Und ich sach noch

Ich vermute mal, inzwischen hat jeder mitbekommen, was da in den letzten Tagen und Wochen  in Sachen Facebook passiert ist. Ihr wißt, was ich von Facebook halte. Und es wäre jetzt sehr verlockend, einfach selbstzufrieden zu sagen „ich habs euch ja gesagt“. Aber das ist es nicht. Ich sitze leider mit euch Facebook-Junkies im selben Boot. Wenn ihr es über die Klippen steuert, bin ich auch dran.

Facebook ist wie ein netter Onkel, der Wohltaten verteilt – nur leider ist er der Pate eurer Favela und verdient das Geld, von dem er ein paar Almosen an euch verteilt, mit Drogenhandel, Prostitution und Auftragsmord. Oder zumindest versuchtem Mord, eventuell an der Gesellschaft, in der wir alle einigermaßen okay leben. Aber diese Almosen sind keine Geschenke. Ihr habt eine Funktion: ihr seid menschliche Schutzschilde.

Und ihr seid gleichzeitig Opfer. Die Bonbons, die er an euch verteilt, sind selbst Drogen. Dafür optimiert, euch möglichst lange auf der Plattform zu halten, um noch bessere Psychogramme erstellen zu können, euch noch paßgenauer manipulieren zu können. Oder anderen die Mittel dafür zu verkaufen. Ein Hack direkt in eure Gehirne. Und eine globale Monokultur – optimale Ausbreitungsbedingungen für Schädlinge.

Lenin wird der Ausspruch zugeschrieben „Eines Tages werden uns die Kapitalisten die Stricke verkaufen, an denen wir sie dann aufhängen werden“. Ups.

Ja, ich weiß. Nicht alles an Facebook war schlecht. Die Autobahnen.. Oh, sorry, falscher Kontext. Jedenfalls – wunderbar bequem, um sich tangomäßig zu organisieren und auszutauschen. Yada yada yada.

Als Facebook würde ich mir im Moment noch nicht allzu viele Sorgen machen. Ja, der eine oder andere Shitstorm, vielleicht eine Anhörung im US-Kongreß, der Aktienkurs ein paar Prozent runter. Was solls. Geht alles vorbei. Weil die Plattform ja so schön bequem ist; die Schafe werden schon wieder auf die Weide kommen. Und Trump…kleiner Unfall. Außerdem ist er gerade dabei, den Chinesen eins auf die Mütze zu geben, eigentlich gar nicht schlecht.

Dieser Laden gehört reguliert wie ein Pressemedium, oder noch härter, weil er einfach viel zu mächtig ist. Vielleicht bringt die neue europäische Datenschutzrichtlinie auch was. Aber ich würde mich nicht drauf verlassen wollen. Es gibt ein Leben ohne Facebook. Probiert es aus. Ist wie mit jeder Droge: ein paar Tage oder Wochen hat man Entzugserscheinungen. Und dann fühlt man sich besser.

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GBSD

Anläßlich eines aktuellen Posts von Tango Therapist habe ich mich gefragt, ob es eigentlich auch Standpunkte gibt, von denen aus man die Teilnehmerselektion bei Veranstaltungen vom Typ Encuentro gut finden kann.

Vorneweg – ich lehne Veranstaltungen mit Gesichtskontrolle jedweder Geschmacksrichtung rundweg ab – ich sehe einfach keinen Grund, warum  ich jemandem so viel Macht über mich einräumen soll. Ja, es gibt Leute, die denken, daß sie im Gegenzug etwas dafür bekommen – das Gefühl, zu einer ausgewählten Elite zu gehören oder whatever. Gerhard hat dazu kürzlich etwas geschrieben. Ich bin eh schon Mitglied diverser Eliten. Da brauche ich das nicht auch noch im Tango.

Und was „gender balanced“- Veranstaltungen in Tangoland angeht (ich will keine Diskussion über den richtigen „wahren Namen“ aufmachen, aber die Begriffe „Diskriminierung“ oder „Selektion“ sollten schon drin vorkommen):

Wenn ich als Angehöriger des „begehrten Geschlechts“ (Mann) zu solchen Veranstaltungen gehe, würde ich damit die Macht der Veranstalter stärken und die Verbreitung dieser Event-Spezies fördern. Deren Attraktivität beruht ja darauf, daß dort die Dichte verfügbarer Männer größer ist als auf Durchschnittsmilongas. Also: nein danke.

