Ein paar Fragen zum Thema Live-Musik

Wenn die Edo-Orquestras so gut waren, weil sie sich an den Tänzern orientiert haben:

Haben die Orchester nicht live vor Tanzpublikum gespielt?

Gab es damals überhaupt Plattenauflege-Milongas?

Lief dann nicht sozusagen den ganzen Abend lang Musik vom gleichen Orchester?

Wenn nun heutige Live-Orchester nicht auftreten können, wie sollen sie sich dann an Tänzern orientieren? Oder: wie soll sich aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage etwas entwickeln, wenn dieses Spiel gar nicht stattfindet?

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9 Gedanken zu “Ein paar Fragen zum Thema Live-Musik

  1. Hallo Yokoito,

    DAS habe ich mich auch schon oft gefragt!

    Diese Nähe, die zwischen Musikern und Tänzern entsteht, können alte Aufnahmen niemals erreichen!

    Wenn ich zu Live-Musik tanze, also zur Musik, die Menschen genau im selben Augenblick erzeugen, spüre ich ihre Energie und ihre Gefühle, es ist, als ob ich auch mit den Musikern tanze. Umgekehrt inspiriert es ein Ensemble und die Musikerinnen, wenn die Leute nach ihrer Musik tanzen. Es entsteht eine Verbundenheit, die durch Konserven niemals erzeugt werden kann. Auch ein DJ erreicht niemals diese Bindung ans Publikum wie ein live spielender Musiker.

    Warum gehen Leute in Konzerte und bezahlen teure Eintrittskarten, obwohl sie die Musik auch bei Spotify in besserer Qualität hören können? Dumme Frage, es ist das Erlebnis mit den Musikern und dem Publkum. Genauso empfinde ich das bei Live-Musik in Milongas.

    Viele Grüße
    Annette

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    1. Es kann sein, dass Gerhard recht hat und heute die kritische Masse nicht erreicht wird, um genug Orchester zu ernähren. Wenn aber nicht, würde ich es schon borniert nennen, ein solches Potential zu ignorieren.

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  2. Lieber Yokoito,

    ein interessantes Thema!

    Ich meine, die EdO-Orchester waren so gut, weil Tango damals „hip“ war und man wegen des großen Zulaufs viel Geld verdienen konnte. So versammelten sich halt die besten Musiker in den Tango-Orchestern. Öfters spielten wohl auch zwei Formationen, die andere dann mit „otros ritmos“, also je nach Mode und Zeit Swing, Tropical oder Rock’n Roll. Und klar – es gab den ganzen Abend lang nur Musik von einer oder zwei „Bands“.

    Nach meinen Informationen war das bis in die 60-er Jahre so – die Mode der DJs begann parallel zur „Disco-Welle“ erst danach (und weil man sich wegen des geringeren Interesses am Tango Live-Musiker kaum noch leisten konnte). In meinem Blogbeitrag http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/07/erfundene-traditionen.html habe ich Michael Lavocah mit entsprechenden Aussagen zitiert.

    Heute stehen gerade die Vertreter des traditionellen Tango der Live-Musik eher kritisch gegenüber: Man will halt beim Tanzen keine „konzertanten Überraschungen“ erleben. Das begann ja schon mit Piazzolla, der keineswegs von vornherein abgeneigt war, für Tänzer zu spielen (siehe seine Mitwirkung bei Troilo). Die Anfeindungen von konservativer Seite führten dazu, dass er sich auf die Konzertbühnen (und in die USA bzw. nach Europa) zurückzog.

