original-Schallplatten und einem mit neuester Technik ausgestattetes Labor zur Restauration und klanglichen Optimierung alter Aufnahmen.

Das Bild unten zeigt den großen Versammlungsraum, in dem etwa neue Tango-Figuren vor einem internationalen Fachpublikum präsentiert werden oder Beratungen darüber stattfinden, wie „Codigos“ zeitgemäß weiterentwickelt werden.

Vor allem enthält das ITU-Gebäude aber auch Infrastruktur, die als „Inkubator“ bezeichnet wird. Dies sind Studio- und Übungsräume sowie auch zwei kleinere Tanzsäle mit Bühne;  hier soll zeitgenössischen Tango-Orchestern ein Raum gegeben werden, in dem sie sich musikalisch entwickeln können. In den ITU-Statuten wird die fortwährende Weiterentwicklung des Tango – bei Musik, Text und natürlich auch im tänzerischen Bereich – als zentrales Element der Kontinuität dieser einzigartigen Kulturtechnik genannt.

In der Fahnengalerie vor dem ITU-Gebäude – bei Nacht ist der Anblick besonders spektakulär – ist jedes Land vertreten,  in dem Tango getanzt wird. Der leere Stuhl, den man im Hintergrund erkennen kann, steht dafür, daß auf Milongas niemand länger sitzen sollte.

Im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten wurde, auch dies für viele der geladenen Gäste und Kommentatoren überraschend, eine Tanzdarbietung gezeigt, in der Chicho Frumboli und Susana Miller zu live gespielter Musik, die man als Fusion aus Piazzolla mit Gardel-artigem Gesang bezeichnen darf, die gesamte Bandbreite des heutigen Tango demonstrierten. Im Anschluß daran gaben Miller und Frumboli eine gemeinsame Erklärung ab, die an diesem, an Überraschungen reichen Tag von vielen als ein besonderes Highlight bezeichnet wurden. Hier eine Zusammenfassung auf Basis des Originalmanuskripts, das nur leicht gekürzt wurde:

„Wir haben in den Neunzigern, um den Tango einem möglichst großen Kreis von Menschen nahezubringen, eine Art Mehrmarken-Strategie gewählt, damit für jeden etwas dabei ist. Der eine oder andere Antagonismus war dabei Teil der Strategie, eine Art Inszenierung; Zweck war einfach, dadurch mehr Aufmerksamkeit in den Medien zu bekommen. Das Ganze ist aber – wir wissen heute noch nicht genau, wie das eigentlich passieren konnte – außer Kontrolle geraten. Einzelne Gruppen – interessanterweise allesamt außerhalb von Buenos Aires – haben sich aber der eigenen Profilierung willen dermaßen in diese Konflikte verbissen, daß dabei eine ungute Polarisierung entstanden ist. Dies ist nicht unser Interesse. Buenos Aires ist, neben allem anderen, natürlich auch so etwas wie der Themenpark des Tango, aber auch eine Quelle neuer Ideen und Konzepte – so ist ja Tango überhaupt erst zu dem geworden, was es heute ist. Und auch wenn dies ein wenig unromantisch klingt: Tango ist, für die Stadt wie auch für das ganze Land, ein erheblicher wirtschaftlicher Faktor; dies wird langfristig nur durch Vielfalt und Offenheit gesichert. Es wird Zeit, daß wir diesen Interessengruppen klarmachen, daß sie keine Lizenz dafür haben, den „wahren Tango“ zu vertreten, nur weil ihre Ansichten besonders radikal sind.“

Dieser Gedanke wird auch durch die Skulptur vor dem ITU-Gebäude ausgedrückt. Sie symbolisiert das Ende der Polarisierung zwischen den Lagern und soll den Weg in eine Zukunft weisen, in der alle Varianten des Tango friedlich und einträchtig miteinander koexistieren.