  • Ich verwende ab hier das Kürzel GBSD für Veranstaltungen, die mit Gender Balance/Selektion/Diskriminierung arbeiten. Ich finde, das klingt so nett in Richtung LGBT und sollte mir von daher ein paar Zeitgeist-Punkte einbringen. Außerdem docke ich damit ein bißchen beim Psychologen-Speak an; es gibt ja diverse Diagnosen, die auch ihre Mehrbuchstaben-Kürzel haben, das abschließende „D“ steht dabei für „Disorder“, was ich boshaftigkeitstechnisch auch wieder sehr nett finde.

Und ja, das Voranmelden zu Veranstaltungen ist natürlich auch gut für Veranstalter und gibt ihnen Planungssicherheit; wenn das nicht allzu sehr ausufert, kann es sogar ein Plusfaktor für das Kulturangebot in Tangoland sein. Das hat aber nichts mit GBSD zu tun.

Aber wie gesagt – als wissenschaftlich denkender Mensch interessiert mich natürlich die Frage, ob es Standpunkte gibt, von denen aus  GBSD-Veranstaltungen rational begründbar wären.

Ich versuche das mit Hilfe eines kleinen Modells. Wissenschaft unterscheidet sich ja von Religion unter anderem dadurch, daß sie zur Falsifizierung einlädt und dies sogar als ein Element der Stärke ansieht.  Von daher lade ich zum Mitdenken ein, vielleicht habe ich ja was übersehen.

Gehen wir – zum leichteren Kopfrechnen – von einer Ausgangsmenge von 50 Männern und 100 Frauen aus (noch eine Anmerkung: Ich benutze diese Worte, weil ich keine Lust auf das ganze PC/Gendergedöns habe. Ihr wißt, wie es gemeint ist).

Bei einer offenen Veranstaltung hätte eine Frau im Fall kompletter Durchmischung und 100% Aktivität der Männer eine Tanzrate von 50%.

Bei einer GBSD-Veranstaltung haben 50% der Frauen eine Tanzrate von 100%. Für die  anderen 50% ist die Tanzrate Null, weil sie gar nicht erst reinkommen.

In Wirklichkeit liegen die Zahlen natürlich niedriger. Nicht alle Männer wollen nonstop tanzen, und wenn dann noch Cliquen ins Spiel kommen, sitzen wahrscheinlich auch auf GBSD-Events einige Frauen länger als andere.

Aus Männersicht hat GBSD den Nachteil, daß ihre Auswahl an Frauen nur halb so groß ist. Man hört von GBSD-Freunden öfter das Argument, die Atmosphäre wäre weniger stressig. Hier kann ich nur für mich sprechen – mir macht es nichts aus, und vielleicht sollten betroffene Männer eher an ihrer Persönlichkeit arbeiten statt  es andere ausbaden zu lassen, wenn sie damit nicht klarkommen. Aber es geht ja immer auch um „quality of experience“, also um Subjektivität. Dieser Faktor darf also bei der Frage, was die Benefits von GBSD sein könnten, nicht unterschlagen werden.

Was nun die Frauenseite angeht, kann ich tatsächlich potentielle Vorteile erkennen. Hier hängt es aber auch vom Umfeld ab, wie und ob sie diese materialisieren.

Gibt es keine Alternativ-Veranstaltungen, haben 50% der Frauen einfach die, hm, Popokarte gezogen, weil sie gar nicht zum Zug kommen. Aber: sie wissen das eine Weile vorher und können sich planerisch darauf einstellen. Zwar kein Tango, aber dafür auch kein Rumsitzen.

Wenn es zum GBSD-Termin andere Veranstaltungen gibt, haben die „Desinivitados“ die Chance, dorthin zu gehen und doch noch ein paar Tänze zu bekommen.  Vermutlich ein paar weniger, weil das Männerpotential ja auch nicht unerschöpflich ist.

Soweit verwendet das Modell die Annahme, daß GBSD-Veranstalter nach dem Zufallsprinzip auswählen. Eine „first come first serve“-Politik funktioniert ähnlich. Kommen aber noch Cliquenaspekte dazu, wird es komplexer. Auf der ToDo-Liste für Frauen, die reinkommen wollen, stehen dann Übungen im Nettsein (oder dem Konformsein mit irgendwelchen Stammesregeln). Das ist auch eine Art von Preis, den einige als zahlenswert ansehen können, andere nicht. Im Endeffekt sollte diese Veranstaltungen also eine Art Filtereffekt haben; es ist zu erwarten, daß dort bestimmte Tanguero/Tangueratypen dort über- und andere unterrepräsentiert sind.

Was wäre also das Fazit? Ziel war ja die Suche nach einem Standpunkt, von dem aus man den Nutzen von GBSD verstehen kann. Ich würde sagen, es gibt Charaktere, die von GBSD profitieren. Meine persönliche Schlußfolgerung – um hier den Bogen zum Anfang zu schlagen: Ich will nicht, daß diese Sichtweise an Boden gewinnt. Mir ist „Mikrofairness“ (jede Frau hat eine Chance, Tänze zu kriegen) sympathischer als „safe spaces“, die einige komplett ausschließen.