    Es gibt heute eine Unzahl von modernen Tango-Ensembles, welchen schlicht die Auftrittsmöglichkeiten fehlen, um ihr Spiel „für die Tänzer“ zu perfektionieren (und diese auch an differenziertere Stücke heranzuführen). Das hat einerseits monetäre Gründe, andererseits lastet auf den Interpreten aber auch das Unwort der „Tanzbarkeit“: So müssen sie oft die schwierigeren Stücke in einem Konzert spielen, und hinterher auf der Milonga dürfen sie noch zwei Sets im angepassten „Schrumm, schrumm, dideldum“-Modus darbieten. Ich besuche solche Veranstaltungen nicht, da mir genau im ersten Teil die Stücke geboten werden, auf die ich gerne tanzen würde…

    Gruß
    Gerhard

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  3. Ja, vielen Milonga-Besuchern ist es ein höherer Eintrittspreis nicht wert. Ich verstehe nicht, warum das so ist. Leute geben ja für andere Dinge oft viel Geld aus, z.B. Skiurlaube, Autos usw.

    Die fehlende Bereitschaft, für Live-Musik entsprechend zu zahlen, zeigt, wie gering die Wertschätzung ist.

    Was den „Schrumm, schrumm, dideldum“-Modus angeht, das beobachte ich auch oft beim Auflegen: Ich frage mein Publkum zwischendurch ja immer aus, was den Musikgeschmack angeht, und entsprechend ehrlich und zutraulich sind die Leute. Es gibt eine verbreitete Vorliebe für einen regelmäßigen Rhythmus ohne viele Ritardandos, Fermaten oder Accelerandos. Auch gibt es Leute, die „rauhe“ Akkorde nicht so gern mögen, also solche aus dem Jazz, die aus Vier- oder Fünfklängen bestehen. Gleiches gilt für sehr harte Staccati oder durchgehende 3-3-2-Rhythmen usw. Genau diese Elemente sind bei Piazzolla aber vorherrschend. Ich vermute, das hängt mit Musikvorlieben zusammen, die die Leute schon vor ihrer Tango-Zeit hatten. Man muss aber trotzdem zwischen den Toleranten und den Regelungswütigen unterscheiden. Erstere wissen, dass Musikgeschmäcker auseinandergehen und gönnen anderen ihre Freude, wenn sie wissen, dass auch ihr Geschmack berücksichtigt werden wird. Letztere pochen auf eine „Tanzbarkeit“, wobei ich gar nicht weiß, ob und wie das überhaupt definiert ist. Wie Ihr hier schon festgestellt habt, geht das bei denen einher mit der Angst, von Neuem überrascht zu werden, was bei Live-Auftritten ja passieren kann.

    Ich habe auch beobachtet, dass Musikliebhaber, also solche, die schon immer viel Musik gehört haben oder sogar selbst musizieren, und die sich über Überraschungen und Entwicklungen freuen, sich eher auf „Rubato-Musik“ (so nenne ich Musik mit Temposchwankungen) einlassen und diese gerade schön finden.

    Grüße von Annette

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  4. Zweifellos hat sich beim Tango das Publikum in den letzten Jahren extrem verändert: Es ist halt ein Unterschied, ob man von Tom Waits oder Hansi Hinterseer aus zum Tango findet.

    Damit einher ging eine deutliche Erniedrigung der Toleranzschwelle: Vor zehn Jahren kamen die Leute gar nicht mit dem Anspruch, ihnen müsse nun jede Musikrunde gefallen. Heute braucht‘s nur ein paar schrägere Stücke, und schon geht man sich beim DJ beschweren…

    Was das Monetäre angeht: Beim Tango ist heute vieles zu billig, in jeder Hinsicht. Künstler – nicht nur Musiker – werden lausig bezahlt. Das Geld hebt man sich dann für einen teuren (Tango-)Urlaub auf.

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    1. Ich sehe schon, dass manche Tangolandbewohner finanziell nicht auf Rosen gebettet sind. Irgendeine Rücksichtnahme ist aber sicher nicht der Grund, siehe die schon genannten Beispiele, oder auch der BsAs- und Encuentro-Tourismus. Wenn ich mir ansehe was für Konzerte der Rihanna- Bieber- oder sonstwas-Klasse aufgerufen wird – oder in der Seniorenriege für die ganzen Altstars, die es nochmal wissen wollen – die Kohle müsste da sein.

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