No Champagne for Champaign

Meine Schreib-Schwelle ist inzwischen recht hoch geworden – die Orbits um die üblich-verdächtigen Themen finde ich zwar lesend einigermaßen spannend, glaube aber nicht, dazu Entscheidendes beitragen zu können. Spannend sind persönliche Erlebnisse. Das alte chinesische Sprichwort „it takes two to tango“ bedeutet aber auch, daß einem solche Erlebnisse nicht allein gehören. Und womöglich leidet auch ihre Magie, und das wollen wir ja nicht.

Was also hat mich dazu bewogen, an die Tastatur zurückzukehren? Ein Artikel, zu dem ich durch  http://www.mytangodiaries.com gekommen bin, das alte, treue Schlachtroß der Meta-Sites. Wahrscheinlich werden dort noch in Hunderten von Jahren fleißige Skripte die vor langer Zeit hinterlegten Webseiten scannen und unter Tango Argentina Blogs neue Posts melden (sollte es nicht „Tango Argentino“ heißen?).

In diesem Fall war es der Artikel „Champaign Milongueros“ auf In Search of Tango.

Der Autor beschreibt dort eine Initiative, den Tango Milonguero voranzubringen. Beim Lesen wurde die Gänsehaut immer stärker; sicher erinnert sich der geneigte Leser noch an meine Posts zum Thema „Tango Voice of North America“. Da war sie wieder, die Grusel-Gänsehaut.

Was dort offenbar gerade passiert, ist die Gründung einer Tangosekte, äh, Gruppe namens Champaign Milongueros, die versucht, dem dortigen Mainstream-Tango etwas Milongueromäßiges entgegenzusetzen. Biotope für den eigenen Lifestyle zu etablieren ist ja nichts Verwerfliches und passiert ständig; ich sag immer, möge jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Hier aber haben meine „spidey senses“ laut und deutlich geklingelt, es sind diverse rote Lampen angegangen.

Was will „Champaign Milongueros“? In meinen Worten zusammengefaßt, einen Raum schaffen, in dem Tango auf Basis der Konventionen/Protokolle, wie sie in Buenos Aires praktiziert werden, stattfindet. Das volle Programm: getrenntes Sitzen, Cabeceo, und natürlich die Navigationsregeln. Tango Voice nennt ja alles, was über tantramäßige Slow Motion hinausgeht,  Exhibitionismus; so halt.

Der besondere Clou ist: Die Gruppe hat nicht nur strenge Aufnahmeregeln, die Teilnehmer müssen auch einen 20-stündigen Kurs absolvieren, mit einer Prüfung am Ende.

Vor einiger Zeit erschien mal im SPIEGEL ein Artikel zum Thema Religionen. Interessant fand ich dabei die Beschreibung, wie der Zusammenhalt der Mitglieder funktioniert. Kurz gesagt – je höher die Hürden, in Form von zu absolvierenden Pflichten – desto stärker ist die Bindung (wenn man zu den Leuten gehört, die auf so etwas ansprechen). Insofern glaube ich, daß diese Strategie durchaus funktionieren kann, wobei sie sicher  auch wie eine Art Filter funktioniert – Flaneure und Gelegenheitsteilnehmer werden eher abgehalten, die Dichte an Hardcore-Praktizierenden dürfte also relativ groß sein.

Ich habe ja durchaus nichts gegen das eine oder andere Slow Motion-Tänzchen in enger Umarmung. ich finde, es ist eine interessante Komponente in meinem Tango-Gesamtmix. Vielleicht gibt es in Champaign auf diesem Gebiet ja bisher keine Angebote. Ich würde dennoch nicht Mitglied von „Champaign Milongueros“ werden. Aus einem simplen strategischen Grund. Und ja, ich bin ein bißchen böse und unterstelle den Betreibern da etwas, was vielleicht gar nicht stimmt. Aber ein anderes altes chinesisches Sprichwort sagt „if it looks like a duck, walks like a duck and quacks like a duck, it is most probably a duck” – klar bis hierhin?

Angenommen, so eine Gruppe hat erstmal eine Handvoll oder mehr Mitglieder. Was wird wohl der spirituelle Führer tun, wenn er erstmal eine gewisse Masse an Tangueros hinter sich hat? Vermutlich zu anderen Veranstaltern gehen und versuchen, auf ihre Angebote Einfluß zu nehmen.  In der Regel ist der Mobilisierungsgrad und die Lautstärke des Auftritts von, sagen wir mal, Extremisten weit höher als im Durchschnitt; daher dürfte ein solcher Ansatz schon mit einer relativ kleinen Zahl von Leuten funktionieren. Bestenfalls führt das Ganze dann zu einer Polarisierung und Fragmentierung der örtlichen Tangoszene. Im Worst Case hat diese Sekte nach einer Weile den ganzen Laden übernommen. Wie gesagt – ich bin mir bewußt, daß ich da vielleicht etwas zu paranoid bin. Die Einblicke, die mir „Tango Voice“ da bietet, plus das, was ich andernorts lese, machen mich da einfach vorsichtig – better safe than sorry, um auch das dritte alte chinesische Sprichwort für heute zu zitieren. Mein eigenes Tango-Ökotop ist noch immer bunt und vielfältig, und so soll es auch bleiben.

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5 Gedanken zu “No Champagne for Champaign

  1. Es fehlt in den „Geboten“ dieser “ Champaign First Congregational Church of Tango “ (wie der Kommentator vie Paul Yang schrieb) noch der Punkt, dass man dem „sündigen Leben“ (hier also: Tanzen zu Musik ausserhalb des EdO, und auch jeglichem Nicht-Milonguero-Style) abzuschwören hat, bei Strafe der Exkommunikation. 😉
    Die armen Leute in Champaign, die zu alt für die Stundenten-Milongas sind, aber zu jung (im Herzen) für den Friedhofs-Tango dieser Kirche …

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  2. Hallo Yokoito,
    ich schätze das Risiko einer feindlichen Übernahme einer Tangogemeinschaft durch ein solches Fragment als eher gering ein. Meiner Erfahrung nach suchen Menschen, die gerne über Stöckchen springen die andere Ihnen hinhalten, zwei Dinge, Anerkennung einer vermeintlichen Elite und Abgrenzung vom Rest. Mit der Übernahme geht schlicht und ergreifend der Rest verloren, was dem Abrenzungsbedürfnis wiederspricht. Aus persönlicher Erfahrung geht es Menschen die gerne über fasch und richtig philosophieren halt ums darüber Reden und nicht um das praktische Tun. Für real halte ich jedoch immer das Risiko, dass kleine Communities sich zu früh fragmentieren und die einzelnen Fragmente sich aufgrund zu geringer Mitgliederzahl auflösen.

    Gruß aus der Heide

    Thomas Claussen

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