Die Plus-Seite von GBSD ist also: wer auf solchen Veranstaltungen ist, fehlt auf zeitgleich stattfindenden „normalen“ Veranstaltungen. Das ist dann ein Win-win: weniger Männer (gut für mich, weniger Konkurrenz) und mehr Frauen (gut für mich: mehr Auswahl). Außer natürlich, wenn Frauen entnervt den Tango aufgeben – was wohl leider auch passiert. Richtig, Chicas – Tango ist kein Ponyhof. Aber was mich angeht – ich bin halt nicht so der „Alles oder nichts“-Typ und denke, ich habe auch eine gute Seite: auf Milongas wechsle ich gerne und viel und achte auch drauf, ob jemand lange sitzt.

Zum Abschluß – bevor ich mich zu einer 100% Tradi-Milonga aufmache -noch ein kleiner musikalischer Gruß an die Freunde der Exklusivität (der ganze Text ist gut, meine Lieblings-Stelle ist etwa bei 2:14):

Schönen Sonntag noch…

Sex, Gender und Video

Ich bin ja immer noch nicht sicher, ob ich meine Zeit nicht besser anders verschwenden sollte – aber der Tangoblog-Schreibfinger hat mal wieder gejuckt.

Anlaß war ein kürzlich bei Berlin Tango Vibes erschienener Gastbeitrag des hochverehrten Bloggerkollegen Cassiel, oder besser einer dieser „Cassiellismen“, die ich so schätze (*):

„Ich denke, man sollte nicht dem Irrtum verfallen, geschlechtsspezifische Qualitäten oder Eigenarten mit der biologischen oder soziologischen geschlechtlichen Identität einer Person zu verknüpfen.“

(*) Falls jemand die Serie „Monday Mornings“ kennt, ich spiele hier natürlich auf die „Parkisms“ an. Lohnt sich zu googeln. Tolle Serie. Leider nur eine Staffel.

Was mich dann dazu bewegt hat, per Kommentar zuzugeben, daß mir das zu meta und vermutlich zu hoch sei, verbunden mit der Frage, ob hier die Rede von Statistik ist oder von was anderem.

Cassiel hat mich dann einer gefühlt etwa 2000 Worte langen Antwort gewürdigt, nicht ohne Verweis auf eine prähistorische Kommentardiskussion, aus der hervorgeht, daß wir beide des Öfteren unterschiedliche Ansichten haben. Oha. Hatte ich fast vergessen. Schade nur, daß er mein damaliges Pseudonym nicht ausgeschrieben hat. Ich träume ja immer noch davon, daß irgendwer sich die Mühe macht, die vielen kleinen Bröckchen, die ich immer wieder verstreue, zu einem Bild zusammenzusetzen und erst mein derzeitiges Pseudonym zu entschlüsseln und dann meine reale Identität. Seufz…dafür bin ich leider wohl zu unwichtig.

Aber ich schweife ab. Ich wollte erst wiederum per Kommentar antworten – oder besser gesagt, ein paar investigative Fragen stellen – dann dachte ich aber, das haben die Damen von BTV nicht verdient, sie wurden in diesem Kommentarthread eh schon mit Text überschüttet. Ich vermute, man wird mir unterstellen, das soll Traffic auf meine Webseite lenken – mal ganz ehrlich, Leute: ist mir egal. Der Traffic, und eventuelles Rumgeheule auch. Ich schreibe das hier, weil es schlicht bequemer ist.

Nun also endlich zum wahren Inhalt. Ja, ich hätte in der Zeit auch noch ein paar hundert Zeilen AVD-Formatanalysecode in C++ schreiben können oder eine neue Introduction für TS 103 427. Oder eine Runde Assassins Creed Syndicate spielen. Aber man kann ja nicht den ganzen Tag wichtige, relevante Dinge tun.

Nehmen wir uns also mal obigen Satz etwas genauer vor. Erstmal: Soweit ich weiß, gibt es das biologische Geschlecht (Sex) noch. Das abzuschaffen wäre auch etwas schwierig geworden, ich vermute, selbst das Bundesverfassungsgericht hätte das nicht hinbekommen. Gender, das „soziale Geschlecht“ – nun ja, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.

Ich persönlich bin eher kein Freund davon, schwerverdientes Steuergeld für Genderforschung rauszuhauen. Daher denke ich immer noch mit Freude an das Video von Harald Eia, in dem er es geschafft hat, daß sich die norwegischen Genderforscher selbst demontieren; soweit ich mich erinnere, hat danach der norwegische Staat diesen Leuten den Geldhahn ziemlich weit zugedreht. Wieviel von dem, was wir für geschlechtsspezifisch halten, in Wirklichkeit sozial antrainiert ist – gute Frage.

Womit wir beim ersten Teil des eingangs zitierten Cassiellisms wären: Entweder ist er komplett sinnlos oder der Autor glaubt eben doch,  daß es so etwas wie geschlechtsspezifische Qualitäten gibt. Wieweit diese von der Biologie kommen oder von der Soziologie – wer weiß. Wenn wir es tatsächlich schaffen sollten, alle geschlechtsspezifischen Unterschiede wegzugendern (falls sie soziologisch basiert sind) oder, wer weiß, wegzuzüchten (falls biologisch), wäre die Liste jedenfalls leer. Was mir die Gelegenheit gibt, einen meiner anderen Lieblingssätze in sinngemäßer deutscher Übersetzung zu zitieren: „Ein Klischee ist oft eine valide Erste-Ordnung-Näherung“ (soweit ich mich erinnere ist das von Charles Stross).

A propos Unterschiede: Ich persönlich bin der Meinung, daß Mädchen in der Schule ein paar Kampftechniken lernen sollten, die je nach Bedarf beim Angreifer etwas zwischen unerträglichen Schmerzen und Exitus erzeugen, wenn es anders nicht geht. Und den Willen, diese Techniken auch einzusetzen (das Risiko, daß es dann ein paar Profikillerinnen mit einem richtig guten Geschäftsmodell gibt, müssen wir halt als Gesellschaft eingehen). Oder wenigstens etwas Bio-Engineering, damit Frauen mindestens gleichstark wie Männer werden. Mir stinkt es jedenfalls gewaltig, daß die Idioten in meinem Verein den Ruf der ganzen Truppe ruinieren.

Oje, Schon wieder abgeschweift. Ich komme dann mal zum Schluß. Ein bißchen lustig ist das schon, wenn gerade die eher hardcore-mäßigen Freunde des „authentischen Tango“ mit seinem doch recht klaren Geschlechter-Rollen-Bild sich so eine Mühe geben, auf den Genderversteher-Zug aufzuspringen. Ob das jetzt das Ergebnis ihrer verstehend-weiblichen oder doch eher der männlichen Seite (Metathemen, schön distanziert-analysierend) ist – wer weiß.

Motivation

Ich widme den folgenden Text Thomas Kröter. Ich wollte dazu erst nur schreiben, er würde schon wissen, warum. Dieses Rätsel dürfte aber zu schwierig sein, also erkläre ich’s doch lieber. Thomas meinte mal (so weit ich mich erinnere), ich würde unglaublich weitschweifig und, nun ja, selbstverliebt schreiben. Stimmt. This song is for you, Thomas.

„Was geht mich der Vietnamkrieg an, solange ich Orgasmusschwierigkeiten habe?“

(lt. Wikiquote von Rainer Langhans, aber oft Dieter Kunzelmann zugeschrieben)

Gerechtigkeit ist ja eines der dominanten Themen unserer Zeit. Im Sinne des obigen Zitats frage ich mich, ob es denn gerecht sein kann, daß die Tangowelt sich weiter mit den immer gleichen unbedeutenden Dingen beschäftigt, während ich hier mit ernsthaften, ja existentiellen Problemen kämpfe.

Ich spreche natürlich von meinem Wackeldackel. Beziehungsweise vom Ensemble aus Wackeldackel und  gehäkeltem Toilettenpapier-Hut, das bisher auf der Heckablage meines Fast-Oldtimer-PKW stand.

Nun hat sich dieses Fahrzeug leider, skandalöserweise schon nach 22 Jahren und zirka 220.000 km, von mir getrennt. Mein Neuer ist schon da. Bei der Beschaffung habe ich auf alles geachtet – technische Ausstattung, Farbe, eine Antriebstechnik, die sogar gewissermaßen politisch korrekt ist (aber nicht deshalb ausgewählt), Sound, eben alles. Nur eines habe ich übersehen: er ist nicht Wackeldackel-kompatibel. Jedenfalls nicht ganz.

Das liegt an den getönten Scheiben hinten, was zur Folge hat, daß das Ensemble nicht gut sichtbar ist. Das verändert alles, denn diese Sichtbarkeit war Teil meiner Kommunikationsstrategie auf der Autobahn.

Die Botschaft war an die BMW-Fahrer aller Marken gerichtet und lautete in etwa folgendermaßen: „Lieber Verkehrspartner, Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit hat für mich natürlich oberste Priorität. Natürlich würde ich, der Sie mir mit Auffahren auf 1 m und Lichthupe signalisieren, daß Sie es wirklich eilig haben, nichts lieber tun als sofort nach rechts zu fahren. Es gibt allerdings einige Gründe, dies nicht zu tun. Wenn ich Ihnen diese kurz erläutern darf, werden Sie mir danach sicher zustimmen, daß ich durchaus auch in Ihrem Interesse handle, wenn ich bleibe, wo ich bin, und wir fühlen uns beide besser. Zum einen sind wir gerade mit 130 km/h unterwegs; mit wir meine ich, die 8 anderen Fahrzeuge vor mir und wir beide. Wahrscheinlich können Sie diese anderen Fahrzeuge nicht sehen. Das ist nachvollziehbar; bei einem Adrenalinspiegel wie dem, den Sie vermutlich gerade haben, würde das jedem schwerfallen. Wollte ich in die kleine Lücke auf der rechten Spur, die sich gerade mit 100 km h bewegt, einscheren – was ich wie gesagt gerne für Sie täte –  müßte ich allerdings zunächst bremsen. So dicht, wie Sie gerade sind, würden Sie dies von den Bremslichtern her vermutlich gar nicht mitbekommen. Außerdem wäre ich gezwungen, in den Sicherheitsabstand der Verkehrspartner rechts einzudringen, was diese womöglich überfordert – so oder so, das Risiko wären Blut, häßliche Geräusche und Tränen. Das wollen wir doch nicht.“.

Ohne den Wackeldackel würde ich diese Botschaft vielleicht nicht so deutlich rüberbringen und zudem riskieren, daß besagter Verkehrspartner das Ganze am Ende  noch persönlich nimmt – als „pissing contest“ (das Internet bietet mir hier die deutsche Übersetzung „Schwanzvergleich“ an). Sieht er aber Wackeldackel und gehäkelten Toilettenpapier-Hut, ist ihm klar, hier fährt jemand, der es einfach nicht checkt, ein Opa halt. Und, sowieso, allemal besser, als hätte ich ihm die Botschaft in der nonverbalen Sprache gesendet, deren Gebrauch ihm vielleicht vertrauter ist – ich denke dabei an das, was wir Google-Lateiner „medio digito extensis“ nennen.

Nun ja – als Tanguero habe ich gelernt, nicht so schnell aufzugeben. Auch als Techniker sehe ich noch Möglichkeiten. Etwa, eine geschmackvolle LED-Beleuchtung für das Ensemble auf der Heckablage, so daß es auch durch die Scheibentönung gut sichtbar ist.

Was das Ganze mit Tango zu tun hat: Nicht viel, gebe ich zu. Außer, daß besagter Toilettenpapier-Hut von einer geschätzten Tanguera gehäkelt wurde. Als Teil des Sets, das mir damals von einer Gruppe Freunde zu einem halbrunden Geburtstag – zum Wackeldackel gab es sogar noch einen (richtigen) Hut – geschenkt wurde. Den Hut habe ich übrigens leider nicht mehr. Er war mir zu klein, und so habe ich ihn weiterverschenkt.

Ah…noch eine Referenz zum Tango: Wenn das mit der Beleuchtung nicht funktioniert, könnte ich das Set vielleicht auch in der Ronda einsetzen. Ist aber vielleicht doch nicht so lustig. Außer ich besorge mir wieder einen Hut, diesmal in meiner Größe, und eventuell noch ein Paar zweifarbige Schuhe. Dann hätte das ganze wieder einen gewissen Pfiff.

So. das hätten wir hinter uns. Das Vorstehende habe ich eigentlich nur geschrieben, damit es für mich etwas unterhaltsamer wird. Weil ich mir ja eigentlich vorgenommen hatte, mich aus den üblichen Tangothemen rauszuhalten. Nun habe ich aber kurz nacheinander einen Text zum Thema Auffordern bei berlintangovibes (via Gerhard Riedls Post) und dann noch einen mit ähnlichem Bezug bei Thomas Kröter gelesen. An sich wollte ich zu ersterem Post einen Kommentar schreiben; das hat aber irgendwie nicht geklappt. Vielleicht zu viel Hin und Her-Eingelogge mit verschiedenen WordPress-Identitäten, oder sonstwie verlorengegangen. Also schreibe ich es hier:

„Ich mache mir aus dem Auffordern per Cabeceo eine Art Sport. Ich freue mich immer, wenn ich einen neuen persönlichen Entfernungs- oder Schwierigkeitsrekord aufgestellt habe. Das ist manchmal gar nicht so einfach, weil ich meist nach dem Start der Musik noch 1-2 Sekunden brauche, um mich zu entscheiden, ob und mit wem ich gerne tanzen würde. In der informellen Gruppe meiner Lieblingstänzerinnen gibt es ein paar, die mich deshalb (ich hoffe liebevoll) ein wenig verspotten; warum ich mir das Leben denn so schwer machen würde, ich könne ja auch einfach hingehen und fragen.

Ehrlich gesagt ist mein Gedächtnis nicht so gut, daß ich mir für jede Dame, mit der ich schon mal Tanzkontakt hatte, merken würde, wie sie es aufforderungstechnisch am liebsten hat. Da ich zudem versuche, bei jeder Milonga mit mindestens einer bislang unbekannten Dame zu tanzen, ist es zudem manchmal gar nicht so einfach herauszufinden, ob ein Nicht-Gucken jetzt Desinteresse bedeutet, oder ob die Dame gar nicht mit Cabeceo rechnet. Vielleicht ist die Tangoszene in Berlinos Aires da ein wenig mehr standardisiert – zu wenig Datenpunkte, um das beurteilen zu können.

Was das aufgefordert-werden angeht: Beim Selber-Auffordern erhöht die Möglichkeit, einen Korb zu bekommen, für mich den Reiz sogar. Das sehe ich im Übrigen auch als ein Plus für die Blickkontakt-Variante – eine Mirada ist ja auch ein Ausgesucht-werden. Wenn ich dagegen von einer Frau aufgefordert werde, gebe ich prinzipiell keine Körbe, um die Damenwahl ein bißchen zu unterstützen.  Wenn sie sich allerdings auf breiterer Front durchgesetzt hat, würde ich dann schon auch mit dem Körbe-Geben anfangen.“

Und wo wir gerade beim Abfrühstücken von Themen sind: Gerhard ist ja schon auf das Thema „Konsens beim Tanzen“ eingegangen.

Zunächst der ernste Teil: Ich glaube, die Schweden hatten durchaus valide Gründe, hier aktiv zu werden. Gut möglich, daß dies mit dem forcierten Zusammentreffen verschiedener Kulturen zu tun hat, das seit 2015 in vielen Teilen Europas stattfindet. Vermutlich hat bisher ein passender Rechtsrahmen gefehlt, um ernsthafte Grenzüberschreitungen wirksam verfolgen zu können.

Um dieses ernste Thema wieder mit einem Scherz aufzulockern, den einige sicher als unpassend empfinden werden: Tango ist ja nähetechnisch auch nicht ohne. Von daher zwei konstruktive Vorschläge. Wir kennen ja den Job des TJ bei Milongas. Vielleicht sollten wir uns schon mal auf eine neue Funktion vorbereiten, den TN. Das N steht selbstverständlich für „Notar“; dieser könnte die Vereinbarungen zwischen den Tänzern, die sicher bald notwendig werden, rechtssicher beurkunden. Falls dies organisatorisch nicht möglich ist, könnte man alternativ Formulare auslegen, die schon für die gängigsten Estilos (Abstand) und Figuren (Grad der Intrusion) vorbereitet sind. Milonga-Verkehrsregeln ließen sich übrigens in so einen Genehmigungsbogen integrieren. Damit verbleibt nicht nur mehr Auslageplatz für Veranstaltungs-Flyer. Das ohnehin notwendige Unterschriftenfeld verleiht dem Codigo-Kanon dann auch gleich mehr Gewicht, ein sicher nützlicher Nebeneffekt.

So. geschafft. Ich schließe diesen Post mit einem gelungenen Bogen zwischen den Themen Auto und Tanz ab. Der nachfolgenden Titel spielt auf das Image der Automarke an, zu der ich jetzt sozusagen zurückgekehrt bin, und ist gleichzeitig, wie ich finde, ein schönes fröhliches Nontango-Stück.

Autonomes Tanzen

Da hat das Universum es doch glatt geschafft, mich doch wieder an die Tastatur zu holen. Ich meine damit den Ponyhof-Post von Gerhard, oder besser gesagt dessen Gegenstand. Aber letztendlich konnte ich der Gelegenheit, mal wieder ein bißchen über eine bestimmte Sorte Soziologen herzuziehen, nicht widerstehen.

Und der Chance, mal wieder ein schönes Musikvideo zu posten. Was ich bereits gestern getan habe. Hier nochmal:

Diese alten Filme („Vom Winde verweht“ auf arte) sind so langsam erzählt, daß man locker dabei Musikvideos scannen kann. Und dabei auch den neuen, wirklich sehr schönen Kopfhörer ausprobieren.

Ja, Soziologen, Es geht um Resonanz. Eigentlich müßten wir Physiker Lizenzgebühren bekommen, wenn mal wieder jemand irgendein physikalisches Konzept nimmt, ein paar bombastisch klingende Fremdwörter dazumixt und dann einen pompösen Theorie-Heißluftballon damit aufbläst.

Und Schmerzensgeld. Klar beeinflussen sich Systeme, wenn sie gekoppelt sind. Überraschung. Und klar beeinflussen sich miteinander tanzende Menschen, wenn sie entweder auch Energie austauschen (wenn zwei Personen mit ca. 30% der Körperfläche Kontakt zueinander haben, nicht wirklich erstaunlich). Oder auch bei Null Kraftübertragung über die gegenseitige Wahrnehmung – dann wird vielleicht nicht viel Energie ausgetauscht, aber jede Menge Information.
Und dann zitiert Gerhard, in seinem nächsten Post, einen auch recht seltsamen Vogel. Der gemeinsame Nenner? Bei Mr. C (dessen Original ich natürlich auch gelesen habe) haben ich mich wiederholt gefragt, warum er eigentlich so auf Tradi-Musik pocht – sicher ist es ganz doll ungerecht von mir, beziehungsweise habe ich was ganz Wichtiges nicht verstanden – aber um höhere Stufen der Tango-Erleuchtung zu erreichen, scheint die Musik gar nicht mehr wichtig zu sein. Deshalb auch das Dire Straits-Video; diese Musik ist doch viel besser geeignet, um die Ruhe zu finden, den Herzschlag der Partnerin et cetera. Ohne daß irgendwelche störenden Takte dazwischenfunken. Und der Sound ist auch besser, viel mehr Bässe und Höhen.

An dieser Stelle ein ganz dickes „scusi“ ans Universum: Ich mag diese Musik wirklich, ich benutze das Viddeo also nicht nur, um einen Punkt zu unterstreichen. Weihnachten ist zwar schon vorbei, aber auf meiner Wunschliste steht, genau diesen Titel, in genau dieser Version, mit einer ganz bestimmten Partnerin in Bewegung zu erleben.

In einem Kommentar auf Gerhards Seite hatte ich dann noch einen Test für fortgeschrittene Tantra-Tango-Meister vorgeschlagen: Finde die tangomäßige Ruhe in Speed Metal. Wenn nochmal sowas wie „Vom Winde verweht“ auf arte kommt, suche ich dazu auch noch ein Video raus.

Sowas – ich bin schon wieder abgeschweift. Komischer Vogel, Herzschlag – ach ja: Ist so eine Partnerin nicht am Ende eher störend? Weil sie einen von der Vervollkommnung des eigenen Tango ablenkt oder abhält?
Gerhards tanzmitmir-Diskussionspartner darf aufatmen. Wir Techniker haben ja im Grunde eine dienende Funktion. Jemand hat ein Problem – wir finden die Lösung. Oft durch Kombination an sich bekannter Dinge zu etwas Neuem.

Wie auch in diesem Fall. Selbstfahrende Autos sind ja derzeit im Kommen (im Ernst: ich denke, diese Technologie wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern, und zwar unter dem Strich zum Guten). Die Japaner arbeiten seit Jahrzehnten an menschenähnlichen Robotern, die eine Reihe von Aufgaben im Haushalt übernehmen können (und in der Pflege; böse Zungen behaupten, das Motiv, sich in der Robotik so ins Zeug zu legen, wäre angesichts der demographischen Entwicklung auch der Wunsch, lieber von einem Roboter als von einem Gaijin betreut werden zu wollen).

Jedenfalls: warum nicht einen Tanzroboter bauen? Ich zähle nur die wichtigsten Vorteile auf: Keine erotischen Verwicklungen (okay, lassen wir mal die Splittergruppe der Roboterfetischisten außen vor). Keine Probleme mit dem Auffordern; wenn der Cabeceo nicht funktioniert, gibt es immer noch die Fernbedienung. Keine Notwendigkeit für Smalltalk oder sonstige sozialen Aktivitäten.

Und vor allem: nichts stört oder lenkt von der Vervollkommnung des eigenen Tango ab. Denken wir nur mal kurz an Segways: beliebig langsame Bewegungen und trotzdem immer in der Achse und auch in der Lage, größere Gewichtswechsel oder Kraftimpulse wegzustecken. Roboter-Tänzerinnen ermüden nicht, auch wenn das musikalische Repertoire mal wieder etwas kleiner ist. Und die Reaktion auf Führungsimpulse und Musik kann man konfigurierbar machen – wie der Drehschalter beim BMW, von Eco bis Sport.

Call for a Caller

Kürzlich habe ich an einem sehr schönen Tangofestival teilgenommen, bei dem mir zwei Dinge im Sinne der „üblichen Themen“ bemerkenswert schienen.

Zum einen gab es bei den beiden Milongas jeweils einige Tanzdemos. Der gemeinsame Nenner war absolutes Eye Candy aus den Bereichen Musikalität und Körperbeherrschung – unter anderem (bitte nicht als Herabstufung der anderen Paare verstehen) das Paar Mariana Montes und Sebastian Arce. Und ebenfalls gemeinsam war den meisten Demos eine explosive Energie, speziell untenrum. Will sagen, mit unglaublicher Fußarbeit. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen, sondern auf Video gesehen, hätte ich auf computergenerierte Special Effects getippt.

Worauf ich hinaus will, ist aber etwas anderes: der gigantische Applaus des Publikums. Absolut verdient und dennoch eine Spur seltsam. Weil nämlich das gleiche Publikum davor und danach auf der Tanzfläche ein dynamiktechnisch doch eher verhaltenes Bild geboten hat.

Okay, das ist natürlich mega-unfair. Auf einer vollen Tanzfläche kann man nun mal nicht so losfetzen wie wenn ein einzelnes Paar 200 Quadratmeter für sich hat. Und es reicht ja wirklich ein einzelnes Paar, das verträumt seine slow motion-Drehungen am Platz vollzieht, um eine ganze Fläche voller Tänzer auszubremsen, die sich vermutlich nicht direkt Arce/Montes-mäßig bewegen wollen, aber vielleicht doch gelegentlich den Wunsch haben, der Musik auch ein wenig zu folgen.

Also, nur damit es da keine Mißverständnisse gibt: ich finde es durchaus okay, den Versuch zu unternehmen, die Paarungsbereitschaft der aktuellen Herzensdame durch langsame, gefühlvolle Bewegungen zu steigern. Ich gebe dabei nur aus karmischer Sicht zu bedenken, daß es eventuell nachteilig sein könnte, wenn einen dafür zehn oder zwanzig andere Paare hassen. Wenn das Universum mal mies drauf ist, könnte es beschließen, zur Strafe die Bestellung für Erfolg in der Liebe zu verschlampen oder etwas anderes zu liefern.

Ausgesprochen interessant war für mich: Derselbe Sebastian Arce erzählte in einem der Workshops des Festivals, daß es in Buenos Aires üblich sei, daß der ganze Saal zumindest basics-mäßig Grundmustern der Musik folgt. Eher lyrische Teile eines Stücks würden zu vorwiegend kreisförmigen Mustern der einzelnen Paare führen – und mehr geradlinige Teile eben auch zu geradliniger Bewegungen. Des ganzen Saals – das muß man sich mal reinziehen. Ich bin ja eigentlich sonst eher skeptisch, wenn es heißt, in Buenos Aires tut man dies und in Buenos Aires tut man jenes. Aber da kam doch mal kurz ein kurzer wehmütiger Glanz in meine Augen.

Unten ist ein Video von Magdalena Valdez und Cristhian Sosa, das beintechnisch eher im unteren Bereich dessen liegt, was die beiden beim Festival abgeliefert haben.  Ich habe es ausgesucht, weil ich finde, daß die Action mit ein paar kleinen Anpassungen durchaus auf handelsübliche Milongas passen würde. Ein paar Änderungen in der Richtung, und die wenigen wirklich akrobatischen Moves weggelassen, und gut ist. Eingebaut in eine Ronda mit so einer Basisbewegung braucht das vom Effekt her – Staus und Überholversuche – auch nicht mehr Platz als ein durchschnittliches Tantra-Tango-Paar oder ein Newbie-Paar mit gelegentlichen Rückwärtslauf-Einlagen.

Es gibt natürlich Alternativen. Ich bin wie immer zu faul, um zu checken, ob ich schon mal was zu diesem Thema geschrieben habe. Vermutlich schon; egal. Oder jemand anderes. Jedenfalls: es gibt Gruppentänze, die einen „Caller“ haben. Der sagt dann für den ganzen Saal an, was zu tun ist. Wäre es nicht an der Zeit, so etwas beim Tango auch mal zu versuchen? Die meisten DJ-Anlagen haben ja einen Mikrofoneingang, und ein guter DJ könnte diesen Job im Zeitalter fertiger Playlisten sicher noch zusätzlich übernehmen. Hier ein kleines Beispiel, wie so etwas in anderen Tanzstilen funktioniert:

Oder, falls das zu intrusiv ist – und im Geiste von Flyern, auf denen die Codigos eventuell ergänzt mit lokalen Benimmregeln vermerkt sind: vielleicht ein oder zwei Leute, die allzu weggetretenen Platzdrehern Kärtchen mit der Aufschrift „Nehmt euch ein Zimmer“ zustecken, gleich mit ein paar Adressen nahegelegener Hotels?