Wie nun bekannt wurde, waren Frumboli und Miller sogar einmal ein Paar; aus dieser Verbindung  stammt eine Tochter, die später unter dem Künstlernamen Eugenia Parilla eine eigene Karriere als professionelle Tangotänzerin startete. Die beiden sind bis heute eng miteinander befreundet. Di Sarli dankte den beiden dafür, daß sie der Entwicklung des Tangos zuliebe jahrzehntelang gegensätzliche Pole eines Tangoverständnisses verkörpert hätten; er sagte wörtlich, er könne nur erahnen, wie anstrengend dies mitunter gewesen sein müsse. In ihrer Replik sagten zwar beide, dies sei ein Opfer gewesen, das sie gerne gebracht hätten, doch war beiden war die Erleichterung darüber anzumerken, daß sie ihr Versteckspiel nun endlich beenden konnten und nicht mehr gezwungen sind, sich durch Verkleidungen und Ablenkungsmanöver vor den allgegenwärtigen Tango-Paparazzi zu schützen.

Es wird sich nun zeigen, wie die Arbeit der ITU sich auf die Förderung und Weiterentwicklung des Tango auswirkt. Natürlich hat das Ganze auch eine kommerzielle Komponente; die Arbeit der ITU muß finanziert werden. Erste wichtige Schritte sind bereits getan. So wurde, mit Rückendeckung der UNO, mit den Rechteverwertern aller Tango-relevanter Länder vereinbart, daß Lizenzgebühren aus Tangomusik zukünftig direkt an die ITU gehen.

Eine andere Einnahmequelle werden direkte musikalisch aufbereitete Instant-Milongapakete sein; auch Streaming-Angebote direkt aus dem Musikbestand der ITU, mit einer zubuchbaren Option „Remote Djing“, bei dem ein DJ aus BsAs die Musik interaktiv gestaltet, werden im Angebot sein. Dazu kommen Tangoklamotten mit ITU-Logo sowie natürlich ITU-zertifizierte Tangolehrerausbildungen und dergleichen. Desweiteren wird die ITU gegen Gebühr eine Serie von „Recommendations“ genannten Regelwerken zur Gestaltung von Kursen und Milongas herausgeben und auch bestimmte Zertifizierungen vergeben. Dem Vernehmen nach soll beispielsweise festgelegt sein, daß die Veranstalter nur dann mit dem Gütesiegel der ITU werben dürfen, wenn ihre Milonga barriofrei ist, ein Fachausdruck, der bedeutet, daß nicht bestimmte Bewegungsformen (etwa Boleos) untersagt sind. Daneben soll es Standards für bestimmte Spezialformen von Milongas geben. Auf einer ITU-konformen traditionellen Milonga muß beispielsweise der Männeranteil mindestens 90% sein; auch muß ein durch ITU-Audits kontrollierter Prozeß existieren, der sicherstellt, daß alle  männlichen Gäste mit mindestens einem Messer bewaffnet sind (es soll aber möglich sein, am Eingang gegen eine kleine Gebühr Waffen auszuleihen).

Last but not least wird es auch klassische Merchandise-Artikel wie etwa T-Shirts, Tango-Tops und Tassen mit dem ITU-Logo geben.

Aus den Einnahmen soll unter anderem das Wachstum einer lebendigen, zeitgenössischen Tango-Musikkultur gefördert werden. Dabei geht es übrigens auch um die Weiterentwicklung von Inhalten. Als nicht mehr zeitgemäß wird zum Beispiel der in alten Tangotexten transportierte Ehrbegriff angesehen, der eine einseitige Sicht aus der Perspektive der Männer darstellt. Der entsprechende Arbeitskreis hat erste Textentwürfe vorgestellt. So handelt beispielsweise ein Text von einer Tanguera, die ihren untreuen Liebhaber auf einer Milonga zur Rede stellt und tötet, was von den anderen Tänzerinnen mit respektvollem Raunen begleitet wird. In einem anderen Liedtext klagt eine Tanguera, daß sie zu viele minimalistische Tänzer hatte, so daß sie keinen anderen Weg sah, ihr Leben aufregender zu gestalten, als Glücksspiel, Alkohol sowie wahl- und zügellosen Sex.

