Call for a Caller

Kürzlich habe ich an einem sehr schönen Tangofestival teilgenommen, bei dem mir zwei Dinge im Sinne der „üblichen Themen“ bemerkenswert schienen.

Zum einen gab es bei den beiden Milongas jeweils einige Tanzdemos. Der gemeinsame Nenner war absolutes Eye Candy aus den Bereichen Musikalität und Körperbeherrschung – unter anderem (bitte nicht als Herabstufung der anderen Paare verstehen) das Paar Mariana Montes und Sebastian Arce. Und ebenfalls gemeinsam war den meisten Demos eine explosive Energie, speziell untenrum. Will sagen, mit unglaublicher Fußarbeit. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen, sondern auf Video gesehen, hätte ich auf computergenerierte Special Effects getippt.

Worauf ich hinaus will, ist aber etwas anderes: der gigantische Applaus des Publikums. Absolut verdient und dennoch eine Spur seltsam. Weil nämlich das gleiche Publikum davor und danach auf der Tanzfläche ein dynamiktechnisch doch eher verhaltenes Bild geboten hat.

Okay, das ist natürlich mega-unfair. Auf einer vollen Tanzfläche kann man nun mal nicht so losfetzen wie wenn ein einzelnes Paar 200 Quadratmeter für sich hat. Und es reicht ja wirklich ein einzelnes Paar, das verträumt seine slow motion-Drehungen am Platz vollzieht, um eine ganze Fläche voller Tänzer auszubremsen, die sich vermutlich nicht direkt Arce/Montes-mäßig bewegen wollen, aber vielleicht doch gelegentlich den Wunsch haben, der Musik auch ein wenig zu folgen.

Also, nur damit es da keine Mißverständnisse gibt: ich finde es durchaus okay, den Versuch zu unternehmen, die Paarungsbereitschaft der aktuellen Herzensdame durch langsame, gefühlvolle Bewegungen zu steigern. Ich gebe dabei nur aus karmischer Sicht zu bedenken, daß es eventuell nachteilig sein könnte, wenn einen dafür zehn oder zwanzig andere Paare hassen. Wenn das Universum mal mies drauf ist, könnte es beschließen, zur Strafe die Bestellung für Erfolg in der Liebe zu verschlampen oder etwas anderes zu liefern.

Ausgesprochen interessant war für mich: Derselbe Sebastian Arce erzählte in einem der Workshops des Festivals, daß es in Buenos Aires üblich sei, daß der ganze Saal zumindest basics-mäßig Grundmustern der Musik folgt. Eher lyrische Teile eines Stücks würden zu vorwiegend kreisförmigen Mustern der einzelnen Paare führen – und mehr geradlinige Teile eben auch zu geradliniger Bewegungen. Des ganzen Saals – das muß man sich mal reinziehen. Ich bin ja eigentlich sonst eher skeptisch, wenn es heißt, in Buenos Aires tut man dies und in Buenos Aires tut man jenes. Aber da kam doch mal kurz ein kurzer wehmütiger Glanz in meine Augen.

Unten ist ein Video von Magdalena Valdez und Cristhian Sosa, das beintechnisch eher im unteren Bereich dessen liegt, was die beiden beim Festival abgeliefert haben.  Ich habe es ausgesucht, weil ich finde, daß die Action mit ein paar kleinen Anpassungen durchaus auf handelsübliche Milongas passen würde. Ein paar Änderungen in der Richtung, und die wenigen wirklich akrobatischen Moves weggelassen, und gut ist. Eingebaut in eine Ronda mit so einer Basisbewegung braucht das vom Effekt her – Staus und Überholversuche – auch nicht mehr Platz als ein durchschnittliches Tantra-Tango-Paar oder ein Newbie-Paar mit gelegentlichen Rückwärtslauf-Einlagen.

Es gibt natürlich Alternativen. Ich bin wie immer zu faul, um zu checken, ob ich schon mal was zu diesem Thema geschrieben habe. Vermutlich schon; egal. Oder jemand anderes. Jedenfalls: es gibt Gruppentänze, die einen „Caller“ haben. Der sagt dann für den ganzen Saal an, was zu tun ist. Wäre es nicht an der Zeit, so etwas beim Tango auch mal zu versuchen? Die meisten DJ-Anlagen haben ja einen Mikrofoneingang, und ein guter DJ könnte diesen Job im Zeitalter fertiger Playlisten sicher noch zusätzlich übernehmen. Hier ein kleines Beispiel, wie so etwas in anderen Tanzstilen funktioniert:

Oder, falls das zu intrusiv ist – und im Geiste von Flyern, auf denen die Codigos eventuell ergänzt mit lokalen Benimmregeln vermerkt sind: vielleicht ein oder zwei Leute, die allzu weggetretenen Platzdrehern Kärtchen mit der Aufschrift „Nehmt euch ein Zimmer“ zustecken, gleich mit ein paar Adressen nahegelegener Hotels?

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Ein Gedanke zu “Call for a Caller

  1. Nach meiner Erfahrung ist es oft einfach der Tanzfluss, der auf den vollen Tanzflächen fehlt. Daran haben aber die Slow-Motion-Pärchen genauso viel Anteil, wie die „Ich drehe uns so lange rhythmisch auf der Stelle, bis wir ein Loch in den Boden gebohrt haben“-Paare. Dass ein Kernelement des Tangos das Gehen ist, scheint manchmal vergessen zu werden, was ich persönlich sehr schade finde. Denn für mich gibt es im Tango kaum Schöneres als Gehen im absoluten Gleichklang mit Partner und Musik.

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