Finnischer Tango

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Es gibt Milongas, bei denen auf der Piste durchaus Sauna-Temperaturen erreicht werden. Ein paarmal dachte ich schon, wäre doch nett, wenn statt der nächsten Tanda dann ein Aufguß käme und anschließend alle  ins kalte Abkühlbecken springen.

Aber um diese Art finnischer Wellnesskultur soll es heute hier nicht gehen. Vielmehr um Erinnerungen, die von einer Kommentar-Sequenz auf Gerhards Blog getriggert wurden.

Vor diversen Jahren bekam ich mal von einer Band – ich glaube, es war Bändi – vor dem Musizieren erklärt, daß es beim finnischen Tango eigentlich um das gegenseitige Klarmachen für weitere horizontale Aktivitäten geht.

Exkurs: Ich möchte hiermit kurz auf einen Post von Gerhard Riedl zum Thema „Ist Tango besser als Sex?“  hinweisen. Das Finnische daran – denkt bitte in diesem Moment an die Leningrad Cowboys – ist übrigens,  daß er den im Original englischsprachigen Artikel durch Google Translator gejagt hat. Was nebenbei beweist, daß maschinelles Übersetzen noch sehr weit von der Praxistauglichkeit entfernt ist.

Aber ich schweife ab. Die Bändi-Ansage war vermutlich dafür gedacht, die Aufmerksamkeit des Publikums zu bekommen. Mir ist dann nur im weiteren Prozeß des Erinnerns eingefallen, daß ich schon mal auf einer Milonga in Helsinki war.

Muß lange her sein, denn der Grund der Reise war Nokia (die Älteren werden sich erinnern: Die waren mal der dominante Player auf dem Handymarkt). Jedenfalls gab es damals noch kein Shazam, bezahlbare Auslands-Datentarife sowieso nicht. Daher weiß ich auch überhaupt nicht mehr, was da für Musik gelaufen ist; nur, daß es ein sehr angenehmer und auch durchaus tangoesker Abend war, obwohl ich mich nicht an irgendwelche Edo-Musik erinnern kann.

Für mich ist die „Tangoness“ eines Musikstücks weniger von technischen Attributen wie der Taktstruktur, sondern vor allem von der Stimmung in der Musik abhängig. Ein bißchen melancholisch sollte es schon zugehen. Mit Nontangos aus der Osteuropa-Polka-Ecke kann ich, beispielsweise, nicht so viel anfangen. Eher schon mit Sachen aus dem Blues- oder RnB-Bereich. Melancholie gehört nun ja schon irgendwie zu den finnischen Kernkompetenzen.  Wer schon mal mit Finnen dem Rotwein zugesprochen hat, weiß, wovon ich rede. A propos Klischees  – sie können es auch wunderbar krachen lassen. Die beste Version von „Rebel Yell“ (Billy Idols Original mitgerechnet) habe ich mal von der Nokia House Band gehört (das gibts nicht auf Youtube; das hier ist power-mäßig vielleicht 50% davon). Wer gerne schnell Auto fährt, sollte dazu mal „Right Here in My Arms“ oder „Wicked Game“ von HIM laufen lassen. Überhaupt – Orquesta Juan D’Arienzo, Canta: Ville Valo wär doch mal was. Vielleicht gibts das ja mal irgendwann; in zehn Jahren solls ja auch digitale Schauspieler geben. Aber ich schweife schon wieder ab.

Ja, was ist denn jetzt eigentlich finnischer Tango? Beispielsweise das hier: Reijo Tapale: Satumaa; das startet dann eine ganze Video-Sequenz mit finnischen Tangos. Das ist aber nur die Spitze des nordischen Eisbergs. Hier ein paar Beispiele, die ich – faul, wie ich nun mal bin, per Playlist-Suche bei meinem Lieblings-Streamingdienst gefunden habe (Deezer: Finnish Tango von sartorius). Ich liste diese Namen einfach mal so auf; man kann zwar solche Playlisten auch verlinken, aber wer nicht selbst bei diesem Streamingdienst eingeloggt ist, kriegt nur 30-Sekunden-Clips, das nervt schon ein wenig.

Georg Malmsten: Valkea sisar

Henry Theel: Lijankukka

Leif Wager: Mustanmeren valssi

Reijo Tapale: Ruusu joka vuodesta

Hört es euch einfach mal an…

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3 Gedanken zu “Finnischer Tango

  1. Ich finde finnischen Tango zur Abwechslung auch klasse. Im Gegensatz zu argentinischem T ist FT fast hundertprozentig in Moll. TA, wechselt dagegen innerhalb eines Stücks oft zwischen Moll und Dur . FT hat einen sehr gleichmäßig Marschrhythmus, und eigentlich keine Synkopen, anders als TA. Auch in der EdO sind Synkopen präsent. Deshalb mag FT zwar zwischendurch, aber nicht dauerhaft. Vor ein paar Jahren war ich auf einem Konzert einer finnischen Tango-Band (leider habe ich den Namen vergessen). Es hat mir alles gut gefallen, aber irgendwann hatte man das Gefühl, dass es sich wiederholt.

    Sehr zu empfelhen ist die CD von M.A. Numminen & Sanna Pietiäinen: „Finnischer Tango – Ist das Glück nur ein Traum?“ . Sie ist neben aller Melancholie vor allem auch witzig. Numminen singt übrigens das meiste auf deutsch, und die Texte sollte man sich genau anhören, sie sind köstlich.

    Zum Thema Osteuropa: Von dort kommen ja nicht nur Nontangos, sondern auch viele echte Traditionstangos, wie z.B. die von Pjotr Leschenko, der göttlich schön singt (mit viel Tangogefühl bzw. „Tangoness“): https://www.youtube.com/watch?v=0yAZh6vt6cM&index=2&list=RDwlNu3biOozU

    Auch türkische Tangos haben Tradition und ebenfalls viel Gefühl: https://www.youtube.com/watch?v=2VF_Fj_sZIk&list=PL3r3uAODtCvj65FoWgwDfBBFtw4VlHHKY

    Ich finde die ganz wunderbar.

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    1. Hallo Annette, Du hast vollkommen recht, die Mischung machts.

      Türkischen Tango kenne ich leider so gut wie gar nicht, steht auf meiner ToDo-Liste, da mal etwas mehr reinzuhören.

      Nur noch mal als Nachtrag zur „Helsinki-Erinnerung“: Ich bin mir relativ sicher, daß einiges von der Musik dort gar kein finnischer Tango im engeren Sinn war, sondern eher ziemlich breitbandiger Nontango. Wirklich schade, daß es damals noch kein Shazam gab…

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