Buckets and spoons

Bekanntlich bin ich fürs Übersetzen nicht so zu haben. Beim folgenden Post, der vor kurzem auf der Webseite von Irene und Man Yung erschienen ist, hatte ich aber sofort den Impuls, daß dieser Text nicht im Gefängnis der englischen Sprache eingesperrt bleiben sollte, sondern Auslauf in die Weite des deutschsprachigen Raums bekommen sollte. Und so habe ich, mit der Höflichkeit, die man von einem old school-Typen wie mir zu Recht erwarten kann, um Erlaubnis gefragt. Und hier wäre dann das Ergebnis:

(ach ja – ich habe nicht versucht, es wörtlich zu übersetzen, es ging mir eher um ein ähnliches Gefühl beim Lesen).

Gefährliche Erfahrungen

Gerade haben wir Karten für das Konzert des bekannten französischen Kontratenors Phillippe Jaroussky gekauft, der mit dem Orchester Les Violons du Roy im April in der Koerner Hall (in Toronto) auftritt. Wir freuen uns sehr auf dieses Konzert. Wir lieben beide Opern, und Phillippe Jaroussky ist derzeit einer der besten Kontratenöre – wenn nicht sogar der beste – weltweit. Andere Kontratenöre mögen höhere Töne hinbekommen oder lauter singen können als Philippe, aber wir haben niemals einen gehört, der mit der gleichen Schönheit, dem gleichen Können und der gleichen Emotionalität singt. Hört euch diese grandiose Vivaldi-Arie an:

 

„Ich möchte einen Kommentar zu ‘höher oder lauter’ abgeben“, sagte Man Yung. „Was würdest Du Dir lieber ansehen – eine dieser schnellen, furiosen Tangodarbietungen, die voller komplizierter Herumschleudereien und Beinakrobatik sind, aber kein Gefühl haben – oder die einfache Tanzweise von alten Milongueros, die dafür reich an Musikalität und Leidenschaft ist?“

Nun ja – ich kenne eine Menge Leute, die solchen akrobatischen Show-Tango lieben. Es gibt nichts Aufregenderes als das Tango-Äquivalent von jemandem, der – mit ein paar Kilo TNT an den Körper geschnallt – aus einer Kanone herausgeschossen wird, durch einen Feuerring und über einen gerade ausbrechenden Vulkan hinweg. Aber ich schweife ab.

Ich habe tatsächlich ein wenig gezögert, bevor ich die Tickets gekauft habe. Nicht, weil sie teuer waren, oder weil wir keine Zeit hatten. Sondern weil ich Angst hatte, daß ein Live-Auftritt von Phillippe Jaroussky Man Yung töten könnte.
Ich kann etwas Schönes genießen, aber es bringt mich nicht dazu, tatsächlich an Ort und Stelle umzukippen. Als ich das erste Mal Philippe Jaroussky in einem Youtube-Video singen gehört habe, bekam ich einen leichten Schweißausbruch, aber das war es dann schon. Man Yung, andererseits – ich dachte, er bekommt einen Herzinfarkt. Es stellte sich dann heraus, daß es eine Magenverstimmung war – aber eine, die durch die atemberaubende Schönheit von Phillippe Jarousskys Gesang verursacht wurde.

Es gibt tatsächlich einige Dinge, von denen Man Yung sagt, daß er sie in seinem Alter nicht mehr aushalten würde. Eine Modigliani-Ausstellung. Beethovens Dritte Symphonie. Und noch mehr Hauskatzen. Ich kann daher nur hoffen, daß das Konzert kein Gesundheitsrisiko für Man Yung darstellt. Vor allem deshalb, weil er bisher keine Lebensversicherung (mit mir als Begünstigter) hat, die einen solchen Fall abdecken würde.

Das erinnert mich an etwas, das mir jemand mal über einen alten Milonguero erzählt hat. Er war wirklich schon recht betagt, und daher standen die Chancen durchaus nicht schlecht, daß er schaffen würde, worauf jeder echte Milonguero hofft – beim Tango zu sterben, mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht. Er hatte wirklich für diesen Fall eine Kasse aufgemacht. Die unglückliche (oder glückliche) Dame, in deren Armen er den Löffel abgeben würde, erhielte den Inhalt dieser Kasse. Gut – es wären vielleicht nicht mehr als 100 Dollar, aber es ist der Gedanke, der zählt.

„Denk mal drüber nach, Man Yung! Hundert Dollar! Dafür könnte ich ein nettes Hummer-Essen bekommen. Und der glückliche Milonguero würde seine letzten Momente in meiner himmlischen Tango-Umarmung verbringen, bevor er in die ewigen Jagdgründe eingeht“, sagte ich zu Man Yung.

„Bei Deinen Tanzkünsten?“ spottete Man Yung.  „Unmöglich! Ich denke, er würde alles tun, um zu überleben, um in den Armen der nächsten Dame zu sterben“.

Sehr witzig, Man Yung. Egal. Ob irgendjemand tatsächlich gerne beim Tango sterben würde – Tango ist wirklich voller gefährlicher Momente. Lies nur mal diese aktuellen Kommentare von Tangueros aus Toronto:

„Oh mein Gott. Seine Umarmung fühlt sich an, als würde man von einer Anakonda zerquetscht. Ich brauche einen Chiropraktiker. Er hat wirklich fast mein Genick in meine Wirbelsäule gequetscht”.

„Puh. Das war knapp. Die hohe Beintechnik der Dame hat mir fast den Schädel gespalten“

„Der DJ hat die ganze verdammte Nacht lang blecherne, rhythmische Canyengues gespielt. Das war so langweilig und monoton, daß Du mich jetzt genauso gut erschießen könntest.“

„Keuch! Ich bin beinahe gestorben, als ich versucht habe, meine Luft 13 Minuten lang anzuhalten. Um Himmels Willen, hat er eigentlich noch nie von so etwas wie Deo gehört?“

Das war – hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen – so oft werde ich das bestimmt nicht machen. Nur ein paar kleine Nachsätze noch (Irene and Man Yung, I just want to drop a few comments – I will also add them in English).

DE: – Was den Bereich Löffel-abgeben beim Tango angeht – in meinem fortgeschrittenen Alter sind Gedanken dieser Art ja nicht völlig fremd. Schlecht ist die Idee nicht. Ein kleiner Widerspruch wäre nur – allzu nett der Dame gegenüber ist das ja eigentlich nicht. Man müßte sich also jemanden suchen, mit dem sich das Tanzen göttlich anfühlt, den/die man aber eigentlich nicht allzu sehr leiden kann.

Und in Bezug auf den Genuß von Tango-Artistik, beziehungsweise die Annahme, daß Artistik und Gefühl einander ausschließen. Ich gehöre auch zu den Leuten, die sich gerne so etwas ansehen. Die guten Sachen können einem in puncto Musikalität auch immer etwas geben, Eigentlich ist das ja eine Matrix – es gibt auch un-artistisch und gefühlsleer, und wild, zügellos und dennoch voller Sinnlichkeit und Emotion, wenn zwei Körper das volle Potential ausschöpfen, sich wie einer bewegen. Letzteres gehört zu den leider eher seltenen Highlights meines Tangolebens; das macht sie nicht weniger real oder erstrebenswert.

EN: —

With respect to bucket-kicking during a tango dance – now and then thoughts from the bucket department come to my mind too, must have to do with age. The idea as such is not bad. There is a little problem in the concept, though. I think it would not be entirely nice towards the dance partner. So one would need to find a person who can create the highest dancing delight, but who one dislikes personally – not an easy task.

About tango artistry: I am also one of the people who like to watch tango skills which are way beyond my own. I think the good videos always have something to give, musicality-wise. I would just not subscribe to the assumption that acrobatics and emotionality are mutually exclusive. Strictly speaking, it is a matrix; there is hollow, emotionless un-acrobatics. And there is wild, rampant but nevertheless sensual and emotional dancing, experience of two bodies which fully explore the potential of moving as one. Unfortunately, such experiences are of the more rare variety in my tango life – which does not make them less real or desirable.

In diesem Sinne – und zum Abschied nicht eines, sondern vier unterschiedlich leise „Servi“, ein kleiner Ausschnitt der Musik, die ich beim Schreiben „on ICE“ gehört habe: