Umarmungen

Ich gebe zu, daß ich mich ein wenig selbst schubsen mußte, diesen Text anzufangen. Vielleicht ist der Planet schuld. Ich habe das Gefühl, er gibt sich in letzter Zeit alle Mühe, daß es nicht langweilig wird.  Eigentlich war mein Plan, den Rest meines Lebens in einer quasi ereignislosen Welt (oder zumindest auf einem solchselbigen Kontinent) zu verbringen. Bei aller Liebe zum Tango – besagte Welt ruft auch nach Engagement auf anderen Gebieten. Was ich – und dann solls auch gut sein mit der Politik- übrigens jedem empfehlen würde. Bald gibt es ja wieder ein paar Gelegenheiten, und ich persönlich würde mir wünschen, daß wieder mehr „Kopf“ und weniger „Bauch“ in der Politik stattfindet.

Um vor dem tangospezifischen Teil dieses Posts noch schnell ein anderes Thema abzuschließen: Das Dschungelcamp. Wie ich schon sagte – das Ding selbst geht mir recht weiträumig am Gesäß vorbei. Aber die Kommentare von Anja Rützel auf Spiegel Online sind einfach göttlich zu lesen. Ein Highlight unter den Highlights: dieser hier.

Tango Voice of America hat ja vor einer Weile wieder für etwas Lesestoff gesorgt. Da ist eine wie ich fand recht unterhaltsame Wortprügelei zwischen Felicity, Chris und El Polaco entstanden (genaugenommen lief das erst teilweise im Kommentarbereich des Tango DJ Fundamentals-Post) . Schade, daß Tango Voice diese mit recht deutlichen Worten beendet hat. Nicht daß ich Lust hätte, tief in einen Bericht über dieses Kommentar-Battle einzusteigen; lest selbst. Hier nur die Übersicht: es ging irgendwie darum, ob man durch Tangounterricht oder nur durch direktes Eintauchen in die Tangowelt von Buenos Aires zum Tanguero oder besser Milonguero werden kann.

Vor einer Weile hatte ich ja schon darüber geschrieben, daß ich es amüsant finde, wie sich innerhalb der Hardcore-Tradi-Sekte weitere Untersekten bilden und wie diese aufeinander losgehen. Richtig spaßig wurde es, als Felicity sich geoutet hat, gelegentlich auch mal in der Führenden-Rolle zu tanzen. Woraufhin dann El Polaco (oder war es Chris? Eigentlich ist es mir komplett egal) meinte, das ginge ja gar nicht und sie sei somit für Diskussionen zum Thema Milonguero/Tradi komplett disqualifiziert.

Falls jemand noch nach einem neuen Schimpfwort/Kampfbegriff für das immerwährende Ringen um den wahren Tango sucht: Chris hat „Classero“ eingeführt. Das soll jemanden bezeichnen, der seine Tangokünste in Kursen erworben hat (und nicht per Osmose in argentinischen Familienkreisen). Mir ist trotz mehrsekündigem Nachdenken noch kein adäquater deutscher Begriff eingefallen – vielleicht hat ja jemand eine Idee.

Übrigens hat El Polaco nach der Intervention von Tango Voice nochmal mit einem interessanten Stück Information nachgelegt, mit dem Verweis auf eine „Cultural Map“, die  zeigen soll, wie weit Argentinien vom Westen entfernt ist (bekanntlich vertritt ja EP die Ansicht, daß das, was in BsAs geschieht, für die hiesige Tangowelt irrelevant ist).

A propos BsAs: Zur Zeit werden auf „The life of a frustrated Milonguero“ diverse lesenswerte Erlebnisberichte aus der Stadt und der Milongaszene veröffentlicht.

Zurück zu TV. Irgendwo innerhalb dieser Diskussionen kam ein Thema auf, daß mich kurz zum Grübeln gebracht hat. Es ging um die Frage, ob der Begriff „Führen und Folgen“ überhaupt paßt. Oder ob die enge Umarmung selbst die Bewegung verursacht. Weil ein Führungsimpuls ja immer etwas Zeit braucht. Ich habe mein eigenes Erleben gecheckt und auch noch ein wenig gegoogelt; dabei ist unter anderem dieser Artikel aufgetaucht.  Ich bin letztendlich zum gleichen Ergebnis wie TV gekommen, nur hat er es schön knackig formuliert: „Wordplay“.

A propos Umarmung. TV war einer der Wege, auf denen mir Tete Rusconi auf den Schirm gekommen ist. Meinen Informationen zufolge, einige davon sind recht personennah, ist Tete der Prototyp des Porteno-Milonguero – ein Leben, das ich „prekär“ nennen würde, aber absolute Leidenschaft für den Tango. Seine Spezialität ist Vals in Milonguero-Umarmung (ich glaube, hätte mich zuvor jemand gefragt, hätte ich gesagt, das geht gar nicht). Hier ein Beispiel:

Und, um den Kreis zu den Ansichten des verehrten Kollegen Chris zum Thema „Tangolehrer“ auf TV zu schließen: Cassiel hat 2010 einen Post veröffentlicht, in dem er einen Text von Tete übersetzt: http://tangoplauderei.blogspot.de/2010/01/testament-pedro-alberto-tete-rusconi.html.

Man möge das unter der Fragestellung „Was sagt ein Bilderbuch-Milonguero zum Thema Tango systematisch lernen“ lesen. Für mich klingt es jedenfalls nicht so, als würde da etwas in Bausch und Bogen verdammt; oder wie es El Polaco formuliert hat: Die Alternative zu schlechtem Tango-Unterricht ist nicht kein, sondern besserer Unterricht. Oder, um meine Lieblingsdichterin Terpsi (aus dem Gedächtnis, also vermutlich nicht ganz wortgetreu) zu zitieren: It takes years of hard work to become a bad dancer.

Tete hat eine Reihe von Interviews gegeben, in denen man über dieses und andere Themen Weiteres lesen kann:  hier: http://www.tangotales.com/tete-and-silvia/ .

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Nur mal eben kurz

Ist schon wieder Weihnachten?  Gerade sehe ich, daß sich völlig unbemerkt von mir seit dem 9.1.17 wieder reges Kommentarleben bei Tango Voice of America abspielt. Und ich dachte schon, da ist beim Spielen mit der neuen Knarre, die Santa Claus gebracht hat, was schiefgelaufen. Wie gesagt – hätte ich schade gefunden. Welcome back, TV. Als ob die neue Staffel Dschungelcamp (was unter anderem bedeutet, neue Texte von Anja Rützel, yeah) nicht schon Geschenk genug gewesen wäre. Leider muß ich jetzt Spocht machen (gute Vorsätze im Hinblick auf Fitness und Körpergewicht, Ihr wißt schon). daher nix lange Texte today. Aber ich wollte die frohe Kunde wenigstens zeitnah weitergegeben haben.

Gönnen können

51014834334689161821364072Vor ein paar Tagen erschien bei Stephen Twist ein Post, der mich sehr positiv berührt hat. Stephen berichtet darin über den Besuch bei einer Milonga in Bueonos Aires, deren Highlight eine Tanzvorführung des diesjährigen Mundial-Siegerpaares in der Kategorie Bühnentango war, Agustina Vignau und Hugo Mastrolorenzo.

Er schreibt:

‚Memorable‘ is too unmemorable a word. ‚Life changing‘ would be a word too far. But somewhere between is the correct and appropriate description of a feeling danced. And we know that, if Buenos Aires delivers no more, this would have been enough.

Ich würde es so übersetzen:

„Unvergeßlich“ ist ein zu flüchtiges Wort. „Lebensändernd“ wäre ein zu starker Ausdruck. Aber irgendetwas dazwischen wäre eine korrekte  und angemessene Beschreibung für ein im Tanz ausgedrücktes Gefühl. Und wir wissen: Auch wenn Buenos Aires ab jetzt nichts Zusätzliches mehr bietet – dies wäre schon genug.

Da ich nicht anwesend war, weiß ich nicht, wie meine Reaktion gewesen wäre – vielleicht ist Stephen leichter zu beeindrucken als ich, vielleicht schwerer. Aber das Gefühl als solches kenne ich. An dieser Stelle fand ich es beinahe schon lästig, an Figuren wie Tango Voice zu denken, denen nichts Besseres als Worte wie „Exhibitionismus“ einfällt, wenn sie etwas erleben, das außerhalb ihrer begrenzten Reichweite ist. Es gibt diese Redewendung, nach der man selbst nicht größer wird, wenn man andere klein macht. Für mich liegt Größe in Worten wie denen, die Stephen gefunden hat.

Hier eine kleine Video-Auswahl von Agustina und Hugo aus den Jahren 2011 bis zum Finale der Mundial 2016: