Hauptquartier der International Tango Union seiner Bestimmung übergeben

Heute wurde in Buenos Aires die Gründung der International Tango Union (ITU) bekanntgegeben und gleichzeitig das Hauptquartier der ITU im Herzen der Stadt, an der Avenida San Juan in Richtung La Boca, eingeweiht.

Die ITU ist formal eine Unterorganisation der UN. Ihre Gründung war – wie ebenfalls im Rahmen der Einweihungszeremonie bekanntgegeben wurde – bereits im Oktober 2009 geplant worden. Damals wurde Tango von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Daß die Vorbereitungen für die Gründung so lange Zeit vertraulich gehalten werden konnten, gilt als großer Erfolg der internationalen Tango-Diplomatie. „Wir hatten kein Interesse daran, daß diese wichtige Initiative vorzeitig bekannt wird und sich dann vorhersehbar die gesamte Tango-Blogosphäre daran abarbeitet“, erklärte Carlos Ricardo Castaneda di Sarli, der erste Generalsekretär der ITU, dessen formeller Amtsantritt ebenfalls im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten stattfand. Aus dem Umfeld des Vorsitzenden war zu hören, daß di Sarli damit speziell einen Personenkreis meinte, der in Fachkreisen auch unter dem Namen  „Diaspora-Traditionalisten“ bekannt ist. In informellen Gesprächen mit Personen aus dem Führungskreis der ITU wurden hier  etwas deutlichere Worte gewählt; es fielen Begriffe wie „päpstlicher als der Papst“, „ängstliches Festklammern an der Vergangenheit“ und „Gefahr für die Weiterentwicklung des Tango“. Di Sarli selbst verwendete  im Rahmen seiner Ansprache das bekannte Sprachbild, daß es bei Tradition nicht um das Bewahren der Asche, sondern um die Weitergabe des Feuers gehe.

Übrigens ist di Sarli mit dem bekannten Orchesterleiter nicht in direkter Linie verwandt; aus einem nur teilweise erhaltenen Kirchenregister, das 2014 im Keller einer Kapelle in der Nähe San Antonio de Areco gefunden wurde,  ergibt sich, daß die Vorfahren des Orchesterleiters und des jetzigen ITU-Generalsekretärs Geschwister gewesen sein könnten. Auf seine Namensverwandtschaft angesprochen, meinte di Sarli allerdings schmunzelnd, geschadet hätte ihm diese bisher auch nicht.

Das ITU-Gebäude wurde äußerlich im Baustil des späten EdO gehalten; im Inneren ist es selbstverständlich nach neuesten Energieeffizienz-Standards konzipiert – auch dies soll nach di Sarli als ein Symbol verstanden werden, daß Tango zwar äußerlich etwas altbacken wirken mag, sich im Inneren aber stetig weiterentwickeln soll. Das Gebäude bietet neben Büro- und Funktionsräumen mehrere mit besten Tanzböden ausgestattete Veranstaltungsräume. Dazu kommt eine umfangreiche Tangobibliothek mit klimatisierten Archivräumen für die optimale Lagerung von Original-Schallplatten und einem mit neuester Technik ausgestattetes Labor zur Restauration und klanglichen Optimierung alter Aufnahmen.

Das Bild unten zeigt den großen Versammlungsraum, in dem etwa neue Tango-Figuren vor einem internationalen Fachpublikum präsentiert werden oder Beratungen darüber stattfinden, wie „Codigos“ zeitgemäß weiterentwickelt werden.

Vor allem enthält das ITU-Gebäude aber auch Infrastruktur, die als „Inkubator“ bezeichnet wird. Dies sind Studio- und Übungsräume sowie auch zwei kleinere Tanzsäle mit Bühne;  hier soll zeitgenössischen Tango-Orchestern ein Raum gegeben werden, in dem sie sich musikalisch entwickeln können. In den ITU-Statuten wird die fortwährende Weiterentwicklung des Tango – bei Musik, Text und natürlich auch im tänzerischen Bereich – als zentrales Element der Kontinuität dieser einzigartigen Kulturtechnik genannt.

In der Fahnengalerie vor dem ITU-Gebäude – bei Nacht ist der Anblick besonders spektakulär – ist jedes Land vertreten,  in dem Tango getanzt wird. Der leere Stuhl, den man im Hintergrund erkennen kann, steht dafür, daß auf Milongas niemand länger sitzen sollte.

Im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten wurde, auch dies für viele der geladenen Gäste und Kommentatoren überraschend, eine Tanzdarbietung gezeigt, in der Chicho Frumboli und Susana Miller zu live gespielter Musik, die man als Fusion aus Piazzolla mit Gardel-artigem Gesang bezeichnen darf, die gesamte Bandbreite des heutigen Tango demonstrierten. Im Anschluß daran gaben Miller und Frumboli eine gemeinsame Erklärung ab, die an diesem, an Überraschungen reichen Tag von vielen als ein besonderes Highlight bezeichnet wurden. Hier eine Zusammenfassung auf Basis des Originalmanuskripts, das nur leicht gekürzt wurde:

„Wir haben in den Neunzigern, um den Tango einem möglichst großen Kreis von Menschen nahezubringen, eine Art Mehrmarken-Strategie gewählt, damit für jeden etwas dabei ist. Der eine oder andere Antagonismus war dabei Teil der Strategie, eine Art Inszenierung; Zweck war einfach, dadurch mehr Aufmerksamkeit in den Medien zu bekommen. Das Ganze ist aber – wir wissen heute noch nicht genau, wie das eigentlich passieren konnte – außer Kontrolle geraten. Einzelne Gruppen – interessanterweise allesamt außerhalb von Buenos Aires – haben sich aber der eigenen Profilierung willen dermaßen in diese Konflikte verbissen, daß dabei eine ungute Polarisierung entstanden ist. Dies ist nicht unser Interesse. Buenos Aires ist, neben allem anderen, natürlich auch so etwas wie der Themenpark des Tango, aber auch eine Quelle neuer Ideen und Konzepte – so ist ja Tango überhaupt erst zu dem geworden, was es heute ist. Und auch wenn dies ein wenig unromantisch klingt: Tango ist, für die Stadt wie auch für das ganze Land, ein erheblicher wirtschaftlicher Faktor; dies wird langfristig nur durch Vielfalt und Offenheit gesichert. Es wird Zeit, daß wir diesen Interessengruppen klarmachen, daß sie keine Lizenz dafür haben, den „wahren Tango“ zu vertreten, nur weil ihre Ansichten besonders radikal sind.“

Dieser Gedanke wird auch durch die Skulptur vor dem ITU-Gebäude ausgedrückt. Sie symbolisiert das Ende der Polarisierung zwischen den Lagern und soll den Weg in eine Zukunft weisen, in der alle Varianten des Tango friedlich und einträchtig miteinander koexistieren.

Wie nun bekannt wurde, waren Frumboli und Miller sogar einmal ein Paar; aus dieser Verbindung  stammt eine Tochter, die später unter dem Künstlernamen Eugenia Parilla eine eigene Karriere als professionelle Tangotänzerin startete. Die beiden sind bis heute eng miteinander befreundet. Di Sarli dankte den beiden dafür, daß sie der Entwicklung des Tangos zuliebe jahrzehntelang gegensätzliche Pole eines Tangoverständnisses verkörpert hätten; er sagte wörtlich, er könne nur erahnen, wie anstrengend dies mitunter gewesen sein müsse. In ihrer Replik sagten zwar beide, dies sei ein Opfer gewesen, das sie gerne gebracht hätten, doch war beiden war die Erleichterung darüber anzumerken, daß sie ihr Versteckspiel nun endlich beenden konnten und nicht mehr gezwungen sind, sich durch Verkleidungen und Ablenkungsmanöver vor den allgegenwärtigen Tango-Paparazzi zu schützen.

Es wird sich nun zeigen, wie die Arbeit der ITU sich auf die Förderung und Weiterentwicklung des Tango auswirkt. Natürlich hat das Ganze auch eine kommerzielle Komponente; die Arbeit der ITU muß finanziert werden. Erste wichtige Schritte sind bereits getan. So wurde, mit Rückendeckung der UNO, mit den Rechteverwertern aller Tango-relevanter Länder vereinbart, daß Lizenzgebühren aus Tangomusik zukünftig direkt an die ITU gehen.

Eine andere Einnahmequelle werden direkte musikalisch aufbereitete Instant-Milongapakete sein; auch Streaming-Angebote direkt aus dem Musikbestand der ITU, mit einer zubuchbaren Option „Remote Djing“, bei dem ein DJ aus BsAs die Musik interaktiv gestaltet, werden im Angebot sein. Dazu kommen Tangoklamotten mit ITU-Logo sowie natürlich ITU-zertifizierte Tangolehrerausbildungen und dergleichen. Desweiteren wird die ITU gegen Gebühr eine Serie von „Recommendations“ genannten Regelwerken zur Gestaltung von Kursen und Milongas herausgeben und auch bestimmte Zertifizierungen vergeben. Dem Vernehmen nach soll beispielsweise festgelegt sein, daß die Veranstalter nur dann mit dem Gütesiegel der ITU werben dürfen, wenn ihre Milonga barriofrei ist, ein Fachausdruck, der bedeutet, daß nicht bestimmte Bewegungsformen (etwa Boleos) untersagt sind. Daneben soll es Standards für bestimmte Spezialformen von Milongas geben. Auf einer ITU-konformen traditionellen Milonga muß beispielsweise der Männeranteil mindestens 90% sein; auch muß ein durch ITU-Audits kontrollierter Prozeß existieren, der sicherstellt, daß alle  männlichen Gäste mit mindestens einem Messer bewaffnet sind (es soll aber möglich sein, am Eingang gegen eine kleine Gebühr Waffen auszuleihen).

Last but not least wird es auch klassische Merchandise-Artikel wie etwa T-Shirts, Tango-Tops und Tassen mit dem ITU-Logo geben.

Aus den Einnahmen soll unter anderem das Wachstum einer lebendigen, zeitgenössischen Tango-Musikkultur gefördert werden. Dabei geht es übrigens auch um die Weiterentwicklung von Inhalten. Als nicht mehr zeitgemäß wird zum Beispiel der in alten Tangotexten transportierte Ehrbegriff angesehen, der eine einseitige Sicht aus der Perspektive der Männer darstellt. Der entsprechende Arbeitskreis hat erste Textentwürfe vorgestellt. So handelt beispielsweise ein Text von einer Tanguera, die ihren untreuen Liebhaber auf einer Milonga zur Rede stellt und tötet, was von den anderen Tänzerinnen mit respektvollem Raunen begleitet wird. In einem anderen Liedtext klagt eine Tanguera, daß sie zu viele minimalistische Tänzer hatte, so daß sie keinen anderen Weg sah, ihr Leben aufregender zu gestalten, als Glücksspiel, Alkohol sowie wahl- und zügellosen Sex.

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4 Gedanken zu “Hauptquartier der International Tango Union seiner Bestimmung übergeben

  1. Merci für das durch diesen Text mehr als einmal ausgelöste Schmunzeln ! 😉

    Im Gegensatz zu der – oft etwas ermüdenden – Vorhersehbarkeit bei den wöchentlichen
    Beiträgen des ein oder anderen Tango-Blogger-Kollegen ist diesem Text hier ganz eindeutig
    eine frische kreative Eigen-Leistung und damit die viel-bemühte „Schöpfungshöhe“ zuzusprechen.

    Es bewahrheitet sich also mal wieder das Sprichwort: „Weniger ist oft mehr!“

    Meinen Glückwunsch dazu! 🙂

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